Problemfall Peer-Review-Missbrauch

17. April 2024 von Laborjournal

Nicht nur einschlägige Umfragen kommen zu dem Schluss, dass ein guter Teil derjeniger, die Manuskripte für Veröffentlichungen begutachten, das Peer-Review-System für unlautere Zwecke missbraucht. Auch uns wurden immer wieder entsprechende Fälle berichtet. Zuletzt schrieb uns etwa eine Genetikerin [der Name ist der Redaktion bekannt] die folgenden Zeilen:

In den vergangenen sechs Jahren musste ich bei drei Manuskripten erleben, dass die Gutachter ihre Position eindeutig missbrauchten, um deren Veröffentlichung zu verhindern. Im ersten Fall rief ich den Editor an und sagte ihm, dass ich wüsste, wer der Gutachter sei – und dass er mit sehr schwachen Argumenten versuche, unsere Veröffentlichung zu verhindern. Der Editor gab am Ende zwar zu, dass es sich tatsächlich um diese Person handelte. Trotzdem lehnte er das Manuskript ab.

In den nächsten Fall war interessanterweise wieder derselben Editor verwickelt, den ich mir leider nicht aussuchen konnte. Diesmal verhinderte ein anderer Gutachter unsere Veröffentlichung, indem er zunächst zwei langwierige Überarbeitungen verlangte – um schließlich doch alles abzulehnen. Vier Wochen später veröffentliche er in einer anderen Zeitschrift einen Artikel zum selben Thema. Seine Resultate hatten zwar nicht direkt etwas mit unseren Ergebnissen zu tun, aber offenbar wollte er dennoch einfach schneller sein.

Der letzte Fall ereignete sich vor zwei Jahren, als ein Gutachter, der zu den führenden Wissenschaftlern auf unserem Gebiet gehört, unser Manuskript mit ungewöhnlich seltsamen Argumenten ablehnte. Glücklicherweise bemerkte der Editor dies jedoch – und nahm die Arbeit an, da die beiden anderen Gutachter positiv urteilten.

Ich glaube, dass einige Wissenschaftler das Peer-Review-System auf diese Weise missbrauchen, da sie als Gutachter anonym bleiben und sie daher glauben, dass die Autoren ihre Identität nicht herausfinden werden. Dennoch habe ich keine Lösung für dieses Problem. Zwar veröffentlichen einige Zeitschriften inzwischen die Namen der Gutachter, allerdings befürchte ich, dass vor diesem Hintergrund vermehrt Manuskripte angenommen werden, die nicht den eigentlichen Standards der Zeitschriften entsprechen – einfach weil die Gutachter kritische Argumente, auch wenn sie berechtigt sind, zurückhalten könnten, um nicht ihre eigenen Beziehungen zu den Autoren zu gefährden.

Das lassen wir jetzt mal so stehen, nehmen aber gerne andere Erfahrungen, Meinungen und Vorschläge zum Thema entgegen …

(Illustr.: Adobe Firefly)

Zikaden, die Primzahlen können

10. April 2024 von Laborjournal

Die Fressorgie des Jahrhunderts naht – zumindest wenn man Zikaden mag. In diesem Frühjahr werden sich im Osten der USA innerhalb weniger Wochen schätzungsweise eine Billion Larven aus der Gattung der Magicicada, der Periodischen Zikaden, nach oben graben und aus ihren Erdlöchern schlüpfen. Mit bis zu 400 Individuen pro Quadratmeter. Bilder einer biblischen Wanderheuschreckenplage drängen sich förmlich auf.

Zum Glück sind die Pflanzensaftsauger für Mensch und Tier harmlos. Weder stechen oder beißen sie noch übertragen sie Krankheiten. Das Außergewöhnliche an ihnen: Magicicada treten stets im Rudel auf – und diesmal in einem außerordentlich großen. Reihte man alle bis Ende April erwarteten Zikaden aneinander, so reichte die Insekten-Polonaise mehr als dreißigmal bis zum Mond und wieder zurück.

Ohne jahrelange minutiöse Vorbereitung wäre ein solches Massenauftreten natürlich unmöglich. Über ein Jahrzehnt durchlaufen Magacicada-Larven unterirdisch fünf Larvenstadien. Das letzte von ihnen arbeitet sich dann im Frühjahr des 13. oder 17. Jahres in Richtung Erdoberfläche … und wartet. Worauf? Auf die richtige Temperatur. Erreicht der Boden etwa 18 Grad Celsius, krabbeln sie ins Freie und häuten sich ein letztes Mal zur komplett schwarzen Imago mit ihren charakteristisch roten Komplexaugen. Das Besondere in diesem Jahr: Die 13- und 17-Jahresbruten überlappen. Zuletzt war das 1803 der Fall, das nächste Mal wird es voraussichtlich 2245 sein. Die Fressorgie kann also beginnen.

Allerdings weniger für die Zikaden selbst. Mehr für Spinnen, Raubwanzen, Ameisen und Vögel, die schon mal ihre Mandibeln, Cheliceren oder Schnäbel wetzen können. Für sie wird das Schlaraffenland wahr.

Übrigens auch für den Menschen – falls er denn will. Denn auf der Weltliste essbarer Insekten stehen auch alle Periodischen Zikaden. Gewiefte Insektenköche an der US-Ostküste werden sie ohne Zweifel auf Pizza, in Paella oder als Sushi verarbeiten. Mit einem physiologischen Brennwert von etwa 150 Kilokalorien pro Imago sind sie schließlich ebenso nahrhaft wie gebratenes Hühnchen – dafür aber garantiert aus Freilandhaltung und bei Selbstzubereitung zum Nulltarif.

Aber warum wird diese Delikatesse nur alle 13 beziehungsweise 17 Jahre serviert? Aus Überlebenskalkül. Indem die Magicicada nur alle 13 oder 17 Jahre in Scharen auftreten, werden ihre Fressfeinde übersättigt. Diese leben in der Regel in 1-, 2-, 4- oder 6-Jahresrhythmen und können ihre Reproduktionszyklen daher nur schwer mit den Primzahlen der Periodischen Zikaden synchronisieren. Es bleiben immer ausreichend Zikaden übrig, die nicht gefressen werden. Ihr Arterhalt ist gesichert.

So dramatisch wie ihre Zeit über der Erde ist, so kurz ist sie auch. Lediglich sechs Wochen bleiben Magicicada, um sich zu paaren – und zu sterben: die Männchen direkt nach dem Akt; die Weibchen, nachdem sie noch schnell Hunderte von Eiern in die Rinde lebender Zweige gelegt haben. Zwei Monate später schlüpft aus ihnen dann das erste Larvenstadium, fällt zu Boden und gräbt sich ein, um seine 13- oder 17-jährige Larvalentwicklung zu beginnen.

Die zwei Primzahlen haben die Tierchen also tief verinnerlicht. Welches Insekt „kann“ noch mehr Mathematik? Wir nehmen gerne Beispiele.

Henrik Müller

 

(Der Text erschien in leicht anderer Form als Editorial unseres aktuellen Laborjournal-NEWSLETTERS. Wer den NEWSLETTER samt solcher Editorials regelmäßig alle zwei Wochen per E-Mail zugeschickt bekommen möchte, klicke sich bitte hier entlang!)

 

Lohnen sich Zitierkartelle?

27. März 2024 von Laborjournal

 

Neben Politik und Wirtschaft ist sicherlich die Wissenschaft das dritte große Seilschaften-Dorado.

…, so stand es unlängst in einem Essay zu lesen.

Da ist sicher was dran. Denn wo man hinsichtlich Begutachtungen, Berufungen, Fördermitteln, Evaluationen, Zitierungen et cetera derart von „Peers“ abhängig ist, da wird man wohl förmlich gedrängt zu Cliquenbildung, Gschaftlhuberei, Günstlingswirtschaft, … Und eine Ausprägung davon sind bisweilen Zitierkartelle.

Nehmen wir zunächst den aufrichtigen Wissenschaftler. Wenn er seine Resultate veröffentlicht, sieht er es als seine ehrenhafte Pflicht an, sämtliche relevanten Vorarbeiten zu zitieren. Auch solche von Personen, mit deren Inhalten er ansonsten nicht übereinstimmt – schließlich werden womöglich gerade dadurch fruchtbare Diskussionen befördert. Ordnungsgemäßes und gründliches Zitieren ist für ihn somit ein klares Qualitätsmerkmal seiner Forschungs­tätigkeit.

Doch so denken bei weitem nicht alle. Für andere sind Zitate vielmehr ein schnödes Mittel, das gewinnbringend für die eigene Karriere genutzt werden kann. Von daher zitieren sie ausschließlich die Arbeiten ihrer Freunde und Kollegen, die im Gegenzug wiederum sie selbst zitieren. Auf diese Weise entstehen Gruppen gleichgesinnter Kollegen, in denen jeder jeweils die Karrieren der anderen fördert – Zitierkartelle eben.  Diesen Beitrag weiterlesen »

Digitaler Paper-Schwund

20. März 2024 von Laborjournal

 

„Open is not forever: A study of vanished open access journals“ titelte vor gut zwei Jahren ein finnisch-deutsches Trio seine Studie über das Verschwinden digital publizierter Forschungsartikel aus dem Internet (J. Assoc. Inf. Sci. Technol. 72, 1115-16). Der Übergang zum digitalen Publizieren und insbesondere die Einführung des offenen Zugangs (Open Access) habe zu Unsicherheit und Komplexität geführt, schreiben sie im Abstract. Insbesondere sei die langfristige Zugänglichkeit von Zeitschriften nicht immer gewährleistet, sodass sie bisweilen sogar ganz aus dem Netz verschwinden können.

Als Ergebnis ihrer Analyse hielten die Drei schließlich fest:

Wir haben 174 Open-Access-Zeitschriften gefunden, die mangels umfassender und offener Archive zwischen 2000 und 2019 aus dem Netz verschwunden sind. Alle wichtigen Forschungsdisziplinen und geografischen Regionen der Welt waren abgedeckt. Unsere Ergebnisse geben daher Anlass zu großer Sorge um die Integrität der wissenschaftlichen Aufzeichnungen. Sie unterstreichen die Dringlichkeit, gemeinsame Maßnahmen zu ergreifen, um einen kontinuierlichen Zugang zu gewährleisten und den Verlust von mehr wissenschaftlichem Wissen zu verhindern.

Offenbar sahen die Autoren damals jedoch nur die berühmte Spitze des Eisbergs. Denn was der Londoner Martin Paul Eve jetzt unter dem Titel “Digital Scholarly Journals Are Poorly Preserved: A Study of 7 Million Articles” zum Thema nachlegt, dürfte die geäußerten Sorgen nochmals vergrößern (Journal of Librarianship and Scholarly Communication 12(1). doi: https://doi.org/10.31274/jlsc.16288). Eve hatte überprüft, ob 7.438.037 mit digitalen Objektkennungen (DOI) versehene Forschungsartikel in den einschlägigen Online-Archiven vorhanden sind (institutionelle Repositorien waren nicht berücksichtigt). Sage und schreibe 2.056.492 Artikel waren trotz aktiver DOI darin nicht mehr auffindbar – also rund 28 Prozent.  Diesen Beitrag weiterlesen »

Verdauungs-Fantasien

6. März 2024 von Laborjournal

Ihr Opfer war so gut wie tot, das stand außer Frage. Noch krabbelte es auf zittrigen Beinen am Rand des leuchtend roten Fangeisens entlang, noch tastete es mit seinen Fühlern nach dem süßlichen, fauligen, verführerischen Duft ihrer Nektardrüsen. Doch nur wenige Millimeter weiter, und es würde mehrere ihrer Sinneshärchen berühren und die gespannten Tellereisen ihrer Fangblätter binnen 100 Millisekunden zuschnappen lassen. Widerstand war zwecklos.

Natürlich könnte sich Dionaea muscipula, die Venusfliegenfalle, von Sonnenlicht, Kohlendioxid, Wasser und Mineralien des Bodens ernähren. Doch jeden Morgen wacht sie auf und entscheidet sich aufs Neue für etwas anderes: Gewalt!

Warum? Weil sie an ihrem nährstoffarmen Standort einfach nicht auf die Stickstoff-Leckerli verzichten kann, die auf ihr herumkrabbeln.

Hat sie einen Arthropoden in einem ihrer Fangblätter eingeschlossen, bewerten Chemorezeptoren dessen Verwertbarkeit. Erachtet sie ihr Opfer als schmackhaft, versiegelt sie das klebrige Grab vollständig. Selbst Flüssigkeit kann dann nicht mehr austreten. Kleine Drüsen sondern nun ein Verdauungssekret ab, dessen Amylasen, Esterasen, Phosphatasen, Proteasen, Ribonukleasen und in geringen Mengen auch Chitinasen den gefangenen Gliederfüßer bis auf Molekülebene zersetzen. Nach zehn Tagen ist das Festmahl vorbei. Nur unverdauliche Reste wie Beine und Chitinpanzer bleiben übrig und fallen zu Boden, sobald sich die Fangblätter erneut öffnen und aufrichten. Das Massengrab zu Füßen der Venusfliegenfalle wächst.  Diesen Beitrag weiterlesen »

Das schmackhafte Brot der Forschung

28. Februar 2024 von Laborjournal

 

Veröffentlichungen sind das Brot des Wissenschaftlers. Doch trocken schmeckt es ihm nicht. Erst wenn ordentlich Butter und Belag in Form von Zitierungen draufgeschmiert werden, wird es ihm zum wirklichen Genuss. Und zwar je dicker, umso mehr – seit der Einfluss von Impact-Punkten und Zitierzahlen bei der Bewertung von Forschungsqualität fast schon ins Absurde gewachsen ist.

Seit Langem haben wir in mehreren Beiträgen versucht klarzumachen, dass die reine Zahl der Zitate den echten Einfluss der zitierten Arbeit auf nachfolgende Forschung nur sehr unzureichend widerspiegelt – und damit letztlich auch nicht ihre tatsächliche Qualität (siehe etwa „Wachsweiche Zitierzahlen“, „Zitierungen — Kein Maß für Qualität oder Einfluss“ oder „Mehr Zitate durch Open Data“).

Stimmt aber womöglich wenigstens der Umkehrschluss, dass Publikationen, die nicht zitiert werden, gar keinen Wert für nachfolgende Forschung haben? Dazu ein Zitat von Dag W. Aksnes, Professor am Nordic Institute for Studies in Innovation, Research and Education in Oslo:

So einfach ist es nicht, dass Artikel ohne Zitate wenig Wert haben. Sie können dennoch wichtig sein, um die Forschung voranzubringen. Sie können zum Beispiel die Ergebnisse früherer Studien bestätigen oder zeigen, dass zwei Dinge nicht miteinander verbunden sind.

Rein konfirmatorische Studien und negative Ergebnisse also. Genau das, was die Zeitschriften gerne ablehnen, da es den Zitatefluss für ihren Journal-Impact-Faktor zum Stottern bringt. Und was die Autorinnen und Autoren daher nicht nur den Belag, sondern oft genug gleich das ganze Brot kostet.

Dabei ist der wahre Wert konfirmatorischer Studien und negativer Ergebnisse für den wissenschaftlichen Fortschritt längst gezeigt (siehe etwa „Vom Triangulieren beim Experimentieren“, „Warum so negativ?“ oder „Negativ hilft“). So wäre beispielsweise die aktuelle Repliktionskrise sicherlich deutlich kleiner, würden mehr davon durchgeführt, publiziert – und auch trotz vergleichsweise magerer Zitierraten entsprechend honoriert.

Manche Scheibe Brot kann schlichtweg auch ohne fetten Belag ziemlich schmackhaft sein.

Ralf Neumann

(Illustration kreiert via Dall-E2)

 

Zum Eigennutz genötigt

21. Februar 2024 von Laborjournal

Aus unserer Reihe „Gut gesagt!“ zum Thema „Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WisszeitVG) und befristete Stellen in der Forschung“:

 

__________________________

 

[…] Die Hochschulen bieten unter solchen Bedingungen weniger die Rahmenbedingungen für Forschung als maximal noch für die Ausarbeitung von Forschungsphantasien, die mangels finanzieller Ressourcen zum überwiegenden Teil nie in die Tat umgesetzt werden. Damit geht der gesellschaftliche Mehrwert von Wissenschaft verloren: Bewerbungen und die Konkurrenz um Drittmittel werden zum Selbstzweck, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden durch die künstliche Erschaffung existenzieller Nöte dazu gezwungen, nur auf den eigenen Nutzen zu schauen, statt für das Gemeinwohl zu arbeiten – ein Ziel, das viele von ihnen ursprünglich gerade zur Wahl ihres Berufes motiviert haben dürfte. Die Folge ist Frustration auf allen Ebenen. […]

 

__________________________

 

 

… Schrieben Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon in Laborjournal 7-8/2022 („#IchBinHanna – Warum prekäre Arbeit der Wissenschaft nachhaltig schadet“, S. 34-37).

 

Zur Filterkraft von Literatur-Datenbanken

24. Januar 2024 von Laborjournal

Raub-Verlage (Predatory Publishers), gekaperte Zeitschriften (Hijacked Journals), Papiermühlen (Paper Mills), Citation Delivery Vehicles, … – schon oft berichteten wir, wie immer mehr „Unternehmen“ mit diesen und anderen windigen Manövern Profit aus den Zwängen und Nöten des wissenschaftlichen Publikationssystems schlagen. Siehe etwa hierhierhier
oder hier. Die Folge davon: Der Anteil an Publikationen von zumindest zweifelhafter Qualität, die diese Machenschaften in den Scientific Record spülen, schwillt immer stärker an.

Könnten die einschlägigen Literatur-Datenbanken für wissenschaftliche Publikationen hier nicht als Filter fungieren?

Ein internationales Autoren-Quartett hat in diesem Sinne Clarivate’s Web of Science und Google Scholar zumindest hinsichtlich eines Teilaspekts stichprobenartig  verglichen: Wie viele Zitierungen listen beide in ihren Datenbanken, die zu gekaperten Zeitschriften (Hijacked Journals) führen? (Equilibrium. Quarterly Journal of Economics and Economic Policy 18: No. 4).

Dazu halten die Vier zunächst einmal fest:  Diesen Beitrag weiterlesen »

Tomatensaft ist nicht nur Geschmackssache

17. Januar 2024 von Laborjournal

Tomatensaft ist nicht jedermanns Sache. Zwar stellt allein Deutschland jährlich rund 22 Millionen Liter des Gebräus her. Doch sein muffiges Aroma versagt dem Nacht­schatten-Elixier einen Platz in der Haute Cuisine. Mit einem simplen Trick lässt sich das tomatige Geschmackserlebnis indes aufwerten: Begeben Sie sich einfach auf mehrere tausend Meter Höhe. Über den Wolken werden Sie seinen fruchtigen Duft und süß-frischen Geschmack loben. Erdige und giftige Untertöne sind dort verflogen. So schenkt alleine die Lufthansa an Bord ihrer Maschinen jährlich etwa zwei Millionen Liter Tomatenjuice aus. So viel wie Bier!

Wie kann verflüssigte Tomatengrütze dem Zauber des Hopfentropfens den Thron streitig machen? Mit einem fiesen Trick: Auf einer Reise-Flughöhe von zehn bis zwölf Kilometern herrscht in der Kabine ein Unterdruck, der den Atmosphärenbedingungen zwei Kilometer über dem Meeresspiegel entspricht. Ihr Blut enthält dort etwas weniger Sauerstoff, was die Empfindlichkeit Ihrer Geruchs- und Geschmacksrezeptoren beeinträchtigt. Außerdem halten Fluggesellschaften die Luftfeuchtigkeit in der Kabine bei 10 bis 15 Prozent, was Nase und Mund austrocknet und Ihre Chemosensorik weiter leiden lässt. Auch die audiovisuelle Grundbelastung in den Kabinen von Luftfahrzeugen beeinflusst übrigens die Wahrnehmung von Reizen (J. Exp. Psychol. Hum. Percept. Perform., doi.org/gmbp88).

Als Folge erhöhen sich Ihre Wahrnehmungsschwellen für Geruchs- und Geschmacksstoffe – und das nicht unerheblich. Beispielsweise erkennt der menschliche Gaumen Ethylbutanoat – einen der wichtigsten Geschmacksträger in Ananas- und Orangensaft – unter Normaldruck bei 0,5 Mikrogramm pro Liter. Bei Unterdruck steigt die Detektionsgrenze jedoch auf bis zu fünf Mikrogramm pro Liter. Die Konsequenz: Süße und salzige Speisen schmecken bis zu 30 Prozent weniger intensiv und müssen stärker gewürzt werden, um hoch oben nicht als fad zu gelten. Im Gegensatz dazu bleiben Säuren und Bitterstoffe vom Luftdruck unbeeindruckt. Entsprechend empfinden Sie herkömmlichen Kaffee als bitter, Riesling als sauer. Auch fruchtige und kräftige Umami-Aromen bleiben in der Wahrnehmung stabil.

Dem auf Meereshöhe höchstens als Bloody Mary erträglichen Tomatensaft gereicht all das zum Vorteil: Das muffige Reformhaus-Getränk avanciert zur fruchtig-frischen Gaumenfreude (Fraunhofer-Institut für Bauphysik, Jahresbericht 2010). Als es die US-Fluggesellschaft United Airlines im Mai 2018 wagte, Tomatensaft nur noch auf Langstreckenflügen anzubieten, entpuppte sich das als PR-Desaster. Kunden drohten, erst wieder ein United-Flugzeug zu betreten, wenn ihr lieb gewonnenes Tomatensaft-im-Flugzeug-Ritual wieder im Getränkeangebot steht. Umgehend ruderte die Fluglinie zurück:

You say tomato. We say, we hear you. Tomato juice is here to stay.

Henrik Müller

 

(Der Text erschien in leicht anderer Form als Editorial unseres letzten Laborjournal-NEWSLETTERS. Wer den NEWSLETTER samt solcher Editorials regelmäßig alle zwei Wochen per E-Mail zugeschickt bekommen möchte, klicke sich bitte hier entlang!)

 

Urin ist gelb, aber warum?

10. Januar 2024 von Laborjournal

Es ist bemerkenswert, dass ein alltägliches biologisches Phänomen derart lange unerklärt blieb.

So bringt es Brantley Hall vom Department of Cell Biology and Molecular Genetics der University of Maryland auf den Punkt. Tatsächlich war bis jetzt nicht wirklich bekannt, was unseren Urin gelb macht. Hall et al. haben die alte Frage nun gelöst – und, wie das bei der Auflösung eines langwierigen Rätsel meist der Fall ist, an prominenter Stelle veröffentlicht: Nature Microbiology 9, 173-84.

Klar, was unserem Urin die gelbe Farbe gibt – das weiß man bereits seit über hundert Jahren: Urobilin heißt der Farbstoff, und der entsteht seinerseits aus dem orangefarbenen Bilirubin.

Etwas weiter ausgeholt: Beim Abbau des Häms roter Blutkör­perchen entsteht unter anderem konjugiertes Bilirubin. Dieses wird in den Darm überführt, der es zum Teil ausscheidet. Einen anderen Teil dekonjugieren Beta-Glucuro­ni­da­sen zu freiem Bilirubin, welches daraufhin ins Serum des Darm-Leber-Kreislaufs rückresorbiert wird. Zugleich können Darmbakterien das Bilirubin weiter zum farblosen Urobilinogen reduzieren, das unmittelbar weiter zum gelben Urobilin oxidiert wird. Dieses kann in der Folge deutlich bequemer über den Urin aus dem Serum entsorgt werden und erleichtert somit das Auswaschen des gesamten anfallenden Bilirubins.

Die große Unbekannte in dem ganzen Abbau-Spiel war bis heute jedoch das Enzym, das Bilirubin zum instabilen Zwischenprodukt Urobilinogen reduziert. Dass es Bilirubin-Reduktase heißen würde, war schon lange klar, doch nun haben Hall et al. es endlich auch molekular aufgespürt: Mit ausgiebigem Metagenom-Screening unserer Darmbakterien identifizierten sie es vor allem in Vertretern des Stammes Firmicutes, oder neuerdings Bacillota. Womit zugleich auch klar wurde, warum sowohl eine geschädigte wie auch die noch nicht voll ausgebildete Darmflora von Säuglingen zu Fällen von Gelbsucht führen können: Das abgebaute Bilirubin kann im Leber-Darm-Kreislauf nicht ausreichend reduziert werden, und der entstehende Überschuss wird in Haut und Augäpfeln eingelagert.

Ein Zusammenhang, der es umso verwunderlicher macht, dass dieser Mechanismus erst jetzt entschlüsselt wurde. Zumal die Metagenomik schon eine ganze Weile gut und mächtig funktioniert. Und zumal die prominente Veröffentlichung ja quasi im Voraus garantiert war.

Ralf Neumann

(Zeichnung: Randomtoons)