Nur nicht zu viel riskieren

4. Mai 2018 von Laborjournal

Damit die Karriere nicht stockt, brauchen Postdocs und End-Doktoranden zwingend Paper. Und für Paper brauchen sie Ergebnisse.

Sichere Ergebnisse liefern jedoch in aller Regel nur risikoarme Projekte. Risikoarm insofern, als dass gewisse Vorarbeiten schon gezeigt haben, dass das Projekt solide ist und die nächsten Ergebnisse nur darauf warten, hinter der nächsten Ecke abgeholt zu werden.

Ob das dann noch aufregende Ergebnisse sind, ist eine andere Frage. Denn die erhält man in aller Regel, wenn man eben nicht nur hinter die nächste Ecke schaut — sondern sich eher auf Reisen weit über den Horizont hinaus begibt. Was einen dort genau erwartet, weiß man nicht und ist demnach hochgradig unsicher — schließlich ist es ja gerade das Unbekannte, das man erforschen will. Logisch daher, dass das Risiko, am Ende mit leeren Händen dazustehen, nicht gerade klein ist.

Die erwähnten Postdocs und End-Doktoranden können es meist kaum eingehen. Doch wer testet dann wirklich neue Ideen mit entsprechend hohem Fehlschlag-Risiko? Wem ist nicht gleich die Karriere versaut, wenn die Projektidee letztlich in einen „Satz mit X“ mündet? Wer braucht (noch) nicht die ganz runde Story?

Richtig, die „Anfänger“ — Bachelor/Master-Studenten und vielleicht mancher Doktoranden-Frischling.

Ob das aber der Sache gerecht wird? Denn nach welchem Schema das Neue-Ideen-Testen dann ablaufen kann, erzählte uns ein Gruppenleiter vor einiger Zeit an folgendem, selbst erlebten Beispiel…

Demnach erhielt Bachelor A im vierten Anlauf endlich ein halbwegs aussagekräftiges Basisergebnis; die nächsten zwei Mal scheiterte er wieder — danach verließ er das Labor. Später berichtete Master B, er habe zwei von sechs Mal ein positives Ergebnis erhalten und schrieb das auch in seiner Arbeit. Allerdings fiel den Kollegen daraufhin ein, dass niemand ihn derart oft an den Geräten gesehen hatte. Von der Gewissheit, ob die Idee was taugt und ein „richtiges“ Projekt mit vernünftigem Ergebnispotenzial tragen könnte, war man also weiterhin weit entfernt.

In den Händen des etwas erfahreneren Doktoranden C lieferte das vermeintliche Kernexperiment sofort ein positives Ergebnis. Allerdings konnte er es danach mehrere Male nicht wieder bestätigen — bis ihm Kollegin D beichtete, dass sie vor Wochen das empfindliche Schlüssel-Reagenz Z tagelang aufgetaut auf ihrer Laborbank vergessen hatte. Mit frischem Reagenz Z reproduzierte C sein Startergebnis zwar sofort wieder; allerdings verließ er das Labor zwei Wochen später überraschend zugunsten eines Bioinformatik-Jobs in der Industrie, ohne dass er die Ergebnisse je abschließend aufgeschrieben hatte.

Dennoch hielt der Chef den Basisbefund jetzt von A bis C für ausreichend solide belegt — und übergab „das Projekt“ einem neuen Postdoc. Ein knappes Jahr kam er wegen ungeahnter Schwierigkeiten mehr schlecht als recht voran — bis er schließlich befürchten musste, auf dem „Projekt“ nicht rechtzeitig die notwendigen Veröffentlichungen für den nächsten Antrag zusammenzubekommen. Also schmiss er es hin und wechselte aus „Karrieregründen“ doch wieder auf ein sicheres „Just around the Corner“-Projekt.

Nur ein Beispiel, wie schwer das derzeitige System das robuste Testen von wirklich neuen Ideen macht. Es gibt sicher noch mehr.

(Illustr.: Fotolia / pict rider)

„Ich nehme nur Doktoranden, die eine akademische Karriere planen“

5. Dezember 2017 von Laborjournal

Eine ganz bestimmte Äußerung eines gar nicht mal so unbekannten Profs veranlasste mich kürzlich, innezuhalten und folgender Frage nachzugehen: Was machen heute eigentlich all die Kollegen aus den alten Doktorandentagen von vor über zwanzig Jahren?

Tja, akademische Karriere haben nur eine Handvoll gemacht. Die eine oder der andere sitzen auf Lehrstühlen, drei sind fest an Unis im Ausland angestellt — und unser alter Plastiden-Spezialist ist inzwischen sogar Max-Planck-Direktor.

Allerdings — das sind nicht mal zehn Prozent der stolzen Truppe, die in diesen fernen Jahren unser Institut bevölkerte. Und der große Rest?

Gar nicht mal wenige trifft man regelmäßig auf Laborausrüster- und Biotech-Messen wieder — als Abteilungsleiter und Marketingchefs bei Sigma Aldrich, Thermo Fisher und Co., als Gründer eigener kleiner Firmen oder auch etwa als Biotech-Beauftragte einzelner Landesregierungen.

Ein anderer kam nach seinem Postdoc an unser Institut zurück — und wurde dort Verwaltungschef.

Eine weitere Handvoll ging ins wissenschaftliche Publikationswesen — wobei es diese eine Drosophila-Doktorandin sogar ins Editorial Office von Cell schaffte.

Wieder andere stiegen unmittelbar nach der Promotion komplett aus — übernahmen beispielsweise eben doch die Firma des Vaters.

Na ja, und drei wurden eben Verleger und Chefredakteur einer selbstgegründeten Laborzeitschrift.

Ob alle dies jeweils genau so wollten, darf in gar nicht mal so wenigen Fällen bezweifelt werden. Vielmehr gab es schon damals viel zu wenig Platz in der akademisch-wissenschaftlichen Welt, als dass alle Frischpromovierten hier ihren Weg hatten gehen können.

Wenn man entsprechenden Berichten glauben darf, ist das heute allerdings noch schlimmer — und der „Überschuss“ an Doktoren noch viel größer. Weswegen inzwischen umso mehr Studenten ihre Promotion verständlicherweise mit dem klaren Ziel beginnen, danach mit dem Titel in der Tasche außer-akademisch Karriere zu machen. Was ja eigentlich auch immer schon okay war…

Irgendwie kann man es vor diesem Hintergrund nur als zynisch werten, dass der eingangs erwähnte Professor laut eigener Aussage Kandidaten mit ebensolcher „nicht-akademischen“ Karriereplanung explizit als Doktoranden ablehnt — und dies damit begründet, dass er niemanden ausbilden würde, von dem er hinterher nicht selbst in potentiellen akademischen Forschungskooperationen profitieren könnte.

Ralf Neumann

Vom Goldkind zum Gelackmeierten (2)

23. Mai 2017 von Laborjournal

Dass Doktoranden und Masterstudenten während ihrer Laborarbeit in ihren Arbeitsgruppen nicht immer fair behandelt werden, ist ein offenes Geheimnis. Entsprechend porträtierten wir in unserer aktuellen Heftausgabe 5/2017 unter dem Titel „Vom Goldkind zum Gelackmeierten“ die vier exemplarischen Fälle von Carsten, Juliane, Katrin und Florian [Namen geändert]. Die Moral aus den vier „Geschichten“ fasste unsere Autorin Juliet Merz in dem Artikel folgendermaßen zusammen:

Publikationen als Lockmittel und lapidare Verteilung von Autorenschaften: Was Carsten, Juliane, Katrin und Florian erlebt haben, ist nicht die Regel – aber auch keine Seltenheit. Carstens Idee wurde geklaut, Julianes Mitarbeit vertuscht und von Florian dreist abgeschrieben. Dahingegen musste sich Katrin die Lorbeeren mit einer anderen Doktorandin teilen, obwohl eigentlich nur sie die Arbeit erledigt hat. Wenn es um Autorschaften auf Papern in deutschen Laboren geht, wird die Gemeinschaftlichkeit gerne mal ad acta gelegt. Der Druck ist groß: Jeder möchte so viel publizieren wie möglich, um die wissenschaftliche Karriereleiter weiter nach oben zu klettern oder schlicht am Ball zu bleiben.

Wahrlich schreiben nicht alle Labore solche Geschichten. Im Zuge unserer Recherche stießen wir vielmehr immer wieder auf die Aussage: „Zu Autorenstreitigkeiten kann ich Ihnen nichts erzählen, da lief bei mir immer alles gut.“ Gut, dass es folglich doch noch viele ehrliche und rücksichtsvolle Arbeitsgruppen mit gerechten und aufmerksamen Professoren gibt. Dummerweise stehen heutzutage jedoch gerade Doktoranden, Postdocs und auch jüngere Professoren unter höllischem Zugzwang, viel und gut zu publizieren. Dass jeder auf Biegen und Brechen versucht, hierbei nicht auf der Strecke zu bleiben, ist geradezu nachvollziehbar. Eine Kultur des „Jeder ist sich selbst der Nächste“ kann dabei offenbar nicht immer vermieden werden.   

Umgehend bekamen wir zwei Rückmeldungen zu dem Artikel, in denen die Verfasserinnen uns ihre eigene, zum Thema passende Geschichte mitteilten. Diesen Beitrag weiterlesen »

Als Doktorand gescheitert, aber superkompetent!

7. April 2017 von Laborjournal

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Neulich in der Redaktion:…

K: „Du, ich hab‘ gerade erst dein Online-Editorial von vor drei Wochen gelesen. Das über das Scheitern von Doktoranden.“

N: „Ja, und?“

K: „Du weißt schon — das über den Typen, der sich ewig lang die Zähne an einer Proteinreinigung ausgebissen hat.“

N: „Ja, ja — schon klar. Aber was willst du mir sagen? Ist irgendwas falsch?“

K: „Nein, darum geht es nicht. Aber der arme Kerl hat doch nach allen Regeln der Kunst jede verfügbare Methode genutzt, hat sich sogar völlig neue Kniffe ausgedacht, um die Nuss zu knacken.“

N: „Genau, so steht’s in dem Artikel. Nur hat ihm das nix genutzt. Er hat die Nuss nicht geknackt, weil es mit dem gesamten Methodenarsenal zu dieser Zeit einfach nicht ging. War eben auch ein riskantes Projekt.“

K: „…Also hat er eines Tages frustriert die Doktorarbeit hingeschmissen und der Forschung komplett den Rücken gekehrt.“

N: „Ja, war ein echter Fall. Ist wirklich passiert. Und abgesehen davon wahrscheinlich weit öfter als nur einmal.

K: „Sicher. Aber jetzt überleg‘ doch mal weiter. Der Typ muss doch im Laufe dieser Jahre zu einem wahren Experten im Proteinaufreinigen geworden sein. Und damit regelrecht prädestiniert für höhere Aufgaben — für die ganz harten Knacknüsse, für die echt heftigen Projekte! Viele seiner „erfolgreichen“ Doktoranden-Kollegen kochen dagegen irgendwas mit einer 08/15-Methode, mit der auf jeden Fall was rauskommt — et voilà: Gratuliere, akademischer Grad!“

N: „Tja, genau den hat unser Verlierer aber leider nicht.“

K: „Dennoch: Sagen wir mal, ich wäre Chef einer kleinen Biotech-Firma, oder so etwas. Wenn Du mich fragst, wen ich als Mitarbeiter einstellen würde — einen „Stur-nach-einer-Methode-Kocher“ mit Doktortitel oder diesen „gescheiterten“ Pechvogel, der alles Mögliche probiert hat —, meine Antwort wäre ja sowas von klar…“

N: „Hm, da ist sicher was dran. Mal abgesehen davon, dass unser Pechvogel trotz fehlender Resultate echtes wissenschaftliches Arbeiten am Ende viel tiefer erfahren und gelernt haben dürfte als seine Kollegen, die mit einem „Die-Methode-bringt-mich-sicher-um-die-nächste-Ecke“-Projekt allzu glatt durchflutschen.“

K: „Eben… Was hat der gescheiterte Doktorand danach eigentlich gemacht? Weißt du das?“

N: „Der hat es dann noch geschafft, Lehrer zu werden.“

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Doktorarbeit netto

18. Juli 2016 von Laborjournal

Fast jeder Ex-Doktorand stellt sich irgendwann die Frage: „Wenn jedes Experiment, das in meiner Doktorarbeit steht, gleich genau so geklappt hätte — wie schnell hätte ich fertig sein können?“ Sicher spielt die Art der Arbeit und des experimentellen Systems eine entscheidende Rolle — aber am Ende ist wohl jeder zu dem Schluss gekommen: „Viiiiiel kürzer als die Jahre, die ich tatsächlich gebraucht habe.“

documweg

So rechnete uns beispielsweise kürzlich ein ehemaliger Doktorand in einer E-Mail vor, dass er mit „magischen Fingern“ netto gerade mal drei Monate für sämtliche Ergebnisse seiner Doktorarbeit hätte experimentieren müssen — inklusive zweimal Reproduzieren.

Natürlich hatte er aber keine „magischen Finger“, und so brauchte er tatsächlich knapp fünf Jahre. Zieht man noch drei Monate für’s Zusammenschreiben ab, kommt er damit bezüglich seiner Zeitinvestition auf eine „Erfolgsrate“ von grob fünf Prozent. So gesehen hätte er also nur etwa alle drei Wochen jeweils am richtigen Tag ins Labor kommen müssen. Sein Fazit daher: „Es sieht so aus, als ob in der experimentellen Forschung die Dinge gewöhnlich nicht funktionieren. Und es scheint, als wäre das ganz normal.“

Dass solche Rechnungen allerdings in der Realität nicht aufgehen, ist klar. Selbst der „Fünf-Prozent-Rechner“ von oben räumte ein, dass die anderen 95 Prozent für das Gesamtergebnis sicher auf andere Weise ebenso essentiell sind — auch wenn deren Resultate am Ende nicht in Doktorarbeit oder Paper stehen. Warum? Weil man Techniken erst lernen muss; weil einem zuweilen erst negative Resultate — oder gar Fehler — den richtigen Weg weisen; weil unzählige Vorversuche notwendig sind, um die optimalen Bedingungen für die experimentellen Systeme zu ermitteln; und und und…

So machte denn auch unser Ex-Doktorand am Ende seinen Frieden mit der realen Dauer seiner Dissertation. Und ergänzte versöhnlich: „Ein Experte ist man sowieso erst dann, wenn man jeden Fehler wenigstens einmal selbst gemacht hat.“

Foto: fotogestoeber – Fotolia.com

Verlieren ist schlimmer als im Sport

23. Juni 2015 von Laborjournal

2001 gewann völlig überraschend Goran Ivanisevic im englischen Wimbledon das wichtigste Tennisturnier der Welt. Eigentlich war er damals schon lange abgeschrieben. Zwar hatte er zuvor in den Jahren 1992, 1994 und 1998 dreimal das Wimbledon-Finale verloren — danach jedoch verschwand er ziemlich in der Versenkung, lieferte nahezu keine Ergebnisse mehr. Für Wimbledon 2001 war er daher natürlich nicht qualifiziert, dennoch ließen die Wimbledon-Veranstalter Ivanisevic in einem Akt nostalgischer Gnade mit einer Wildcard an dem Turnier teilnehmen. Der Rest ist Tennis-Geschichte…

Könnte so etwas analog auch in der Forschung passieren? Dass jemand, nachdem er jahrelang keine Ergebnisse geliefert hat, plötzlich doch wieder eine Chance bekommt — und sie tatsächlich nutzt, um zu allerhöchsten Ehren aufzusteigen? So wie das Forschungssystem aktuell funktioniert, kann man es sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Im Sport ist ja sowieso einiges anders. Dabei kommt er doch mindestens ebenso kompetitiv daher wie die Forschung. Dennoch wird man im Sport beispielsweise in aller Regel auch für Silber- oder Bronzemedaillen gefeiert. In der Forschung nicht. Hier erntet ein zweiter oder dritter Platz keinen Ruhm, hier hast du einfach verloren, wenn du nach dem „Sieger“ ankommst. „The winner takes it all“ — kaum irgendwo ist dieser Spruch so wahr wie in der Wissenschaft.

Im Sport ist auch „nach dem Wettkampf“ gleich „vor dem Wettkampf“. Die Karten werden für jeden Wettbewerb neu gemischt, und frischer Ruhm ist sogar für die „Versager“ von den letzten Vergleichen zu ernten — siehe Ivanisevic. In der Wissenschaft dagegen kaum. Hier geht es so gut wie nie für alle zurück auf „Los“.

Warum? Wo ist er Unterschied?   Diesen Beitrag weiterlesen »

Rap Your Thesis

15. April 2014 von Laborjournal

Und wieder mal ein Labor-Musikvideo: Der australische Doktorand Nathanial Harris erklärt sein Krebsforschungsprojekt via HipHop:

(Von hier)

Könnte er auch bei seinem Rigorosum aufführen…

Abgewehrte Attacken

30. August 2013 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. D.S. Kalier, Traktologisches Institut Universität Kiepkuhlingen.

LJ: Hallo, Herr Professor Kalier, Sie kommen mit einem auffällig amüsierten Lächeln aus dem Seminarraum. Gibt’s einen speziellen Grund?

Kalier: Klar, mein Doktorand hat sich im Kolloquium gerade prima geschlagen.

LJ: Gute Ergebnisse, klar und eindringlich vorgetragen?

Kalier: Das auch. Aber das ist nicht wirklich, was mich so amüsiert.

LJ: Was denn?

Kalier: Na ja, das ist eine etwas längere Geschichte, die damit anfing, dass mir jemand aus der Medizinischen Fakultät gesteckt hatte, dass meine zwei speziellen Freunde Gall und Stichel zu seinem Vortrag kommen würden.

LJ: ‚Spezielle Freunde‘? Wie meinen Sie das?

Kalier: Natürlich nicht im wörtlichen Sinn. Sagen wir’s kurz und klar: die Beiden mögen mich nicht! Diesen Beitrag weiterlesen »

„Re-Inkubiert“ (5)

23. August 2013 von Laborjournal

(Urlaubszeit in der Laborjournal-Redaktion. Nicht zuletzt deshalb machen wir es in den kommenden Wochen wie das TV: Wir bringen Wiederholungen. Bis Ende August erscheint jede Woche, jeweils im Wechsel mit einem weiteren „Best of Science“-Cartoon, eine bereits in Laborjournal print publizierte Folge unserer „Inkubiert“-Kolumne. Sicher, alle schon ein wenig älter — aber eigentlich noch immer aktuell.)

 

So gut wie jeder ehemalige Doktorand stellt sich irgendwann die Frage: „Wenn alle Experimente, die in meiner Doktorarbeit stehen, immer sofort geklappt hätten — wie lange hätte sie wohl gedauert?“ Und obwohl natürlich Art der Arbeit und des experimentellen Systems eine entscheidende Rolle spielen, ist wohl jeder zu dem Schluss gekommen: „Viel kürzer als die drei, vier oder fünf Jahre, die ich tatsächlich gebraucht habe.“ Die Frage scheint ehemalige Doktoranden gar derart zu beschäftigen, dass sie auch im Internet ausgiebig diskutiert wird. Einer dieser Debattierer rechnet in seinem Weblog etwa vor, dass er mit „magischen Fingern“ gerade mal drei Monate für sämtliche Ergebnisse seiner Doktorarbeit hätte experimentieren müssen — inklusive zweimal Reproduzieren. „Magische Finger“ hatte er aber nicht, und so brauchte er tatsächlich fünf Jahre. Zieht man nun noch drei Monate für‘s Zusammenschreiben ab, kommt er auch eine „Erfolgsrate“ von 5%. Statistisch gesehen hätte er folglich nur etwa alle drei Wochen jeweils am richtigen Tag ins Labor kommen müssen. Sein Fazit daher: „Es sieht so aus, als ob in der experimentellen Forschung die Dinge gewöhnlich nicht funktionieren. Und es sieht so aus, als wäre das ganz normal.“ Dass diese Rechnungen allerdings in der Realität nicht aufgehen, wissen indes auch nahezu all diese Debattierer. Selbst der „5%-Rechner“ von oben räumt ein, dass die verbleibenden 95% für die Arbeit wohl genauso wichtig sind — auch wenn die Resultate nicht in Arbeit oder Paper stehen. Warum? Weil man Techniken erst lernen muss; weil einem zuweilen erst negative Resultate — oder gar Fehler — den richtigen Weg weisen; weil viele unerwähnte Vorversuche notwendig sind, um die optimalen Bedingungen etwa für biochemische Reaktionen zu ermitteln; und so weiter… Darüber herrschte am Ende der erwähnten Diskussion denn auch weitgehend Einigkeit. Das Schlusswort lautete: „Ein Experte ist der, der bereits jeden Fehler wenigstens einmal selbst gemacht hat.“

(aus Laborjournal 6-2007, Foto: © cameraman — Fotolia.com)

Paper-Einbruch

10. Juni 2013 von Laborjournal

Oft heißt es, heutzutage würden immer weniger Originalartikel tatsächlich gelesen. Wer dies jedoch noch halbwegs regelmäßig tut, dem dürfte es beim Paperlesen ziemlich sicher schon mal folgendermaßen gegangen sein:

Ein Paper fängt richtig stark an. In der Einleitung führt es ganz verschiedene Befunde äußerst eingängig zusammen und entwickelt dabei eine derart neue und originelle Perspektive, dass sich am Ende die zentrale Frage des Artikels überraschend klar und logisch herausschält. Dann der Ergebnisteil: Saubere Experimente mit allen denkbaren Kontrollen bringen mehr als genug Daten, um eine wasserdichte Statistik durchzuziehen. Drei, vier absolut überzeugende Abbildungen entstehen auf diese Weise. Die Schneise ist damit ins Dickicht geschlagen, der weitere Pfad liegt klar und hell vor einem. Gespannt wartet man als Leser nur noch auf den entscheidenden Clou…

… Doch völlig unvermittelt bricht das Paper ein. Die letzten zwei, drei Datensätze passen zwar irgendwie, lassen die Story aber auf der Stelle treten Diesen Beitrag weiterlesen »

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