Gender-Debatte: Unsinnige Glaubenslehre in der Biologie?

15. September 2017 von Laborjournal

[Der folgende Beitrag des Kasseler Biologen Ulrich Kutschera erschien als „Brief an die Redaktion“ in unserer aktuellen Print-Ausgabe LJ 9/2017, S. 12-13. Derart gekennzeichnete Artikel geben ausschließlich die Meinung des Autors wieder. Die Sichtweise der Redaktion kann daher eine völlig andere sein. Wir bringen Kutscheras Beitrag parallel hier auf unserem Blog, um über das Kommentar-Fenster dessen direkte Diskussion zu ermöglichen.]

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Gender-Debatte: Unsinnige Glaubenslehre in der Biologie?

Der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera antwortet auf Brynja Adam-Radmanics Beitrag „Biologie in der Gender-Debatte: Vom Feminismus geächtet, vom Rechtspopulismus umarmt“ aus Heft 5/2017 (S. 16 ff.). Seiner Ansicht nach gehört die sozialkonstruktivistische Gender-Lehre auf dem Friedhof unsinniger Gedankengebäude begraben. Genau so wie etwa der Kreationismus, der Wünschelruten-Glaube und die Homöopathie.

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Foto: iStock / Thomas Faull

Im Mai 2017 veröffentlichte das Laborjournal einen Artikel mit dem Titel „Biologie in der Gender-Debatte: Vom Feminismus geächtet, vom Rechtspopulismus umarmt“. In diesem, von Frau Brynja Adam-Radmanic verfassten Kommentar wird die Tatsache aufgegriffen, dass im Rahmen der Umbenennungsaktion Freiburger Straßennamen auch der Natur­for­scher Carl von Linné wegen seines mutmaßlich zweifelhaften Frauenbildes ins Kreuzfeuer geriet – und im Zusammenhang mit der sozialkonstruktivistischen Gender-Ideologie thematisiert (LJ 5/2017: 16-19).

Die Autorin vertritt die These, dass die wenigen Biologen, die es wagen, eine Geschlechter-Irrlehre als unwissenschaftlich zu kritisieren, dem „rechtspopulistischen Spektrum“ beizuordnen seien. Diese populäre Ansicht geht auf den amerikanischen Urvater der Gender-Dogmatik zurück: John Money (1921-2006), ein Psychologe und höchst umstrittener „Sexologe“, der die Kritiker seiner biophoben Theorie der 1950er Jahre („Babys kommen geschlechtsneutral zur Welt und werden anschließend in männlich/weibliche Richtung erzogen“) als „rechtsradikale Rassisten“ und Anti-Frauenrechtler diffamiert hat. Die Ursprünge und Kernthesen der Gender-Ideologie, von mir daher auch als Moneyismus bezeichnet, sind, mit vielen authentischen Quellenangaben und Zitaten versehen, in meinem Buch Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen (2016) zusammengefasst.

Zurück zur Freiburger Straßen-Umbenennungsaktion. Diesen Beitrag weiterlesen »

Kommen sie schon, die Forscher aus Brexit-Country und Trump’s Nation?

12. September 2017 von Laborjournal

Spätestens seit dem Frühjahr konnte man nahezu überall nachlesen, dass England nach dem Brexit einen Brain Drain an Akademikern erleiden würde — zuletzt unter anderem hier. Bevorzugtes Ziel dieser Kandidaten: Deutschland.

Ähnliches verlautet seit diesem Jahr auch aus den USA, die ja bis dato weithin als DAS Scientific Betterland schlechthin angesehen wurden. So wurde beispielsweise erst letzten Monat der US-Bioklimatologe Ashley Ballantyne von der University of Montana folgendermaßen zitiert:

It used to be that European scientists would come to the US for opportunities. But I think the tides are turning, and there have been several really well-respected, midcareer scientists leaving for institutions in Germany and Switzerland and France [and] England. … In some respects, there’s been a bit of a reverse brain drain.

Donald Trump macht’s offenbar möglich!

Doch kommen tatsächlich Wissenschaftler aus UK oder den USA hierzulande an? Bisher scheint es dazu allenfalls anekdotische Hinweise zu geben — wie etwa denjenigen unseres Sommeressay-Autoren Stephan Feller, der uns vor zwei Wochen via E-Mail wissen ließ:

Im Moment ist gerade ein ‚Fenster offen‘, um tolle Jungforscher aus USA und UK nach Deutschland zu holen (dank Trump und Brexit). Wäre vielleicht auch mal einen Artikel wert.

Konkretes Beispiel: Wir haben in Nature eine W1 Juniorprofessur (tenure track) an der MLU Halle ausgeschrieben und erwarten alleine aus Oxford fünf bis sechs Bewerber. Die Frist ist noch nicht um, daher habe ich noch keinen Gesamtüberblick, aber mindestens ein weiterer Bewerber ist noch von einer US- Eliteuni dabei.

Tja, und weil wir jetzt wirklich ausloten wollen, ob das Thema einen Artikel wert ist, fragen wir hiermit unsere Leser: Gibt es an Ihrer Einrichtung auch bereits Anzeichen für einen derartigen Brain Gain aus den USA und dem UK? Und wenn ja, betrifft das gesteigerte Interesse tatsächlich auch Kandidaten aus den dortigen Elite-Einrichtungen?

Wir sind dankbar für jede Rückmeldung, vor allem für weitere konkrete Beispiele. Entweder gleich hier unten als Kommentar auf diesen Post, oder direkt als E-Mail an die Redaktion.

 

Danke für eure Forschungspläne!

4. September 2017 von Laborjournal

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(Vor kurzem erhielten wir folgende, von uns hier anonymisierte E-Mail:…)

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„Ich bin Postdoc an der Uni […], und derzeit von Drittmitteln bezahlt […], die Ende 2017 auslaufen. Daher habe ich mich im März auf eine Stelle […] beworben, die als „Full time tenure-track research position […]“ ausgeschrieben war. Für die Bewerbung musste man neben dem CV auch einen Research Plan beilegen, der ein für die folgenden Jahre anvisiertes Forschungsprogramm überzeugend darlegt.

Am 1. Juni, also mehr als zwei Monate nach Ende der Bewerbungsfrist, fragte ich sehr höflich nach, ob man denn schon etwas über den Status der Bewerbung sagen könne. Ich habe bis heute keine Antwort bekommen.

Diese Woche erfuhr ich von einem Kollegen, der sich ebenfalls auf die Stelle beworben hat, dass die Stelle überhaupt nicht mehr mit einem Postdoc besetzt werden wird und man stattdessen Doktoranden einstellen will. Diese Information hat mein Kollege von einem Mitarbeiter des „Zielinstitutes“ inoffiziell erhalten.

Mein Verdacht ist nun, dass die Verantwortlichen die Stelle bewusst attraktiv ausgeschrieben haben, um von den eingehenden Bewerbungen die Ideen der eingereichten Forschungspläne abzugreifen. Zu diesem Plan würde gehören, dann doch keinen Postdoc dauerhaft auf die Stelle zu setzen, sondern die Arbeit stattdessen von nicht langfristig angestellten Doktoranden machen zu lassen. Die Anleitungen hierzu finden sich ja in den eingereichten Forschungsplänen (zumindest war mein Forschungsplan so gestaltet).

Am besten finde ich dazu noch, dass ein Mitarbeiter des Zielinstituts sich mit meinem Kollegen (derjenige, von dem ich die Sache inoffiziell erfahren habe) getroffen hat, um eine mögliche Kooperation über das in dessen Forschungsplan vorgeschlagene Projekt zu besprechen!

Ich habe natürlich keine Beweise dafür, dass das geschilderte Vorgehen bewusst so geplant worden ist. Neben der Stelle, auf die ich mich beworben habe, wurden noch zwei oder drei weitere Stellen (ebenso mit tenure track) vom besagten Institut ausgeschrieben. Ob sie inzwischen besetzt sind, weiß ich nicht.

Ich will ja nicht jammern, aber vielleicht lohnt es sich, hier einmal nachzuforschen. Vielleicht ist das aber auch gängige Praxis, und ich habe es bisher nur nicht gewusst. Was meinen Sie […] dazu?“

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Tja, was meinen unsere Leser dazu? Selbst mal etwas Ähnliches erlebt? Und kann es tatsächlich Methode haben, auf diese Weise Forschungsideen und experimentelle Konzepte zu klauen? Antworten bitte unten im Kommentarfenster, oder direkt an unsere Redaktion unter redaktion@laborjournal.de.

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Best of #TheRockingBioLab

22. August 2017 von Laborjournal

Urlaubszeit. Die halbe Besetzung ist in Urlaub, und dem Rest kocht die Sommersonne langsam das Hirn weich. Sommerloch. Der ganze Laden läuft auf Sparflamme…

Aus dieser Not gebaren wir den Hashtag #TheRockinBioLab, um wenigstens unsere Twitter-Seite halbwegs stetig mit Posts zu füllen. Die Idee war ganz einfach — und vom Prinzip her auch nicht neu: Man modifiziere die Titel mehr oder weniger bekannter Rock-Songs derart, dass sie quasi als Biolab-Parodie durchgehen könnten. Entsprechend lautete unser Premieren-Post:

(Original: „Whole Lotta Rosie“ von AC/DC)

 

Über achtzig Biolab-Rocktitel kamen auf diese Weise am Ende zustande. Hier noch ein paar, die wir besonders nett fanden:

(Original: „You really got me“ von The Kinks)

(Original: „Hells Bells“ von AC/DC)

(Original: „50 Ways To Leave Your Lover“ von Paul Simon)

(Original: „Highway To Hell“ von AC/DC)

(Original: „Careless Whisper“ von George Michael)

(Original: „Take Five“ von Dave Brubeck)

(Original: „We don’t need another hero“ von Tina Turner)

(Original: „Gangsta’s Paradise“ von Coolio)

(Original 1: „Master of puppets“ von Metallica)

(Original: „Material Girl“ von Madonna)

(Original: „I’m not in love“ von 10CC)

(Original: „Nothing else matters“ von Metallica)

(Original: „Under the bridge“ von Red Hot Chili Peppers)

(Original: „The number of the beast“ von Iron Maiden)

(Original: „Losing my religion“ von R.E.M.)

(Original: „Tubular Bells“ von Mike Oldfield)

(Original: „Don’t fear the reaper“ von Blue Öyster Cult)

(Original: „Under pressure“ von Queen)

(Original: „Hunting high and low“ von a-ha)

Die übrigen Biolabsong-Titelparodien — wie gesagt — auf Twitter unter dem Hashtag #TheRockingBioLab.

Und wem noch andere einfallen, entweder ebendort twittern — oder auch gleich hier unten in den Kommentaren posten.

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Gutes Netzwerk, schechtes Netzwerk

1. August 2017 von Laborjournal

In unserem aktuellen Sommer-Essayheft preist Ulrike Kaltenhauser, Geschäftsführerin mehrerer bayrischer Forschungsnetzwerke, die Vorzüge von… – ja klar, Forschungsnetzwerken.

So schreibt sie etwa:

Im Freistaat Bayern setzt man schon seit vielen Jahren gezielt auf die Erfahrung, dass sich das Bündeln der wissenschaftlichen Kapazitäten in Form von Netzwerken in jedem Fall auszahlt. […] Schnell stellte sich heraus, dass solche Netzwerkprojekte effizienter und mit einer deutlich höheren Ausbeute die angestrebten Ziele erreichen und sogar darüber hinaus Mehrwert erzeugen. Inzwischen sind die Forschungsverbünde aus der bayerischen Forschungslandschaft nicht mehr wegzudenken.

Oder an anderer Stelle:

Verbundforschung bildet eine der besten Grundlagen für Innovationen und Wertschöpfung und damit auch für wissenschaftlichen Erfolg.

Erst ganz am Ende mischen sich auch andere Töne in die Euphorie:

[…] Dennoch traue ich mir nicht wirklich zu, die Frage zu beantworten, ob Netzwerke tatsächlich das Leben vereinfachen, da gerade die Zusammenarbeit von ambitionierten Menschen nie einfach ist. Nichtsdestotrotz bin ich mir sicher, dass die Kooperation mit anderen Projektpartnern für alle Beteiligten einen Gewinn darstellt und sich in den meisten Fällen positiv auf die Karriere der einzelnen Akteure auswirkt. Die aktive Zusammenarbeit mit regen Geistern beflügelt den wissenschaftlichen Fortschritt. Es ist nicht immer einfach, aber in den meisten Fällen ein echter Mehrwert, Teil eines lebendigen Netzwerks zu sein.

So bekommt man am Ende doch eine klitzekleine Ahnung davon, dass Netzwerke, Konsortien und Verbünde oftmals auch kritischer gesehen werden — insbesondere vonseiten der Wissenschaftler. Deren Hauptvorwurf: Allzu leicht würden durch das „Einpferchen“ in Netzwerke und Verbünde Zwänge erzeugt, die das unabhängige Denken und die Kreativität der einzelnen Akteure letztlich eher einschränken.

Ein schönes Beispiel dafür lieferte vor einigen Jahren die Episode „Caught in the Net“ der Observations of The Owl in unserer englischsprachigen Schwesterzeitschrift Lab Times. Hier kostete der „Zwang zum Netzwerken“ einen Wissenschaftler förmlich die Karriere — wie The Owl am Ende (auf englisch) folgendermaßen beschrieb:

My friend was an excellent researcher. He wasn‘t even a true, teamwork-phobic loner. However, he was one of those scientists who function most brilliantly when allowed to think and work completely on their own. He certainly wasn’t a networker. So it was sad to see how his research began to splutter from that “network episode” on. He finally ended up at a small technical college.

So much for the synergy that research networks create.

Zwei diametral entgegengesetzte Positionen also: Forschungsnetzwerke wirken sich positiv auf die Karrieren der einzelnen Akteure aus — oder eben gerade nicht.

Was stimmt jetzt? Und für wen? Oder vielleicht differenzierter: Wann wirken sie sich positiv aus — und wann nicht?

Viel Stoff zum Kommentieren und Diskutieren. Wer fängt an?

Ralf Neumann

(Illustr.: „Flying Lesson“ von Robert und Shana ParkeHarrison)

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Spitzenmediziner schaffen ein Paper pro Woche !?

21. Juli 2017 von Laborjournal

Wieder einmal hat jemand die Veröffentlichungsfrequenz von gewissen „Superstars“ der medizinischen Forschung geprüft. Die Autoren heißen Martin Schmidt, Benedikt Fecher und Christian Kobsda — und ihre Ergebnisse veröffentlichen sie unter anderem in ihrem Blog „Elephant In The Lab“. In dem Beitrag „Doctor coauthor“ etwa schreiben sie:

The 20 highest performing authors in Medicine published more than 7700 articles in seven years.

Genauer gesagt, sind es 7.741 Artikel, die die zwanzig „Über-Autoren“ in den sieben Jahren veröffentlicht haben. Und dies wiederum heißt, dass jeder einzelne von ihnen im Schnitt sieben Jahre lang alle 6,6 Tage ein Paper gezeichnet hat — jedenfalls wenn man unberücksichtigt lässt, dass womöglich zwei oder mehr von ihnen bisweilen auf ein und demselben Paper auftauchen.

Wie auch immer: Uns erinnerte das Ganze sofort daran, dass wir für die medizinischen Fächer solche Rechnungen ja schon mehrmals selber durchgeführt haben. Zuletzt hatten wir das Thema hier im Blog 2014 unter dem Titel „Jede Woche ein Paper — Geht das?“ zusammengefasst. Und wie der Titel schon sagt, kamen wir seit 2002 punktuell immer wieder zu ähnlichen „Spitzenwerten“ wie jetzt Schmidt, Fecher und Kobsda.

Damals schlossen wir den Beitrag mit folgender Frage ans Publikum:

Wer kann uns erklären, wie es jemand schafft, unter Einhaltung aller Kriterien für eine saubere Autorenschaft etwa jede Woche ein frisches Forschungs-Paper zu zeichnen? Oder umgekehrt: Wer kann uns erklären, warum das wahrscheinlich beim besten Willen nicht möglich sein kann?

Geantwortet hat damals leider keiner. Also stellen wir die Frage hiermit nochmals neu…

Ralf Neumann

Teste Deine Fußball-Gene! Oder auch nicht!

11. Juli 2017 von Laborjournal

Das musste ja kommen. Schließlich ist der Gedanke, Genomik und Fußball zur lukrativen Geschäftsidee zu verbinden, ja auch allzu verlockend. Und siehe da, seit kurzem vertreibt die 2015 gegründete Firma Soccer Genomics ihren „DNA Soccer Test“ unter dem Slogan „Discover Your Soccer Genetic Blueprint“.

Für 299 US-Dollar schickt einem Soccer Genomics einen „Home-based Buccal Swap Kit“, mit dem man seine DNA-Probe entnimmt und verpackt, wie im folgenden Video gezeigt:

Dann schickt man das Ganze zurück zum Soccer Genomics-Labor, in dem deren Maschinen diejenigen Gene aus der Probe sequenzieren und analysieren, die angeblich irgendwie mit Fußball-relevanten Fähigkeiten und Qualitäten zusammenhängen. Welche Gene das im einzelnen sind, geschweige denn, warum genau sie für die individuellen Fußball-Fertigkeiten wichtig sein sollen — das sucht man vergeblich auf der Firmen-Webseite.

Wie auch immer, als Ergebnis bekommt man dann die individuelle Fußball-genetische Analyse von der Firma — samt einem extra erarbeiteten und ausgefeilten Trainingsplan, wie man als einzelner sein konkretes genetisches Kick-Potential am effektivsten zum phänotypischen Erblühen bringen kann. Frei nach dem Firmen-Motto:

[…] unlock your DNA key, and sit back as you witness the beginning of your real genetic evolution.

Na ja, was sollen wir sagen? Wundert es jemanden, dass wir uns die 299-Dollar, die die weitere Recherche gekostet hätte, am Ende doch lieber gespart haben? Eben! Wir glauben auch so nicht, dass die Firma mit ihrem Soccer Test irgendetwas Substantielles zutage fördert. Punkt!

Was einen nebenbei aber wundert, ist, dass die Soccer Genomics-Leute nicht eine Handvoll Promi-Fußballer eingespannt haben — um deren Analyse-Ergebnisse werbewirksam für sich zu vermarkten. Die Herren Ronaldo und Co. sind zwar nicht billig, aber machen doch ansonsten jeden Blödsinn mit…

Oder haben sie es vielleicht sogar getan? Und bei Manuel Neuer kam raus, dass er eigentlich die Reaktionsschnelligkeit einer Schildkröte haben müsste. Oder bei Thomas Müller, dass ihm völliger Orientierungsverlust drohe, wenn es um ihn herum etwas schneller zuginge. Oder bei Lionel Messi, dass er mit solchen Feinmotorik-Defiziten besser Schach spielen sollte…

Komisch, aber solche Ergebnisse würden uns jetzt nur begrenzt wundern.

Ralf Neumann

 

Das Recht am Peer Review

4. Juli 2017 von Laborjournal

Nette Geschichte, die Pandelis Perakakis auf seiner Academic Website über seinen Kollegen Angel Correa vom Brain, Mind & Behaviour Research Center der Universität Granada notiert hat. Dieser hatte von einem Elsevier-Editor die Einladung erhalten, ein eingereichtes Manuskript für eines ihrer Journals zu begutachten. Correa schrieb zurück, dass er dies gerne tun würde — allerdings unter einer Bedingung: Würde das Paper am Ende zur Veröffentlichung akzeptiert, sollte das Journal seinen Review in der gleichen Ausgabe mit veröffentlichen — als „Kommentar“ oder wie auch immer, aber auf jeden Fall frei zugänglich via Open Access.

Correa lieferte auch eine Begründung dafür. Als Wissenschaftler im Staatsdienst habe er entschieden, seine Arbeitszeit nicht völlig selbstlos in das Interesse von Journals zu investieren, die privatwirtschaftliche Zwecke verfolgen.

Der Editor antwortete daraufhin zunächst schnippisch, dass er Correas Entscheidung, nicht mehr am Scientific Process teilzunehmen, sehr bedauere. In einer zweiten Mail schob er jedoch nach, dass er nach seiner Auffassung gerade als Staatsbediensteter die Verpflichtung habe, der Peer Review-Anfrage nachzukommen. Dies nicht nur, weil auch seine Institution dafür zahle, dass dessen Verlag einen ordentlichen Peer Review-Prozess organisiert und durchführt — sondern weil die Wissenschaftsgemeinde schlichtweg auf diese Art funktioniere. Schließlich erwarte er ja auch, dass seine Paper von Peers begutachtet werden.

Correa bemühte daraufhin zunächst einige Höflichkeitsfloskeln, um dann zu folgendem Schluss zu kommen: „Ich denke, es würde meiner Selbstverpflichtung zu Open Science auch Genüge tun, wenn ich als Autor des Peer Reviews die Rechte daran behalte, so dass ich diesen selbst veröffentlichen kann — vorausgesetzt natürlich, das Manuskript wird veröffentlicht. Geben Sie mir also bitte bescheid, ob Ihr Journal in diesem Fall die Verwertungsrechte bei mir, also dem Autor des Reviews, belässt.“

Eine Antwort darauf blieb bis heute aus.

Ralf Neumann

(Illustr.: Fotolia)

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Stellen-Schnappen mit Mauschel-Publikationen

23. Juni 2017 von Laborjournal

Anfang der Woche schrieben wir auf Laborjournal online über Datenmanipulationen in acht Veröffentlichungen von Karl Lenhard Rudolph, dem wissenschaftlichen Direktor des Leibniz-Instituts für Alternsforschung — Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena. Später am gleichen Tag berichtete auch Retraction Watch unter dem Titel „German institute sanctions director after finding him guilty of misconduct“ darüber.

Interessant ist hier der Kommentar No. 2 unter dem Artikel. Dieser macht aufmerksam auf Jianwei Wang, der als Ko-Autor auf vier der acht inkriminierten Veröffentlichungen der Gruppe von Rudolph erscheint — davon dreimal als Erstautor. Nicht ohne säuerlichen Beigeschmack schreibt der Kommentator, dass Wang sich in der Zwischenzeit einen guten Job an der Tsinghua University gesichert habe. Man muss kein Hellseher sein, um sich auszumalen, dass die vier Mauschel-Publikationen aus seiner FLI-Zeit sicher eine entscheidende Rolle beim Zuschlag für die PI-Stelle gespielt hatten.

Dieses Muster des Stellen-Schnappens mit mehr als zweifelhaften Publikationen hatten wir erst in unserem Maiheft am Fall der Ex-Kölner Mitochondrien-Forscherin Tina Wenz thematisiert. Damals schrieben wir:

[…] kurz vor Bekanntwerden der Fälschungsvorwürfe auf PubPeer war sie von der Universität zu Köln als Wissenschaftlerin zu Boehringer Ingelheim gewechselt.

Interessant indes, wie man dort auf die Enthüllungen reagierte. Auf Anfrage des Blogs Retraction Watch antwortete ein Unternehmenssprecher Ende letzten Jahres, dass Tina Wenz die volle Verantwortung für jegliches Fehlverhalten in ihrem Kölner Labor übernommen habe. Ferner jedoch habe Boehringer Ingelheim volles Vertrauen in die Qualität der Forschungsarbeiten seiner Mitarbeiter — auch vor dem Hintergrund, dass die Integrität und Validität von Forschungsdaten in der Firma höchste Priorität genießen.

Natürlich kann eine Firma beschäftigen, wen immer sie will. Das Zeichen jedoch, das Boehringer Ingelheim damit vor allem an Nachwuchsforscher aussendet, ist fatal. Denn verallgemeinert heißt das: „Daten zurechtbiegen ist nicht schlimm. Und wenn es dann noch ein klein wenig dauert, bis sie dir auf die Schliche kommen, hast du womöglich sogar schon deine Karriere gesichert.“

Wer weiß, wie viele noch auf guten Stellen sitzen, die sie einst nach diesem faulen Muster ergattert haben?

Ralf Neumann

(Illustr.: freshidea / Fotolia)

Von Interdisziplinarität und Pionieren

20. Juni 2017 von Laborjournal

Man könnte die Entschlüsselung der DNA-Struktur durch Watson und Crick durchaus als eine der ersten interdisziplinären Meisterleistungen der Wissenschaftsgeschichte werten: Ein Ornithologe und ein Physiker werteten Bilder von Kristallographen aus — und begründeten die Molekularbiologie.

Freilich hat das seinerzeit niemand so gesehen. Und gerade im Rückblick auf die damaligen Pioniertage würde heute wohl jeder Watson und Crick als Molekularbiologen bezeichnen.

Interessanterweise drängten gerade in dieser Zeit des molekularbiologischen Aufbruchs generell viele „Fachfremde“ in die Biologie — Physiker, Chemiker, Mathematiker,… Dennoch nahm damals kaum jemand das Wort „Interdisziplinarität“ in den Mund. Offenbar war nicht so wichtig, wo einen die jeweilige Ausbildung abgesetzt hatte — vielmehr zählte, wo einen die konkreten Fragen hintragen würden.

Und so erschlossen damals nicht nur Watson und Crick neue Felder. Vor allem auch deshalb, weil sie gerade als interdisziplinäre Köpfe in der Lage waren, ihre alten Disziplinen hinter sich zu lassen, um sich neuen Wegen zu öffnen — und sie auch tatsächlich zu gehen.

Nur logisch daher, dass man deren neue Erkenntnisse samt der damit eröffneten Felder dann auch ganz für sich selbst bewertete — und nicht nach der disziplinären Herkunft derer, denen man sie verdankte. Wie gesagt, ist die DNA-Struktur doch vor allem eine molekularbiologische Entdeckung, und nicht zwingend-logisches Resultat einer interdisziplinären Kooperation aus Physik, Ornithologie und Kristallographie.

Nicht zuletzt wegen solcher Beispiele schrieb der US-Biologe Sean Eddy vor einiger Zeit, dass neue Felder weniger durch interdisziplinäre Teambildung entstünden als vielmehr durch das Wirken „antedisziplinärer“ Pioniere. Siehe Watson und Crick.

Sicher, interdisziplinäre Team-Projekte sind wichtig — dies allerdings vor allem da, wo Antworten auf bisher unlösbare Fragen durch die Anwendung neu etablierter Techniken aus anderen Disziplinen realisierbar werden. Interdisziplinäre Projekte deshalb aber gleich zum Forschungsmodus Nummer eins zu erklären, wie dies Wissenschaftspolitiker heute allzu gerne tun, hieße jedoch, Vergangenes über die Zukunft zu stellen — und die Herkunft der Leute höher zu bewerten als ihre ganz konkrete Arbeit.

Klingt nicht wirklich nach einem Rezept für Pioniertaten.

Ralf Neumann

(Illustration: Flickr/Dullhunk)
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