Gutachter-Statistik

9. Oktober 2019 von Laborjournal

Unser „Forscher Ernst“ bekommt den Gutachter-Blues…

(Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier.)

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Die Angst des Forschers vor dem Kommentieren

5. Juni 2019 von Laborjournal

… Dieses Schicksal unseres Forschers Ernst teilt bislang offenbar die große Mehrheit der Kollegen, die in einer Open-Access-Zeitschrift mit Post-Publication-Peer-Review (PPPR) veröffentlichten. Zumindest ist dies das Ergebnis einer Studie, die englische Informations­wis­sen­­schaftler Anfang des Jahres unter dem Titel „‘No comment’? A study of commenting on PLOS articles“ im Journal of Information Science (doi: 10.1177/0165551518819965) publizierten.

Für die Studie durchforsteten die Autoren sämtliche Artikel, die zwischen 2003 und 2016 in allen PLOS-Journalen erschienen waren, und analysierten die Kommentare, die in gewünschter PPPR-Manier dazu abgegeben wurden. Die Ergebnisse waren — kurz gesagt — enttäuschend:

  • Alle untersuchten 15.362 Artikel zusammen zogen insgesamt 30.034 Kommentare nach sich, die sich allerdings auf nur 7,4 Pro­zent der Artikel verteilten.
  • Das heißt im Umkehrschluss, dass 92,6 Prozent der Artikel überhaupt nicht kommentiert wurden und somit — abgesehen von einer groben Soliditätsprüfung vor der Veröffentlichung — prinzipiell unbegutachtet blieben.
  • Von diesen „kommentierten“ Artikeln erhielten zwei Drittel lediglich einen Kommentar.
  • Ein Drittel der Kommentare hatte ausschließlich prozeduralen Inhalt — so wurden etwa Druckfehler, kleinere Irr­tümer oder die Autorenreihenfolge korrigiert sowie auf weiter­füh­ren­de Links oder nachfolgende Medien­bericht­erstattung hingewiesen.
  • Zwei Drittel beschäftigten sich tatsächlich „akademisch“ mit dem jeweiligen Artikel, wobei ein guter Teil davon lediglich aus Fragen an die Autoren oder Hinweisen auf zusätzliches „Material“ bestand. Nur gut die Hälfte dieser Kommentare diskutierte tatsächlich den Inhalt des jeweiligen Papers in Form von Lob oder Kritik.
  • Von diesen „akademischen“ Kommenta­ren wiederum beschränkten sich zwei Drittel auf die rein technische Solidität des Papers. Nur ein Drittel widmete sich mindestens einem der Aspekte „Neuheit“, „Relevanz für das betreffende Journal“ und „Bedeutung der Ergebnisse“ — also genau denjenigen Aspekten, die ein gesunder Peer Review eigentlich abschließend beurteilen soll.

Nach alldem scheint es also gewaltig mit der Praxis des PPPR zu hapern — und das ironischerweise gerade dort, wo er schon lange möglich ist.

Die Autoren schreiben denn auch selbst im Blog Scholarly Kitchen über ihre Studie:

Teilweise bestätigt unsere Forschung, was viele Verlage bereits wissen: Wissenschaftler kommentieren Paper nur selten.

Und als Hauptursache dafür machen sie schließlich das allzu feste Kleben an langjährigen akademischen Traditionen aus. So schreiben sie am Ende weiter:

Unsere Forschung zeigt, dass […] akademische Kommentare meist Fragen der techni­schen Solidität ansprechen — ironischerweise gerade der Aspekt, der [bei PLOS] bereits in der Vorab-Beurteilung geprüft wird. Damit PPPR-Modelle aber funktionieren wie ursprünglich konzipiert, müssen die Verlage nicht einfach nur mehr Wissenschaftler davon überzeugen, dass sie häufiger kommentieren — was sowieso schon eine große Herausforderung darstellt —, sondern zugleich auch, dass diese auf eine andere Art kommentieren. Leider stößt sich vieles davon an den langjährigen akademischen Kulturen, die notorisch schwer zu verändern sind. Dennoch müssen gerade die Bereitschaft zum Kommentieren sowie die grundsätzliche Teilnahme am Peer Review viel stärker als Beiträge zum Dialog innerhalb der Forschergemeinde anerkannt und belohnt werden.

Hört sich an, als hätte praktischer PPPR immer noch einen weiten Weg vor sich.

 

(Dieser Beitrag erscheint in unserer Print-Ausgabe 6/2019 ab dem 19. Juni. Hier im Blog ver­öffent­li­chen wir ihn vorab.)

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Die netten Gutachter von nebenan

22. Mai 2019 von Laborjournal

Als der Autor dieser Zeilen noch Nachwuchsforscher war, begab es sich, dass er mit seinem damaligen Chef ein Manuskript einreichte. Und wie es so üblich war, schlugen sie zugleich eine Handvoll gut bekannter Kollegen vor, die sie für die Begutachtung des Inhalts als besonders geeignet hielten. Beim entsprechenden Journal saß jedoch einer der ärgsten Kompetitoren der beiden im Editorial Board. Schlichtweg ignorierte dieser die Liste und beauftragte umgehend zwei „Experten“ mit dem Peer Review, die selbst eine unvereinbare Konkurrenzhypothese zur Lösung des betreffenden Problems verfolgten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Glücklicherweise wurde es am Ende gar nicht „böse“. Die Gutachter aus dem „anderen Lager“ bewerteten das Manuskript völlig fair und frei von niederen Motiven — und so erschien das Paper einige Zeit später mit nur kleinen Änderungen.

Schöne Anekdote, oder? Zumal dieser Ausgang rein instinktiv auf diese Weise nicht unbedingt zu erwarten war.

Dass diese gegenläufige Erwartung damals dennoch prinzipiell in die richtige Richtung ging, haben inzwischen mehrere Studien unabhängig voneinander bestätigt. Übereinstimmend kamen sie nach Durchmusterung der dokumentierten Begutachtungsgeschichten von zig hunderten eingereichten Manuskripten zu derselben Schlussfolgerung: Von den Einreichern vorgeschlagene Gutachter bewerten Manuskripte im Schnitt signifikant besser und empfehlen deutlich häufiger deren Veröffentlichung, als wenn Editoren die Reviewer gänzlich unabhängig aussuchen. (Siehe etwa hier, hier und hier.)  Diesen Beitrag weiterlesen »

Die Geister des Peer Review

8. Mai 2019 von Laborjournal

Hand auf’s Herz, liebe Profs und Gruppenleiter: Wer von euch hat schon mal einen Postdoc oder anderen Mitarbeiter der eigenen AG ein Manuskript begutachten lassen, das ihm zum Peer Review geschickt wurde — und das Gutachten am Ende gänzlich unter eigenem Namen an den Journal-Editor zurückgeschickt? Rein statistisch müsste sich jetzt eigentlich jeder Zweite ertappt fühlen — jedenfalls, wenn man das Ergebnis einer aktuellen Befragung von Nachwuchsforschern durch US-Forscher mal herumdreht: Knapp die Hälfte von fünfhundert befragten Early Career Researchers gab darin an, bereits als Ghostwriter im Namen des Chefs einen Peer Review verfasst zu haben — ohne dass den Journal-Editoren deren Autorenschaft offenbart wurde (. Die große Mehrheit von ihnen kam aus den Life Sciences.

In der gleichen Umfrage verurteilten achtzig Prozent der Befragten diese Praxis der verschwie­genen Review-(Ko)-Autoren. Warum aber kommt es trotzdem zu derart vielen GhostwriterReviews?

Die Zielrichtung dieser Frage muss man vorab genauer erklären. Diesen Beitrag weiterlesen »

Für ein paar Referenzen mehr…

25. April 2019 von Laborjournal

Es war einmal ein Editor. Dies war er noch nicht lange, denn er war noch ein sehr junger Forscher. Umso stolzer machte ihn seine erste Berufung in ein Editorial Board. Schließlich durfte er das durchaus als unmittelbare Wertschätzung seiner Forschungsarbeiten deuten. Und als Aufnahme in einen gewissen, wie auch immer gearteten „Club“.

Jetzt stand sein erstes Treffen mit dem gesamten Board an, bei dem wie in jedem Jahr die Editorial Policy kritisch geprüft sowie die Schwerpunkte neu fokussiert wurden. Unser junger Mann war beeindruckt von der Routine, mit der die erfahrenen Forscher und langjährigen Editoren die Dinge auf den Punkt brachten. Alles war so, wie er es sich vorgestellt hatte.

Vor allem publikationsethisch schien unserem jungen Editor alles einwandfrei. Das war ihm besonders wichtig in diesen Tagen des „Publish or perish“ und der immer aggressiveren Konkurrenz zwischen den Journalen. „Nein, alles auf einem guten Weg hier“, dachte er. „Und ich bin dabei.“

Blieb nur noch das Abschluss-Bankett. Bei diesem nahm ihn plötzlich der Chief Editor persönlich beiseite. Diesen Beitrag weiterlesen »

Journal-Tuning

3. April 2019 von Laborjournal

Wir recherchieren gerade einen Fall, in dem ein Journal seinen Impact-Faktor offenbar auf unlautere Weise aufgeblasen hat — konkret durch übermäßiges Selbstzitieren. Dabei fiel uns ein, dass wir mal vor Jahren in einem fiktiven Stück beschrieben hatten, wie ein Chief Editor den Impact-Faktor „seines“ Journals auch ohne unlautere Mittel deutlich nach oben treiben könnte. Wir stellen es daher hier nochmals zur Diskussion:

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Zwanzig Jahre waren es bald, die Badguy nun Herausgeber von Molecular Blabology war. Eine Zeit, in der er viele Veränderungen erlebte. Vor allem in den letzten Jahren.

Lange war der „Chief Editor“ ein ungeheuer befriedigender Job gewesen. Immerhin war Molecular Blabology die offizielle Zeitschrift der größten blabologischen Fachgesellschaft der Welt — und vielen galt sie auch als die beste. Klar dass auch Badguy selbst im Licht der Zeitschrift erstrahlte, war er damit doch unzweifelhaft ein wichtiger und mächtiger Mann in der Szene.

Lange konnte er dieses Gefühl genießen — bis die Journal-Impact-Faktoren aufkamen. Und die bereiteten ihm eine herbe Überraschung: Molecular Blabology war in der Kategorie „Blabology and Gabblistics“ völlig unerwartet nur auf Platz sechs. Fünf Journals hatten bessere Impact-Faktoren. Und was das Schlimmste war: Auf Platz eins rangierte mit dem European Journal of Molecular Blabology ausgerechnet das Organ der konkurrierenden europäischen Fachgesellschaft.

Doch Badguy konnte nicht nur genießen, er konnte auch anpacken. Schnell wusste er bescheid, wie die Impact-Faktoren berechnet wurden — und bald hatte er auch einige Schwachstellen ausgekundschaftet, die er auf dem Weg zu einem besseren Faktor gnadenlos auszuschlachten gedachte.

Fallstudien und Essays bringen im Schnitt bei weitem nicht so viele Zitierungen wie Originalarbeiten und Technical Reports, hatte Badguy schnell herausgefunden. Zwar brachte Molecular Blabology keine Fallstudien, dafür aber vier Essays pro Heft. So schön diese in der Regel waren, Badguy würde sie streichen und statt dessen mehr Technical Reports aufnehmen. Oder besser noch: Die Zahl der Reviews pro Heft von bisher 2 auf 6 anheben, denn die bringen noch mehr Zitierungen.

Ebenso hatte Badguy spitz bekommen, dass die Zahl der Zitierungen in etwa proportional zu der Länge der einzelnen Artikel ist. Er würde also die Short Communications rausschmeißen und für die Artikel mehr Text — und damit zitierbaren „Content“ — verlangen. Seine einfache Rechnung: Weniger, aber längere Artikel, die zugleich jeder für sich häufiger zitiert werden — damit müsste der Impact-Faktor sofort einen Sprung machen. 

Badguy blieb auch nicht verborgen, dass die „Herren der Impact-Faktoren“ nur Artikel, Reviews und Notes für die Gesamtzahl der Artikel eines Journals berücksichtigten — „Citable Items“ nannten sie diese. Meeting Reports, Editorials und Correspondence-Briefe dagegen zählten sie nicht, obwohl deren Zitierungen wiederum in den Impact-Faktor eingingen. Eigentlich nicht zu verstehen, für Badguy war aber klar: Möglichst viele Meeting Reports, eine große Correspondence-Rubrik und knackige Editorials — das bringt noch mal zusätzlichen Schub.

Und dann hatte Badguy noch eine besondere Idee: Zweimal im Jahr wollte er eine Nomenklatur-Konferenz einberufen, deren Ergebnisse natürlich umgehend in Molecular Blabology erscheinen würden. Die bringen — das ist bekannt — wahnsinnig viele Zitierungen, da sämtliche nachfolgenden Originalarbeiten im betreffenden Feld diese zitieren müssen. 

Schnell hatte Badguy also ein feines „Maßnahmenbündel“ geschnürt. Der „Umbau“ würde zwar noch ein kleine Weile dauern. Aber dann wollte Badguy doch mal sehen, ob er dieses European Journal of Molecular Blabology nicht doch bald… 

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Tatsächlich nur Fiktion? Weit weg von der Realität?

Grafik: iStock / Jossdim

Zeigt her eure Ideen!

28. März 2019 von Laborjournal

Was macht einen guten Forscher generell aus? Mal ganz plakativ: Er sollte offene Probleme erkennen, die richtigen Fragen sowie plausible Hypothesen dazu formulieren — und insbesondere Ideen generieren, wie man dieHypothesen und Fragen auf elegante Weise testen und beantworten könnte.

Das Dumme dabei ist: Jemand, der wirklich gut in alledem ist, wird viel mehr Ideen produzieren, als er tatsächlich in konkreten Projekten verfolgen — geschweige denn zur „Erkenntnisreife“ bringen kann. Das ist die Kehrseite der immer engeren, zugleich aber immer aufwendigeren Spezialisierung der letzten Jahrzehnte. (Nicht umsonst kursiert zu diesem Dilemma schon lange der Spruch: „Wir erfahren immer mehr über immer weniger — und das wiederum mit immer höherem Aufwand.“)

Nehmen wir etwa Max Perutz, der bekanntlich die allermeiste Zeit seines Forscherlebens ausschließlich — und sehr erfolgreich — an Hämoglobin arbeitete. Glaubt jemand tatsächlich, dieser brillante Forscher hätte nur gute „Hämoglobin-Ideen“ gehabt? Sicher nicht. Die meisten davon hat er jedoch nicht weiter verfolgen können, weil sein Hämoglobin-Projekt schon sämtliche finanziellen, technischen und personellen Ressourcen komplett beanspruchte. Also wird Perutz die große Mehrheit seiner guten Ideen wie Sand zwischen den Fingern zerronnen sein — sofern er nicht mit der einen oder anderen davon jemand anderen anstecken konnte.

Und so wird es womöglich auch heute vielen gehen. Sie werden selbst erfahren haben, dass nur wenige ihrer initialen Ideen am Ende tatsächlich in ein Projektmünden — weil es unter den Zwängen des aktuellen Systems „gerade einfach nicht realisierbar ist“. Schade eigentlich! Und nicht auszudenken, wie viele überaus fruchtbare Körner da heranwachsen, die dann doch unbemerkt vertrocknen.

Der US-Physiker David Harris sah es vor vier Jahren offenbar genauso, als er sagte: „Gute Wissenschaftler haben in der Regel viel mehr Ideen, als sie verwerten können. Es wäre besser, wenn sie diese mit anderen teilen könnten.“ Zu eben diesem Zweck gründete er 2015 das Journal of Brief Ideas. „Citable ideas in fewer than 200 words“ sollte man dort wenigstens zur Diskussion stellen können.

Sicher keine schlechte Idee. Leider scheint es, als hätte sie bis heute nicht wirklich gezündet. Oder vielleicht doch? Woanders und auf andere Weise?

Ralf Neumann

Grafik: iStock / kutubQ

Gebt uns bitte mehr Wörter!

10. Januar 2019 von Laborjournal

Ob bei Paper-Manuskripten oder Konferenzen — überall werden einem strenge Limits für Sprechzeiten oder Wörterzahlen gesetzt. Die Autorin des folgenden Gastbeitrags hat sich gerade ganz besonders darüber geärgert…

Okay, vielleicht ist es mein ganz persönliches Problem. Denn ja, ich gebe zu: Bereits in der Schule habe ich mit Vorliebe ausschweifend Gedichte interpretiert und mit Freude lange Diskussionen über biologische Fragestellungen verfasst. Und dennoch, mit zunehmender Reife habe ich mittlerweile auch etwas gegen Geschwafel und unnötige Repetitionen oder Füllwörter — sei es in Text- oder Sprechform — und versuche diese grundlegend zu vermeiden. Auch ist es klar, dass man zur besseren Verständlichkeit und „Verdaulichkeit“ für Außenstehende komplexe Sachverhalte in klare, präzise und eindeutige kurze Sätze fassen (können) sollte — zumal dies überdies den Eindruck von besonderer Kompetenz in dem jeweiligen Gebiet vermittelt.

Dennoch befinde ich mich diesbezüglich gerade in einem Zwiespalt. Und bin zunehmend frustrierter.

In Journal Clubs beschweren wir uns über Publikationen, bei denen unserer Meinung nach unerhörterweise wichtige Details „nirgendwo erwähnt werden — nein, auch nicht in den Supplements!“. Ebenso ärgern wir uns bei der Etablierung oder Optimierung von Methoden und Fragestellungen über all die Publikationen, in denen Zellzahlen, Konzentrationen, Antikörper-IDs, usw. nicht oder nur unzureichend angegeben werden. Im Gegensatz dazu bricht Freude aus, wenn wir tatsächlich eine komplette Doktorarbeit (!) zu dem gewünschten Thema im Netz finden, mit der man nun endlich Schritt für Schritt sämtliche Abläufe und Details komplett nachvollziehen kann.

Wir alle arbeiten an komplexen Themen und Fragestellungen. Und um diese einem Außenstehenden ausreichend erklären zu können, bedarf es nun mal eines Mindestmaßes an Zeit oder Worten. Aber nein, gerade wir jüngeren Wissenschaftler bekommen auf Fachkonferenzen ganze drei, fünf oder — welch’ ein Glück! — zehn Minuten zur Verfügung gestellt, um unser Projekt und unsere Ergebnisse vorzustellen (oder gar uns selbst und unsere Kompetenzen?).

Sicherlich, man sollte diese Präsentationen als „Teaser“ verstehen, in denen man kurz und knackig auf sich aufmerksam macht — das Interesse weckt, um dann in der darauffolgenden Pause oder Poster-Session auf mehr und konkretere Resonanz zu hoffen. Wenn es aber um Publikationen geht, frustriert mich die Lage endgültig.

Natürlich kann ich mein Manuskript kürzen, indem ich Aussagen sinnvoll konkretisiere oder aber mit List und Tücke (etwa Bindestrichen…) die Wortzahl künstlich drücke. Aber allem ist irgendwo eine Grenze gesetzt. Und so sehe ich mich letztlich gezwungen, Details im Material- und Methodenteil rauszustreichen, da dies alles ja offenbar „Common Knowledge“ sei. Oder ich verbitte mir jeden tieferen Gedankengang oder Einblick in meine Daten, nur um der lieben Wörter willen.

Irgendwann befinde ich mich dann an dieser kritischen Grenze, ab der sich mein Manuskript durch weiteres Kürzen zwar mehr und mehr der gewünschten Wortzahl nähert, es mit jedem Wort aber auch an Stärke, an Tiefe und letztlich an lebensnotwendiger Substanz verliert. Und ich beginne mich zu fragen, ob und wo ich wohl jemals genug Zeit bekommen werde und genug Wörter verwenden werden darf, um die viele Arbeit, die ich geleistet habe, in angemessenem Maße darlegen zu dürfen? Inklusive all meiner daraus resultierenden Daten sowie den zu Grunde liegenden wichtigen Details und Erkenntnissen. Oder muss ich dafür eigens einen YouTube-Kanal einrichten beziehungsweise extra ein Buch schreiben (quasi eine weitere Dissertation)?

Doch was bleibt mir anderes übrig? Ich beuge mich dem Druck, denn Publikationen „sind alles, was zählt“ — sagen „sie“. Und so sitze ich hier und kürze mein Manuskript, von 4.000 Wörtern auf 3.000, auf 2.500 Wörter,… — ganz nach dem Geschmack des jeweiligen Journals. Und die ganze Zeit trauere ich jedem Absatz, jedem einzelnen Wort hinterher, das doch so wichtig gewesen wäre, um von vorne bis hinten eine verständliche, nachvollziehbare und reproduzierbare Geschichte zu erzählen…

Britta Klein
Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Gießen

Von verdienten aber verschwiegenen Co-Autoren

4. Dezember 2018 von Laborjournal

Schau mal an! Wieder eine E-Mail eines… — nun ja, verärgerten Nachwuchsforschers. Be­schwert sich, dass er nicht als Co-Autor mit auf das jüngste Paper seiner Gruppe genommen wurde. Totaler Skandal, weil er das natürlich klar verdient gehabt hätte — mehr noch als der konkrete Zweitautor. Ob wir das nicht öffentlich machen könnten. Solches Unrecht gehöre schließlich mal an den Pranger gestellt. Und nein — ihm selbst könne nix mehr passieren, da er inzwischen die Gruppe gewechselt habe. Aber sauer sei er natürlich immer noch…

Etwa ein Dutzend solcher E-Mails bekommen wir im Jahr. Einige Male haben wir tatsächlich nachgefragt. Und stets war „der Fall“ kaum objektiv darstellbar. Bisweilen schien es sogar ziemlich plausibel, warum der „Kläger“ letztlich nicht mit auf dem besagten Paper stand.

Dabei werden offenbar tatsächlich die Nachwuchsforscher vom Postdoc bis zum Master-Studenten mit am ehesten aus den Autorenlisten draußen gelassen. Zumindest war dies eines der Ergebnisse einer Umfrage der beiden US-Soziologen John Walsh und Sahra Jabbehdari aus dem Jahr 2017. Und die hatten dazu in den USA einige Leute mehr befragt als wir hier: Am Ende konnten sie die Angaben von 2.300 Forschern zu deren eigenen Publikationen auswerten (Sci. Technol. Human Values 42(5): 872-900).

Machen wir’s kurz:

» Nach Walsh und Jabbehdari listete ein Drittel der Artikel aus Biologie, Physik und Sozialwissenschaften mindestens einen „Gastautor“ mit auf, dessen Beitrag die Anforderungen für eine Co-Autorenschaft eigentlich nicht erfüllte. Angesichts von Ehren- und Gefälligkeits-Autorschaften wie auch ganzen Co-Autor-Kartellen war ein solch hoher Anteil womöglich zu erwarten.

» Viel erstaunlicher dagegen mutet jedoch der noch höhere Anteil an Artikeln an, auf denen ein oder mehrere Co-Autoren verschwiegen wurden, die wegen ihres Beitrags zur Studie eigentlich mit aufgelistet gehört hätten. Die befragten Forscher gaben an, dass hinter ganzen 55 Prozent ihrer Artikel noch mindestens ein weiterer „Geister-Autor“ gestanden hätte. Biologie und Medizin lagen genau in diesem Schnitt, während Ingenieurs-, Umwelt- und Agrarwissenschaften noch deutlich höher lagen. Den niedrigsten Anteil an „Geister-Autoren“ ermittelten die Verfasser mit 40 Prozent für die Mathematik und Computerwissenschaften.

» Und wer wurde hierbei bevorzugt „verschwiegen“? Neben Technischen Angestellten interes­san­ter­wei­se eher Postdocs als „Graduate Students“, also Doktoranden und Master-Studenten. In der Medizin lag der Anteil der Postdocs unter den „Verschwiegenen“ etwa bei 28 Prozent gegenüber 16 Prozent „Graduate Students“; in der Biologie betrug dasselbe Verhältnis 21 gegenüber 15 Prozent.

In der Summe heißt das also, dass in den Autorenzeilen jeder fünften Veröffentlichung aus den Medizin- und Biowissenschaften mindestens ein Nachwuchsforscher fehlt, der die Nennung eigentlich verdient gehabt hätte. Sicher lässt sich einwerfen, dass die gleiche Befragung in Europa womöglich andere Zahlen liefern würde. Aber würden Sie, liebe Leser, eine Voraussage wagen, in welche Richtung sich die geschilderten US-Verhältnisse dann verschieben könnten?

Wir meinen, angesichts der Bedeutung, die Co-Autorenschaften heutzutage für wissenschaftliche Karrieren haben, liefern bereits die US-Zahlen alleine ziemlich verstörende Erkenntnisse. Und für uns daher ein Grund mehr, um E-Mails wie der oben erwähnten tatsächlich nachzugehen.

Ralf Neumann

Zeichnung: Rafael Florés

Monolog vor dem Paperschreiben

18. Oktober 2018 von Laborjournal

„Okay, erstmal kurz nachdenken! Wie pack ich’s jetzt an? Wie schreibe ich all das nette Zeug jetzt auf?

Dass ich das alles nicht so bringen kann, wie es sich wirklich abgespielt hat, ist klar. Die ganzen Irrungen und Wirrungen, die Umwege, Rückbesinnungen und Neustarts, bis wir endlich am Ziel waren — da wird der Leser ja wahnsinnig.

Warum also die Einzelteile nicht neu ordnen und das Ganze wie einen Thriller aufziehen? Zuerst beschreibe ich die Reise unseres kleinen Trupps zum Ort des Geschehens (und illustriere sie in Fig. 1), um dann dort eingehend die Umgebung zu erkunden (Fig. 2). Dabei stoßen wir natürlich — Trommelwirbel! — zielsicher auf ein ziemlich unerwartetes und dunkles Mysterium (Fig. 3).

Mit allen Mitteln der Kunst untersuchen wir den rätselhaften Ort — und sammeln tatsächlich einen Hinweis nach dem anderen, was hier eigentlich vor sich gehen könnte (Fig. 4 A bis H). Bis wir an den Punkt kommen, an dem wir innehalten und versuchen, all diese Hinweise zu einem sinnvollen Muster zu ordnen (Fig. 5 A bis D). Und dabei fällt es uns plötzlich wie Schuppen von den Augen, so dass wir — nochmal Tata! — die logische Antwort auf unser Mysterium schließlich glasklar vor uns liegen sehen (Fig. 6).

Zum endgültigen Abrunden der Story bleibt dann nur noch der Epilog, der das finale Fazit noch mal schön klar zusammenfasst (Fig. 7). Et violá!“

(… Kurzes Innehalten, dann weiter…)

„Hm… Klingt zwar gut, keine Frage. Allerdings… Ich befürchte, dass wohl nur die Allerwenigsten mein ausgefeiltes Präsentationskonzept inklusive perfekt arrangiertem Spannungsaufbau überhaupt registrieren werden. Denn wie mache ich es denn selbst als Leser? Bei der wenigen Zeit, die man für die Literatur hat? Eigentlich läuft es doch immer etwa so:

Ich schaue mir jedes Paper gerade mal bis zur Fig. 1 an, höchstens bis zur Fig. 2. Da muss es mich schon ganz schön packen, dass ich mir mehr anschaue… Was eigentlich nie passiert, da die Auflösung ja sowieso schon vorne im Abstract steht. Also schaue ich mir lieber schnell das nächste Paper an… und das nächste… und das nächste….

Vielleicht sollte ich es also doch lieber andersherum aufziehen und den großen Clou der Story gleich vorne in die Fig. 1 stecken. Dann würden all die potenziellen „Schnellgang-Drüberschauer“ vielleicht wenigstens die Hauptbotschaft mitnehmen. Und wer aus irgendeinem Grund dennoch weiter liest, bekommt dann eben noch die ganzen Hintergründe dazu…

Hm… Ich glaube, so mach‘ ich’s! Man muss am Ende eben doch nach dem gehen, wie die Leute ticken, die man erreichen will.“

Ralf Neumann

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