Die Verwaltung nervt!

14. Oktober 2021 von Laborjournal

Aus unserer Reihe „Gut gesagt!“:

 

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[…] Die Zahl des Verwaltungspersonals an vielen Universitäten wächst stetig, und zunehmend drängen sie mit immer nervenderen Forderungen der Art „Entschuldigung-aber-wir-müssen-diese-Sache-unbedingt-juristisch-wasserdicht-absichern-und-brauchen-dazu-umgehend-noch…“ in die wertvolle und sehr begrenzte Zeit von uns Wissenschaftlern hinein. Sogar Weltklasse-Unis, wie die in Oxford, bleiben davor nicht verschont. Die Konsequenz ist, dass Wissenschaftler immer weniger Zeit aufbringen können, um wirklich tief und sorgfältig über Strategien nachzudenken, wie sie ihre Forschungsprojekte besser entwickeln könnten. Noch weniger Zeit bleibt – und das wäre vielleicht sogar noch wichtiger –, in der Wissenschaftler kostbare Stunden mit ihren Kollegen in lockerer Plauderei darüber verbringen dürfen, welche wirklich großen neuen Fragen gestellt werden müssen und wie diese am besten angegangen werden können. […]

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… Sagte Stephan Feller, Professor für Tumorbiologie am Institut für Molekulare Medizin, ZAMED, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, in Laborjournal 7-8/2017 („Jenseits des Hamsterrads“, S. 6-11)

 

Im Herbst 2021

5. Oktober 2021 von Laborjournal

Wo stehen wir heute nach über zwanzig Jahren „Public Understanding of Science“?

Ein Gastbeitrag von Ernst-Peter Fischer

Zum einen: Die seit 1965 existierende Politik- und Kulturzeitschrift „Kursbuch“ bekommt eine neue Mitherausgeberin, die Astrophysikerin, Buchautorin und FAZ-Redakteurin Sibylle Anderl. In der Begründung dieser sicherlich guten Erweiterung zitiert das alte Herausgebergremium Andere selbst mit den Worten: „Wir stehen derzeit vor einer Reihe gesellschaftlicher Herausforderungen, die ganz entscheidend den Transfer wissenschaftlichen Wissens in die Öffentlichkeit verlangen.“

Ach du meine Güte! Das versucht man mit der Initiative „Public Understanding of Science“ seit mehr als zwanzig Jahren – und ist dabei kläglich gescheitert, weil immer dieselben alten Leute immer dieselben alten Wege gehen. Und jetzt stapft alles weiter in die falsche Richtung. Es ist zum Heulen und Zähneklappern.

Zum zweiten: In der Süddeutschen Zeitung vom 2./3. Oktober 2021 beklagt sich der Lyriker, Romancier und Verleger Michael Krüger darüber, dass es im Bundestagswahlkampf an keiner Stelle um Bildung und Kultur ging. Für mich gehört in besonderer Weise die Wissenschaft zu diesem Duo, da nicht nur ihre Produkte (Chips, iPhones,…), sondern auch die dazugehörigen Weltanschauungen die Gegenwart und das Denken der sich darin auslebenden Gesellschaft prägen.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat eine eigene Abteilung für „Bildung und Wissenschaft“, die am 1. Oktober zur Vorstellung einer Studie lud, in der es um die Frage „Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik?“ ging. Wem das schon ziemlich ungebildet vorkam, wurde bei dem begleitenden Text noch verzweifelter. Hier war nämlich zu lesen: „Wissenschaft hat Konjunktur“ – und zwar deshalb, weil nur sie „einen Ausweg aus der Jahrhundertkrise der Corona-Pandemie“ zeigen kann, die die Stiftung meint.

„Ach!“, würde Loriot sagen, ohne zu ahnen, dass nach diesem lächerlichen Auftakt ein erschreckender Satz kommt: „Gleichzeitig ist Wissenschaft für viele ein unbekanntes Terrain“ – und die meisten Menschen „wissen wenig darüber, wie sie funktioniert.“ Das stimmt leider, doch es stimmt zugleich unendlich traurig, dass solch ein Satz noch mehr als zwanzig Jahre nach Gründung der bereits erwähnten und bestens finanzierten Initiative mit Namen „Public Understanding of Science“ geschrieben werden kann, aus der eine mit viel Personal bestückte und als GmbH organisierte Arbeitstruppe hervorgegangen ist, die sich für „Wissenschaft im Dialog“ zuständig fühlt.

Wobei die Öffentlichkeit allerdings ausgeschlossen bleibt. Jedenfalls habe ich noch niemanden getroffen, der zum Dialog aufgefordert worden ist. Erneut haben dies das oben zitierte Kursbuch und der Wahlkampf gezeigt.

Bildung und Wissenschaft haben es in Deutschland schwer, wo Ethikräte das Sagen habe, die nicht auf die Idee kommen, zu überlegen, welche Wissenschaft die Gesellschaft braucht – dazu fehlt den Mitgliedern offenbar die Bildung, die sie mit der Kompetenz verwechseln, die sie sich selbst zuschreiben. Vielmehr üben sich Ethikräte mit Rätinnen verbissen in der Kunst, es nicht gewesen zu sein.

Bildung zählt nichts mehr im einstigen Land der Dichter und Denker. Und eines Tages werden alle Menschen dafür zahlen müssen, ganz gleich, ob sie das verstehen oder nicht.

Zum Dritten ein vergnügliches Zitat von Gustave Flaubert: „Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben, aber ein Meer von Scheiße schlägt an seine Mauern, genug, um ihn zum Einsturz zu bringen.“ In solch einem Elfenbeinturm sitzen Bildung und Wissenschaft. Und es ist nicht zu übersehen, wer da mit der Scheiße schmeißt.

 

Ernst Peter Fischer ist Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftspublizist. Nach dem Studium der Mathematik, Physik und Biologie promovierte er bei Max Delbrück am California Institute of Technology (Caltech) in Pasadena – und habilitierte sich schließlich in Wissenschaftsgeschichte an der Universität Konstanz. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze – darunter beispielsweise „Die andere Bildung“ oder „Das große Buch der Evolution“.

(Illustr.: Vera Villanueva)

 

Bremsen Reviews die Zitierraten von Originalartikeln aus?

29. September 2021 von Laborjournal

Reviews sind wichtig, keine Frage. Oftmals macht der breite Blick auf’s Feld erst richtig klar, wo es wirklich steht — und viel wichtiger: welches die drängendsten offenen Fragen sind.

Reviews können aber noch etwas anderes, eher unangenehmes: Zur falschen Zeit veröffentlicht, können sie die verdiente Anerkennung für so manchen Originalartikel deutlich schmälern.

So begannen wir unseren Artikel „Der falsche Review zur falschen Zeit“, in dem wir an einem anekdotischen Einzelfall beschrieben, wie so etwas konkret passieren kann: Dass ein Review einem kurz zuvor erschienen Originalartikel viele wohlverdiente Zitierungen „klauen“ kann.

Aber ist das jenseits einzelner Anekdoten auch generell der Fall? Im Jahr 2014 erschien beispielsweise eine Studie mit dem Titel „The kiss of death? The effect of being cited in a review on subsequent citations“, in der die Autoren biomedizinische Originalartikel, die in Review-Artikeln zitiert wurden, mit solchen verglichen, die in keinem Review zitiert wurden (J. Assoc. Inf. Sci. Technol. 65(7): 1501-5). Damals fanden sie keinen Unterschied in der Lebensdauer der Zitate zwischen beiden Gruppen.

Eine deutlich umfangreichere Studie aus diesem Jahr bestätigt dagegen zunächst den obigen Verdacht (Am. Sociol. Rev. 86(2): 341-76). Die Autoren von der Stanford University in Kalifornien werteten dazu die Zitationsdaten von knapp sechs Millionen Originalartikeln aus, die zwischen 1990 und 2016 in 1.155 Forschungs-Zeitschriften erschienen und hinterher in einem Übersichtsartikel der Annual-Reviews-Serie zitiert wurden. Ergebnis: Die meisten dieser Originalarbeiten erlitten nach Referenzierung in den Annual Reviews einen Verlust von durchschnittlich vierzig Prozent an zukünftigen Zitierungen.

Allerdings nur „die meisten“! Einige wenige Originalartikel erhielten nach Erwähnung und Referenzierung in einem Übersichtsartikel der Annual Reviews hingegen einen deutlichen Zitationsschub. Als die Autoren sich diese Artikel gesondert anschauten, stellten sie fest, dass es sich bei der Mehrheit um eine ganz bestimmte Gattung handelte, die sie daraufhin als Bridging Papers bezeichneten. Diese „Brücken-Artikel“ zeichnen sich dadurch aus, dass sie Verbindungen zwischen Forschungsgebieten schaffen, die bis dahin kaum Austausch miteinander hatten – mit der Konsequenz, dass viele erst durch den entsprechenden Review auf das jeweilige Paper aufmerksam wurden und dessen Ergebnisse nachfolgend in die eigenen Forschungsprojekte integrierten.

Entsprechend zeigte die weitere Analyse nachfolgender Ko-Zitationsnetzwerke, dass solche durch einen Review hervorgehobenen Brücken-Artikel oftmals zu zentralen Brennpunkten künftiger Themen und Forschung wurden – und dass die Reviews selbst auf diese Weise ganze Forschungsfelder neu strukturierten. Womit in diesen Fällen wohl das Beste passiert ist, was ein Review leisten kann.

Hauptautor Peter McMahan, Soziologe an der McGill University in Montreal, war zum Schluss allerdings noch wichtig, die Ergebnisse seiner Studie auf Nature Index folgendermaßen zu relativieren: „Zitate sind eine wirklich starke Währung für Akademiker. Aber der Einfluss der Forschung oder eines bestimmten Projekts, das ein Team, ein Labor oder eine Einzelperson durchführt – dieser Einfluss ist eigentlich eine viel reichhaltigere, größere und komplexere Angelegenheit, als dass er alleine durch Zitate gemessen werden kann.“

Ralf Neumann

(Illustr.: GoGraph /OstapenkoOlena)

Alte Dampflok „Wissenschaft“

22. September 2021 von Laborjournal

Ursachen für die wachsenden Verstöße gegen die wissen­schaftliche Integrität sind eine eklatante Ungleich­verteilung von Macht, systemische Fehlanreize durch die Bevorzugung quantitativer Indizes bei der Leistungsevaluation sowie zu schwache Kontrollmechanismen und Sanktionsmöglichkeiten. Dieses Fazit referierte Bettina Dupont in unserem Online-Artikel „Kein Platz für Opportunisten und Narzissten“, in dem sie ein Positionspapier aus dem Umfeld der Deutschen Psychologischen Gesellschaft zum Thema „Unethisches Verhalten in der Wissenschaft“ vorstellte.

Zu diesem Artikel beziehungsweise zu diesem Thema erhielten wir die folgende Zuschrift, die wir unserer Leserschaft nicht vorenthalten wollen:

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Frau Bettina Dupont,

danke für den Artikel. Beim Lesen kam mir ein Bild in den Sinn, das die Situation in der Wissenschaft oder vielmehr deren Wesen für mich recht gut beschreibt. Ich stelle mir die Wissenschaft – in meinem Fall die „Life Sciences“ – als eine alte Dampflok vor, die viel Getöse und viel Qualm macht. Sie kommt voran, wenn auch nur sehr schwerfällig und steif. Ihr Kesselfeuer ernährt sich von Karriere-Träumen, eine schier unerschöpfliche Energiereserve. Ihre Energiebilanz ist aber mehr als ungünstig. Die Heizer haben viel zu tun. Wenn sie fleißig sind, dann dürfen sie den feinen Herrschaften in ihren wohligen Pullman-Salonwagen kurzeitig Gesellschaft leisten. Vielleicht wird ihnen ja auch irgendwann einmal ein dauerhafter Platz zugeteilt und ein junger Traum schafft es in den Führerstand.

Lohnt es sich, diesem alten Stahlmonster ein „Upgrade „zu geben, oder ist es nicht sinniger, gleich einen modernen Triebwagen mit vielen Sitzmöglichkeiten und besserer Energiebilanz zu besorgen?

Ich kann sie gerade ganz deutlich durch all den Qualm und Dreck sehen, die alte Dampflok. (Ich stecke gerade in einer SFB-Begutachtung und mein Vertrag endet zum x-ten Mal).

Beste Grüße

(Der Autor der Zuschrift ist der Redaktion bekannt.)

(Foto: National Heritage Memorial Fund UK)

 

„Viel Work, wenig Balance“

25. August 2021 von Laborjournal

Aus unserer Reihe „Gut gesagt!“:

 

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[…] Damit wieder zurück zu unserer idealen Welt. Wo sind wir jetzt, im Idealfall? Wir haben einen tollen Forschungsantrag geschrieben, den auch bewilligt bekommen und sind nach langer Suche nun Professorin oder Professor an einer Universität. Jetzt brauchen wir erst mal motivierte Studentinnen und Studenten, die für uns im Labor arbeiten; schließlich waren wir selbst da ja wohl lange genug tätig… Da kommt dann aber schon das nächste Problem: die heutige Generation der Studierenden. Diese nennt sich Generation Y (= Why?), weil sie alles hinterfragt und – wie mir kürzlich ein Student sagte – nach einer „Work-Life-Balance“ sucht. Aha, „Work-Life-Balance“. Erzählen Sie das mal jemand in Oxford, Cambridge, am MIT, in Berekley, an der ETH Zürich, etc…. Die erklären ihn gleich mal, was „Work-Life-Balance“ ist: nämlich viel „Work“ und wenig „Balance“. […] Kürzlich fragte mich beispielsweise ein Student, ob er wegen eines Kletterwettkampfes in Mumbai (Indien) zwei von sechs Praktikumstagen versäumen könnte, weil er eben beides machen wollte – Klettern und Studium; alternativ könnte ich für ihn persönlich ein zusätzliches Praktikum anbieten, in dem er die verlorenen Tage nachholen könnte. Ich glaube, hier läuft irgendetwas wirklich ganz, ganz falsch. Aber ist es „politically correct“, das auch mal so auszusprechen? Man ist ja sonst wieder gleich der autoritäre Ordinarius aus der Vorzeit […]

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… Sagte Alexander Hüttenhofer, Professor für Molekularbiologie am Biozentrum der Medizinischen Universität Innsbruck und Leiter des dortigen Instituts für Genomik und RNomik, in Laborjournal 7-8/2016 („Von Gutachten, Gutachtern, Geldgebern und allem anderen“, S. 6-11)

 

Die Fabel vom Forscher, der traurig wurde…

18. August 2021 von Laborjournal

Es war einmal ein außergewöhnlich begabter junger Forscher. Dass er sein Handwerk in Rekordzeit lernte, war das eine. Viel mehr noch aber beeindruckte er mit seinem enormen analytischen wie auch kreativen Verstand. Wo die Kollegen schon lange vor der Komplexität gewisser Probleme kapituliert hatten, sezierte er mit spielerischer Leichtigkeit die entscheidenden Einzelteile heraus – und lieferte oft genug robuste Hypothesen und elegante experimentelle Strategien gleich mit.

Klar, dass solch ein Forscher bald sein eigenes Institut leitete. Und so entwickelte er Jahr um Jahr mit seinen Assistenten und Studenten immer wieder neue originelle Forschungsprojekte – und hatte auch stets Mittel und Stellen dafür.

Eines Tages jedoch merkte er, dass er inzwischen immer mehr Zeit und Mühe aufbringen musste, um den Geldfluss am Laufen zu halten. Kaum sprudelte ein Geldhahn mal eine Weile, versiegte der Strom auch schon bald wieder. Ein neuer musste also geöffnet werden, und dann umgehend wieder ein neuer…

Irgendwann fraß das Geldhahnöffnen auf diese Weise so viel Zeit, dass unser Forscher kaum mehr dazu kam, komplexe Forschungsprobleme tief und eindringlich zu durchleuchten – so wie früher eben. Am Ende ließ er es schließlich ganz. Denn glücklicherweise genügte ihm das schnelle Ausspinnen von flachen und naheliegenden Projekten, um gerade immer genug „Kurzsprudler“-Geldhähne am Laufen zu haben. (Die „Langsprudler“ hingegen schienen inzwischen ausgestorben.)

Seine Studenten dankten es ihm. Denn gerade die mussten wegen der schneller versiegenden Geldhähne jetzt umso hurtiger Resultate liefern, um nicht vollends auf dem Trockenen zu landen. Das wollte unser Forscher natürlich auf keinen Fall. Und so ersponn er auch deswegen nur noch seichte Projekte, bei denen die Ergebnisse schon durch die Oberfläche schimmerten.

Allerdings merkte kaum einer, wie er sich über all dies grämte. Und wenn er nicht gestorben ist, dann ist unser einstmals so brillanter Kopf heute umso trauriger, dass er schon lange nur noch mittelmäßige Forschung macht.

Ralf Neumann 

Foto: lukasbieri / Pixabay

(Der Artikel erschien bereits in unserer Printausgabe 1-2/2019 auf Seite 8.)

 

Akademische Forschung — ein Genuss?

11. August 2021 von Laborjournal

 

 

Bereits vor einiger Zeit fragte der US-Geograph Austin Kocher auf Twitter:

 

Inzwischen hat er darunter über 1.400 Antworten gesammelt, warum die einen es genießen, in der akademischen Forschung aktiv zu sein – und warum andere eben nicht.

Da wären die durchweg positiven, wie etwa:

 

Aber es gibt natürlich auch weniger positive, wie etwa:

 

Und es gibt die klar negativen wie diesen hier:

 

Insgesamt sind die positiven aber ganz klar in der Überzahl. Wer also mal wieder hadert, ob sie oder er in der akademischen Forschung richtig ist, kann sich von dieser Twitter-Konversation mit über tausend „Überzeugungstätern“ gut wieder aufrichten lassen ;-).

 

Über den Unsinn, Forscher nach Höhe ihrer Fördermittel zu beurteilen

28. Juli 2021 von Laborjournal

Why you shouldn’t use grant income to evaluate academics“ war der Titel des Kurzvortrags, den Dorothy Bishop, Professorin für Experimentelle Psychologie an der Universität Oxford, kürzlich bei einem Meeting zum Thema „Irresponsible Use of Research Metrics“ hielt. Darin räumte sie auf mit der allzu simplen Logik, aufgrund derer die Summe der eingeworbenen Forschungsmittel inzwischen ein immer größerer Evaluations-Faktor geworden ist.

Wer viel Geld bewilligt bekommt, der kann nicht schlecht sein – so der Kerngedanke dahinter. Zumal die Kandidaten mit den entsprechenden ja immer wieder jede Menge kritische Kollegen überzeugen muss. Ganz klar also: Wo nach eingehender Prüfung stetig Geld hinströmt, da muss auch Qualität sein.

 

Auch mit teurer Technologie erntet man bisweilen nur tiefhängende Früchte.

 

Bis heute, so stellt Dorothy Bishop dazu klar, habe man keinerlei belastbare Korrelation zwischen Antragshöhe und Antragserfolg feststellen können – unter anderem, da bei letzterem einfach zu viel Glück und Zufall im Spiel ist. Man würde daher vor allem dafür belohnt, wie viel Glück man hat. Und das sei letztlich ziemlich demoralisierend für die Forscher, da sie sich nicht auf faire Weise evaluiert fühlen.

Wir nahmen dies in einem früheren Blog-Beitrag einmal folgendermaßen aufs Korn:  Diesen Beitrag weiterlesen »

Evidenz — und dann lange nichts mehr?

21. Juli 2021 von Laborjournal

Ein großer Kritikpunkt im Rahmen der Bewältigung der Corona-Krise lautet, dass die Entscheidungen der Politik zu wenig evidenzbasiert zustandekommen. Dies wiederum – so die Kritiker weiter – liege jedoch mit daran, dass die medizinischen (und auch andere) Wissenschaften zu wenige Daten systematisch nach den Maßgaben der evidenzbasierten Medizin erheben. Mit der Folge, dass sich die Politikberatung nur selten auf echte und robuste Evidenz aus den (medizinischen) Wissenschaften stützen kann.

In seiner Kolumne „Von Botswana lernen, heißt im Kampf gegen Corona siegen lernen!“ schrieb etwa unser „Wissenschaftsnarr“ Ulrich Dirnagl dazu:

Wir haben eine Flut von Studien, die die Wirksamkeit von Corona-Maßnahmen mittels statistischer Modellierung untersuchen – und nicht ganz überraschend zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. […] Dazu gibt es eine Flut von Beobachtungsstudien, welche die Effekte von Corona-Maßnahmen zum Gegenstand haben. Aber solche Beobachtungsstudien liefern nur schwache Evidenz und erlauben keine kausalen Schlussfolgerungen. Was wir deshalb bräuchten, sind randomisierte und kontrollierte Studien (RCT), in denen spezifische Corona-Maßnahmen als Intervention getestet werden. RCTs sind schließlich der Goldstandard zur Überprüfung therapeutischer Interventionen in der Medizin.

Aber ist das wirklich der Weisheit letzter Schluss? Brauchen wir zu den diversen offenen Fragen der Corona-Pandemie tatsächlich nur systematisch Studien nach dem Goldstandard der evidenzbasierten Medizin durchführen – und alles wird gut?

Ganz sicher nicht, meint Trisha Greenhalgh, Professorin für Primary Care Health Science an der Universität Oxford, in einem aktuellen Editorial für PLoS Medicine. Mehr noch: Gleich in der Überschrift dreht sie den Spieß komplett um und stellt stattdessen die Gegenfrage: „Wird COVID-19 zur Nemesis der evidenzbasierten Medizin?“    Diesen Beitrag weiterlesen »

„Mein“ Paper musst du selber schreiben!

14. Juli 2021 von Laborjournal

Zählen wir mal alle diejenigen zusammen, die die akademische Welt sofort nach der Doktorarbeit oder dem ersten Postdoc ein für allemal verlassen. Oder gar mittendrin die Segel streichen. Damit wäre sicherlich bereits die klare Mehrheit all derer beisammen, die jemals eine Doktorarbeit oder einen Postdoc begonnen haben.

Und jetzt überlegen wir mal weiter, wie viele potenzielle Paper deswegen niemals geschrieben worden sind. Es dürften ziemlich viele sein!

Bei den Abbrechern ist es klar: Sie haben eine Weile Daten produziert, bis sie aus verschiedenen Gründen der Forschung plötzlich Knall auf Fall „Adieu“ sagen. Nur die allerwenigsten dürften danach noch erhebliche Zeit des neu begonnenen Lebensabschnitt dafür opfern, um dem Ex-Chef die „alten“ Daten für ein Manuskript aufzubereiten. Mit welcher Motivation auch?

Dummerweise haben aber ebenso oft diejenigen, die gleich nach abgeschlossenem „Doktor“ oder abgelaufenem „Postdoc“ umschwenken, noch genug selbstproduziertes und spannendes Daten-Rohmaterial für die eine oder andere weitere Veröffentlichung übrig. Doch haben diese Umsteigerinnen und Umsteiger jetzt noch genug Motivation, damit „posthum“ noch das eine oder andere Paper-Manuskript zu verfassen? Neben dem neuen und womöglich völlig anders gelagerten Job? In ihrer Freizeit? Sicherlich sehr selten!

Oftmals hilft dann auch kein Bitten und kein Flehen – vehementes Fordern oder gar Drohen sowieso nicht. Und auch ein schlechtes Gewissen lassen sich die Abwandernden kaum noch einreden – nach dem Motto: „Sowohl die Forschergemeinde als auch die Öffentlichkeit, die dich finanziert hat, haben ein Recht darauf, deine Erkenntnisse mitgeteilt zu bekommen.“

Also bleibt den Bossen und Chefinnen schließlich nichts, als über ehrlose Ex-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter zu jammern und deren Daten selbst zu einem Manuskript zusammen zu puzzeln.

Doch wie kommt es überhaupt soweit? Vielleicht, weil erstere das Manuskriptverfassen nie mit in die Vertragslaufzeiten einplanen? Weil sie stattdessen alle und jeden bis zum Vertragsende experimentieren lassen – und darauf bauen, dass man die Paper ja irgendwie auch danach noch schreiben kann? Und dies wiederum, weil sie davon ausgehen, dass ihre Schützlinge selbstverständlich auch danach noch in der Forschung weitermachen – und die Veröffentlichungen daher für die eigenen Karriere brauchen?

So gesehen könnte es also durchaus sein, dass mancher Boss und manche Chefin selber schuld an dem Dilemma sind.

Ralf Neumann

 

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