Heikle Geldfragen

26. Juli 2016 von Ralf Neumann

Money makes research go ’round. Der frischgebackene Diplomand merkt das erstmals, wenn er voller Elan die nötigen Vektorkonstrukte für sein Projekt zusammenbastelt. Nach Klonierungsansatz und eifrigem Studium der entscheidenden Sequenzabschnitte wählt er für den analytischen Verdau — völlig klar — das Restriktionsenzym FatI. Erwartungsvoll präsentiert er den Plan seinem Prof — und der schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „FatI, ja klar! In der Tat das fetteste Enzym von allen. 250mal teurer als EcoRI. Und das, nur um ein Plasmid zu überprüfen? Nee, das geht ganz sicher auch mit viel billigeren Enzymen.“

budgmoney

Woher sollte der arme Diplomand das wissen? Denn auch in der Forschung gilt die weitverbreitete Etikette: Über Geld spricht man nicht! Selbst Postdocs haben meist keine Ahnung, was ihr eigenes Projekt kostet. Geschweige denn, wieviel Geld das gesamte Labor zur Verfügung hat und wie es budgetiert ist. Dabei müssten genau diese Dinge — Budgetierung und Grant Management — eigentlich zwingender Bestandteil des Postdoc-Trainings sein. Schließlich müssen diese in der Regel bald selbst die vollen Kosten für geplante Projekte zuverlässig kalkulieren und daraufhin die passenden Anträge stellen können.

Der Laborleiter, der einmal im Jahr mit seinen Leuten eine komplette „Haushaltssitzung“ macht, ist jedoch die rühmliche Ausnahme. Die Realität spiegelt sich eher in der folgenden Forums-Frage eines Postdocs:

Kann ich meinen Chef einfach ansprechen, nach dem Motto: „Ich würde gerne mehr über Labor-Budgetierung und -Management lernen, um besser auf meine akademische Zukunft vorbereitet zu sein. Kannst Du mir daher mal das Jahresbudget für unser Labor grob erklären und aufschlüsseln, wie es sich auf die einzelnen Posten verteilt?“ Wäre das womöglich genauso unverschämt, wie ihn nach seinem Gehalt zu fragen? Oder so heikel, wie sich nach seiner letzten Zahnbehandlung zu erkundigen?“

Nein, es ist weder unverschämt noch heikel — es ist absolut angemessen. Allerdings kann es einem dann auch ergehen wie Postdoc Müller, dem sein Chef auf Nachfrage nach anfänglichem Zögern das Finanzmanagement der Gruppe umfassend erklärte — … und der seitdem die komplette Buchhaltung des Labors am eigenen Hals hat.

Foto: Fotolia / Andrey Popov

Von Wissenschaft und Pfannen

21. Juli 2016 von Ralf Neumann

nonstickypanWorin unterscheidet sich die Wissenschaft von Pfannen? Zugegeben, der Kalauer mag an den Haaren herbeigezogen sein — aber sei‘s drum: Pfannen reinigen sich immer besser selbst, in der Wissenschaft dagegen…

Seit Jahrzehnten beschwören Forscher sie fast schon gebetsmühlenartig, die Selbstreinigungskraft der Wissenschaft — vor allem wenn es gilt, die Forschungsfreiheit als ihr höchstes Gut vor ungebetenem Regulierungseifer zu schützen. Schließlich habe man schon lange ein dreifaches Sicherheitsnetz gesponnen, um schlampige, schlechte oder gar unehrenhafte Forschung frühzeitig auszusortieren:

Netz Nummer eins bilden die Gutachter, die entscheiden, welche Forschung überhaupt Geld erhält. Ziemlich grobmaschig, zugegeben — aber allzu tumbes Zeug dürfte trotzdem darin hängenbleiben.

Netz Nummer zwei ist das Peer Review-System der Journale. Fachkundige Kollegen prüfen hierbei vor — und neuerdings auch immer öfter nach — einer Veröffentlichung peinlich genau, ob die im Manuskript beschriebene Forschung überhaupt wissenschaftlichen Standards genügt. So wenigstens das Ideal.

Wer nicht bereits in einem dieser beiden Netze zappelt, der sieht sich bald dem dritten gegenüber: der Replikation der Ergebnisse. Taugen diese was, so säen und ernten Kollegen nachfolgend weitere Resultate auf ihnen. Will auf deren Basis jedoch partout nichts mehr sprießen, so werden sie im Nachgriff oftmals selbst als fauliges Fundament enttarnt. Und stinkt dieses gar zu arg, zieht man die entsprechenden Paper zurück — und entsorgt deren Inhalt damit offiziell aus dem wissenschaftlichen Bewusstsein.

Immer öfter ist solches zuletzt geschehen. Irgendwer entdeckte plötzlich Widersprüche in den publizierten Daten, oder aber nachfolgende wollten einfach nicht dazu passen. Und da man den mitgeteilten Ergebnissen daher nicht mehr trauen konnte, zog man das betreffende Paper zurück.

Na also, funktioniert doch — könnte man meinen. Allerdings sind solche Arbeiten nicht selten bis zu ihrem Rückzug schon viele, viele Male zitiert worden, offenbar ohne dass jemand Verdacht geschöpft hatte. In einem solchen Fall versuchte ein Kollege kürzlich, diese Unstimmigkeit folgendermaßen zu begründen: „Frage und Techniken waren viel zu komplex, als dass bis dahin irgendjemand sonst die Ergebnisse in vollem Umfang hätte replizieren können.“

Nun ja, so weit kann es mit Pfannen nicht kommen — noch ein Unterschied.

Doktorarbeit netto

18. Juli 2016 von Ralf Neumann

Fast jeder Ex-Doktorand stellt sich irgendwann die Frage: „Wenn jedes Experiment, das in meiner Doktorarbeit steht, gleich genau so geklappt hätte — wie schnell hätte ich fertig sein können?“ Sicher spielt die Art der Arbeit und des experimentellen Systems eine entscheidende Rolle — aber am Ende ist wohl jeder zu dem Schluss gekommen: „Viiiiiel kürzer als die Jahre, die ich tatsächlich gebraucht habe.“

documweg

So rechnete uns beispielsweise kürzlich ein ehemaliger Doktorand in einer E-Mail vor, dass er mit „magischen Fingern“ netto gerade mal drei Monate für sämtliche Ergebnisse seiner Doktorarbeit hätte experimentieren müssen — inklusive zweimal Reproduzieren.

Natürlich hatte er aber keine „magischen Finger“, und so brauchte er tatsächlich knapp fünf Jahre. Zieht man noch drei Monate für’s Zusammenschreiben ab, kommt er damit bezüglich seiner Zeitinvestition auf eine „Erfolgsrate“ von grob fünf Prozent. So gesehen hätte er also nur etwa alle drei Wochen jeweils am richtigen Tag ins Labor kommen müssen. Sein Fazit daher: „Es sieht so aus, als ob in der experimentellen Forschung die Dinge gewöhnlich nicht funktionieren. Und es scheint, als wäre das ganz normal.“

Dass solche Rechnungen allerdings in der Realität nicht aufgehen, ist klar. Selbst der „Fünf-Prozent-Rechner“ von oben räumte ein, dass die anderen 95 Prozent für das Gesamtergebnis sicher auf andere Weise ebenso essentiell sind — auch wenn deren Resultate am Ende nicht in Doktorarbeit oder Paper stehen. Warum? Weil man Techniken erst lernen muss; weil einem zuweilen erst negative Resultate — oder gar Fehler — den richtigen Weg weisen; weil unzählige Vorversuche notwendig sind, um die optimalen Bedingungen für die experimentellen Systeme zu ermitteln; und und und…

So machte denn auch unser Ex-Doktorand am Ende seinen Frieden mit der realen Dauer seiner Dissertation. Und ergänzte versöhnlich: „Ein Experte ist man sowieso erst dann, wenn man jeden Fehler wenigstens einmal selbst gemacht hat.“

Foto: fotogestoeber – Fotolia.com

Vom tieferen (Un-)Sinn des Lab Meetings

7. Juli 2016 von Ralf Neumann

 

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Kommt ein „Frischling“ ins Labor, wird er schon bald in ein allseits lieb gewonnenes Ritual eingeführt — das Lab Meeting. Sinn und Zweck dieser Veranstaltung leuchten ihm schnell ein: Regelmäßig kommen die pipettierenden Einzelkämpfer einer Gruppe zusammen, um mit den Kollegen ihre Fortschritte, Pläne oder Probleme kreativ zu diskutieren.

Doch nicht selten ist das nur die halbe Wahrheit. Oft genug sind Lab Meetings zugleich verkappter Höhepunkt des Soziallebens einer ansonsten vor Einzelgängertum nur so strotzenden Arbeitsgruppe. Da bringt mindestens jeder sein Getränk mit, meist stehen Kekse und andere Leckereien bereit, oder man zelebriert das Ganze gar rund um den gemeinsamen Verzehr des mitgebrachten Mittags-Imbisses. Arbeiten mit möglichst hohem Wohlfühlfaktor, heißt das Prinzip. Denn ist es nicht so, dass einem die besten Ideen in möglichst entspannter Atmosphäre kommen? Wie auch immer, von der TA bis zum Prof müsste demnach eigentlich jeder die Lab Meetings lieben.

Solange man es nicht übertreibt. Ein verdienter Postdoc jedenfalls berichtete uns einmal folgendes: „Manche Gruppen machen mehrere Meetings pro Woche, die jeweils gut zwei Stunden dauern. Dazu noch jeweils in der Mitte des Tages, so dass man vorher kein Experiment anfangen kann. […] Mit etwas Sarkasmus stellten wir daher folgende These auf: Lange und zahlreiche Lab Meetings veranstalten Chefs, die keine Kinder (mehr) zu Hause haben oder frisch geschieden sind — kurzum also Chefs, die unter sozialer Deprivation leiden. Junge Gruppenleiter ohne soziale Deprivation hingegen bevorzugen kurze und fokussierte Lab Meetings.“

Sei dies, wie es wolle — im ersteren Fall bleibe damit jedenfalls für das schlichte Experimentieren immer weniger Zeit, schrieb der Autor weiter. Und am Ende leide darunter schnell die Performance der gesamten Gruppe. „Das geht sogar so weit“, so schloss er, „dass mancher Postdoc interessierten Bewerbern beim Gehen durchaus sarkastisch zuraunt: «Überleg’ dir gut, ob du zu uns kommen willst — unser Chef hält uns nämlich ziemlich oft vom Pipettieren ab!»“

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Wird „Summa cum Laude“ nach Quote verteilt?

23. Juni 2016 von Ralf Neumann

Kürzlich wurde unserer Redaktion der Brief eines Biologie-Dekans an seine „lieben Kolleginnen und Kollegen“ zugeschickt. Der entscheidende Ausschnitt daraus:

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Klar, „Summa“-Noten häufen sich bisweilen in derart hoher Zahl, dass sie sicher tatsächlich nicht nur absolute Spitzen-Promotionen schmücken. Aber als Gegenmaßnahme Quoten festzulegen, ab wann „Summa“ mutmaßlich allzu großzügig verteilt wird? Letztlich zählt doch die Qualität jeder einzelnen Arbeit, unabhängig von den anderen. Und ist es so unwahrscheinlich, dass man dazwischen immer wieder mal „starke Jahrgänge“ mit Ausreißerquoten hat?

Grund für die Zusendung dieses Briefs (samt anderem „Material“) war denn auch, dass ein Promovend womöglich zu Unrecht auf „Magna“ zurückgestuft wurde. Und das lief so: Die beiden Gutachter gaben beide einheitlich ein „Summa“. Aus welchem offiziellen Grund auch immer wurde dann aber noch eine externe dritte Gutachterin nachgeschaltet. Diese wurde allerdings explizit und eindringlich instruiert, dass „die Bestnote lediglich in extremen Ausnahmesituationen zu erteilen“ sei. Und derart verunsichert gab sie dem Kandidaten am Ende tatsächlich ein „Magna“. Die Höchstnote für die Promotion war damit futsch, da für diesen Fall sämtliche Gutachter mit „Summa“ werten müssen.

Wir maßen uns jetzt nicht an zu urteilen, ob die betreffende Promotion eigentlich die Höchstnote verdient gehabt hätte. Aber irgendwie bleibt doch der Geruch, dass hier eine etwas willkürliche Quoten-Verschärfung letztlich genau das falsche Opfer gekostet hat. Und dass dies womöglich kein Einzelfall ist.

 

 

Wie wichtig sind negative Resultate?

17. Juni 2016 von Ralf Neumann

Wie oft hat man zuletzt angesichts der Abneigung vieler Forschungsblätter, negative Resultate zu veröffentlichen, sinngemäß den folgenden Satz gehört oder gelesen:

Negative oder Null-Resultate sind schlichtweg Resultate — und tragen daher im gleichen Maße zum Erkenntnisprozess bei wie positive Resultate.

Hmm. Der erste Teil stimmt zweifelsohne, beim zweiten Teil wird’s jedoch schwierig.

ErnstNegNatürlich sind Null-Resultate gerade dann besonders wichtig, wenn sie eine bis dato starke Hypothese widerlegen. Man nehme etwa nur die Arbeit kanadischer Forscher, die 2012 mit neuester 3D-In-vivo-Mikroskopie in den Zellkernen intakter Mäusezellen partout keine 30nm-Chromatinfasern aufspüren konnten — und diese damit wohl hauptsächlich als Artefakte der gängigen Chromatin-Präparation entlarvten (siehe unsere Beiträge hier und hier).

Genauso viel Gewicht haben beispielsweise „negative“ Ergebnisse, die klar machen, dass ein zuvor dringend verdächtiges Bakterium eine gewisse Krankheit nicht verursacht. Oder dass der eigentlich naheliegende Signalweg X doch kein bisschen beim untersuchten Effekt mitspielt. In all diesen Fällen ist es sehr wichtig, dass man das weiß — nicht zuletzt, damit niemand sich weiterhin an den falschen Verdächtigen die Forscherzähne ausbeißt.

Gehen wir die Frage aber noch ein bisschen abstrakter an. Wenn jemand sagt, er habe in hundert Patientenproben immer dasselbe Bakterium Y gefunden, dann ist diese positive Beobachtung ein ziemlich starker Hinweis darauf, dass Y etwas mit dem Entstehen der Krankheit zu tun hat. Mache ich stattdessen aber die negative Beobachtung, dass in keiner Patientenprobe Bakterium Y vorkam, dann ist dieses Ergebnis lediglich so gut wie meine Proben und Methoden. Denn womöglich lässt sich Bakterium Y nur in einem sehr frühen Krankheitsstadium aufspüren, und/oder die Art der Probenentnahme war ungeeignet, und/oder die Nachweistechnik ebenfalls. Es gibt also viele Gründe, weshalb man ein gewisses Ergebnis in einem Experiment nicht bekommt. Und unzulängliche Methodik ist nur einer davon.

Es ist diese inhärente Vielzahl an potentiellen Erklärungsmöglichkeiten, die negative Resultate in den allermeisten Fällen klar schwächer machen als positive. Und ganz abgesehen davon: Klingt „Wir haben keine Bakterien Y bei Krankheit Z beobachtet“ nach einem ähnlich starken Erkenntnisbeitrag wie „Bakterium Y verursacht Krankheit Z“?

Wie gesagt, negative Ergebnisse können in Einzelfällen genauso wichtige Beiträge leisten wie positive. Aber dass sie ganz allgemein und in der Summe genauso wichtig sind wie positive, das darf doch stark bezweifelt werden.

Der hohe Preis der Strahlkraft

13. Juni 2016 von Ralf Neumann

Gerade folgenden netten Ausschnitt aus einem Laborjournal-Text von 2003 (!) wiedergefunden:

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Mit der Wissenschaft ist es wie mit der Glühbirne.

Betrachten wir zu­erst die Glühbirne. Deren Leuchten ist uns viel wert — aus gutem Grund: Wir stolpern im Trüben nicht über ungeahnte Hindernisse, und wir erkennen im Dunkeln Dinge, die uns ansonsten verborgen blieben. Kurzum: Wir finden uns damit besser zurecht in der Welt.

funzelDer Aufwand aber, um Birnen zum Leuchten zu bringen, ist groß, ja erscheint geradezu unvernünftig ineffizient. Viel elektrische Energie fließt hinein, doch nur wenige Prozent werden in Licht umgewandelt — der Löwenanteil wird stattdessen nutzlos zur Wärmeproduktion verschwendet. Anders geht es einfach nicht. Bislang ging noch jeder Versuch, dieses vermeintlich schlechte Verhältnis zu verbessern, unweigerlich auf Kosten der Leuchtkraft.

Es bleibt also dabei: Wenn man satt leuchtende Glühbirnen will, muss man einen Haufen fehlgeleitete Energie in Kauf nehmen.

Ähnlich ist es in der Wissenschaft: Nicht umsonst heißt es, dass die Forschung im besten Fall „Licht ins Dunkel“ bringt. Man dringt ein in dunkles, unbekanntes Terrain und durchleuchtet es; man denkt bisher Ungedachtes und erkennt am Ende bislang Unbekanntes. Ganz klar, dass dies immer riskant ist und zu viel mehr Fehlschlägen führt als zu „strahlenden“ Entdeckungen.

Auch hier verpufft also viel Energie vermeintlich nutzlos. Und viele Mittel. Doch wie bei der Glühbirne scheint dies zu einem gewissen Grad die unvermeidliche Kehrseite für die „strahlende Leuchtkraft“ der Forschung.

Wahrhaben wollen die Forschungspolitiker dies aber jedoch nicht. Statt dessen trachten sie hartnäckig danach, die Risiken für Fehlschläge in der Forschung zu minimieren. Und merken nicht, dass sie der Wissenschaft damit zugleich die nötige Gesamtenergie zum „satten Leuchten“ nehmen. Am Ende bleibt vielleicht nur ein mageres Lichtlein, das nicht mehr ausreicht, um in wahrhaft dunkles Terrain aufzubrechen. Lieber leuchtet man ein paar schummerige Ecken in ansonsten gut beleuchteten Räumen aus.

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Bei der Beleuchtung hat sich in Sachen Energieeffizienz ja ein wenig getan in der Zwischenzeit. Und in der Wissenschaft?

Der Lohn des Forschers

8. Juni 2016 von Ralf Neumann

tubesektEinzig der Wahrheit sei der Forscher verpflichtet. Und selbstlos sei er dabei. Immer bestrebt, Wissen und Erkenntnis zu mehren — nicht zu seinem eigenen Ruhm, sondern allein zum Wohle aller. Soweit das hehre Ideal.

Jedoch sind Forscher auch nur Menschen. Und Menschen brauchen Anerkennung, brauchen Bestätigung.

Wie aber erfahren Forscher Anerkennung? Was ist deren wirklicher Lohn?

Geld kann es nicht sein. Schon im mittleren Management verdient man mehr als auf einem Uni-Lehrstuhl. Und überhaupt kann man vielfach woanders leichter „Karriere machen“.

Auch die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums kann es kaum sein, denn wann wird ein Forscher schon mal in die großen Medien gehievt. Zu speziell, zu wenig publikumstauglich ist, was er tut. Ausnahmen wie James Watson oder vielleicht auch Craig Venter bestätigen nur die Regel, aber schon Christiane Nüsslein-Volhart oder Sydney Brenner kennen wohl nur wenige außerhalb der Szene.

Bleibt also nur die „Szene“, die „Community“. Die umfasst schon nahezu alles, woher der Forscher sich Anerkennung erhoffen kann. Denn nur aus der „Community“ kommt mal jemand und klopft einem auf die Schulter. Sagt dann vielleicht: „Super Sache, wie Du Protein X kristallisiert hast — ein Membranprotein, das war doch extraschwer.“ Oder etwa: „Mannomann, das war aber eine elegante Strategie, wie Du gezeigt hast, dass Gen Y bei Pathway Z mitspielt.“ Oder neuerdings womöglich: „Alle Achtung! Echt ausgefuchst, der Algorithmus, den Du zum Aufspüren potentieller Steuerelemente im Gesamtgenom geschrieben hast.“

Zugegeben, das tut gut. Aber ist dies tatsächlich der potentielle Lohn, der Forscherinnen und Forscher im Innersten antreibt? Oder ist es vielmehr wirklich die reine Befriedigung der sprichwörtlichen, spezifisch-starken Forscherneugier?

Die Antworten der wenigen, die überhaupt darüber reden, gehen tatsächlich oftmals in diese Richtung. So sagte etwa einer, es sei ihm Lohn genug, wenn er nach jahrelanger Arbeit endlich „die wunderschöne, in ihrer Perfektion von keinem Kunstwerk zu übertreffende Struktur“ des Proteins Sowieso auf dem Monitor bewundern könne. Noch schöner allerdings drückte es folgender „Lonesome Researcher“ aus: „Für mich gibt es nichts Erregenderes, als wenn ich spät abends endlich das Ergebnis langer Versuchsreihen sehe — und dann voller Ergriffenheit registriere, dass ich für diese eine Nacht der einzige Mensch auf der ganzen Welt bin, der dies nun weiß.“

Geht es euch Forscherinnen und Forschern da draußen wirklich manchmal so?

Wuchernde Univerwaltung — Beispiel Zeiterfassung

11. Mai 2016 von Kommentar per Email


(Der gleiche Hochschullehrer — siehe Posting vom 29. April — hatte noch mehr über die deutschen Unis zu meckern:)

Die Verwaltungen der Unis wuchern mit autokatalytischer Rückkopplung, ähnlich wie ein Tumor. Mittlerweile wachsen gar Strukturen zur Verwaltung der Verwaltung. Ein Beispiel dafür ist die Verwaltung der Zeiterfassung, denn auch die Mitarbeiter der Verwaltung (und gerade die) sind im elektronischen Zeiterfassungssystem integriert — damit bloß niemand zu viel arbeitet. Dummerweise muss so ein elektronisches System auch gepflegt und kontrolliert werden — wofür wiederum Verwaltungstellen geschaffen wurden. Die Pflege und Kontrolle läuft aber ins Leere, denn es gibt ja ‚Spielräume‘.

PhDZeitWenn zum Beispiel eine TA aufgrund der Trägheit einiger Studenten das Praktikumslabor erst abends um 21:45 Uhr zuschließen kann, dann hat sie einen 14-Stunden-Tag hinter sich, da sie ja bereits morgens um 7:00 Uhr mit der Arbeit begonnen hatte. Das Zeiterfassungssystem honoriert diesen selbstlosen Einsatz für die Uni, indem es von den 14 Stunden einfach vier Stunden abzwackt, denn mehr als zehn Stunden pro Tag sind ja ‚verboten‘! Das macht aber nichts, denn ins elektronische Zeiterfassungssystem kann sich jede Angestellte einloggen und diese abgezwackten Stunden korrigieren, beziehungsweise sie sich anderswo wieder gutschreiben. Das muss dann allerdings schriftlich verfasst, ausgedruckt, vom Vorgesetzten gegengezeichnet und an die zentrale Verwaltung, Geschäftsbereich Personal, Referat ‚Zeiterfassung‘, gesandt werden. Es ist also reichlich Raum gegeben für verwaltungstechnische ‚Korrekturen’, weil die Verwaltung mit ihren vielseitigen Aufgaben ja total überlastet ist und das nicht auch noch alles kontrollieren kann. Daher wird erwartet, dass die Angestellten sich selbst kontrollieren (so, wie vor der Einführung des Erfassungssystems!) — ihre Zeiten also selbst erfassen und gegebenenfalls korrigieren.

Die Uni Darmstadt (vertrauliche Mitteilung!) plant jetzt, die Zeiterfassung auch auf die wissenschaftlichen Mitarbeiter auszudehnen. Das verursacht natürlich großen Unmut, weil Zeiterfassung als Wissenschaftskiller gesehen wird. Warum eigentlich? Es ist doch alles halb so schlimm; es kommt, wie es kommt. Es wird zwar sehr viel mehr Bürokratie, aber einen Weg, das System zu den eigenen Gunsten zu ‚korrigieren‘, findet man immer, weil die Verwaltung an der von ihr selbst verursachten Bürokratie erstickt. Und ist die Zeiterfassung tatsächlich ein Wissenschaftskiller? Nein, nicht wirklich — denn einen Doktorand, der sich auf seine halbe Stelle beruft und meint, er dürfte aufgrund der Zeiterfassung nur 19,5 Stunden pro Woche im Labor stehen, den schmeißt man am besten gleich in den ersten Wochen der Probezeit wieder raus.

Die Lesart in solch einem Falle ist somit folgende: Der Doktorand MUSS 19,5 Stunden in der Woche für das arbeiten, wofür er bezahlt wird, und die übrigen 148,5 Stunden der Woche DARF er sich seiner Doktorarbeit widmen. Dabei hat das MUSS mit dem DARF bei DFG-finanzierten Doktoranden einen hundertprozentigen thematischen Überlapp, während der Überlapp bei Landesstellen-Doktoranden wegen abzuleistender Hilfsdienste in den Lehrveranstaltungen nur bei etwa 99 Prozent liegt. Ein braver ‚halber‘ Doktorand kommt also um 9:00Uhr, und stempelt sich dann pünktlich um 14:00 Uhr aus, um dann unverzüglich ins Labor zurückzukehren und bis 26:00 Uhr zeitunerfasst an seiner Doktorarbeit weiterzuarbeiten.

Und da heißt es, an der Uni herrschten Logik und Weisheit…

(Illustr.: Fotolia / TSUNG-LIN WU)

Die Unis schaffen ihre Kompetenz zur Doktorandenbetreuung ab

29. April 2016 von Kommentar per Email

(Ein deutscher Hochschullehrer schrieb uns kürzlich folgendes zum obigen Thema:)

Früher wurde jeder Doktorand von seinem „Doktorvater“ (bzw. „-mutter“) betreut. Selbstredend wurden dabei  ganz en passant auch alle für einen angehenden Wissenschaftler unabdingbaren ‚Softskills‘ vermittelt — wie etwa ‚Korrekte wissenschaftliche Praxis‘, ‚Experimental design‘, ‚Ethik im Wissenschaftsbereich‘, ‚Datenauswertung und Statistik‘, ‚Posterdesign‘, ‚Vortragsstil‘, ‚Manuskriptschreiben‘ u.s.w.

Heute jedoch braucht es für die Vermittlung dieser Softskills extra Doktorandenseminare, die im Rahmen von Graduiertenschulen und Exzellenzclustern oft sogar verbindlich sind. Da kann es schon mal passieren, dass ein Doktorand zwei bis drei mal in der Woche mitten am Tag die Pipette fallen lässt, um zum Doktorandenseminar zu hetzen. Dass dadurch das gerade angefangene Experiment korrumpiert wird und er danach von vorn anfangen muss, weil alles viel zu lange bei Raumtemperatur rumgestanden hat, ist in dem Moment nicht so wichtig.

Bei der Anmeldung zur Disputation wird von der Fakultät schließlich auch abgefragt, welche Seminare, Kolloquien, etc. der Doktorand während der vergangenen Jahre so besucht hat. Stimmen Anzahl und Umfang der besuchten Veranstaltungen nicht, wird die Zulassung zum Promotionsprüfungsverfahren von der zuständigen Fakultätsmitarbeiterin verweigert. In dem Moment nützt es dann auch nichts, wenn der Promovend mehrere Nature-Publikationen als Erstautor vorlegen kann. Die Angelegenheit muss dann direkt zwischen Doktorvater und Dekan geklärt werden.

Um die Sorgen der Doktoranden aufzufangen, werden uni-intern Graduiertenzentren gegründet, in denen ehemalige Doktoranden und PostDocs den schlecht bezahlten und aussichtslosen Job übernehmen, auf die „Verbesserung der Rahmenbedingungen der Doktoranden innerhalb der Uni Einfluss zu nehmen“. Auch wegen der im Rahmen der Exzellenzinitiative gewachsenen Graduiertenschulen ist es Doktorvätern daher möglich, sich immer weiter aus dem Betreuungs-Geschäft zurückzuziehen, aber dennoch im Falle eines guten Doktoranden dessen Meriten, inklusive Autorenschaften, mit für sich einzustreichen.

Wer auf diese Weise Betreuungspflichten abgegeben hat, der hat natürlich Zeit Seminare wahrzunehmen. Beispielsweise Seminare, in denen man lernen kann, wie Doktoranden zu betreuen sind. Es gibt sie tatsächlich: Lehrangebote speziell für die PROFis….— die es doch aber eigentlich selbst wissen sollten. Die Dozenten, die diese Veranstaltungen leiten, sind Didaktiker, Pädagogen, Psychologen, Heilpraktiker und selbsternannte Expertentrainer. Vorzugsweise von weit angereist und gut bezahlt.

Es geht inzwischen so weit, dass Unis nicht-universitäre Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck-Gesellschaft gar als Vorbild dafür anpreisen, wie gut sie ihre Doktoranden betreuen. Dabei haben diese Einrichtungen gar keine Lizenz zum Promovieren. Womit sich ein wahrlich paradoxer Zirkel schließt: Die Uni als einzig promovierende Ausbildungsstätte im Land soll von einer externen, rein auf Forschung ausgerichteten Einrichtung ohne Lehrauftrag lernen, wie man mit Doktoranden umgeht. Ein Armutszeugnis!

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