16 Gebote rund um die Leitung einer Forschungsgruppe

10. Oktober 2018 von Laborjournal

(Ging es im letzten Posting um die „Zehn ketzerischen Gebote zur wunderbaren Welt der Leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM)“, kommen hier 16 Gebote rund um die Leitung einer Forschungsgruppe. Der schwedische Evolutionsbiologe Mats Björklund präsentierte sie kürz­lich auf Twitter, wir haben sie für unseren Blog übersetzt:…)

——————-

„Nach 38 Jahren in der Wissenschaft und 19 Jahren als Leiter einer Forschungsgruppe habe ich viel erlebt und einiges gelernt. Hier sind einige meiner Überlegungen und Erfahrungen dazu. Stimme zu oder auch nicht — das ist dann deine Sache…:

  • Wenn Du eine Gruppe leitest, arbeiten nicht Deine Leute für Dich, sondern Du arbeitest für Deine Leute. Ein gewisses Maß an Altruismus ist zwingend nötig.
  • Doktoranden und Postdocs sind nicht Deine Arbeitskräfte, um all das langweilige Zeug zu tun — sie sind Deine Kollegen, nur eben weniger erfahren. Nutze daher vor allem ihre Gehirne zum Wohle der gesamten Gruppe, und nicht nur ihre Hände.
  • Studenten respektieren Dich, wenn du ein inspirierender Lehrer bist. Das Bestehen auf Titel-Hierarchien bringt keinen Respekt, sondern behindert vielmehr einen sinnvollen Dialog. Welchen Sinn haben Titel überhaupt?
  • Pflege gute Verbindungen, vor allem nach „oben“. Gehälter und Ressourcen hängen am Ende mehr davon ab, wen Du kennst, als von dem, was Du tust. Das Schlüsselwort ist „strategisch“.
  • Wenn Du eine feste Anstellung hast, unterstütze die befristet angestellten Nachwuchswissen­schaftler. Sie sind diejenigen, die eines Tages alles von Dir übernehmen werden.
  • Eine Menge Geld auf Kosten vieler nur in wenige zu stecken, steigert nicht den wissenschaft­li­chen Output. Es führt höchstens zu einem Anstieg der Egos — und das ist keine gute Sache.
  • Halte die Vielfältigkeit der Mitarbeiter hoch, um intellektuelle Inzucht zu verhindern. Solche Art von Inzucht ist ein unfehlbarer Weg zu mittelmäßiger Wissenschaft. Darüber hinaus macht es Spaß, Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen kennenzulernen.
  • Die Zuteilung von Ressourcen folgt dem Gesetz des sinkenden Grenzertrags (Law of Diminish­ing Returns). Der erste Grant an einen Wissenschaftler bringt viel „Rendite“, der x-te fast keine mehr. Das Streuen von Ressourcen unter viele kompetente Wissenschaftler fördert die Wissenschaft.
  • Auch die Arbeitszeit folgt dem Gesetz des sinkenden Grenzertrags (Law of Diminishing Returns). Die Produktivität steigt nicht linear mit der Zahl der Stunden in Büro oder Labor. Geh nach Hause und tu etwas anderes, wenn du für den Tag mit der Arbeit fertig bist. Auch wenn es erst Mittag ist.
  • Meide große Fakultätssitzungen. Sie sind nur ein Ort für eine kleine Gruppe von Extrovertier­ten, um das zu tun, was sie am besten können — nämlich extrovertiert zu sein. Ein paar Laute spiegeln selten die Meinung der breiten Masse wider.
  • Wenn Du den Input anderer für eine Entscheidung brauchst, sind große Meetings meist nutzlos. Vier-Augen-Gespräche liefern Dir die wahre Meinung der Menschen. Das kostet Zeit, aber die ist es allemal wert.
  • Pflege ein Leben außerhalb der Wissenschaft. Was es bringt, das Hirn mal ruhen zu lassen, wird fürchterlich unterschätzt. Work-Life-Balance ist wichtiger, als Du denkst. Daher ist Urlaub auch nicht die Zeit, um Literatur nachzuarbeiten, sondern ist die Zeit für Ruhe.
  • Schreibe Deinen Namen nicht auf alles, was in Deinem Labor produziert wird. Es bläst Deinen Lebenslauf in einem Maße auf, dass Dir ohnehin niemand glaubt, er sei nicht auf Kosten der Lebensläufe Deiner Nachwuchskräfte zustande gekommen.
  • Hör zu. Hör zu. Hör zu. Zu spüren, was zwischen den Zeilen steckt — und auch was die Körpersprache sagt —, ist nicht leicht, aber dennoch fundamental, um zu wissen, wie es Deinen Leuten mit der Arbeit und ihrem Leben geht.
  • Wir haben alle Downs, wenn nichts mehr geht. Die Mitarbeiter dann dazu zu zwingen, trotzdem zu arbeiten anstatt sich zu erholen, bringt keinen Fortschritt — eher im Gegenteil. Pausen zu machen ist der Schlüssel.
  • Vergiss „wissenschaftliche Leitung“. Was ein Wissenschaftler braucht, sind Freiheit, Ressourcen (Geld und Zeit) sowie eine gute intellektuelle Umgebung. Aber keine „Leittiere“.“

——————-

Was hat Björklund noch vergessen?

Foto: Fotolia / Stockwerk-Fotodesign

Zehn ketzerische Gebote zur wunderbaren Welt der Leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM)

4. Oktober 2018 von Laborjournal

(Den folgenden Beitrag bekam unsere Redaktion unaufgefordert zugeschickt. Der Autor ist der Redaktion bekannt.)


"Every valuable human being
must be a radical and a rebel,
for what he must aim at
is to make things better than they are."

Niels Henrik David Bohr
(Dänischer Physiker, 1885-1962, Physik-Nobelpreis 1922)

 

Vor 14 Jahren konzipierte und propagierte die DFG die sogenannte Leistungsorientierte Mittel­ver­gabe (LOM) und entließ sie als groß angelegten Freilandversuch in die medizinische For­schungs­landschaft. Oder besser gesagt: Sie ließ sie auf die Forscher in den Medizinischen Fakultäten los.

Bei der LOM konkurrieren in der Regel die verschiedenen Institute einer Fakultät um einen fixen Geldtopf. Das heißt, wenn Institut A nach irgendwelchen Kriterien, deren Sinn zumindest zweifelhaft ist, besser „produziert“ als Institut B, dann bekommt Institut B weniger Geld zugeteilt. Auch innerhalb einzelner Institute werden in vielen Fällen Kollegen direkt miteinander verglichen — sowohl in der Forschung, wie auch teilweise in der Lehre (wo der dominante Parameter allerdings häufig Quantität ist). Typischerweise spielen Impact-Faktoren von Zeitschriften eine wesentliche Rolle bei der LOM-Berechnung von „Forschungsleistungen“, obwohl deren Eignung zur Evaluation von Instituten und Einzelpersonen inzwischen selbst von Top-Journalen wie Nature oder Science klar verneint wird.

Dennoch haben viele Fakultäten die LOM-Richtlinie der DFG geflissentlich umgesetzt, ohne dass nachfolgend jemals geklärt wurde, ob sie wirklich sinnvoll ist — das heißt, ob ein messbarer positiver Effekt erzielt wird. Ob die LOM nützlich war bzw. ist, oder ob sie vielleicht vielmehr insbesondere das kollegiale Klima vergiftet, bleibt daher bis heute ungeklärt. Was aber auf jeden Fall erreicht wurde, ist, dass mehr Verwaltungspersonal zur Datenbankpflege et cetera benötigt wird. Die Relation von Forschern zu Verwaltern verschiebt sich zu Ungunsten der Forschung.

Nachfragen an die DFG mit der Bitte um Stellungnahme über mögliche Hinweise zum belegbaren Nutzen (oder Schaden) der Impact-Faktor-basierten LOM zeigen deutlich, dass die DFG sich bis auf Weiteres nicht ihrer Verantwortung für die Folgen der LOM stellt — ja sogar, dass sie auch in absehbarer Zukunft keine rigorose Evaluation durchführen will, obwohl ihr die Problematik sehr wohl bewußt ist.

Wenn man das dennoch ändern möchte, darf man also nicht weiter stillhalten. Deshalb nachfolgend eine ketzerische Liste von zehn LOM-Geboten zur wohlfeilen Reflexion. Sie könnte leicht noch länger sein, aber die Zahl 10 ist ja so schön biblisch — und 10 Gebote sollten letztlich mehr als genug sein, um potenziell LOM-induzierte Denkweisen des Homo laborensis nonsapiens darzustellen:x

Die 10 Gebote der LOM


  1. Du sollst den Kollegen vom Nachbar-Institut nicht helfen, in hochrangigen Journalen zu publizieren — vor allem, wenn die Gefahr besteht, dass sie in der LOM an Deinem Institut vorbei ziehen könnten.
  2. Du sollst Deinen LOM-Mitbewerbern nur solche Experimente vorschlagen, die viel Zeit kosten und letztendlich möglichst nicht funktionieren.
  3. Du sollst die Drittmittel-Anträge Deiner lokalen Kollegen nur oberflächlich kritisieren und eklatante Schwachstellen nicht aufdecken. Ihr Erfolg ist Dein LOM-Verlust!
  4. Du sollst Verbund-Initiativen nur gerade soweit unterstützen, wie sie Dir selbst nützen. Erfolge in diesem Bereich bringen den leitenden Kollegen in der Regel viele LOM-Punkte — was wiederum heißt, dass Du schlechter aussiehst.
  5. Du sollst in Berufungskommissionen dafür sorgen, dass in Nachbar-Instituten möglichst zweitklassige Kollegen angeheuert werden. Deren LOM-Schwäche wird Deine LOM-Stärke.
  6. Wenn Du eine Core Facility leitest, sorge dafür, dass vor allem die Kollegen Deines Instituts, am meisten aber Deine eigenen Leute von den sauteuren Gerätschaften profitieren.
  7. Du sollst Gutachtern bei Begehungen unauffällig subtile Hinweise zuspielen, die Deine LOM-Konkurenten in schlechterem Licht darstellen. Auch nonverbale Kommunikation kann hier wahre Wunder wirken.
  8. Falls Review-Artikel LOM-fähig sind, hau‘ möglichst viel davon raus! Selbst wenn deren echter „Nährwert“ oft äußerst limitiert ist, ersetzen sie doch für die LOM-Kalkulation wunderbar die deutlich mühsameren und kreativeren Originalartikel.
  9. Du sollst Kontrollexperimente und Wiederholungen von Experimenten auf ein absolutes Minimum beschränken, da diese nichts zur LOM beitragen.
  10. Du sollst Deine Ergebnisse in möglichst viele Artikel aufspalten, da dies zu einer Optimierung Deiner LOM-Punkte beiträgt.

 

In diesem Sinne, liebe Kollegen, freuen wir uns alle auf weitere Dekaden in der wunderbaren Welt der LOM. Für weitere kreative Ideen, wie man bei der LOM als Sieger vom Platz geht, einfach abends mal eine schöne Serie anschauen — zum Beispiel das gute alte Dallas mit J.R. Ewing oder auch House of Cards.

Illustration: iStock / kmlmtz66

x

Sind Exzellenzcluster zwingend exzellent?

28. September 2018 von Laborjournal

Arrgh, unser Mail-Postfach quillt gerade über vor lauter Erfolgsmeldungen der einzelnen Uni­ver­si­täten, dass sie im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder irgendwie „gewonnen haben“.

Wundern tut uns das allerdings nicht. Schließlich hat gerade ein Entscheidungsgremium aus Wissenschaft und Politik zum Ende eines wahren Wettbewerb-Marathons verkündet, ganze 57 sogenannte Exzellenzcluster an insgesamt 34 deutschen Universitäten zu fördern. (Für die gesamte Förderlinie stehen ab Januar 2019 sieben Jahre lang jeweils 385 Millionen Euro Steuergelder zur Verfügung, macht also im Schnitt rund 47 Millionen Euro pro Cluster — wobei die Unterschiede im einzelnen recht groß sind, beispielsweise zwischen Geräte-intensiven und „Geräte-freien“ Disziplinen. Im Detail kann man die Liste der „Sieger“ hier studieren.)

Nun ist das insgesamt eine derartige Masse an „exzellenten“ Projekten, dass man sich unwillkürlich fragen muss, ob es denn auch noch „normale“ Forschung gibt in Deutschland. Und schon merken wir: „Exzellenz“ ist relativ. Ein Begriff, den man nahezu beliebig mit Inhalt füllen kann — so, wie man es gerade braucht. Entsprechend kommentierte etwa die Bremer Wissenschaftssenatorin und stellvertretende Vorsitzende der Gemeinsamen Wissen­schafts­kon­fe­renz (GWK) Eva Quante-Brandt das Ergebnis mit: „Die Spitze liegt in der Breite“. Aha…!? Und Bundeswissenschaftsministerin Anja Karliczek ergänzte: „Wir haben Exzellenz an vielen deutschen Hochschulen. Das ist die Stärke und die internationale Attraktivität unseres Systems.“

Hm? Sollte „Exzellenz“ per definitionem nicht immer und ausschließlich die absolute Spitze einer Pyramide darstellen? Und wird so gesehen „Exzellenz“ nicht eher abgewertet, wenn sie immer mehr in die Breite geht? Wird auf diese Weise nicht heute exzellent, was es gestern noch nicht war — schlichtweg durch Evaluation und Wettbewerbs-Sieg?

Wie gesagt, Exzellenz ist immer relativ. Es ist noch gar nicht lange her, da galt beispielsweise vielen das gesamte wissenschaftliche Tun per se als exzellent. Klar, wenn man es mit reiner Fabrik- oder Verwaltungsarbeit verglich. Wenn die Wissenschaft jedoch als Bezugsgröße nur bei sich selber bleibt, dann zitieren wir hier hierzu gerne nochmals den folgenden Absatz aus dem letztjährigen Laborjournal-Essay des alten Konstanzer Wissenschaftstheoretikers Jürgen Mittel­straß:

Damit Exzellenz wirklich werden kann, muss viel Qualität gegeben sein; und damit Qualität wirklich werden kann, muss viel Mittelmaß gegeben sein. Allein Exzellenz und nichts anderes zu wollen, wäre nicht nur wirklichkeitsfremd, sondern für die Entstehungsbedingungen von Exzellenz vermutlich fatal — sie verlöre die wissenschaftliche Artenvielfalt, aus der sie wächst. Und darum eben auch: Nicht nur Erbarmen mit Durchschnittlichkeit und Mittelmaß, sondern zufriedene Unzufriedenheit mit diesen. Es ist das breite Mittelmaß, das auch in der Wissenschaft das Gewohnte ist, und es ist die breite Qualität, die aus dem Mittelmaß wächst, die uns in der Wissenschaft am Ende auch die Exzellenz beschert — mit oder ohne angestrengte Evaluierung.

Was gleichsam bedeutet, dass man Exzellenz nicht durch Wettbewerbe „erzwingen“ kann. Wohl aber herbeireden.

Doch das ist wieder ein anderes Thema, das unter anderem der Schweizer Ökonom Martin Bins­wanger vor zwei Jahren ebenfalls in einem Laborjournal-Essay sezierte…

Ralf Neumann

Illustr.: iStock / Akindo

x

Plattmachen und neu aufbauen — Frust-Antwort auf die „Wutschrift eines Physikers“

24. September 2018 von Laborjournal

(Vor zwei Wochen veröffentlichten wir an dieser Stelle die „Wutschrift eines Physikers über die «Forschungskultur» in der Biomedizin, in der der Autor heftig über die Verhältnisse in der bio­medi­zi­nischen Forschung ablederte. Neben den direkten Kommentaren dort erhielten wir die folgende Antwort, die wir hiermit als eigenen Beitrag veröffentlichen. Deren Inhalt spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wider — wie bei den Kommentaren auch. Der Autor möchte vorerst lieber anonym bleiben, ist der Redaktion aber bekannt.)

Sehr geehrte Damen und Herren,

anbei eine kleine Ansammlung von Gedanken, die mir in den Sinn kamen, als ich die Wutschrift des Physikers gelesen habe. Unter uns, die Situation in der Forschungslandschaft allgemein ist weit pre­kä­rer. Hier und da habe ich schon ähnliche Texte gelesen. Es macht 
wütend und enttäuscht, dass diejenigen, die sich ernsthaft um die Wissenschaften bemühen, von einer derartig bescheidenen Politik in ihren Projekten eingeschränkt werden. Und auf der anderen Seite werden Menschen in die Wissenschaften gedrängt, die dort fehl am Platze sind. Meines Erachtens sind die Probleme hin­reichend bekannt. Wie kann man sie lösen? Make Science Great Again. Das wäre schön!

Es ist nicht nur in der Biomedizin so, wie in der Wutschrift ange­deu­tet. Es betrifft leider die gesamte Struktur der hiesigen Forschung und Bildung. Es ist schrecklich, aber wahr, dass der Politik diese verheerende Situation längst bekannt ist. Aber entweder ist die Politik rat- und hilflos, oder es steckt Absicht dahinter, die Bildung insgesamt immer weiter herunterzufahren. Die Probleme fangen im Kindergarten an und reichen durch bis hin zu den Pro­fes­su­ren. Und anscheinend ist das System mittlerweile an allen Ecken und Kanten wie auch mitten­drin so verkorkst, dass es keine Politiker gibt, die in der Lage wären, hier gegenzusteuern. Eigentlich müsste man alles platt machen, und neu aufbauen.  Diesen Beitrag weiterlesen »

Von Daten, die in Schubladen verstauben

17. September 2018 von Laborjournal

Haben Sie auch noch jede Menge Daten in der sprichwörtlichen Schublade liegen? Daten, die schon lange eine nette, kleine „Story“ ergeben würden — wenn man sie nur mal in Manuskriptform bringen würde?

Wie bitte, in Ihrer Schublade schlummert Stoff für mehrere solcher kleinen, aber feinen Manuskripte? Oder in ihrem Regal?…

Keine Angst, Sie sind nicht allein.

Schon vor einiger Zeit stellte eine englische Forscherin den Kollegen in ihrem (leider nicht mehr existenten) Blog im Prinzip dieselbe Frage: „Stellt Euch vor, ihr bekommt keine Fördergelder mehr und könnt Euch einzig darauf konzentrieren, alle vorhandenen Daten zusammenzuschreiben — für wie lange hättet Ihr noch „Stoff“?“ Und sie meinte damit nicht das Umschreiben bereits eingereichter Manuskripte; es ging ihr vielmehr um die vielen, praktisch publikationssreif abgeschlossenen (Seiten-)Projekte, die bislang dennoch nie wirklich oben auf dem Schreibtisch gelandet waren.

Heraus kam, dass dieses Phänomen den meisten Forschern, die schon länger im Geschäft sind, offenbar wohlbekannt ist: Die Mehrzahl der Antworten lag zwischen drei und fünf Jahren.

Drei bis fünf Jahre lang könnte der Durchschnitts-Seniorforscher also noch Manuskripte schreiben — allein mit den Daten, die er längst schon hat. Da er diese Zeit aber beileibe nicht nur mit Paperschreiben verbringen kann, werden wohl jede Menge dieser interessanten kleinen (und hin und wieder vielleicht sogar großen) Geschichten niemals veröffentlicht. „Survival of the fittest results“ nennt die Autorin das treffend.

Woher aber kommt der entsprechende Selektionsdruck? Wohl daher, dass das Publikations-dominierte Belohnungssystem dem Forscher die folgende Zwickmühle beschert hat: Will er seinen Job gut machen, sollte er stets seine Resultate sorgfältig prüfen, hart nach alternativen Erklärungen fahnden und sie immer mit der aktuellen Literatur abgleichen. Das allerdings kostet Zeit. Wenn Forscher X aber zu viel Zeit mit diesen Dingen „vertrödelt“, riskiert er, als unproduktiv abgestempelt zu werden. Und dann kann es schnell schwer werden, weiterhin Fördergelder zu bekommen.

Also bunkert Forscher X das weniger dringende Material in der Schublade und schreibt lieber erstmal den nächsten Antrag — nicht zuletzt auch, um das Hauptprojekt der Gruppe weiter am Laufen zu halten. Wird dieser dann bewilligt, muss er natürlich umgehend die beantragten Projekte auch machen. Mit den resultierenden Daten muss er gleich wieder Paper schreiben, damit er frische Argumente für den nächsten Folgeantrag hat… — und so geht das Spiel in die nächste Runde

Und während diese Mühle unerbittlich weiter läuft, versinkt das, was er in der Schublade bunkert, tiefer und tiefer im Staub.

Wer weiß, wie viele kleine Schätze mit etwas weniger Antragsdruck von dort geborgen werden könnten..

Ralf Neumann

Foto: iStock / Paperkites

x

Wutschrift eines Physikers über die «Forschungskultur» in der Biomedizin

10. September 2018 von Laborjournal

In schöner Regelmäßigkeit erhalten wir von unseren Lesern E-Mails, die man im Englischen als «Rant» bezeichnen würde. „Wutschrift“ oder „Tirade“ würde es im Deutschen wohl am ehesten treffen. Und natürlich sind es meist irgendwelche Zustände im hiesigen Wissenschaftssystem, die den Autoren immer wieder die Zornesröte ins Gesicht treiben.

Mit dieser allgemeinen Einleitung sollte die Neugier auf ein konkretes Beispiel geweckt sein. Also gut, nehmen wir etwa die folgende Mail, die uns ein Physiker bereits vor einiger Zeit zuschickte und in der er zwar nur kurz, aber heftig über die Verhältnisse in der biomedizinischen Forschung ablederte. Geben wir ihm also selbst das Wort:…

Als Physiker, genauer gesagt als Theoretiker, der eher Einzelkämpfertum gewohnt war, geriet ich vor Jahren vom Hamburger DESY, also der Hochenergiephysik, in die biomedizinische Forschung — und ich kann nur sagen: Ein echter Kulturschock! PI-Kult und Impact-Faktor-Fetischismus ohne Ende. Dazu eine ausgeprägte Projektitis: Jedes Projekt kündigt mindestens die ultimative Erklärung für irgendetwas an, wenn nicht dazu sogar noch Firmenausgründungen, Patente und vieles andere mehr. Völlig logisch daher, dass die Antragsteller auf diese Weise schon im Antrag versprechen, was am Ende rauskommen wird (deliverables) — und in welchen Zeitabschnitten (milestones). Reine Beutegemeinschaften, meist mit einem Haupt-Beutegreifer.

Preprints — in der Physik fest etabliert — scheinen in der Biomedizin als Teufelswerk verschrien. Seit zehn Jahren versuche ich meinen Chef von Preprint-Publikationen zu überzeugen. Doch ich höre immer nur: Beim Publizieren fängt man bei Nature, Science und Co. an. Fast immer wird das Manuskript abgelehnt, und man schreibt es für das nächste Journal um, et cetera — um es schließlich nach einem halben Dutzend Versuchen in einem passenden Journal unterzubringen. Am Ende ist dafür dann mehr Zeit vergangen als für die Forschung selbst.

Was für eine irrsinnige Verschwendung von Zeit und Steuergeldern! Und am Ende muss man sich dann anhören: „Associate-Professor wollen Sie werden? Dafür haben sie aber nicht genügend Paper pro Zeiteinheit geschrieben.“

Schlimmer noch trifft’s die Doktoranden und Postdocs: Die sind eh nur Verbrauchsmaterial — fast schon Sklaven, mit denen man machen kann, was man will. (Kürzlich sagte bei uns etwa ein PI zum Erstautor eines Manuskripts: „Ich habe mit meinem PI-Kumpel beim Mittagessen über das Paper geredet, deshalb muss er mit auf die Autorenliste.“ Und das zielgenau nach der zweiten Revision, als klar war, dass das Paper durchkommt…) Ein Aufstand ist nicht möglich, sonst kann man sich den nächsten Zeitvertrag abschminken — nur um dann nach 15 Jahren doch auf der Strasse zu landen.

Programme, die mit viel Geld und Zeit gestartet wurden, verrotten vor solchem Hintergrund mannigfach auf irgendwelchen Servern — weil irgendwann keiner mehr da ist, um sie zu pflegen und weiterzuentwickeln. Wieder viel Steuergeld für die Katz‘! Kontinuierlicher Aufbau von Wissen und Knowhow findet so kaum statt — auch weil es ja keinen akademischen Mittelbau mehr gibt, der ihn weiter tragen könnte. Dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz sei dank!

So wird man die großen Fragen sicher nicht lösen. Sei es die nach der Entwicklung eines ganzen Lebewesens aus nur einer befruchteten Eizelle, oder die, warum wir altern und sterben, oder warum es überhaupt Leben auf der Erde gibt…

Irgendwelche Einsprüche? Bestätigungen? Relativierungen? Oder gleich noch einen «Rant» hinterher? …

Nehmen wir gerne! Als Kommentar hier unten oder via E-Mail an redaktion@laborjournal.de.

Illustr.: DeviantArt / baleshadow

 

Schuldige Smartphones — oder doch nicht?

5. September 2018 von Laborjournal

(UPDATE VOM 7.9.2018: Über das Pressereferat des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund, wo die unten referierte Studie entstand, erreichte uns eine Mail, in der die Autoren unter anderem „fehlgeleitete Interpretationen und Rück­schlüsse“ in unserem Blog-Artikel kritisieren. Wir haben den Text der Mail daher unmittelbar hinter dem ursprünglichen Blog-Beitrag eingefügt, damit sich die Leser ihr eigenes Bild machen können.)

x

Offenbar kann man es nicht oft genug betonen: Wenn das vorausgehende Phänomen A mit Phänomen B korreliert, dann muss A noch lange nicht die Ursache für B sein. Das alte Dilemma zwischen Korrelation und Kausalität.

Wie irreführend es sein kann, wenn man hier nicht sauber trennt, zeigt gerade ein frisches Paper von Dortmunder Arbeitspsychologen mit dem Bandwurm-Titel „Protect Your Sleep When Work is Calling: How Work-Related Smartphone Use During Non-Work Time and Sleep Quality Impact Next-Day Self-Control Processes at Work“ (Int. J. Environ. Res. Public Health 2018, 15(8)).

Was sagt der Titel? Dass Arbeiten mit dem Smartphone nach Feierabend — also E-Mails checken, Kunden anrufen, „schnell“ nach irgendwelchen Infos surfen,… — und die Qualität des Nachtschlafs die Performance am nächsten Arbeitstag mitbestimmen. Letzteres ist eigentlich trivial: Ein jeder weiß wohl selbst, dass ihm die Arbeit schwerer fällt und er mehr Fehler macht sowie schneller erschöpft ist, wenn er sich in der Nacht davor allzu lange schlaflos im Bett gewälzt hat. Und Smartphones die Schuld für irgendwelche negative Performance zu geben, ist sowieso gerade en vogue.

Doch sind die Smartphones wirklich kausal „schuld“? Diesen Beitrag weiterlesen »

„The Scientist Who Scrambled Darwin’s Tree of Life“…

30. August 2018 von Laborjournal

… Diese Titelzeile im Magazin der New York Times machte mich neugierig. Wer das wohl sein soll? „Der wichtigste Biologe des 20. Jahrhunderts, von dem du noch nie gehört hast“, schreibt David Quammen in der NYT.

Und, wer ist es nun?

Es ist Carl Woese, der Ende 2012 verstorbene Experte für molekulare Phylogenie — obwohl dieser Begriff noch gar nicht existierte, als sich Woese mit der frühen Evolution von Bakterien zu beschäftigen begann.

 

Carl Woese, der „wichtigste unbekannte Biologe des 20. Jahrhunderts“, an Thanksgiving 2003. Er kam 1928 in Syracuse, New York, zur Welt, und promovierte an der Yale University in Biophysik. 1969 wurde er Professor für Mikrobiologie an der University of Illinois in Urbana-Champaign, wo er bis zu seiner Emeritierung blieb. Woese starb am 30. Dezember 2012.

 

Der wunderbare 7.500-Worte-Artikel stammt von David Quammen, einem mehrfach dekorierten Journalist und Buchautor. Er ist ein Exzerpt von Quammens neuestem Buch The Tangled Tree — A Radical New History of Life. Quammen liefert einen spannend zu lesenden Abriss über die Entdeckung der Archaeen samt deren Einordnung als neues Reich in den Tree of Life, über die Entstehung der molekularen Phylogenie als Forschungsdisziplin, über den horizontalen Gentransfer und seine Bedeutung für die Evolution — wie auch über die Person Carl Woese.

Quammen selber traf Woese nie, denn er begann erst zwei Jahre nach dessen Tod, sich mit dem Thema und dem Mann zu befassen. Also musste er sich seine Informationen in vielen Gesprächen mit denjenigen besorgen, die Carl Woese kannten. Aus deren Worten bekommt man ein ganz gutes Gefühl dafür, wie das war, als Woese und George Fox 1977 in einer Veröffentlichung die Archaebakterien neben den Eubakterien und den Eukaryoten als drittes Reich ankündigten.

Das Paper schaffte es zwar auf die Titelseite der New York Times und Woese stand für „15 Minuten im Rampenlicht“, so Quammen. Aber die Wissenschaftler hielten nichts von seinen Ideen. Ralph Wolfe, Mikrobiologe und ehemaliger Kollege von Woese, erinnert sich: „Wir bekamen viele Anrufe, alle negativ. Die Leute waren empört über diesen Unsinn. Was dazu führte, dass das ganze Konzept um mindestens zehn oder fünfzehn Jahre aufgehalten wurde.“ Und so verschwand der Forscher wieder in seinem Labor.

Woese hatte dennoch Recht, wie die Vergangenheit zeigte. Und obwohl seine Erkenntnisse das Bild vom Tree of Life drastisch veränderte, wurde der Forscher nie wirklich bekannt oder gar berühmt. Was, so Quammen, letztlich auch an seiner Persönlichkeit lag. Er sei ein eigensinniger Wissenschaftler gewesen — unbekannt, aber genial, schrullig, getrieben.

Was mich dann doch verwunderte. Ich selbst konnte Woese 2003 an seinem Wohnort Urbana (USA) persönlich treffen — kurz nachdem er den Crafoord-Preis (den ebenfalls ziemlich unbekannten kleinen Bruder des Nobelpreises) erhalten hatte. Carl Woese — damals mit zerzausten, weißen Haaren, knitterigem Gesicht und in legerer Kleidung — nahm sich drei Stunden Zeit für mich, obwohl es Thanksgiving war. Er wirkte weder schrullig noch eigensinnig. Entspannt, gesprächig, gut gelaunt war der Mann, er lachte viel. Ein sehr angenehmer Gesprächspartner — intelligent und dennoch geduldig, mir die Feinheiten seiner Ideen zu erklären. Und er war überzeugt, dass Darwin, wenn er denn zu der Zeit noch gelebt hätte, bei ihm — Woese — gearbeitet hätte.

(Der daraus entstandene Interviewtext samt einer kurzen Zusammenfassung von Woeses Arbeit stand übrigens Anfang 2013 anlässlich seines Ablebens auch hier im Blog.)

Nachdem ich den NYT-Artikel gelesen hatte, kaufte ich mir sofort das Buch. Ich habe zwar erst ein Viertel geschafft, kann es aber dennoch wirklich empfehlen. Und es sollte übersetzt werden für ein größeres Publikum. Denn Quammen hat eine super Schreibe. Es gelingt ihm, die Forschung von Woese und all seiner Kollegen, aber auch vieler anderer Wissenschaftler lebendig werden zu lassen. Er liefert Details, ohne langatmig zu werden; er schreibt witzig… Aber lesen Sie selber!

Zum Tod von Benno Müller-Hill

22. August 2018 von Laborjournal

Am 11. August starb im Alter von 85 Jahren Benno Müller-Hill, Professor-Emeritus am Kölner Institut für Genetik und einer der Pioniere der Molekularbiologie in Deutschland. Neben seiner Forschungsarbeit, die sich nicht nur, aber insbe­son­dere um den Lac-Repressor von E. coli drehte, wurde er einer breiten Öffentlichkeit bekannt durch sein 1984 erschienenes Buch „Tödliche Wissenschaft“, in dem er die Rolle der Forschung im Nationalsozialismus unter­­suchte.

In den Jahren 1998 bis 2000 schrieb Benno Müller-Hill auch immer wieder für Laborjournal. Zwei seiner damaligen Beiträge bringen wir nachfolgend nochmals an dieser Stelle — auch als Hommage an einen einmischungsfreudigen, „politischen“ Forscher, von dessen Typ wir gerade heute durchaus wieder mehr brauchen könnten…

———————————

 

Aus unserer damaligen Reihe: Wenn ich heute Postdoc wär…

Warum spricht der Mensch?

Von Benno Müller-Hill, Laborjournal 4/2000, S. 14

Was würde ich machen, wenn ich heute Dreißig wäre und als Postdoc nach einem Problem Ausschau hielte? Welches Problem würde ich gerne lösen?

Bevor ich diese Frage beantworte, ist es angebracht, kurz zu berichten, was ich vor vierzig Jahren dachte und tat.

1960 war ich Doktorand bei dem Biochemiker Karl Wallenfels. Ich arbeitete über b-Galactosidase aus E. coli. Im Literaturseminar wurde die Comptes-Rendues-Arbeit aus dem Labor von Francois Jacob und Jacques Monod besprochen, in der zum ersten Mal von Lac-Repressor und von Lac-Operator die Rede war. Ein Assistent, der eine Ausbildung als Mikrobiologe hatte, sagte: „Das sind typisch französische Spitzfindigkeiten. E. coli hat keine Gene, denn es hat keinen Kern“. Wallenfels wiegte den Kopf. Er war sich nicht sicher. Ich und ein paar andere dachten, das Repressor-Operator-Modell muss stimmen. Es ist so elegant.      Diesen Beitrag weiterlesen »

Der „Fake Science-Skandal“ – eine Meinung!

25. Juli 2018 von Laborjournal

Nach langer und aufwendiger Recherche eines Journalisten-Konsortiums von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR haben die betreffenden Medien kürzlich ihre Beiträge zum Thema Pseudojournale und schlechte Wissenschaft veröffentlicht. Was darauf folgte, ist der aktuelle „Skandal“ um sogenannte „Fake Science“. Oder auch #fakescience.

Was ich dabei nicht verstehe, ist, warum der Hochschulverband, die Universitäten und Wissenschaftsorganisationen es unterlassen, die mangelhafte Recherche des Konsortiums zu kritisieren. Stattdessen übt man sich in Selbstkritik, kritisiert Wissenschaftler und weist nur sehr vorsichtig darauf hin, dass ja nicht alle Publikationen in sogenannten „Raubtier-Journalen“ (predatory journals) Fälschungen sein müssen. In vorauseilendem Gehorsam schreibt die Präsidentin der Universität Marburg alle Wissenschaftler an, die in vermeintlichen „Raubtier-Journalen“ publiziert haben und verlangt eine Rechtfertigung — ohne jeden Hinweis auf wissenschaftliches Fehlverhalten in Form von gefälschten Daten.

Was ist überhaupt ein „Raubtier-Journal“?

Eins, das Publikationsgebühren nimmt? Nein, das machen fast alle seriösen Journale.

Eins, das keinen Impact-Factor (IF) angibt? Nein, manche seriöse Journale verzichten ausdrücklich auf die Angabe des stark kritisierten IF.

Eins, das kein beziehungsweise ein schlechtes Peer Reviewing hat? Woher sollen die Wissenschaftler das wissen, wenn das Journal behauptet, dass ein Peer Review stattfindet?

Eins, dass Wissenschaftler anschreibt und zu Publikationen auffordert? Das ist lästig und verstopft den E-Mail Ordner. Aber nein, das tun solide Journals bisweilen auch!

Der Übergang von soliden Journalen zu „Raubtieren“ ist fließend. Große Verlage geben sowohl Qualitäts-Journals als auch minderwertige Zeitschriften heraus, die zumindest im Graubereich der „Raubtiere“ liegen. Der (leider noch immer) renommierte Elsevier-Verlag „verkauft“ das beliebte „Scopus-Indexing“ an alle möglichen Zeitschriften, die sehr viel irrelevante Papers mit unzureichenden Daten publizieren. Das sind meist keine Fälschungen, sehr oft aber Publikationen von schlechter Qualität oder mit Daten von geringem allgemeinen Interesse (gegen letzteres ist nichts einzuwenden!).

Was ist schlechtes oder fehlendes Peer Reviewing? Wenn sich eine Zeitschrift eine Gruppe „großzügiger“ Gutachter hält, die allen „Junk“ durchwinken? Oder wenn der Editor alleine entscheidet, ein Manuskript anzunehmen? Als Geschäftsmodell ist das gewiss unmoralisch — aber die Autoren wissen das (meistens) nicht. Und: „großzügige“ Gutachter findet man auch mehr oder weniger häufig bei renommierten Journalen. Ich erinnere mich, dass ein Manuskript bei einer sehr (!) renommierten amerikanischen Zeitschrift innerhalb von fünf Stunden (einschließlich zwei Reviews) angenommen wurde. Das Paper war gut, aber die Begutachtung war — vorsichtig ausgedrückt — etwas oberflächlich.

Die „weltweite“ Betrachtung von „Raubtier-Journalen“ verzerrt vermutlich die Untersuchung — wohl vor allem, weil eine ordentliche Definition fehlt. In vielen weniger entwickelten Ländern gibt es eine Unmenge wissenschaftlicher Zeitschriften, die viele minderwertige sowie schlecht oder gar nicht überprüfte Daten veröffentlichen. Teilweise sind sie staatlich subventioniert, teilweise durch Scopus „geadelt“ — alle nehmen, für europäische Verhältnisse, moderate Publikationsgebühren. Im Gutachtergremium sitzen meist einige gute Wissenschaftler aus den USA, Europa oder Japan.

 

Ich habe selbst ein Jahr lang im Editorial Board einer solchen Zeitschrift gesessen, die von einer der Top-Universitäten Indonesiens herausgegeben wurde. Nachdem alle Manuskripte, die ich zu begutachten hatte, trotz meiner Ablehnung unverändert publiziert wurden, bin ich zurückgetreten. Sind das „Raubtiere“? Nach meiner Ansicht nicht. Es sind schlechte Zeitschriften, und sie publizieren viel „Junk“ — aber das wird leider von den dortigen Wissenschaftssystemen (inklusive dem Wissenschaftsministerium) ausdrücklich gefordert!

Muss man einem deutschen Wissenschaftler, der im Rahmen einer Zusammenarbeit auf einem Paper in einer minderwertigen Zeitschrift steht (nicht unbedingt einem minderwertigen Paper!), einen Vorwurf machen?

Die Autoren berichten vom tragischen Fall der Krebspatientin Miriam Pielhau, die falschen Studien zum Opfer gefallen ist. „Miriam war eine Krebsexpertin“, wird gesagt. Nein, war sie nicht! Wissenschaftliche Publikationen sind für ein Fachpublikum geschrieben, und Fachexperten können solche Arbeiten auch beurteilen. „Laien-Experten“ können das nicht. Frau Pielhau wäre der Fake-Therapie, die in Deutschland nicht zugelassen ist, nicht zum Opfer gefallen, wenn sie wirkliche Experten gefragt und sich auf die Zulassungsordnung in Deutschland verlassen hätte.

Eine gewisse Schuld tragen aber auch die Medien, die in Talkshows Nicht-Fachleute als Experten präsentieren und ihnen Raum für wissenschaftlich zweifelhafte Statements geben. So entsteht der Eindruck, dass jeder der googeln kann, innerhalb kürzester Zeit zum Fachexperten wird.

Süddeutsche, NDR und WDR implizieren, dass (fast) alle Artikel in „Raubtier-Journalen“ Fälschungen sind oder Interessen der Industrie vertreten. In „Exklusiv im Ersten“ wird berichtet, dass sie 170.000 Paper „ausgewertet“ haben. Wie viele davon wirklich Fälschungen sind, haben sie nicht untersucht. Gehen wir von ein bis zwei Prozent deutscher Publikationen in sogenannten „Raubtier-Journalen“ aus. Wie viele davon sind „Fake“ (enthalten gefälschte Daten), „Junk“ (enthalten schlechte Daten) — und wie viele enthalten korrekte Daten von geringem allgemeinem Interesse, die man nicht in einem Top-Journal unterbringen kann? Die Autoren bleiben die Antwort schuldig, berichten aber über einen „Skandal“. Der Anteil an „echtem Fake“ wird vermutlich im unteren Promillebereich liegen.

Fake-Konferenzen dagegen sind meist gut getarnte Geldschneiderei, aber inzwischen kennt man die Masche. Die im Film gezeigte „Weltkonferenz“ mit schätzungsweise dreißig Teilnehmern ist eigentlich ein gutes Zeichen: Darauf fällt kaum noch jemand herein.

Es ist jedoch auffällig, dass die öffentlichen Medien weit überproportional schlechter oder gefälschter Forschung zum Opfer fallen — unabhängig davon, ob sie in renommierten Zeitschriften oder in mutmaßlichen „Raubtier-Journalen“ steht. Bisweilen schaffen es sogar „Pseudo-Daten“ ohne jeden wissenschaftlichen Hintergrund in die Schlagzeilen. Das schlimmste Beispiel ist eine „wissenschaftliche“ Facebook-Publikation, die von einer politischen Partei inszeniert wurde. Ohne Recherche wurde sie in viele sogenannte Qualitätsmedien aufgenommen. Auf Anfrage antwortete ein Journalist dazu: „Das ist eine zuverlässige Quelle, eine Recherche war nicht erforderlich.“ Geht’s noch! Sollte man nicht gerade von Wissenschaftsjournalisten erwarten, dass sie recherchieren, die Glaubwürdigkeit eines Artikels überprüfen und zuverlässige Experten kennen, die sie befragen können.

Ganz zweifellos ist die Wissenschaft zur Selbstkontrolle verpflichtet. Wissenschaftliches Fehlverhalten wird von Universitäten, Forschungsinstituten und den Förderinstitutionen sorgfältig untersucht und gegebenenfalls geahndet. Ob neben Ombudsleuten und Ethikkommissionen eine weitere „Publikationspolizei“ erforderlich und hilfreich ist, möchte ich bezweifeln. Zumindest in den Naturwissenschaften gibt es zwar einen gewaltigen Publikationsdruck, Publikationen in minderwertigen Zeitschriften sind jedoch weder für die wissenschaftliche Karriere noch für die Einwerbung von Fördergeldern förderlich.

Sicher, der Markt an wissenschaftlichen Zeitschriften ist sehr unübersichtlich geworden. Der Publikationsdruck ist hoch, aber es wird auch exponentiell mehr Wissen produziert. Soll man den Publikationsmarkt daher regulieren? Ich hielte das für einen fatalen Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit. Es gibt viele großartige Beispiele dafür, wie sich Wissenschaft selbst reguliert, wie Daten angezweifelt werden und dann mit mehr oder mit besseren Experimenten bestätigt oder falsifiziert werden — ohne dass jemand gefälscht oder betrogen hat. Und es gibt viele Experimente, mit denen tatsächlich spektakuläre (aber falsche) Publikationen experimentell widerlegt wurden. Von den Medien werden die spektakulären Ergebnisse indes allzu gerne aufgegriffen, ihre Falsifizierung aber leider zu oft ignoriert.

Ist es Paranoia? Oder könnte es sein, dass von einem dringend reformbedürftigen Wissenschaftsjournalismus die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft durch Skandalisierung grundsätzlich diskreditiert werden soll? Wenn es so viel „Fake Science“ gibt, dann ist Wissenschaft doch nichts anderes als eine Meinung unter vielen, die gleichberechtigt neben Homöopathie, alternativer Medizin und biodynamischem Landbau steht — und eine flache Erde ist ebenso eine Hypothese wie der Globus.

„Fake Science“ ist eine Verallgemeinerung. Der Journalismus hat sich massiv gegen den Begriff „Lügenpresse“ gewehrt, weil er einige wenige Falschinformationen in den öffentlichen Medien auf die gesamte Branche extrapoliert. Wenn Journalisten jetzt den Begriff „Fake Science“ erfinden, ist das dann in Ordnung?

Wolfgang Nellen

 

(Wolfgang Nellen war bis 2015 Professor für Genetik an der Universität Kassel und ist seitdem Gastprofessor an der Brawijaya University in Malang, Indonesien. Von 2011 bis 2014 war er Präsident des Verbandes Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland, VBIO e. V.)

 

Information 1


Information 2





Information 4


Information 5


Information 7


Information 8