„Forschungserfolg hängt auch von der Abwesenheit gewisser Hindernisse ab“

19. November 2018 von Laborjournal

Und immer wieder fragt die Wissenschaftspolitik: Wie bekomme ich möglichst gute Forschung, Spitzenforschung gar? Mit viel Geld, das ich in aufwendige Wettbewerbe pumpe? Wie etwa zuletzt in der Exzellenzstrategie?

Unserem Chefredakteur kommt bei diesem Thema immer wieder ein kurzer Aufsatz des finnischen Evolutionsökologen Juha Merilä in den Sinn. Einige Abschnitte daraus (aus dem Englischen übersetzt):

Ein Charakteristikum kreativer Forschungsumgebungen ist, dass sie in der Regel recht klein sind und damit enge und intensive Interaktionen zwischen den Individuen fördern.

Des Weiteren nennen Beschreibungen kreativer Forschungs­um­fel­der immer wieder die Bedeutung der sogenannten „kollek­tiven Kreativität“. Diese entsteht als emergente Eigenschaft aus den Wechselwirkungen von Personen mit unterschiedlichen Fähig­kei­ten, Ansichten und Ideen innerhalb eines informellen For­schungs­netz­werks.

Solche informellen Forschungsnetzwerke stehen übrigens in scharfem Kontrast zu bürokratischen Organisationen, die vor allem Wiederholbarkeit und Vorhersagbarkeit schätzen — und daher Kreativität wegen der ihr innewohnenden Unbe­rechen­bar­keit eher hemmen. Hierarchiefreie, ungezwungene Wechsel­wir­kun­gen scheinen folglich wesentliche Bestandteile für die Ge­stal­tung kreativer Forschungsumgebungen zu sein.

Nicht wirklich das, was mit der Exzellenzstrategie gerade beherzigt wird. Und das nicht nur, da in deren Rahmen enorme zusätzliche Ver­wal­tungs­kapazitäten geschaffen werden mussten…

Doch es geht noch weiter bei Merilä:

Ein interessantes Merkmal kreativer Forschungsumgebungen ist, dass man die Gründe für ihr Entstehen zumindest teilweise erkennt und versteht — dass es aber viel schwieriger ist, die Ursachen für entsprechende Misserfolge zu verstehen. Mit anderen Worten, es gibt ein „Unsichtbarkeitsproblem“: Während wir von den positiven Beispielen lernen können, sind die negativen — Fälle also, wo alle vermeintlich notwendigen Bestandteile vorhanden waren, aber dennoch „nichts Besonderes“ entstand — viel schwerer zu durchdringen. Klar ist nur, dass Forschungserfolg offenbar nicht nur vom Zugang zu den notwendigen Ressourcen abhängt — ob materieller oder immaterieller Art —, sondern auch von der Abwesenheit gewisser Hindernisse.

Wenn wir daher versuchen, kreative Forschungsumgebungen zu gestalten, scheint die Identifikation solcher Hindernisse ebenso wichtig zu sein wie die Ermittlung der begünstigenden Faktoren — wenn nicht sogar wichtiger. Denn wie wir alle wissen, sind empfindliche Geräte schwer zu bauen, gehen aber sehr leicht kaputt.

Womit die Frage auf der Hand liegt, ob durch üppig aufgezogene Wettbewerbe um große Förderprogramme nicht doch eher das eine oder andere Hindernis erst errichtet wird.

Ralf Neumann

(Foto: Shutterstock / skyfish)

Forschungsanträge à la Sisyphus

12. November 2018 von Laborjournal

„Der Wahnsinn des Antragschreibens“ war Thema unseres letzten Postings unten. Zuvor hatten wir in unserer Heft-Kolumne „Inkubiert“ bereits einen ganz anderen Fall von „Antrags-Wahnsinn“ kommentiert (siehe LJ 1-2/2016). Wir bringen den Kommentar hier nochmals in überarbeiteter Form:

Wenn es um das Antragswesen wissenschaftlicher Projektförderung geht, scheint Effizienz oftmals kein hervorstechendes Merkmal zu sein. Zumindest bestärken einzelne Beispiele immer wieder diesen Eindruck.

Nehmen wir etwa den folgenden Fall, den der belgische Linguist Jan Blommaert in seinem Blog Ctrl+Alt+Dem beschrieb. Demnach ging er so richtig in die Vollen, als vor Monaten im EU-Rahmenprogramm „Horizon 2020“ ein bestimmtes Projektthema ausgeschrieben wurde. Umgehend stürzte er sich zusammen mit seinem Leuten in umfangreiche inhaltliche Vorarbeiten und heuerte überdies europaweit geeignete Partner für das geforderte „Internationale Konsortium“ an.

Logisch, dass für die notwendigen Meetings schnell mal Hunderte von Arbeitsstunden und mehrere Tausend Flugkilometer draufgingen. Ein Mitarbeiter aus Blommaerts Team kümmerte sich etwa monatelang quasi hauptamtlich um Koordination, Vorbereitung und schlussendliche Realisierung des Antrags. Dazu erhielt er umfassende Hilfe von zwei Leuten aus der Uni-Verwaltung: einem professionellen „Grant Writer“ und einem eigens angestellten Fachmann für EU-Angelegenheiten.

Dies alles und noch viel mehr summierte sich am Ende zu einem Riesenhaufen produktiver Zeit und Geld, die mit höchster Wahrscheinlichkeit völlig umsonst investiert — und damit verschwendet — waren. Denn eine Woche, nachdem sie den Antrag fix und fertig abgeschickt hatten, erhielten Blommaerts und Co. aus Brüssel die Nachricht, dass insgesamt 147 Anträge eingegangen seien, wovon jetzt ganze 2 — ZWEI! — bewilligt würden.

Man braucht keine allzu komplizierte Mathematik, um die hirnlose Ineffizienz dieses gesamten Manövers aufzuzeigen. Man multipliziere nur grob die ausschließlich mit Steuergeldern bezahlte Arbeitszeit samt übriger Kosten von Blommaert und Co. mit der Zahl der insgesamt 145 abgelehnten Anträge, addiere dazu die Brüsseler Kosten für Verwaltung und Begutachtung — und setze diese für nahezu Nix investierte Summe wiederum in Beziehung zu den 6 Millionen Euro Gesamt-Fördervolumen. Eine verheerende Bilanz, oder?

Und jetzt haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, welches Signal eine Ablehnungsquote von 98,7 Prozent für die Forscher generell bedeutet…

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„Antragschreiben? Ich hasste jede Minute davon!“

5. November 2018 von Laborjournal

Wann sollte man einen Forscher besser nicht ansprechen? — Antwort: Wenn er gerade an einem Förderantrag schreibt.

„Immer wenn ich an einem Antrag arbeite, fühle ich mich wie ein verwundetes wildes Tier“, schrieb einmal sinngemäß ein Betroffener. „Sobald ich irgendwie nicht weiterkomme — und das passiert leider oft —, kauere ich voller Schmerzen in meiner Ecke. Mir wird heiß, ich atme schneller, beiße die Zähne zusammen und blicke mit gehetztem Blick um mich herum — auf der verzweifelten Suche nach Linderung durch die richtige Idee. Wenn dann jemand reinkommt und irgendetwas will, kann er schnell einen Finger verlieren oder sonst etwas — selbst wenn die betreffende Person sich nur Sorgen gemacht hat und mir helfen will.“

Okay, das ist sicher gnadenlos überspitzt. Wäre es tatsächlich jedes Mal so schlimm, müsste sich unser Forscher aus gesundheitlichen Gründen wohl besser bald einen anderen Job suchen. Dennoch dürfte sich jeder, dem das Antragschreiben nicht allzu leicht aus den Fingern fließt, darin prinzipiell wiedererkennen.

Das Dumme ist: Den Meisten fließen die Anträge nicht aus den Fingern. Und so sehen sie sich stets stärkeren „Qualen“ ausgesetzt, da die Frequenz des Antragsschreibens zuletzt immer mehr zugenommen hat.

Der US-Computerwissenschaftler Matt Welsh beispielsweise verließ vor einigen Jahren genau aus diesem Grund die Harvard University und arbeitet seitdem für Google. Er schrieb damals dazu in seinem Blog Volatile and Decentralized:

„Die größte Überraschung war, wie viel Zeit ich für die Finanzierung meiner Forschung aufbringen musste. Obwohl es natürlich variiert, schätze ich, dass ich etwa vierzig Prozent damit verbracht habe, irgendwelchen Fördermitteln hinterher zu jagen —  Diesen Beitrag weiterlesen »

Monolog vor dem Paperschreiben

18. Oktober 2018 von Laborjournal

„Okay, erstmal kurz nachdenken! Wie pack ich’s jetzt an? Wie schreibe ich all das nette Zeug jetzt auf?

Dass ich das alles nicht so bringen kann, wie es sich wirklich abgespielt hat, ist klar. Die ganzen Irrungen und Wirrungen, die Umwege, Rückbesinnungen und Neustarts, bis wir endlich am Ziel waren — da wird der Leser ja wahnsinnig.

Warum also die Einzelteile nicht neu ordnen und das Ganze wie einen Thriller aufziehen? Zuerst beschreibe ich die Reise unseres kleinen Trupps zum Ort des Geschehens (und illustriere sie in Fig. 1), um dann dort eingehend die Umgebung zu erkunden (Fig. 2). Dabei stoßen wir natürlich — Trommelwirbel! — zielsicher auf ein ziemlich unerwartetes und dunkles Mysterium (Fig. 3).

Mit allen Mitteln der Kunst untersuchen wir den rätselhaften Ort — und sammeln tatsächlich einen Hinweis nach dem anderen, was hier eigentlich vor sich gehen könnte (Fig. 4 A bis H). Bis wir an den Punkt kommen, an dem wir innehalten und versuchen, all diese Hinweise zu einem sinnvollen Muster zu ordnen (Fig. 5 A bis D). Und dabei fällt es uns plötzlich wie Schuppen von den Augen, so dass wir — nochmal Tata! — die logische Antwort auf unser Mysterium schließlich glasklar vor uns liegen sehen (Fig. 6).

Zum endgültigen Abrunden der Story bleibt dann nur noch der Epilog, der das finale Fazit noch mal schön klar zusammenfasst (Fig. 7). Et violá!“

(… Kurzes Innehalten, dann weiter…)

„Hm… Klingt zwar gut, keine Frage. Allerdings… Ich befürchte, dass wohl nur die Allerwenigsten mein ausgefeiltes Präsentationskonzept inklusive perfekt arrangiertem Spannungsaufbau überhaupt registrieren werden. Denn wie mache ich es denn selbst als Leser? Bei der wenigen Zeit, die man für die Literatur hat? Eigentlich läuft es doch immer etwa so:

Ich schaue mir jedes Paper gerade mal bis zur Fig. 1 an, höchstens bis zur Fig. 2. Da muss es mich schon ganz schön packen, dass ich mir mehr anschaue… Was eigentlich nie passiert, da die Auflösung ja sowieso schon vorne im Abstract steht. Also schaue ich mir lieber schnell das nächste Paper an… und das nächste… und das nächste….

Vielleicht sollte ich es also doch lieber andersherum aufziehen und den großen Clou der Story gleich vorne in die Fig. 1 stecken. Dann würden all die potenziellen „Schnellgang-Drüberschauer“ vielleicht wenigstens die Hauptbotschaft mitnehmen. Und wer aus irgendeinem Grund dennoch weiter liest, bekommt dann eben noch die ganzen Hintergründe dazu…

Hm… Ich glaube, so mach‘ ich’s! Man muss am Ende eben doch nach dem gehen, wie die Leute ticken, die man erreichen will.“

Ralf Neumann

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16 Gebote rund um die Leitung einer Forschungsgruppe

10. Oktober 2018 von Laborjournal

(Ging es im letzten Posting um die „Zehn ketzerischen Gebote zur wunderbaren Welt der Leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM)“, kommen hier 16 Gebote rund um die Leitung einer Forschungsgruppe. Der schwedische Evolutionsbiologe Mats Björklund präsentierte sie kürz­lich auf Twitter, wir haben sie für unseren Blog übersetzt:…)

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„Nach 38 Jahren in der Wissenschaft und 19 Jahren als Leiter einer Forschungsgruppe habe ich viel erlebt und einiges gelernt. Hier sind einige meiner Überlegungen und Erfahrungen dazu. Stimme zu oder auch nicht — das ist dann deine Sache…:

  • Wenn Du eine Gruppe leitest, arbeiten nicht Deine Leute für Dich, sondern Du arbeitest für Deine Leute. Ein gewisses Maß an Altruismus ist zwingend nötig.
  • Doktoranden und Postdocs sind nicht Deine Arbeitskräfte, um all das langweilige Zeug zu tun — sie sind Deine Kollegen, nur eben weniger erfahren. Nutze daher vor allem ihre Gehirne zum Wohle der gesamten Gruppe, und nicht nur ihre Hände.
  • Studenten respektieren Dich, wenn du ein inspirierender Lehrer bist. Das Bestehen auf Titel-Hierarchien bringt keinen Respekt, sondern behindert vielmehr einen sinnvollen Dialog. Welchen Sinn haben Titel überhaupt?
  • Pflege gute Verbindungen, vor allem nach „oben“. Gehälter und Ressourcen hängen am Ende mehr davon ab, wen Du kennst, als von dem, was Du tust. Das Schlüsselwort ist „strategisch“.
  • Wenn Du eine feste Anstellung hast, unterstütze die befristet angestellten Nachwuchswissen­schaftler. Sie sind diejenigen, die eines Tages alles von Dir übernehmen werden.
  • Eine Menge Geld auf Kosten vieler nur in wenige zu stecken, steigert nicht den wissenschaft­li­chen Output. Es führt höchstens zu einem Anstieg der Egos — und das ist keine gute Sache.
  • Halte die Vielfältigkeit der Mitarbeiter hoch, um intellektuelle Inzucht zu verhindern. Solche Art von Inzucht ist ein unfehlbarer Weg zu mittelmäßiger Wissenschaft. Darüber hinaus macht es Spaß, Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen kennenzulernen.
  • Die Zuteilung von Ressourcen folgt dem Gesetz des sinkenden Grenzertrags (Law of Diminish­ing Returns). Der erste Grant an einen Wissenschaftler bringt viel „Rendite“, der x-te fast keine mehr. Das Streuen von Ressourcen unter viele kompetente Wissenschaftler fördert die Wissenschaft.
  • Auch die Arbeitszeit folgt dem Gesetz des sinkenden Grenzertrags (Law of Diminishing Returns). Die Produktivität steigt nicht linear mit der Zahl der Stunden in Büro oder Labor. Geh nach Hause und tu etwas anderes, wenn du für den Tag mit der Arbeit fertig bist. Auch wenn es erst Mittag ist.
  • Meide große Fakultätssitzungen. Sie sind nur ein Ort für eine kleine Gruppe von Extrovertier­ten, um das zu tun, was sie am besten können — nämlich extrovertiert zu sein. Ein paar Laute spiegeln selten die Meinung der breiten Masse wider.
  • Wenn Du den Input anderer für eine Entscheidung brauchst, sind große Meetings meist nutzlos. Vier-Augen-Gespräche liefern Dir die wahre Meinung der Menschen. Das kostet Zeit, aber die ist es allemal wert.
  • Pflege ein Leben außerhalb der Wissenschaft. Was es bringt, das Hirn mal ruhen zu lassen, wird fürchterlich unterschätzt. Work-Life-Balance ist wichtiger, als Du denkst. Daher ist Urlaub auch nicht die Zeit, um Literatur nachzuarbeiten, sondern ist die Zeit für Ruhe.
  • Schreibe Deinen Namen nicht auf alles, was in Deinem Labor produziert wird. Es bläst Deinen Lebenslauf in einem Maße auf, dass Dir ohnehin niemand glaubt, er sei nicht auf Kosten der Lebensläufe Deiner Nachwuchskräfte zustande gekommen.
  • Hör zu. Hör zu. Hör zu. Zu spüren, was zwischen den Zeilen steckt — und auch was die Körpersprache sagt —, ist nicht leicht, aber dennoch fundamental, um zu wissen, wie es Deinen Leuten mit der Arbeit und ihrem Leben geht.
  • Wir haben alle Downs, wenn nichts mehr geht. Die Mitarbeiter dann dazu zu zwingen, trotzdem zu arbeiten anstatt sich zu erholen, bringt keinen Fortschritt — eher im Gegenteil. Pausen zu machen ist der Schlüssel.
  • Vergiss „wissenschaftliche Leitung“. Was ein Wissenschaftler braucht, sind Freiheit, Ressourcen (Geld und Zeit) sowie eine gute intellektuelle Umgebung. Aber keine „Leittiere“.“

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Was hat Björklund noch vergessen?

Foto: Fotolia / Stockwerk-Fotodesign

Zehn ketzerische Gebote zur wunderbaren Welt der Leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM)

4. Oktober 2018 von Laborjournal

(Den folgenden Beitrag bekam unsere Redaktion unaufgefordert zugeschickt. Der Autor ist der Redaktion bekannt.)


"Every valuable human being
must be a radical and a rebel,
for what he must aim at
is to make things better than they are."

Niels Henrik David Bohr
(Dänischer Physiker, 1885-1962, Physik-Nobelpreis 1922)

 

Vor 14 Jahren konzipierte und propagierte die DFG die sogenannte Leistungsorientierte Mittel­ver­gabe (LOM) und entließ sie als groß angelegten Freilandversuch in die medizinische For­schungs­landschaft. Oder besser gesagt: Sie ließ sie auf die Forscher in den Medizinischen Fakultäten los.

Bei der LOM konkurrieren in der Regel die verschiedenen Institute einer Fakultät um einen fixen Geldtopf. Das heißt, wenn Institut A nach irgendwelchen Kriterien, deren Sinn zumindest zweifelhaft ist, besser „produziert“ als Institut B, dann bekommt Institut B weniger Geld zugeteilt. Auch innerhalb einzelner Institute werden in vielen Fällen Kollegen direkt miteinander verglichen — sowohl in der Forschung, wie auch teilweise in der Lehre (wo der dominante Parameter allerdings häufig Quantität ist). Typischerweise spielen Impact-Faktoren von Zeitschriften eine wesentliche Rolle bei der LOM-Berechnung von „Forschungsleistungen“, obwohl deren Eignung zur Evaluation von Instituten und Einzelpersonen inzwischen selbst von Top-Journalen wie Nature oder Science klar verneint wird.

Dennoch haben viele Fakultäten die LOM-Richtlinie der DFG geflissentlich umgesetzt, ohne dass nachfolgend jemals geklärt wurde, ob sie wirklich sinnvoll ist — das heißt, ob ein messbarer positiver Effekt erzielt wird. Ob die LOM nützlich war bzw. ist, oder ob sie vielleicht vielmehr insbesondere das kollegiale Klima vergiftet, bleibt daher bis heute ungeklärt. Was aber auf jeden Fall erreicht wurde, ist, dass mehr Verwaltungspersonal zur Datenbankpflege et cetera benötigt wird. Die Relation von Forschern zu Verwaltern verschiebt sich zu Ungunsten der Forschung.

Nachfragen an die DFG mit der Bitte um Stellungnahme über mögliche Hinweise zum belegbaren Nutzen (oder Schaden) der Impact-Faktor-basierten LOM zeigen deutlich, dass die DFG sich bis auf Weiteres nicht ihrer Verantwortung für die Folgen der LOM stellt — ja sogar, dass sie auch in absehbarer Zukunft keine rigorose Evaluation durchführen will, obwohl ihr die Problematik sehr wohl bewußt ist.

Wenn man das dennoch ändern möchte, darf man also nicht weiter stillhalten. Deshalb nachfolgend eine ketzerische Liste von zehn LOM-Geboten zur wohlfeilen Reflexion. Sie könnte leicht noch länger sein, aber die Zahl 10 ist ja so schön biblisch — und 10 Gebote sollten letztlich mehr als genug sein, um potenziell LOM-induzierte Denkweisen des Homo laborensis nonsapiens darzustellen:x

Die 10 Gebote der LOM


  1. Du sollst den Kollegen vom Nachbar-Institut nicht helfen, in hochrangigen Journalen zu publizieren — vor allem, wenn die Gefahr besteht, dass sie in der LOM an Deinem Institut vorbei ziehen könnten.
  2. Du sollst Deinen LOM-Mitbewerbern nur solche Experimente vorschlagen, die viel Zeit kosten und letztendlich möglichst nicht funktionieren.
  3. Du sollst die Drittmittel-Anträge Deiner lokalen Kollegen nur oberflächlich kritisieren und eklatante Schwachstellen nicht aufdecken. Ihr Erfolg ist Dein LOM-Verlust!
  4. Du sollst Verbund-Initiativen nur gerade soweit unterstützen, wie sie Dir selbst nützen. Erfolge in diesem Bereich bringen den leitenden Kollegen in der Regel viele LOM-Punkte — was wiederum heißt, dass Du schlechter aussiehst.
  5. Du sollst in Berufungskommissionen dafür sorgen, dass in Nachbar-Instituten möglichst zweitklassige Kollegen angeheuert werden. Deren LOM-Schwäche wird Deine LOM-Stärke.
  6. Wenn Du eine Core Facility leitest, sorge dafür, dass vor allem die Kollegen Deines Instituts, am meisten aber Deine eigenen Leute von den sauteuren Gerätschaften profitieren.
  7. Du sollst Gutachtern bei Begehungen unauffällig subtile Hinweise zuspielen, die Deine LOM-Konkurenten in schlechterem Licht darstellen. Auch nonverbale Kommunikation kann hier wahre Wunder wirken.
  8. Falls Review-Artikel LOM-fähig sind, hau‘ möglichst viel davon raus! Selbst wenn deren echter „Nährwert“ oft äußerst limitiert ist, ersetzen sie doch für die LOM-Kalkulation wunderbar die deutlich mühsameren und kreativeren Originalartikel.
  9. Du sollst Kontrollexperimente und Wiederholungen von Experimenten auf ein absolutes Minimum beschränken, da diese nichts zur LOM beitragen.
  10. Du sollst Deine Ergebnisse in möglichst viele Artikel aufspalten, da dies zu einer Optimierung Deiner LOM-Punkte beiträgt.

 

In diesem Sinne, liebe Kollegen, freuen wir uns alle auf weitere Dekaden in der wunderbaren Welt der LOM. Für weitere kreative Ideen, wie man bei der LOM als Sieger vom Platz geht, einfach abends mal eine schöne Serie anschauen — zum Beispiel das gute alte Dallas mit J.R. Ewing oder auch House of Cards.

Illustration: iStock / kmlmtz66

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Sind Exzellenzcluster zwingend exzellent?

28. September 2018 von Laborjournal

Arrgh, unser Mail-Postfach quillt gerade über vor lauter Erfolgsmeldungen der einzelnen Uni­ver­si­täten, dass sie im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder irgendwie „gewonnen haben“.

Wundern tut uns das allerdings nicht. Schließlich hat gerade ein Entscheidungsgremium aus Wissenschaft und Politik zum Ende eines wahren Wettbewerb-Marathons verkündet, ganze 57 sogenannte Exzellenzcluster an insgesamt 34 deutschen Universitäten zu fördern. (Für die gesamte Förderlinie stehen ab Januar 2019 sieben Jahre lang jeweils 385 Millionen Euro Steuergelder zur Verfügung, macht also im Schnitt rund 47 Millionen Euro pro Cluster — wobei die Unterschiede im einzelnen recht groß sind, beispielsweise zwischen Geräte-intensiven und „Geräte-freien“ Disziplinen. Im Detail kann man die Liste der „Sieger“ hier studieren.)

Nun ist das insgesamt eine derartige Masse an „exzellenten“ Projekten, dass man sich unwillkürlich fragen muss, ob es denn auch noch „normale“ Forschung gibt in Deutschland. Und schon merken wir: „Exzellenz“ ist relativ. Ein Begriff, den man nahezu beliebig mit Inhalt füllen kann — so, wie man es gerade braucht. Entsprechend kommentierte etwa die Bremer Wissenschaftssenatorin und stellvertretende Vorsitzende der Gemeinsamen Wissen­schafts­kon­fe­renz (GWK) Eva Quante-Brandt das Ergebnis mit: „Die Spitze liegt in der Breite“. Aha…!? Und Bundeswissenschaftsministerin Anja Karliczek ergänzte: „Wir haben Exzellenz an vielen deutschen Hochschulen. Das ist die Stärke und die internationale Attraktivität unseres Systems.“

Hm? Sollte „Exzellenz“ per definitionem nicht immer und ausschließlich die absolute Spitze einer Pyramide darstellen? Und wird so gesehen „Exzellenz“ nicht eher abgewertet, wenn sie immer mehr in die Breite geht? Wird auf diese Weise nicht heute exzellent, was es gestern noch nicht war — schlichtweg durch Evaluation und Wettbewerbs-Sieg?

Wie gesagt, Exzellenz ist immer relativ. Es ist noch gar nicht lange her, da galt beispielsweise vielen das gesamte wissenschaftliche Tun per se als exzellent. Klar, wenn man es mit reiner Fabrik- oder Verwaltungsarbeit verglich. Wenn die Wissenschaft jedoch als Bezugsgröße nur bei sich selber bleibt, dann zitieren wir hier hierzu gerne nochmals den folgenden Absatz aus dem letztjährigen Laborjournal-Essay des alten Konstanzer Wissenschaftstheoretikers Jürgen Mittel­straß:

Damit Exzellenz wirklich werden kann, muss viel Qualität gegeben sein; und damit Qualität wirklich werden kann, muss viel Mittelmaß gegeben sein. Allein Exzellenz und nichts anderes zu wollen, wäre nicht nur wirklichkeitsfremd, sondern für die Entstehungsbedingungen von Exzellenz vermutlich fatal — sie verlöre die wissenschaftliche Artenvielfalt, aus der sie wächst. Und darum eben auch: Nicht nur Erbarmen mit Durchschnittlichkeit und Mittelmaß, sondern zufriedene Unzufriedenheit mit diesen. Es ist das breite Mittelmaß, das auch in der Wissenschaft das Gewohnte ist, und es ist die breite Qualität, die aus dem Mittelmaß wächst, die uns in der Wissenschaft am Ende auch die Exzellenz beschert — mit oder ohne angestrengte Evaluierung.

Was gleichsam bedeutet, dass man Exzellenz nicht durch Wettbewerbe „erzwingen“ kann. Wohl aber herbeireden.

Doch das ist wieder ein anderes Thema, das unter anderem der Schweizer Ökonom Martin Bins­wanger vor zwei Jahren ebenfalls in einem Laborjournal-Essay sezierte…

Ralf Neumann

Illustr.: iStock / Akindo

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Plattmachen und neu aufbauen — Frust-Antwort auf die „Wutschrift eines Physikers“

24. September 2018 von Laborjournal

(Vor zwei Wochen veröffentlichten wir an dieser Stelle die „Wutschrift eines Physikers über die «Forschungskultur» in der Biomedizin, in der der Autor heftig über die Verhältnisse in der bio­medi­zi­nischen Forschung ablederte. Neben den direkten Kommentaren dort erhielten wir die folgende Antwort, die wir hiermit als eigenen Beitrag veröffentlichen. Deren Inhalt spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wider — wie bei den Kommentaren auch. Der Autor möchte vorerst lieber anonym bleiben, ist der Redaktion aber bekannt.)

Sehr geehrte Damen und Herren,

anbei eine kleine Ansammlung von Gedanken, die mir in den Sinn kamen, als ich die Wutschrift des Physikers gelesen habe. Unter uns, die Situation in der Forschungslandschaft allgemein ist weit pre­kä­rer. Hier und da habe ich schon ähnliche Texte gelesen. Es macht 
wütend und enttäuscht, dass diejenigen, die sich ernsthaft um die Wissenschaften bemühen, von einer derartig bescheidenen Politik in ihren Projekten eingeschränkt werden. Und auf der anderen Seite werden Menschen in die Wissenschaften gedrängt, die dort fehl am Platze sind. Meines Erachtens sind die Probleme hin­reichend bekannt. Wie kann man sie lösen? Make Science Great Again. Das wäre schön!

Es ist nicht nur in der Biomedizin so, wie in der Wutschrift ange­deu­tet. Es betrifft leider die gesamte Struktur der hiesigen Forschung und Bildung. Es ist schrecklich, aber wahr, dass der Politik diese verheerende Situation längst bekannt ist. Aber entweder ist die Politik rat- und hilflos, oder es steckt Absicht dahinter, die Bildung insgesamt immer weiter herunterzufahren. Die Probleme fangen im Kindergarten an und reichen durch bis hin zu den Pro­fes­su­ren. Und anscheinend ist das System mittlerweile an allen Ecken und Kanten wie auch mitten­drin so verkorkst, dass es keine Politiker gibt, die in der Lage wären, hier gegenzusteuern. Eigentlich müsste man alles platt machen, und neu aufbauen.  Diesen Beitrag weiterlesen »

Von Daten, die in Schubladen verstauben

17. September 2018 von Laborjournal

Haben Sie auch noch jede Menge Daten in der sprichwörtlichen Schublade liegen? Daten, die schon lange eine nette, kleine „Story“ ergeben würden — wenn man sie nur mal in Manuskriptform bringen würde?

Wie bitte, in Ihrer Schublade schlummert Stoff für mehrere solcher kleinen, aber feinen Manuskripte? Oder in ihrem Regal?…

Keine Angst, Sie sind nicht allein.

Schon vor einiger Zeit stellte eine englische Forscherin den Kollegen in ihrem (leider nicht mehr existenten) Blog im Prinzip dieselbe Frage: „Stellt Euch vor, ihr bekommt keine Fördergelder mehr und könnt Euch einzig darauf konzentrieren, alle vorhandenen Daten zusammenzuschreiben — für wie lange hättet Ihr noch „Stoff“?“ Und sie meinte damit nicht das Umschreiben bereits eingereichter Manuskripte; es ging ihr vielmehr um die vielen, praktisch publikationssreif abgeschlossenen (Seiten-)Projekte, die bislang dennoch nie wirklich oben auf dem Schreibtisch gelandet waren.

Heraus kam, dass dieses Phänomen den meisten Forschern, die schon länger im Geschäft sind, offenbar wohlbekannt ist: Die Mehrzahl der Antworten lag zwischen drei und fünf Jahren.

Drei bis fünf Jahre lang könnte der Durchschnitts-Seniorforscher also noch Manuskripte schreiben — allein mit den Daten, die er längst schon hat. Da er diese Zeit aber beileibe nicht nur mit Paperschreiben verbringen kann, werden wohl jede Menge dieser interessanten kleinen (und hin und wieder vielleicht sogar großen) Geschichten niemals veröffentlicht. „Survival of the fittest results“ nennt die Autorin das treffend.

Woher aber kommt der entsprechende Selektionsdruck? Wohl daher, dass das Publikations-dominierte Belohnungssystem dem Forscher die folgende Zwickmühle beschert hat: Will er seinen Job gut machen, sollte er stets seine Resultate sorgfältig prüfen, hart nach alternativen Erklärungen fahnden und sie immer mit der aktuellen Literatur abgleichen. Das allerdings kostet Zeit. Wenn Forscher X aber zu viel Zeit mit diesen Dingen „vertrödelt“, riskiert er, als unproduktiv abgestempelt zu werden. Und dann kann es schnell schwer werden, weiterhin Fördergelder zu bekommen.

Also bunkert Forscher X das weniger dringende Material in der Schublade und schreibt lieber erstmal den nächsten Antrag — nicht zuletzt auch, um das Hauptprojekt der Gruppe weiter am Laufen zu halten. Wird dieser dann bewilligt, muss er natürlich umgehend die beantragten Projekte auch machen. Mit den resultierenden Daten muss er gleich wieder Paper schreiben, damit er frische Argumente für den nächsten Folgeantrag hat… — und so geht das Spiel in die nächste Runde

Und während diese Mühle unerbittlich weiter läuft, versinkt das, was er in der Schublade bunkert, tiefer und tiefer im Staub.

Wer weiß, wie viele kleine Schätze mit etwas weniger Antragsdruck von dort geborgen werden könnten..

Ralf Neumann

Foto: iStock / Paperkites

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Wutschrift eines Physikers über die «Forschungskultur» in der Biomedizin

10. September 2018 von Laborjournal

In schöner Regelmäßigkeit erhalten wir von unseren Lesern E-Mails, die man im Englischen als «Rant» bezeichnen würde. „Wutschrift“ oder „Tirade“ würde es im Deutschen wohl am ehesten treffen. Und natürlich sind es meist irgendwelche Zustände im hiesigen Wissenschaftssystem, die den Autoren immer wieder die Zornesröte ins Gesicht treiben.

Mit dieser allgemeinen Einleitung sollte die Neugier auf ein konkretes Beispiel geweckt sein. Also gut, nehmen wir etwa die folgende Mail, die uns ein Physiker bereits vor einiger Zeit zuschickte und in der er zwar nur kurz, aber heftig über die Verhältnisse in der biomedizinischen Forschung ablederte. Geben wir ihm also selbst das Wort:…

Als Physiker, genauer gesagt als Theoretiker, der eher Einzelkämpfertum gewohnt war, geriet ich vor Jahren vom Hamburger DESY, also der Hochenergiephysik, in die biomedizinische Forschung — und ich kann nur sagen: Ein echter Kulturschock! PI-Kult und Impact-Faktor-Fetischismus ohne Ende. Dazu eine ausgeprägte Projektitis: Jedes Projekt kündigt mindestens die ultimative Erklärung für irgendetwas an, wenn nicht dazu sogar noch Firmenausgründungen, Patente und vieles andere mehr. Völlig logisch daher, dass die Antragsteller auf diese Weise schon im Antrag versprechen, was am Ende rauskommen wird (deliverables) — und in welchen Zeitabschnitten (milestones). Reine Beutegemeinschaften, meist mit einem Haupt-Beutegreifer.

Preprints — in der Physik fest etabliert — scheinen in der Biomedizin als Teufelswerk verschrien. Seit zehn Jahren versuche ich meinen Chef von Preprint-Publikationen zu überzeugen. Doch ich höre immer nur: Beim Publizieren fängt man bei Nature, Science und Co. an. Fast immer wird das Manuskript abgelehnt, und man schreibt es für das nächste Journal um, et cetera — um es schließlich nach einem halben Dutzend Versuchen in einem passenden Journal unterzubringen. Am Ende ist dafür dann mehr Zeit vergangen als für die Forschung selbst.

Was für eine irrsinnige Verschwendung von Zeit und Steuergeldern! Und am Ende muss man sich dann anhören: „Associate-Professor wollen Sie werden? Dafür haben sie aber nicht genügend Paper pro Zeiteinheit geschrieben.“

Schlimmer noch trifft’s die Doktoranden und Postdocs: Die sind eh nur Verbrauchsmaterial — fast schon Sklaven, mit denen man machen kann, was man will. (Kürzlich sagte bei uns etwa ein PI zum Erstautor eines Manuskripts: „Ich habe mit meinem PI-Kumpel beim Mittagessen über das Paper geredet, deshalb muss er mit auf die Autorenliste.“ Und das zielgenau nach der zweiten Revision, als klar war, dass das Paper durchkommt…) Ein Aufstand ist nicht möglich, sonst kann man sich den nächsten Zeitvertrag abschminken — nur um dann nach 15 Jahren doch auf der Strasse zu landen.

Programme, die mit viel Geld und Zeit gestartet wurden, verrotten vor solchem Hintergrund mannigfach auf irgendwelchen Servern — weil irgendwann keiner mehr da ist, um sie zu pflegen und weiterzuentwickeln. Wieder viel Steuergeld für die Katz‘! Kontinuierlicher Aufbau von Wissen und Knowhow findet so kaum statt — auch weil es ja keinen akademischen Mittelbau mehr gibt, der ihn weiter tragen könnte. Dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz sei dank!

So wird man die großen Fragen sicher nicht lösen. Sei es die nach der Entwicklung eines ganzen Lebewesens aus nur einer befruchteten Eizelle, oder die, warum wir altern und sterben, oder warum es überhaupt Leben auf der Erde gibt…

Irgendwelche Einsprüche? Bestätigungen? Relativierungen? Oder gleich noch einen «Rant» hinterher? …

Nehmen wir gerne! Als Kommentar hier unten oder via E-Mail an redaktion@laborjournal.de.

Illustr.: DeviantArt / baleshadow

 

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