Kontroverse um Diagnostika

9. Juli 2018 von Laborjournal

In Laborjournal 3/2018 veröffentlichten wir zwei Artikel zum Thema zweifelhafte Qualität und Qualitätskontrolle von Diagnostika — wobei vor allem Immun-Diagnostika im Fokus standen: „Ist Diagnostik Glückssache?“ und „Diagnostika außer Kontrolle“ (S. 16-23). In Heft 6/2018 (S. 14-15) kritisierten drei in der Diagnostik tätige Ärzte die beiden Artikel in einem Leserbrief mit dem Titel „Immundiagnostik braucht Verstand und Erfahrung“. Wir veröffentlichen den Leserbrief an dieser Stelle nochmals inklusive der Antworten unserer Autorin Karin Hollricher sowie von Kira Merk, deren „Fall“ als Betroffene in den Artikeln prominent geschildert wurde. Dies verbunden mit der Hoffnung, dass sich vielleicht die eine oder der andere ebenfalls mit einem Kommentar zu dem offenkundig sehr kontroversen Thema äußern möchte.


Der Leserbrief

„Immundiagnostik braucht Verstand und Erfahrung“

Sehr geehrte Redaktion,

am 9. Januar veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung unter dem Titel „Bluts­bande“ einen Artikel, der den diagnostischen Leidensweg der Patientin Kira Merk beschrieb. Das Laborjournal nahm das gleiche Thema erneut auf. Frau Merk leidet an einer seltenen Autoimmunkrankheit, die auf Grund unspezifischer Symptome zu Beginn der Erkrankung, der großen Variabilität der Erkrankungs­manifestationen sowie nicht standardisierter Immundiagnostik sehr schwer zu diagnostizieren ist.

Frau Merk fiel auf, dass ihre Laborergebnisse unterschiedlich sind, je nachdem, in welchem Labor mit welchem Test ihr Blut untersucht wird. Das ist für einen Laien schwer verständlich. Leider sind solche Probleme im Praxisalltag nicht ungewöhnlich.

Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Zum einen handelt es sich bei den für die Diagnostik von Autoimmunerkrankungen zu testenden Autoantikörpern um heterogene Analyten, wodurch biologisch bedingte Unterschiede bei Einsatz unterschiedlicher Nachweismethoden resultieren. Ein auf Immundiagnostik spezialisiertes Labor muss aber solche Probleme durch Plausibilitätstestungen erkennen und über Kontrollanalysen lösen können. Das für jedes Labor geforderte Qualitätsmanagement erweist sich selbst bei Akkreditierung meist als nicht ausreichend. Immundiagnostik braucht Verstand und Erfahrung. Zum anderen ist das Abrechnungssystem für Laborleistungen nicht darauf ausgelegt, die hier erforderliche Stufen- und Multiparameteranalytik durchzuführen.

Deshalb wird häufig darauf verzichtet, widersprüchlichen Befunden im Detail nachzugehen. Immundiagnostik gehört in speziell dafür ausgelegte Labore. Die von Krankenkassen geförderte ASV (ambulante spezialärztliche Versorgung) könnte dazu beitragen, die Immundiagnostik zu verbessern. Nicht auf Immundiagnostik spezialisierte Labore sollten keine spezielle Autoimmundiagnostik anbieten. Nur ein enger und regelmäßiger Dialog zwischen klinisch tätigem Arzt, Labormediziner/Immunologen und Testkithersteller kann die Qualität in der Labordiagnostik verbessern und einen hohen Standard gewährleisten.

Der dargestellte Fall greift ein für die Patientenbetreuung sehr relevantes Problemfeld auf. Allerdings finden sich in dem Artikel von Frau Hollricher erschreckend viele Fehler, die von einem grundsätzlichen Nichtverständnis der Autoimmundiagnostik zeugen.

Das größte Missverständnis in Frau Hollrichers Artikel liegt darin, dass sie die Sensitivität (Testempfindlichkeit) mit der Qualität des Tests gleichsetzt. Gerade in der Autoantikörperdiagnostik sind hoch-sensitive Tests gefährlich, weil sie oft Gesunde oder Patienten mit anderen Erkrankungen als positiv identifizieren, also nicht wirklich spezifisch für eine Krankheit sind. Das kann zu Fehldiagnosen führen und im schlimmsten Fall zur falschen Behandlung. Ein Autoantikörpertest ist immer ein Kompromiss zwischen Sensitivität und Spezifität. Und je seltener eine Erkrankung, desto wichtiger ist es, dass der Test spezifisch ist, also nicht bei Patienten mit anderen Erkrankungen positiv anschlägt.

Frau Hollricher schreibt etwa, dass der Anti­körpertest mit Crithidia luciliae mit einer Sensitivität von unter 30 Prozent heute bei weitem nicht mehr Stand der Technik sei. Gleichzeitig zitiert sie aber mehrfach die International recommendations for the assessment of autoantibodies to cellular antigens referred to as anti-nuclear antibodies, in denen der Crithidia-luciliae-Nachweis wegen seiner hohen Spezifität besonders empfohlen wird, vor allem für die Bestätigung von positiven Ergebnissen mit anderen, weniger spezifischen Methoden (Recommendation Nr. 15).

Gerade weil die Autoimmundiagnostik hoch komplex ist, gibt es viele Bestrebungen, die Situation zum Beispiel durch bessere Kommunikation zwischen Labor und Arzt zu verbessern. Das haben sich auch die „European Autoimmunity Standardization Initiative“ (EASI), die aus Laborärzten und Rheumatologen besteht, sowie die Gesellschaft für Förderung der Immundiagnostik (GFID) e.V. (www.gfid-ev.de) auf die Fahnen geschrieben. EASI hat unter anderem die oben genannten International Recommendations erstellt. Im EASI-Artikel „Facing the challenges of diagnostics in autoimmunity“ schreiben die Autoren: “Letztendlich ist das Ziel von EASI, dass die Autoimmundiagnostik im besten Sinn angewendet wird, um so die Patientenfürsorge zu optimieren.“ (Damoiseaux J. et al., Clin. Chem. Lab. Med. 2017, doi: 10.1515/cclm-2017-0826)

Bedauerlich, dass die Autorin sich die Situation nicht von Diagnosespezialisten erklären ließ. Als Vertreter der deutschen EASI-Gruppe laden wir Frau Hollricher herzlich ein, mit uns über die Tücken der Autoimmundiagnostik zu diskutieren. Die GFID e.V. ist auch sehr daran interessiert, solche Fälle wissenschaftlich aufzuarbeiten und ggf. als Fallsammlung im Rahmen ihrer Immundiagnostischen Bibliothek der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Anstatt vermeintliche Skandale aufzude­cken, braucht es Menschen mit wissenschaftlich-medizinischem Verständnis, die helfen, labordiagnostische Ergebnisse und scheinbare Widersprüche auch für Laien verständlich zu erklären.

 

Prof. Dr. med. Ulrich Sack, Universität Leipzig, Institut für Klinische Immunologie;

Dr. med. Sebastian Rudolph, Immunzentrum Chemnitz;

PD Dr. med. habil. Karsten Conrad, Technische Universität Dresden, Institut für Immunologie


 

Die Antwort der „Betroffenen“ Kira Merk

Diagnostische Tests außer Kontrolle — Zur Verantwortung der Ärzte

An den Artikeln „Ist Diagnostik Glückssache?“ und „Diagnostika außer Kontrolle“ (LJ 3/2018 , S. 16-23) übten Herr Prof. Dr. med. Ulrich Sack (Universität Leipzig, Institut für Klinische Immunologie Leipzig), Dr. med. Sebastian Rudolph (Immunzentrum Chemnitz), PD Dr. med. habil. Karsten Conrad (Technische Universität Dresden, Institut für Immunologie) mit ihrem Leserbrief im Heft 06-2018 heftige Kritik.

Wenn Fachleute (in Anbetracht so einer Thematik) jemandem öffentlich „erschreckend viele Fehler und ein grundsätzliches Nichtverständnis von Autoimmundiagnostik“ vorwerfen, sollten Fehler konkret benannt werden können und einer Überprüfung standhalten.

In Anbetracht der Tatsache, dass der Artikel darauf hinweist, dass zum Teil offenbar Tests mit irreführenden oder fehlerhaften Angaben im Verkehr sind — wohl um sie besser zu verkaufen –, schrieben die Autoren (Ärzte!) nur von einem „vermeintlichen Skandal“.

 

Im Medizinproduktegesetz, MPG, heißt es dazu in § 4 Abs. 2 Satz 1:

Es ist ferner verboten, Medizinprodukte in den Verkehr zu bringen, wenn sie mit irreführender Bezeichnung, Angabe oder Aufmachung versehen sind. Eine Irreführung liegt insbesondere dann vor, wenn Medizinprodukten eine Leistung beigelegt wird, die sie nicht haben.

Die EU-Richtlinie 98/79/EG erklärt dazu in Anhang I, Grundlegende Anforderungen, Abschnitt A, Allgemeine Anforderungen:

Die Produkte müssen so ausgelegt und hergestellt sein, dass sie nach dem allgemein anerkannten Stand der Technik für die nach Artikel 1 Absatz 2 Buchstabe b) vom Hersteller festgelegte Zweckbestimmung geeignet sind. Sie müssen — soweit zutreffend — die Leistungsparameter insbesondere im Hinblick auf die vom Hersteller angegebene analytische Sensitivität, diagnostische Sensitivität, analytische Spezifität, diagnostische Spezifität, Genauigkeit, Wiederholbarkeit, Reproduzierbarkeit, einschließlich der Beherrschung der bekannten Interferenzen und Nachweisgrenzen, erreichen.

Die Autoren räumten Mängel der Autoimmundiagnostik ein und schrieben, dass sie seit Jahren daran arbeiten, die Qualität der Autoimmundiagnostik zu verbessernDaraus muss man schließen können, dass man sich auch mit Charakteristika von Testskits beschäftigt.

Auf konkrete Nachfragen meinerseits zu den von ihnen selbst verwendeten Tests blieben konkrete Antworten jedoch aus. Das wurde zum Beispiel damit begründet, dass angeblich „alle Tests, die in Deutschland verwendet werden, unter Berücksichtigung der gesetzlichen Bestimmungen zugelassen wurden“.

Leider entspricht das nicht den Tatsachen. Die Tests, um die es in dem Artikel ging, sind — wie die meisten anderen — vom Testhersteller eigenverantwortlich in Verkehr gebracht und mit einem CE-Kennzeichen versehen worden. Zulassungsbehörden für diese Tests gibt es nicht.

Ärzte sollten das bitte wissen! Schließlich sind sie selbst in mehrfacher Hinsicht verpflichtet, an der Qualitätssicherung mitzuwirken. In der Musterberufsordnung der Ärzte, MBO-Ä, § 6, die sich so oder ähnlich auch in den Berufsordnungen der Länder wiederfindet, heißt es etwa:

Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, die ihnen aus ihrer ärztlichen Behandlungstätigkeit bekannt werdenden unerwünschten Arzneimittelwirkungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und bei Medizinprodukten auftretende Vorkommnisse der zuständigen Behörde mitzuteilen.

Die Autoren wiesen diesbezüglich darauf hin, dass alle Labors an Ringversuchen teilnehmen und interne Kontrollen mitführen.

Leider haben wir in Deutschland Testhersteller, die als Ringversuchsanbieter akkreditiert sind, sowie ärztliche Anwender, die mit der Qualitätskontrolle beauftragt sind — aber oft nicht darauf antworten möchten, welchen Test sie selbst anwenden, und warum. Viele Labore kaufen ihre Autoimmundiagnostik ausschließlich bei einem Testhersteller ein — und geben sie selbst in Anbetracht widersprüchlicher Befunde, die in einem menschlichen Körper zweifellos nicht zeitgleich vorkommen können, nur beim gleichen Testhersteller in die Wiederholungsmessung.

Die gleichen Tests beziehungsweise Zellen werden teilweise unter mehreren Namen verkauft. Ein Antikörpertest, der im Befund den gleichen Namen trägt, enthält mitunter völlig verschiedene Zellen. Manche Labore nennen im Befund nicht die Methode, oder sie nennen den Test im Befund anders als er beim Einkauf heißt (laut Gebrauchsanweisung). Leider ist dies kein Einzelfall, und leider betrifft das nicht „nur“ die Autoimmundiagnostik.

Laut der europäischen Richtlinie MEDDEV 2.10/28, über die u. a. auch im Bundesanzeiger veröffentlicht wurde, dürfen Ringversuchsanbieter weder mit dem Hersteller, noch dem Lieferanten, dem Monteur oder dem Anwender der betreffenden In-vitro-Diagnostika identisch, noch Beauftragte einer dieser Personen sein. Sie dürfen weder unmittelbar noch als Beauftragte an der Auslegung, an der Herstellung, am Vertrieb oder an der Instandhaltung dieser Produkte beteiligt sein.

Die Tatsache, dass in Deutschland sogar Testhersteller als Ringversuchsanbieter akkreditiert sind, dürfte also ebenso wenig mit dem EU-Recht in Einklang zu bringen sein wie die Bildung von Herstellerkollektiven in Ringversuchen.

In der Zeitschrift Trillium, in der Ausgabe 02-2017, wurde von diskrepanten Ergebnissen in der Allergiediagnostik berichtet, durch die Kinder mit gefährlichen Allergien, etwa der Erdnussallergie, fehldiagnostiziert werden könnten. Die drei Herstellerkollektive mit den größten Teilnehmerzahlen wiesen einen zwei- bis neunfachen Unterschied ihrer Medianwerte auf. Durch die Bildung von Herstellerkollektiven ließen sich die Medianwerte erheblich steigern — bei Verwendung der gleichen Tests. Der Artikel zieht unter anderem folgendes Fazit:

Die beiden großen Probleme sind nach wie vor, dass es keine Richtlinien für die Standardisierung der in sIgE-Tests verwendeten Allergenextrakte gibt und dass der „wahre Wert“ der Serumproben nicht bekannt ist. Solange es nicht möglich ist, letzteren zu ermitteln, wird es schwer sein, einzelne Hersteller von der Notwendigkeit einer Systemverbesserung zu überzeugen, denn die Ringversuche werden dank der Bildung herstellerbezogener Kollektive ja bestanden.

Laut einer Vereinbarung zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem GKV-Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen müssen Ärzte unter anderem die erfolgreiche Teilnahme an Ringversuchen nachweisen, um Leistungen gegenüber der GKV abrechnen zu dürfen. Zudem müssen Fehleranalysen und Korrekturmaßnahmen funktionieren. Mir liegen aussagekräftige Beweise dafür vor, dass dies in mehreren Laboren nicht der Fall war, und die Aufsichtsbehörden nicht eingeschritten sind.

Das EU-Recht muss eingehalten werden. Wenn Hersteller und Anwender aus der Patientenversorgung in der Qualitätssicherung tätig sind, sind Interessenkonflikte „vorprogrammiert“.

Die Leserbrief-Autoren schreiben weiter zum Thema:

Anstatt vermeintliche Skandale aufzudecken, braucht es Menschen mit wissenschaftlich-medizinischem Verständnis, die helfen, labordiagnostische Ergebnisse und scheinbare Widersprüche auch für Laien verständlich zu erklären.

Es entspricht nicht einem verantwortungsvollen ärztlichen Handeln gemäß der Berufsordnung, wenn man ein Testergebnis als Tatsache in einen Arztbericht schreibt, bei dem ein Test angewendet wurde, der:

  1. beispielsweise eine Sensitivität von weniger als 50 Prozent bei
  2. ebenfalls nicht ausreichender Spezifität hat – und
  3. bei korrekter Betrachtung womöglich auch noch unter einem anderen Namen im Befund deklariert sein müsste.

Für die Patientenversorgung verantwortliche Menschen mit wissenschaftlich-medizinischem Verständnis sollten es bitte nicht so darstellen, als müssten hier in einem „vermeintlichen Skandal“ nur Einzelfälle aufgearbeitet werden — nicht aber die Tests selbst und der ärztliche Umgang mit ihnen in den Fokus gerückt werden. Die Art und Weise, wie seitens mehrerer Ärzte mit den wichtigen und richtigen Artikeln im Laborjournal umgegangen wurde, samt der Tatsache, dass ein Patient diesen Schritt gehen musste und dabei über Jahre auf alle nur erdenklichen Widerstände gestoßen ist, ist sehr aussagekräftig.

Es wäre wünschenswert, dass (nicht nur) hier im Laborjournal-Blog zu diesen Themen eine Diskussion in Gang kommt, in der auch konkrete Fragen von Verantwortlichen öffentlich beantwortet werden.

Kira Merk


 

Die Antwort der Autorin Karin Hollricher

„Über den Test kann man unterschiedlicher Meinung sein“

In zwei Artikeln berichtete ich im Laborjournal 3/2018 darüber, wie schwer es sein kann, von Laboren korrekte diagnostische Tests sowie inhaltlich vollständige wie schlüssige Befunde zu erhalten (hier und hier). Anhand von Beispielen erklärte ich, wie Labore entgegen der Expertenempfehlungen Tests nach Kosten statt nach diagnostischer Leistungsfähigkeit auswählen. Weiterhin beschrieb ich, dass Testhersteller ihre Produkte mitunter falsch deklarieren, wie bei der Qualitätskontrolle von Tests und Laboren die EU-Regeln wie auch deutsche Vorschriften erschreckend drastisch verletzt werden – und, das ist das eigentliche Problem, wie wenig die Verantwortlichen sich um diese vielen Probleme kümmern. Am Ende leidet immer nur der Patient darunter.

Auf diese Artikel antworteten Prof. Dr. med. Ulrich Sack (Universität Leipzig, Institut für Klinische Immunologie Leipzig), Dr. med. Sebastian Rudolph (Immunzentrum Chemnitz), PD Dr. med. habil. Karsten Conrad (Technische Universität Dresden, Institut für Immunologie) mit einem Leserbrief (siehe oben). Ich wollte die angesprochenen Punkte mit den Herren persönlich klären. Conrad und Rudolph reagierten auf mehrere Versuche der Kontaktaufnahme gar nicht, mit Herrn Sack hatte ich ein ausführliches Gespräch.

In dem Leserbrief warfen die Autoren mir, Dr. rer. nat. Karin Hollricher, mit deutlichen Worten und — wie ich finde — in unnötig unverschämter Art „erschreckend schwere Fehler“ und ein grundsätzliches „Nichtverständnis der Autoimmundiagnostik“ vor. Das ist Unsinn und kann nicht unkommentiert bleiben.

Die Autoren des Briefes, allesamt Rheumatologen, beschwerten sich, dass ich den Crithidia-luciliae-Immunfluoreszenz-Test, kurz CLIFT, als „nicht mehr dem Stand der Technik entsprechend“ bezeichnet habe. „Das größte Missverständnis in Frau Hollrichers Artikel liegt darin, dass sie die Sensitivität (Testempfindlichkeit) mit der Qualität des Tests gleichsetzt“, schreiben sie dazu.

Der parasitisch lebende Flagellat C. luciliae enthält ein Organell mit nackter Doppelstrang-DNA (dsDNA), den Kinetoplasten. CLIFT benutzt man daher, um Autoantikörper gegen nackte dsDNA nachzuweisen. Bei gesunden Personen findet man Autoantikörper gegen dsDNA nur sehr selten (<0,1%), wie dem Handbuch „Autoantikörper bei systemischen Autoimmunerkrankungen“, an dem Herr Conrad mitgeschrieben hat, zu entnehmen ist.

In meinem Artikel war ein Auszug aus der Gebrauchsanweisung eines Herstellers abgebildet (siehe oben). Dieser bezieht sich auf Ergebnisse einer Studie der Charité. Dem Bild konnte man entnehmen, dass in einem Kollektiv von Patienten mit Lupus erythematodes drei andere Tests eine Sensitivität zwischen 40 und 60 Prozent hatten, der CLIFT dagegen nur eine von 27 Prozent. Wieso soll man also diesen Test verwenden, wenn es laut der Studie bessere gibt?

Eine 27-prozentige Sensitivität bedeutet, dass 73 Prozent der tatsächlich Lupus-Kranken falsch-negative Ergebnisse erhält. Insofern muss zwingend das Serum eines jeden Patienten mit Lupus-Verdacht und negativem CLIFT nochmals mit anderen Tests überprüft werden. Dessen ist sich jedoch längst nicht jeder Labormediziner bewusst, wie mir Personen versicherten, die sich um die Fortbildung solcher Ärzte bemühen.

Die Rheumatologen argumentierten stattdessen, dass die hohe Spezifität CLIFT so wertvoll mache. Deswegen werde CLIFT auch von den Experten empfohlen, die die in dem Artikel zitierten International recommendations for the assessment of autoantibodies to cellular antigens schrieben.

Das stimmt, und zwar ausdrücklich im Nachgang (!) zu einem positiven ANA-Immunfluoreszenz-Test oder dsDNA-Antikörper-ELISA. Wörtlich heißt es in den Recommendations:

For anti-dsDNA antibody determination, the Farr assay and the CLIFT offer high clinical specificity. Alternative methods may yield lower specificity and, if so, it is recommended that positive results obtained by these methods be confirmed by CLIFT or Farr assay — and be reported separately.“

Tatsächlich wird der CLIFT im diagnostischen Alltag als „Bestätigungstest“ angewendet, um falsch-positive Resultate zu identifizieren. Allerdings haben auch andere, sensitivere Tests ähnlich hohe Spezifitäten. Auf besagter Abbildung hatten wir die Angaben für die Spezifitäten weggelassen. Hier seien sie nun nachgereicht: Die drei anderen Tests schnitten im direkten Vergleich knapp besser ab als CLIFT. Zwar nur knapp, aber immerhin.

Was bedeutet das nun im Hinblick auf die Qualität des CLIFT?

Man sollte zur Bestätigung eines positiven dsDNA-Antikörpertests doch lieber einen Farr-Test verwenden. Der ist sensitiver als der CLIFT und obendrein genauso spezifisch. Allerdings benötigt man dafür ein Isotopenlabor, und daher entstehen dem Laborarzt höhere Kosten.

Aha! Die Leserbrief-Autoren bestätigen, was Sie, liebe Leser, jetzt vermutlich denken: Es liegt am Geld! Das Abrechnungssystem für Laborleistungen sei „nicht darauf ausgelegt, die hier erforderliche Stufen- und Multiparameteranalytik durchzuführen“, schreiben die Rheumatologen.

Ein großes Problem ist anscheinend eine mangelhafte Kommunikation zwischen behandelndem Arzt und Laborarzt. „Ein auf Immundiagnostik spezialisiertes Labor muss aber solche Probleme durch Plausibilitätstestungen erkennen und über Kontrollanalysen lösen können“, fordern die Leserbriefschreiber. Ob ein Ergebnis widersprüchlich ist oder nicht, könne der Laborarzt nur erkennen, wenn ihm eine Verdachtsdiagnose vorliegt. Aber selbst wenn das der Fall ist, „… wird häufig darauf verzichtet, widersprüchlichen Befunden im Detail nachzugehen“, berichten die Rheumatologen. Umgekehrt seien in den Befunden oft nicht die Einschränkungen und Limits der verwendeten Tests genannt — so jedenfalls sagte es Herr Sack in einem Telefonat.

Um hier nochmals auf die vermeintlichen Fehler in meinem Artikel zurück zu kommen: Über den CLIFT kann man unterschiedlicher Meinung sein, „erschreckend schwere Fehler“ befanden sich in den Artikeln aber nicht!

Karin Hollricher


 

Der ewige Postdoc… SPRICHT!

6. Juni 2018 von Laborjournal

In unserer Laborjournal-Ausgabe 3/2018 wie auch hier im Blog präsentierten vor einigen Wochen den unten folgenden Jubiläums-Cartoon „20 Jahre Forscher Ernst“ — damals allerdings mit leeren Sprechblasen, also ganz ohne Worte.

Für die zugehörige Story beziehungsweise Pointe baten wir Euch, liebe Leser, um Ideen und Mithilfe. Und tatsächlich erreichten uns einige Vorschläge…

Ganz zuletzt lieferte auch Zeichner Rafael Florés selbst den folgenden Dialog:

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Und tja, was sollen wir sagen — er gefiel der Redaktion einfach am besten! Was nicht wirklich überrascht, da Rafael ja schon seit über zwanzig Jahren mit unserem „ewigen Postdoc“ zusammenlebt.

Aber auch die nächsten vier Text-Ideen fanden wir kaum schlechter, als da im einzelnen wären:

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… von Blog-Kommentator“Elliott“

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… von Lorenz Adlung, Weizmann Institute of Science, Rehovot/Israel

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… von Blog-Kommentator „knaxel“

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… von Kurt Stueber, Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln

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Vielen Dank für’s Mitmachen! Neue Laborjournal-T-Shirts gibt’s für alle fünf Texte — sobald sie aus der Produktion endlich bei uns angekommen sind…

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Gene machen nix, und „Molekül“ ist nicht gleich „Verbindung“

4. Juni 2018 von Laborjournal

Ganz ehrlich — wir geben uns sehr viel Mühe, die teilweise komplexen wissenschaftlichen Zusammenhänge exakt auszudrücken.

Ein Beispiel: Nahezu alle Printmedien schreiben inzwischen, dass Gene etwas machen. „Gen X macht Krebs“, „Gen Y macht hässlich“, „Gen Z macht lange Finger“, und und und … Wir machen das nicht! Wir achten peinlich genau darauf, dass in unseren Texten Gene NICHTS machen. Denn in der Zelle machen sie schließlich auch nichts, da liegen sie nur mehr oder weniger verpackt herum. Vielmehr macht die Zelle mittels ihrer Enzyme was mit den Genen: Aktiviert und exprimiert sie, legt sie wieder still, vervielfältigt sie, repariert sie, modifiziert sie, ver- und entpackt sie,…

Nein, Gene an sich machen nix. Und selbst wenn es sich mittlerweile auch im Laborsprech etabliert hat, den komplexen Weg vom Gen zum Effekt schnell mal als „Gen X macht Effekt Y“ abzukürzen — in unseren geschriebenen Texten würden wir das als unexakt, ja sogar als schlampig empfinden. Daher versuchen wir, die „machenden Gene“ zu vermeiden — obschon uns sicherlich in manchem Text das eine oder andere doch mal durch die Lappen geht.

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Wieviele Moleküle, wieviele Verbindungen?

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Dass uns bisweilen aber noch weitere begriffliche Schlampigkeiten durch die Lappen gehen, darauf haben uns kürzlich zwei Leser aufmerksam gemacht. Und was sie jeweils genau anprangern, ist nicht nur richtig — sondern durchaus auch interessant, da die betreffenden Ungenauigkeiten womöglich auch vielen Leserinnen und Lesern nicht bewusst sind.

Leser Nr. 1 schrieb:

Sehr geehrte Damen und Herren,

in dem Untertitel zum Beitrag von Andrea Pitzschke innerhalb des Specials „Bioaktive Materialien“ ist mir ein Fehler aufgefallen:

Dort ist die Rede von „[…] regelmäßigen Sterilisationsmaßnahmen […]“ zur Prävention von Wundinfektionen. Hier hätte es Desinfektionsmaßnahmen heißen sollen. Eine nachträgliche Sterilisation einer Wunde ist nicht möglich, allenfalls eine Desinfektion, da die für eine Sterilisation erforderlichen physikalischen oder physikalisch-chemischen Verfahren für lebendes eukaryotisches Gewebe (und sicher auch für menschliches Gewebe) nicht verträglich sind.

Zum Trost: Ich bemühe mich schon einige Jahrzehnte Doktoranden und anderen Mitarbeitern die Unterschiede zwischen Desinfektion und Sterilisation beizubringen.

Mit freundlichen Grüßen, …

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Und Leser Nr. 2 schrieb etwas ausführlicher:

Sehr geehrte Damen und Herren,

als ein Medium für Medizin- und Biowissenschaften, also im naturwissenschaftlichen Bereich angesiedelt, ist das Laborjournal dem exakten Ausdruck wissenschaftlicher Begriffe verpflichtet. Schließlich ist eine saubere Ausdrucksweise notwendig für die eindeutige Kommunikation und das unbeschwerte Verständnis zwischen den Wissenschaftlern, besonders wenn sie aus verschiedenen Bereichen kommen. Auch bemühen wir Hochschullehrer uns sehr, den Studierenden klarzumachen, warum es so wichtig ist, sich klar und eindeutig auszudrücken. Ich glaube, diese Aspekte sind nicht sonderlich kontrovers.

Als Chemiker stört mich deswegen die Nutzung des Begriffs „Molekül“, wo „Verbindung“ (oder „chemische Verbindung“) gemeint ist. Ein Beispiel: Im Laborjournal Nr. 1-2 lese ich […in der Rubrik „Frisch erforscht“; die Red.]: „Trüffelaroma kann nämlich im Labor synthetisiert werden, der typische Geruch beruht im Wesentlichen auf vier bis sechs Molekülen.“ So empfindlich dürfte nicht einmal eine trüffelsuchende Schweineschnauze sein, dass vier bis sechs Moleküle ausreichten!

Ich vermute, dass der Autor vier bis sechs chemische Verbindungen meinte — aber was er schreibt, bedeutet einfach was anderes und ist schlicht falsch. Der Ausdruck oben sagt etwas anderes aus als vom Autor beabsichtigt. Diese schlampige Nutzung der beiden Begriffe, mit „Molekül“ als Synonym für „Verbindung“, sieht man leider zunehmend auch in rein chemischen Zeitschriften. Chemical and Engineering News, immerhin publiziert von der American Chemical Society, ist ein abschreckendes Beispiel dafür.

Man kann nur darüber spekulieren, warum diese Fehlnutzung so um sich greift. Findet ein Laborjargon Eingang in die Literatur? Ist die sprachliche Präzision kein Wert mehr? Sucht der Autor vielleicht nach einem Synonym für Verbindung? (Dann gibt es andere und unkritische Möglichkeiten: Substanz, Spezies, Material, et cetera — je nach Situation.) Wie auch immer — jedenfalls ist es für jeden Autor ratsam, seine eigenen Formulierungen immer wieder kritisch zu betrachten.

Mit freundlichen Grüßen, …

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Wir können uns bei diesen beiden Lesern nur bedanken. Vielleicht machen uns ihre Zuschriften in puncto exakte Begriffe ja wirklich künftig noch ein kleines bisschen besser.

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Zellen sind schlampig

27. März 2018 von Laborjournal

Wenn man sich als Fachmagazin für biologisch-medizinische Forschung etabliert, bleibt es nicht aus, dass man bisweilen auch fachliche Fragen gestellt bekommt. Und die sind manchmal gar nicht ohne. Vor allem, weil man ja offenbar deswegen gefragt wird, da „Freund Google“ keine schnelle Antwort liefert.

Ganz in diesem Sinne fanden wir vor Kurzem etwa folgende Frage in unserer Redaktions-E-Mail:

Liebe Redaktion,

mein Sohn lernt in der Schule gerade Translation und genetischen Code. Dies habe ich zum Anlass genommen, mit ihm das Rätsel „Kennen Sie den? Der übergangene Code-Knacker“, LJ 5/2017, anzuschauen. Das hat uns auf folgende Frage gebracht:

Wieso funktioniert die Translation in einem zellfreien System auch ohne Startcodon?

Tja. Tatsächlich findet man bei „Freund Google“ und auch sonst so gut wie überall, dass in der mRNA nach einer untranslatierten Leader-Sequenz zwingend das Start-Codon AUG kommen muss, damit das Ribosom sie richtig binden und im korrekten Leseraster mit der Translation beginnen kann. Gute Frage also, wie das im erwähnten Rätsel angesprochene Poly-U-Experiment, mit dem Heinrich Matthaei im Labor von Marshall Nirenberg das Triplett-Prinzip des genetischen Codes entschlüsselte, überhaupt funktionieren konnte. Schließlich gab Matthaei lediglich blitzeblanke Poly-U-RNA-Stränge zur Translation in das ansonsten Zell- und mRNA-freie E. coli-Extrakt — von Startcodons nicht der Hauch einer Spur. Wie konnten ihm danach dann trotzdem fix und fertig translatierte Poly-Phenylalanin-Ketten im Filter hängenbleiben — ganz wie es das Phenylalanin-Triplett UUU vorsieht?

Es dauerte ein Telefonat und noch ein klein wenig länger, bis unser Chefredakteur folgende Antwort zurückmailen konnte:

Biologische Prozesse sind eigentlich immer etwas „fuzzy“ und funktionieren nie hundertprozentig schwarz oder weiß! Das heiß im konkreten Fall, dass die Ribosomen auch RNAs ohne Startcodon transkribieren können — allerdings mit viel schlechterer Affinität und Effizienz. In der Zelle kommt das praktisch nicht vor, da die RNAs mit Startcodon gnadenlos in der Überzahl sind und die Ribosomen aufgrund ihrer starken Affinität immer wieder sofort neu besetzen. Die wenigen RNAs ohne Startcodon sind da völlig chancenlos.

Im Poly U-Experiment von Matthaei dagegen waren überhaupt keine RNAs mit Startcodon vorhanden, dafür aber ein riesiger, völlig unphysiologischer Überschuss an homogener Poly U-RNA. Daher konnten die Ribosomen am Ende trotz der geringeren Affinität aufgrund der fehlenden Konkurrenz durch andere RNAs genügend Poly U-RNA transkribieren — jedenfalls genug, dass Matthaei damit das Triplett-Codon UUU für Phenylalanin nachweisen konnte.

Zudem spielten auch die gegenüber der intakten Zelle stark veränderten physiologischen Bedingungen in Matthaeis Test eine gewisse Rolle — vor allem die Magnesium-Konzentration. Dazu mehr hier: https://tinyurl.com/yalvbdt4.

Ein klein wenig konnte „Freund Google“ am Ende also doch helfen.

Dennoch muss man sich wundern, dass dieses durchaus wichtige „Startcodon-Problem“ bei all den vielen Beschreibungen des Poly-U-Experiments praktisch völlig außer Acht gelassen wird. Zumal man ja mit der „Fuzziness“ — oder auf deutsch: Schlampigkeit — der Translation noch etwas ganz Generelles über biochemische und zellbiologische Prozesse in der Zelle lernen kann.

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Der ewige Postdoc

17. März 2018 von Laborjournal

Seit zwanzig Jahren schenkt uns Forscher Ernst seine Labor-Anekdoten. Zum Jubiläum könnt jetzt Ihr unserem „ewigen Postdoc“ eine Geschichte schenken.

Ja, tatsächlich. Seit nunmehr zwanzig Jahren ziert unser „ewiger Postdoc“ Ernst die Seite 8 in jeder Laborjournal-Ausgabe.

Und was fällt seinem Schöpfer Rafael Florés dazu ein? — NICHTS! Er schickt uns zu dem Anlass einfach eine Zeichnung ohne Story — und schreibt dazu: „Als ich anfing, den Cartoon zu zeichnen, wusste ich: In der dargestellten Situation steckt eine super Pointe. Doch als ich mit dem Zeichnen fertig war, fiel sie mir einfach nicht mehr ein. Vielleicht können Eure Leser helfen. Wäre doch eine nette Aktion zum Zwanziger-Jubiläum…“

Stimmt eigentlich. Also, liebe Leserinnen und Leser, lasst Eure Fantasie auf den Cartoon unten los und schickt uns Eure Vorschläge an redaktion@laborjournal.de — oder schreibt sie direkt ins Kommentarfenster unten. Die besten Textideen veröffentlichen wir und spendieren Laborjournal-T-Shirts dafür — selbstverständlich von den brandneuen, die demnächst bei uns eintreffen…

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Und wer gleich noch ein wenig in sämtlichen (!) Cartoons aus 20 Jahren „Forscher Ernst“ stöbern will, geht bitte hier entlang!
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Neues Tempo bei Tierversuchsanträgen

18. Dezember 2017 von Laborjournal

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In unserer September-Ausgabe 9/2017 berichtete unsere Autorin Karin Hollricher, wie das Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz (TLV) die Bearbeitung von Anträgen auf Tierversuche unverhältnismäßig lange verschleppte. Zum einen verstieß das Amt damit gegen gesetzlich festgelegte Fristen — zum anderen sorgte es damit logischerweise für große Verärgerung unter den betroffenen Forschern. Vorläufiger Höhepunkt war ein Brief an den Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow, in dem die Wissenschaftler unter anderem schrieben:

„Insgesamt ist die Lage für die Jenaer Lebenswissenschaftler verzweifelt. […] Wir fürchten nicht bloß um den erfolgreichen Abschluss eigener Projekte, sondern um die Zukunftsfähigkeit des Standortes.“

Das war ungefähr auch der Zeitpunkt, zu dem Karin Hollricher mit ihrer Recherche der ganzen Angelegenheit begann. Allerdings sollte sich diese zunächst als nicht ganz einfach erweisen, denn wie sie letztlich selbst im Artikel schrieb:

Die Wissenschaftler, zu denen wir Kontakt aufnahmen, erklärten durchweg, das Thema sei von höherer Stelle mit dem Prädikat „nicht öffentlich“ versehen worden.

Es herrschte also eine Art „Maulkorb-Erlass“.

Am Ende war der Ärger der Beteiligten aber offenbar stärker, so dass unsere Autorin letztlich doch genug Informationen bekam, um die Hintergründe der ganzen Angelegenheit in ihrem Artikel ausführlich darstellen zu können. Und auf diesen wollen wir diejenigen, die sich für die weiteren Details interessieren, jetzt auch verweisen…

Der eigentliche Grund, warum wir die Geschichte an dieser Stelle nochmals „aufwärmen“, ist vielmehr eine E-Mail, die uns gerade von einem der Betroffenen erreichte. Darin schreibt er:

Liebe Frau Hollricher,

zu Ihrem Artikel über die nicht bearbeiteten Tierversuchsanträge in Jena nun doch eine positive Rückmeldung. Der Dekan teilte uns auf der letzten Fakultätsratssitzung mit, dass in den letzten Wochen fast alle Anträge bearbeitet und der größte Teil auch bewilligt wurde. Das Problem mit dem Bearbeitungsstau sei praktisch gelöst. Der Vorsitzende der Tierkommission meinte sogar kürzlich, dass die Anträge zügig bearbeitet werden, seit die Problematik öffentlich gemacht wurde.

Ein schöner Erfolg! Wie gut, dass es in Deutschland eine freie Presse gibt.

Ihnen ganz herzlichen Dank, dass Sie sich der Sache angenommen haben! […]

Tatsächlich ein schöner Erfolg — und irgendwie passend zur Weihnachtszeit.

Ralf Neumann

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Gender-Debatte: Unsinnige Glaubenslehre in der Biologie?

15. September 2017 von Laborjournal

[Der folgende Beitrag des Kasseler Biologen Ulrich Kutschera erschien als „Brief an die Redaktion“ in unserer aktuellen Print-Ausgabe LJ 9/2017, S. 12-13. Derart gekennzeichnete Artikel geben ausschließlich die Meinung des Autors wieder. Die Sichtweise der Redaktion kann daher eine völlig andere sein. Wir bringen Kutscheras Beitrag parallel hier auf unserem Blog, um über das Kommentar-Fenster dessen direkte Diskussion zu ermöglichen.]

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Gender-Debatte: Unsinnige Glaubenslehre in der Biologie?

Der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera antwortet auf Brynja Adam-Radmanics Beitrag „Biologie in der Gender-Debatte: Vom Feminismus geächtet, vom Rechtspopulismus umarmt“ aus Heft 5/2017 (S. 16 ff.). Seiner Ansicht nach gehört die sozialkonstruktivistische Gender-Lehre auf dem Friedhof unsinniger Gedankengebäude begraben. Genau so wie etwa der Kreationismus, der Wünschelruten-Glaube und die Homöopathie.

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Foto: iStock / Thomas Faull

Im Mai 2017 veröffentlichte das Laborjournal einen Artikel mit dem Titel „Biologie in der Gender-Debatte: Vom Feminismus geächtet, vom Rechtspopulismus umarmt“. In diesem, von Frau Brynja Adam-Radmanic verfassten Kommentar wird die Tatsache aufgegriffen, dass im Rahmen der Umbenennungsaktion Freiburger Straßennamen auch der Natur­for­scher Carl von Linné wegen seines mutmaßlich zweifelhaften Frauenbildes ins Kreuzfeuer geriet – und im Zusammenhang mit der sozialkonstruktivistischen Gender-Ideologie thematisiert (LJ 5/2017: 16-19).

Die Autorin vertritt die These, dass die wenigen Biologen, die es wagen, eine Geschlechter-Irrlehre als unwissenschaftlich zu kritisieren, dem „rechtspopulistischen Spektrum“ beizuordnen seien. Diese populäre Ansicht geht auf den amerikanischen Urvater der Gender-Dogmatik zurück: John Money (1921-2006), ein Psychologe und höchst umstrittener „Sexologe“, der die Kritiker seiner biophoben Theorie der 1950er Jahre („Babys kommen geschlechtsneutral zur Welt und werden anschließend in männlich/weibliche Richtung erzogen“) als „rechtsradikale Rassisten“ und Anti-Frauenrechtler diffamiert hat. Die Ursprünge und Kernthesen der Gender-Ideologie, von mir daher auch als Moneyismus bezeichnet, sind, mit vielen authentischen Quellenangaben und Zitaten versehen, in meinem Buch Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen (2016) zusammengefasst.

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Als Doktorand gescheitert, aber superkompetent!

7. April 2017 von Laborjournal

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Neulich in der Redaktion:…

K: „Du, ich hab‘ gerade erst dein Online-Editorial von vor drei Wochen gelesen. Das über das Scheitern von Doktoranden.“

N: „Ja, und?“

K: „Du weißt schon — das über den Typen, der sich ewig lang die Zähne an einer Proteinreinigung ausgebissen hat.“

N: „Ja, ja — schon klar. Aber was willst du mir sagen? Ist irgendwas falsch?“

K: „Nein, darum geht es nicht. Aber der arme Kerl hat doch nach allen Regeln der Kunst jede verfügbare Methode genutzt, hat sich sogar völlig neue Kniffe ausgedacht, um die Nuss zu knacken.“

N: „Genau, so steht’s in dem Artikel. Nur hat ihm das nix genutzt. Er hat die Nuss nicht geknackt, weil es mit dem gesamten Methodenarsenal zu dieser Zeit einfach nicht ging. War eben auch ein riskantes Projekt.“

K: „…Also hat er eines Tages frustriert die Doktorarbeit hingeschmissen und der Forschung komplett den Rücken gekehrt.“

N: „Ja, war ein echter Fall. Ist wirklich passiert. Und abgesehen davon wahrscheinlich weit öfter als nur einmal.

K: „Sicher. Aber jetzt überleg‘ doch mal weiter. Der Typ muss doch im Laufe dieser Jahre zu einem wahren Experten im Proteinaufreinigen geworden sein. Und damit regelrecht prädestiniert für höhere Aufgaben — für die ganz harten Knacknüsse, für die echt heftigen Projekte! Viele seiner „erfolgreichen“ Doktoranden-Kollegen kochen dagegen irgendwas mit einer 08/15-Methode, mit der auf jeden Fall was rauskommt — et voilà: Gratuliere, akademischer Grad!“

N: „Tja, genau den hat unser Verlierer aber leider nicht.“

K: „Dennoch: Sagen wir mal, ich wäre Chef einer kleinen Biotech-Firma, oder so etwas. Wenn Du mich fragst, wen ich als Mitarbeiter einstellen würde — einen „Stur-nach-einer-Methode-Kocher“ mit Doktortitel oder diesen „gescheiterten“ Pechvogel, der alles Mögliche probiert hat —, meine Antwort wäre ja sowas von klar…“

N: „Hm, da ist sicher was dran. Mal abgesehen davon, dass unser Pechvogel trotz fehlender Resultate echtes wissenschaftliches Arbeiten am Ende viel tiefer erfahren und gelernt haben dürfte als seine Kollegen, die mit einem „Die-Methode-bringt-mich-sicher-um-die-nächste-Ecke“-Projekt allzu glatt durchflutschen.“

K: „Eben… Was hat der gescheiterte Doktorand danach eigentlich gemacht? Weißt du das?“

N: „Der hat es dann noch geschafft, Lehrer zu werden.“

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Die Laborjournal-Redaktion macht Pause!

27. Dezember 2016 von Laborjournal

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Guter Tipp von Forscher Ernst hier links! Denn bis zum 8. Januar 2017 wird hier nix Neues zu lesen erscheinen. Allerhöchstens gibt’s eventuell ein paar spontane Tweets auf @Lab_Journal.

Und in unseren Archiven gibt’s tatsächlich allerhand, was auch heute noch lesenswert ist. Glaubt ihr nicht? Dann stöbert ruhig mal rum auf Laborjournal online — und überzeugt euch selbst!

Ansonsten bis irgendwann im Januar…

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FROHES FORSCHEN !!…

22. Dezember 2016 von Laborjournal

… im neuen Jahr 2017 Jahr wünscht allen Lesern — die Laborjournal-Redaktion!

Auf dass Euch neue Jahr – nach hoffentlich ruhigen und erholsamen Weihnachts- und Neujahrstagen – mehr Erkenntnisse und tiefere Einsichten bringen möge als unseren beiden „Forscherhelden“ das vergangene:

ernstxmas

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