Wirklich nur kleine Lügen?

24. Juni 2020 von Laborjournal

Forschung sei stets auf der Suche nach Wahrheit, heißt es ein wenig pathetisch. Dennoch greifen Forscherinnen und Forscher gerne zu kleinen Lügen — vor allem dann, wenn sie ihre Paper schreiben. Denn wären sie immer und überall grundehrlich, müssten sie die „Storys“ ihrer Erkenntnisse in den allermeisten Fällen nach ähnlichem Muster erzählen wie im Folgenden dieser Pflanzenforscher hier:

„Eigentlich hatten wir den Verdacht, dass Substanz X die Entwicklung von Wurzelhaaren beeinflusst. Doch als wir sie testeten, passierte nix mit den Wurzelhaaren. Zum Glück fiel uns bei älteren Pflanzen jedoch auf, dass mit den Blättern irgendetwas nicht stimmte: Die Leitbündel waren etwas weniger stark verzweigt als normal. Aus der Literatur weiß man nun aus völlig anderen Zusammenhängen, dass Substanz X die Aktivität einiger Kinasen blockiert. Zugegeben, wir hatten X getestet, weil wir ursprünglich vermuteten, dass Kinasen eine Rolle bei der Wurzelhaarbildung spielen. Jetzt scheint dies aber eher bei der Leitbündel-Differenzierung der Fall zu sein. Was ja auch nicht schlecht ist, oder?“

Klar, dieses hypothetische Szenario würde so nie in einem Journal stehen. Dort würde man eher eine „Story“ nach dem folgenden — verkürzten — Schema lesen:

„Aus diesen und jenen Gründen fanden wir es durchaus plausibel, dass Kinasen eine regulatorische Rolle in der Leitbündel-Differenzierung spielen könnten. Also unterwarfen wir unseren Verdacht einem ersten Test, indem wir prüften, ob der Kinase-Hemmer X irgendwelche Auswirkungen auf die Leitbündel-Verzweigung hat. Dies war tatsächlich der Fall, womit unsere Ausgangshypothese vorläufig untermauert ist.“

Ein wenig gelogen also. Aber ist es nicht legitim, die Ergebnisse auf diese Art in einen logischen und nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen? Damit man sie besser versteht? Es scheint jedenfalls gemeinhin akzeptiert.

Doch Vorsicht: Allzu schnell wird aus solchen „kleinen Lügen“ eine große. Im obigen Beispiel lautete die Ausgangshypothese „X hemmt Wurzelhaarbildung“. Beobachtet man daraufhin etwas ganz anderes, kann das zwar durchaus interessant sein — aber man muss es zwingend in einem neuen Experiment mit neuer Hypothese testen. Nur dann kann man ausschließen, dass man im ursprünglichen Test einem zwar signifikanten, aber letztlich doch falsch-positiven Unterschied zwischen Experiment und Kontrolle aufgesessen ist.

Lässt man dies weg und konstruiert gleich um den Zufallsfund eine „passende“ Hypothese, führt man die Leserinnen und Leser an der Nase herum. Und nicht selten wahrscheinlich auch sich selbst.

(Übrigens: Auf diese Art eine Hypothese zu formulieren, nachdem man gewisse Ergebnisse hat, nennen die Spezialisten HARKing — von hypothesizing after the results are known. Der Sozialpsychologe Norbert Kerr charakterisierte den Begriffs bei bei seiner Einführung 1998 als „presenting a post hoc hypothesis in the introduction of a research report as if it were an a priori hypothesis“.)

Ralf Neumann

MTLAs – Systemrelevant, aber kaum beachtet

8. Juni 2020 von Laborjournal

Foto: Klinikum Dortmund

Ist den Leuten eigentlich klar, welch verantwortungsvolle Arbeit in der Coronakrise gerade Medizinisch-Technische LaboratoriumsassistentInnen (MTLA) leisten? Die Betroffenen selbst scheinen dies nicht zu meinen — und fühlen sich in ihrem Beruf zu wenig wertgeschätzt. Dies zwar nicht erst jetzt — aber jetzt gerade ganz besonders. Jedenfalls haben wir gerade die folgende E-Mail über Maßnahmen erhalten, mit denen mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung für diese gesamte Berufsgruppe geschaffen werden soll:

Liebes Laborjournal-Team,

als Medizinisch-technische Laboratoriumsassistentinnen (MTLA) verfolgen meine Kolleginnen und ich mit Aufmerksamkeit die aktuelle Corona-Krisensituation und den medialen Umgang damit. Leider wird unserer Berufsgruppe bei den meisten Diskussionen keinerlei Beachtung geschenkt. Dabei sind wir es, die — unter vielen anderen gesundheitsrelevanten Tests, oft in Nacht- und Wochenendschichten — auch für die SARS-CoV-2 Diagnostik zuständig sind. Den meisten Menschen ist dies — genau wie unser vielseitiger Beruf — völlig unbekannt. Es wäre jedoch an der Zeit, den Beruf der MTLA und unsere höchst verantwortungsvolle Arbeit ein wenig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, zumal es aktuell schon einige Nachwuchsengpässe gibt, die in den nächsten Jahren noch deutlich zunehmen werden, wohingegen der Bedarf an MTLA deutlich steigen dürfte. Ich habe deshalb im Namen meiner Kolleginnen einen „Offenen Brief“ an unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel verfasst, der in Kopie auch an den Bundesminister für Gesundheit, Jens Spahn, sowie den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ging. Leider gab es keinerlei Antwort darauf. Darüber hinaus habe ich zu den Punkten im Brief eine Online-Petition beim Deutschen Bundestag eingereicht. Sie ist unter folgendem Link aufzurufen:

[Link]

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie meine Kolleginnen und mich dabei unterstützen würden, auf die Situation der MTLA aufmerksam zu machen. Wir brauchen 50.000 Mitzeichner bis 30. Juni!

Mit freundlichen Grüßen […]

Bis heute haben erst schlappe 342 Personen die Petition unterzeichnet. Geht da noch was?

Im Corona-Shitstorm

3. Juni 2020 von Laborjournal

In unserer Reihe „Forscher Ernst und die Corona-Krise“ …

(Gezeichnet von Rafael Florés. Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier.)

Reingefallen!

28. Mai 2020 von Laborjournal

Argh, irgendwann musste es uns ja auch mal passieren — und in unserem letzten Heft war es jetzt soweit: Wir sind auf ein manipuliertes Bild hereingefallen.

In Laborjournal 5/2020 brachten wir in unserer Rubrik „Das besondere Foto“ auf Seite 6 die folgende histologische Aufnahme:

Und wir schrieben dazu:

Solche Gesichter sieht man angesichts der Corona-Pandemie womöglich gerade öfter. Was der tunesische Pathologe Nejib Ben Yahia vom Farhat Hached Hospital in Sousse hier genau unter dem Mikroskop hatte, verrät er leider nirgendwo. Vielleicht kommt das Präparat jemandem unter unserer Leserschaft bekannt vor?

Die erste Antwort, die wir dazu erhielten, lautete:

Es scheint sich um einen histologischen Schnitt der Unterhaut (Subkutis) zu handeln. Man sieht 2 große eindrucksvolle Vater-Pacini-Tastkörperchen (Lamellenkörperchen), bei denen es sich um Mechanorezeptoren der Haut handelt, die Druckveränderungen und mechanische Vibrationen wahrnehmen. Darunter ist (sozusagen als „Mund“) eine Arterie angeschnitten.

Die nächste Antwort bestätigte dies zwar, machte uns aber bereits misstrauisch:

Haut mit Gefäss (Mund) und 2x Vater-Pacini-Körperchen (mit Spiegelachse in der Mitte). Das wurde wohl etwas retuschiert.

Und mit der nächsten Mail war die Peinlichkeit perfekt:

Liebes Laborjournal,

Sie fragen in Ihrem aktuellen Heft, ob jemanden „Das besondere Foto“ auf Seite 6 bekannt vorkommt. Histologie aus dem Studium ist schon eine ganze Weile her. Bei den Augen dürfte es sich um Nerven handeln. Der Mund könnte ein Gefäß sein, wenngleich ich das Endothel nicht richtig erkennen kann und zu viel Muskulatur drumherum ist (es käme dann nur ein arterielles Gefäß in Frage). Zwei Nerven und ein Gefäß kommen in der Natur als Bündel nicht vor. Das Foto ist daher auch kein Original. Wenn Sie genau hingucken, sehen Sie, dass das gesamte Bild vertikal genau zwischen den Augen gespiegelt ist.

Ups, damit war die Sache klar. Und wer gemeint hatte, dass wir das Bild in vollem Bewusstsein der Manipulation einfach als Gimmick ins Heft genommen hatten: Nein, wir hatten die Spiegelung tatsächlich nicht bemerkt!

Asche daher über unsere Häupter! Wir entschuldigen uns bei unseren Lesern für die Nachlässigkeit und bedanken uns bei den oben zitierten kritischen „Bilddetektiven“. Und geloben, dass wir in Zukunft genauer hinschauen werden!


Corona-Experten

22. April 2020 von Laborjournal

In unserer Reihe „Forscher Ernst und das Coronavirus“ …

(Gezeichnet von Rafael Florés. Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier.)

Coronakrise: Nur nicht zu viel versprechen

31. März 2020 von Laborjournal

Forscher Ernst macht sich so seine Gedanken zu Chancen und Risiken der Wissenschaft in Zeiten der Coronakrise:

Gezeichnet von Rafael Florés. Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier.

 

Irgendwann ist’s einfach gut mit Zitieren

25. März 2020 von Laborjournal

Jeder Labor-Biologe stellt mit dem pH-Meter seine Puffer ein. Doch wer zitiert dafür den dänischen Chemiker Søren Peder Lauritz Sørensen, der 1909 erstmals das Konzept der pH-Skala vorstellte?

Oder ähnliche Frage: Welcher Arabidopsis-Forscher zitiert noch den Erfurter Arzt und Botaniker Johannes Thal, der 1577 erstmals das heutige Top-Modell der molekularen Pflanzenforschung beschrieb?

Sørensen und Thal könnten so gesehen gut und gerne zu den meistzitierten Köpfen der wissenschaftlichen Literatur gehören. Tun sie aber nicht — und das ist auch richtig so. Denn irgendwann gehören Dinge einfach zum allgemeinen (Fach-)Wissen oder Handwerk — und spätestens dann sollte es mal gut sein mit Zitieren.

Aus diesem Grund zitiert auch keiner mehr Darwin, wenn er den Begriff „natürliche Selektion“ verwendet. Oder Miescher beziehungsweise Watson und Crick, wenn er über DNA schreibt. Alle Vier würden sonst sicher mit zu den meistzitierten Autoren aller Zeiten gehören.

Allerdings: Was ist dann mit Ulrich Laemmli, der 1970 das erste SDS-Polyacrylamidgel fuhr? Oder mit Oliver Lowry und Marion Bradford, die 1951 und 1976 unterschiedliche Methoden zur Proteinbestimmung entwickelten? Seit Jahrzehnten gehören die drei Methoden zur absoluten Routine in jedem biochemisch-molekularbiologischen Labor. Dennoch werden die Drei bis heute weiterhin fleißig zitiert — zuletzt jeweils runde fünfzig Mal pro Jahr.

Irgendwie scheinen die drei einfach Glück gehabt zu haben. Im Gegensatz zu vielen anderen, wie etwa dem Schweden Arne Tiselius, der 1937 die Agarosegel-Elektrophorese in der heute noch üblichen Form veröffentlichte — aber schon lange in keiner Referenzliste mehr auftaucht. Und dieses „Glück“ sorgte letztlich dafür, dass die Artikel von Lowry, Bradford und Laemmli heute die drei meistzitierten wissenschaftlichen Veröffentlichungen aller Zeiten sind.

Schön für sie! Und klar, methodische Fortschritte sind enorm wichtig für den wissenschaftlichen Fortschritt. Aber dennoch stehen Lowry, Bradford und Laemmli diesbezüglich ja wohl kaum auf einer Stufe mit Darwin, Miescher oder Watson & Crick.

Wie bitte? Ach so, ja klar — hier geht‘s ja „nur“ um Zitierungen. Und was zählen die heute schon bei der Bewertung wissenschaftlicher Leistungen?…

Ralf Neumann

Forscher Ernst träumt vom Coronavirus…

18. März 2020 von Laborjournal

 


Unser „Forscher Ernst“ wird doch noch träumen dürfen…

(Gezeichnet von Rafael Florés. Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier.)

Nur noch Methoden

11. März 2020 von Laborjournal

Klar – die Art und Weise, wie Forschung betrieben wird, verändert sich mit der Zeit. Unser Forscher Ernst ist damit allerdings nicht nur zufrieden:…

Gezeichnet von Rafael Florés. Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier.


„Impactitis“…

5. März 2020 von Laborjournal

… — schon seit Langem hat sich diese heimtückische Krankheit in Forscherkreisen weiter verbreitet, als es Covid-19 wohl jemals schaffen wird. Und auch ihre schlimmsten Symptome sind weithin bekannt: Anfangs völlig unbemerkt schleicht sich das infektiöse Agens in das Kreativitätszentrum des armen Forscheropfers und polt es langsam aber sicher um — bis der „Patient“ mit seinem ganzen wissenschaftlichen Schaffen nicht mehr danach strebt, möglichst „Großes“ zu entdecken, sondern vielmehr nur noch den Phantomen möglichst „hoher“ Publikationen in High-Impact-Zeitschriften nachläuft.

Ein fataler Irrweg, der in der Summe zwangsläufig die Qualität des wissenschaftlichen Fortschritts untergraben muss — und gegen den bislang noch keine wirklich wirksame Therapie in Sicht ist. Wer sollte die auch entwickeln, wenn gerade diejenigen, die sich besonders effizient in den High-Impact-Journalen tummeln, dafür erst recht belohnt werden? Von Berufungskommissionen, Forschungsförderern, Journal-Editoren, Preis-Jurys,…

Sprichwörtlich kann ja bisweilen schon ein wenig Einsicht der erste Schritt zur Besserung sein. Zumindest schaden kann sie nicht. Hier also ein paar Dosen „Einsicht“:

(1) Relativ gesehen müssen High-Impact-Journals weitaus am häufigsten bereits publizierte Artikel wieder zurückziehen — oftmals wegen Fälschung.

(2) Die Mehrheit der Paper in High-Impact-Blättern werden unterdurchschnittlich zitiert; ihre hohen Impact-Faktoren erreichen sie vielmehr durch wenige Zitations-Blockbuster.

(3) Viele wirklich einflussreiche Studien wurden überhaupt erst jenseits des Zweijahres-Fensters zitiert, in dem sie für die Berechnung des Impact-Faktors mitzählen.

(4) Veröffentlichung in einem High-Impact-Journal ist nicht äquivalent mit wissenschaftlichem Wert. Erst kürzlich zeigte eine Studie, dass wirklich neue Erkenntnisse („novel“) sogar eher in Low-Impact-Zeitschriften erscheinen (Research Policy 46(8): 1416-36).

Bleibt als Ergebnis dieser vier kleinen Therapie-Dosen: Artikel in High-Impact-Journalen repräsentieren also keinesfalls automatisch die beste Forschung, nicht selten sogar ganz im Gegenteil.

Und, wie geht es jetzt Ihrer „Impactitis“? Fühlt sich die eine oder der andere vielleicht schon ein bisschen besser?

Ralf Neumann

Illustr.: iStock / z_wei
Info
Info
Info

Info

Info

Erfahren Sie mehr über unsere beliebtesten Produkte unter mehr

Info

Info

INTEGRA Biosciences bietet Ihnen die Chance, ein VACUSAFE-Absaugsystem für Ihr Labor zu gewinnen. mehr