Kontroverse um Diagnostika

9. Juli 2018 von Laborjournal

In Laborjournal 3/2018 veröffentlichten wir zwei Artikel zum Thema zweifelhafte Qualität und Qualitätskontrolle von Diagnostika — wobei vor allem Immun-Diagnostika im Fokus standen: „Ist Diagnostik Glückssache?“ und „Diagnostika außer Kontrolle“ (S. 16-23). In Heft 6/2018 (S. 14-15) kritisierten drei in der Diagnostik tätige Ärzte die beiden Artikel in einem Leserbrief mit dem Titel „Immundiagnostik braucht Verstand und Erfahrung“. Wir veröffentlichen den Leserbrief an dieser Stelle nochmals inklusive der Antworten unserer Autorin Karin Hollricher sowie von Kira Merk, deren „Fall“ als Betroffene in den Artikeln prominent geschildert wurde. Dies verbunden mit der Hoffnung, dass sich vielleicht die eine oder der andere ebenfalls mit einem Kommentar zu dem offenkundig sehr kontroversen Thema äußern möchte.


Der Leserbrief

„Immundiagnostik braucht Verstand und Erfahrung“

Sehr geehrte Redaktion,

am 9. Januar veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung unter dem Titel „Bluts­bande“ einen Artikel, der den diagnostischen Leidensweg der Patientin Kira Merk beschrieb. Das Laborjournal nahm das gleiche Thema erneut auf. Frau Merk leidet an einer seltenen Autoimmunkrankheit, die auf Grund unspezifischer Symptome zu Beginn der Erkrankung, der großen Variabilität der Erkrankungs­manifestationen sowie nicht standardisierter Immundiagnostik sehr schwer zu diagnostizieren ist.

Frau Merk fiel auf, dass ihre Laborergebnisse unterschiedlich sind, je nachdem, in welchem Labor mit welchem Test ihr Blut untersucht wird. Das ist für einen Laien schwer verständlich. Leider sind solche Probleme im Praxisalltag nicht ungewöhnlich.

Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Zum einen handelt es sich bei den für die Diagnostik von Autoimmunerkrankungen zu testenden Autoantikörpern um heterogene Analyten, wodurch biologisch bedingte Unterschiede bei Einsatz unterschiedlicher Nachweismethoden resultieren. Ein auf Immundiagnostik spezialisiertes Labor muss aber solche Probleme durch Plausibilitätstestungen erkennen und über Kontrollanalysen lösen können. Das für jedes Labor geforderte Qualitätsmanagement erweist sich selbst bei Akkreditierung meist als nicht ausreichend. Immundiagnostik braucht Verstand und Erfahrung. Zum anderen ist das Abrechnungssystem für Laborleistungen nicht darauf ausgelegt, die hier erforderliche Stufen- und Multiparameteranalytik durchzuführen.

Deshalb wird häufig darauf verzichtet, widersprüchlichen Befunden im Detail nachzugehen. Immundiagnostik gehört in speziell dafür ausgelegte Labore. Die von Krankenkassen geförderte ASV (ambulante spezialärztliche Versorgung) könnte dazu beitragen, die Immundiagnostik zu verbessern. Nicht auf Immundiagnostik spezialisierte Labore sollten keine spezielle Autoimmundiagnostik anbieten. Nur ein enger und regelmäßiger Dialog zwischen klinisch tätigem Arzt, Labormediziner/Immunologen und Testkithersteller kann die Qualität in der Labordiagnostik verbessern und einen hohen Standard gewährleisten.

Der dargestellte Fall greift ein für die Patientenbetreuung sehr relevantes Problemfeld auf. Allerdings finden sich in dem Artikel von Frau Hollricher erschreckend viele Fehler, die von einem grundsätzlichen Nichtverständnis der Autoimmundiagnostik zeugen.

Das größte Missverständnis in Frau Hollrichers Artikel liegt darin, dass sie die Sensitivität (Testempfindlichkeit) mit der Qualität des Tests gleichsetzt. Gerade in der Autoantikörperdiagnostik sind hoch-sensitive Tests gefährlich, weil sie oft Gesunde oder Patienten mit anderen Erkrankungen als positiv identifizieren, also nicht wirklich spezifisch für eine Krankheit sind. Das kann zu Fehldiagnosen führen und im schlimmsten Fall zur falschen Behandlung. Ein Autoantikörpertest ist immer ein Kompromiss zwischen Sensitivität und Spezifität. Und je seltener eine Erkrankung, desto wichtiger ist es, dass der Test spezifisch ist, also nicht bei Patienten mit anderen Erkrankungen positiv anschlägt.

Frau Hollricher schreibt etwa, dass der Anti­körpertest mit Crithidia luciliae mit einer Sensitivität von unter 30 Prozent heute bei weitem nicht mehr Stand der Technik sei. Gleichzeitig zitiert sie aber mehrfach die International recommendations for the assessment of autoantibodies to cellular antigens referred to as anti-nuclear antibodies, in denen der Crithidia-luciliae-Nachweis wegen seiner hohen Spezifität besonders empfohlen wird, vor allem für die Bestätigung von positiven Ergebnissen mit anderen, weniger spezifischen Methoden (Recommendation Nr. 15).

Gerade weil die Autoimmundiagnostik hoch komplex ist, gibt es viele Bestrebungen, die Situation zum Beispiel durch bessere Kommunikation zwischen Labor und Arzt zu verbessern. Das haben sich auch die „European Autoimmunity Standardization Initiative“ (EASI), die aus Laborärzten und Rheumatologen besteht, sowie die Gesellschaft für Förderung der Immundiagnostik (GFID) e.V. (www.gfid-ev.de) auf die Fahnen geschrieben. EASI hat unter anderem die oben genannten International Recommendations erstellt. Im EASI-Artikel „Facing the challenges of diagnostics in autoimmunity“ schreiben die Autoren: “Letztendlich ist das Ziel von EASI, dass die Autoimmundiagnostik im besten Sinn angewendet wird, um so die Patientenfürsorge zu optimieren.“ (Damoiseaux J. et al., Clin. Chem. Lab. Med. 2017, doi: 10.1515/cclm-2017-0826)

Bedauerlich, dass die Autorin sich die Situation nicht von Diagnosespezialisten erklären ließ. Als Vertreter der deutschen EASI-Gruppe laden wir Frau Hollricher herzlich ein, mit uns über die Tücken der Autoimmundiagnostik zu diskutieren. Die GFID e.V. ist auch sehr daran interessiert, solche Fälle wissenschaftlich aufzuarbeiten und ggf. als Fallsammlung im Rahmen ihrer Immundiagnostischen Bibliothek der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Anstatt vermeintliche Skandale aufzude­cken, braucht es Menschen mit wissenschaftlich-medizinischem Verständnis, die helfen, labordiagnostische Ergebnisse und scheinbare Widersprüche auch für Laien verständlich zu erklären.

 

Prof. Dr. med. Ulrich Sack, Universität Leipzig, Institut für Klinische Immunologie;

Dr. med. Sebastian Rudolph, Immunzentrum Chemnitz;

PD Dr. med. habil. Karsten Conrad, Technische Universität Dresden, Institut für Immunologie


 

Die Antwort der „Betroffenen“ Kira Merk

Diagnostische Tests außer Kontrolle — Zur Verantwortung der Ärzte

An den Artikeln „Ist Diagnostik Glückssache?“ und „Diagnostika außer Kontrolle“ (LJ 3/2018 , S. 16-23) übten Herr Prof. Dr. med. Ulrich Sack (Universität Leipzig, Institut für Klinische Immunologie Leipzig), Dr. med. Sebastian Rudolph (Immunzentrum Chemnitz), PD Dr. med. habil. Karsten Conrad (Technische Universität Dresden, Institut für Immunologie) mit ihrem Leserbrief im Heft 06-2018 heftige Kritik.

Wenn Fachleute (in Anbetracht so einer Thematik) jemandem öffentlich „erschreckend viele Fehler und ein grundsätzliches Nichtverständnis von Autoimmundiagnostik“ vorwerfen, sollten Fehler konkret benannt werden können und einer Überprüfung standhalten.

In Anbetracht der Tatsache, dass der Artikel darauf hinweist, dass zum Teil offenbar Tests mit irreführenden oder fehlerhaften Angaben im Verkehr sind — wohl um sie besser zu verkaufen –, schrieben die Autoren (Ärzte!) nur von einem „vermeintlichen Skandal“.

 

Im Medizinproduktegesetz, MPG, heißt es dazu in § 4 Abs. 2 Satz 1:

Es ist ferner verboten, Medizinprodukte in den Verkehr zu bringen, wenn sie mit irreführender Bezeichnung, Angabe oder Aufmachung versehen sind. Eine Irreführung liegt insbesondere dann vor, wenn Medizinprodukten eine Leistung beigelegt wird, die sie nicht haben.

Die EU-Richtlinie 98/79/EG erklärt dazu in Anhang I, Grundlegende Anforderungen, Abschnitt A, Allgemeine Anforderungen:

Die Produkte müssen so ausgelegt und hergestellt sein, dass sie nach dem allgemein anerkannten Stand der Technik für die nach Artikel 1 Absatz 2 Buchstabe b) vom Hersteller festgelegte Zweckbestimmung geeignet sind. Sie müssen — soweit zutreffend — die Leistungsparameter insbesondere im Hinblick auf die vom Hersteller angegebene analytische Sensitivität, diagnostische Sensitivität, analytische Spezifität, diagnostische Spezifität, Genauigkeit, Wiederholbarkeit, Reproduzierbarkeit, einschließlich der Beherrschung der bekannten Interferenzen und Nachweisgrenzen, erreichen.

Die Autoren räumten Mängel der Autoimmundiagnostik ein und schrieben, dass sie seit Jahren daran arbeiten, die Qualität der Autoimmundiagnostik zu verbessernDaraus muss man schließen können, dass man sich auch mit Charakteristika von Testskits beschäftigt.

Auf konkrete Nachfragen meinerseits zu den von ihnen selbst verwendeten Tests blieben konkrete Antworten jedoch aus. Das wurde zum Beispiel damit begründet, dass angeblich „alle Tests, die in Deutschland verwendet werden, unter Berücksichtigung der gesetzlichen Bestimmungen zugelassen wurden“.

Leider entspricht das nicht den Tatsachen. Die Tests, um die es in dem Artikel ging, sind — wie die meisten anderen — vom Testhersteller eigenverantwortlich in Verkehr gebracht und mit einem CE-Kennzeichen versehen worden. Zulassungsbehörden für diese Tests gibt es nicht.

Ärzte sollten das bitte wissen! Schließlich sind sie selbst in mehrfacher Hinsicht verpflichtet, an der Qualitätssicherung mitzuwirken. In der Musterberufsordnung der Ärzte, MBO-Ä, § 6, die sich so oder ähnlich auch in den Berufsordnungen der Länder wiederfindet, heißt es etwa:

Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, die ihnen aus ihrer ärztlichen Behandlungstätigkeit bekannt werdenden unerwünschten Arzneimittelwirkungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und bei Medizinprodukten auftretende Vorkommnisse der zuständigen Behörde mitzuteilen.

Die Autoren wiesen diesbezüglich darauf hin, dass alle Labors an Ringversuchen teilnehmen und interne Kontrollen mitführen.

Leider haben wir in Deutschland Testhersteller, die als Ringversuchsanbieter akkreditiert sind, sowie ärztliche Anwender, die mit der Qualitätskontrolle beauftragt sind — aber oft nicht darauf antworten möchten, welchen Test sie selbst anwenden, und warum. Viele Labore kaufen ihre Autoimmundiagnostik ausschließlich bei einem Testhersteller ein — und geben sie selbst in Anbetracht widersprüchlicher Befunde, die in einem menschlichen Körper zweifellos nicht zeitgleich vorkommen können, nur beim gleichen Testhersteller in die Wiederholungsmessung.

Die gleichen Tests beziehungsweise Zellen werden teilweise unter mehreren Namen verkauft. Ein Antikörpertest, der im Befund den gleichen Namen trägt, enthält mitunter völlig verschiedene Zellen. Manche Labore nennen im Befund nicht die Methode, oder sie nennen den Test im Befund anders als er beim Einkauf heißt (laut Gebrauchsanweisung). Leider ist dies kein Einzelfall, und leider betrifft das nicht „nur“ die Autoimmundiagnostik.

Laut der europäischen Richtlinie MEDDEV 2.10/28, über die u. a. auch im Bundesanzeiger veröffentlicht wurde, dürfen Ringversuchsanbieter weder mit dem Hersteller, noch dem Lieferanten, dem Monteur oder dem Anwender der betreffenden In-vitro-Diagnostika identisch, noch Beauftragte einer dieser Personen sein. Sie dürfen weder unmittelbar noch als Beauftragte an der Auslegung, an der Herstellung, am Vertrieb oder an der Instandhaltung dieser Produkte beteiligt sein.

Die Tatsache, dass in Deutschland sogar Testhersteller als Ringversuchsanbieter akkreditiert sind, dürfte also ebenso wenig mit dem EU-Recht in Einklang zu bringen sein wie die Bildung von Herstellerkollektiven in Ringversuchen.

In der Zeitschrift Trillium, in der Ausgabe 02-2017, wurde von diskrepanten Ergebnissen in der Allergiediagnostik berichtet, durch die Kinder mit gefährlichen Allergien, etwa der Erdnussallergie, fehldiagnostiziert werden könnten. Die drei Herstellerkollektive mit den größten Teilnehmerzahlen wiesen einen zwei- bis neunfachen Unterschied ihrer Medianwerte auf. Durch die Bildung von Herstellerkollektiven ließen sich die Medianwerte erheblich steigern — bei Verwendung der gleichen Tests. Der Artikel zieht unter anderem folgendes Fazit:

Die beiden großen Probleme sind nach wie vor, dass es keine Richtlinien für die Standardisierung der in sIgE-Tests verwendeten Allergenextrakte gibt und dass der „wahre Wert“ der Serumproben nicht bekannt ist. Solange es nicht möglich ist, letzteren zu ermitteln, wird es schwer sein, einzelne Hersteller von der Notwendigkeit einer Systemverbesserung zu überzeugen, denn die Ringversuche werden dank der Bildung herstellerbezogener Kollektive ja bestanden.

Laut einer Vereinbarung zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem GKV-Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen müssen Ärzte unter anderem die erfolgreiche Teilnahme an Ringversuchen nachweisen, um Leistungen gegenüber der GKV abrechnen zu dürfen. Zudem müssen Fehleranalysen und Korrekturmaßnahmen funktionieren. Mir liegen aussagekräftige Beweise dafür vor, dass dies in mehreren Laboren nicht der Fall war, und die Aufsichtsbehörden nicht eingeschritten sind.

Das EU-Recht muss eingehalten werden. Wenn Hersteller und Anwender aus der Patientenversorgung in der Qualitätssicherung tätig sind, sind Interessenkonflikte „vorprogrammiert“.

Die Leserbrief-Autoren schreiben weiter zum Thema:

Anstatt vermeintliche Skandale aufzudecken, braucht es Menschen mit wissenschaftlich-medizinischem Verständnis, die helfen, labordiagnostische Ergebnisse und scheinbare Widersprüche auch für Laien verständlich zu erklären.

Es entspricht nicht einem verantwortungsvollen ärztlichen Handeln gemäß der Berufsordnung, wenn man ein Testergebnis als Tatsache in einen Arztbericht schreibt, bei dem ein Test angewendet wurde, der:

  1. beispielsweise eine Sensitivität von weniger als 50 Prozent bei
  2. ebenfalls nicht ausreichender Spezifität hat – und
  3. bei korrekter Betrachtung womöglich auch noch unter einem anderen Namen im Befund deklariert sein müsste.

Für die Patientenversorgung verantwortliche Menschen mit wissenschaftlich-medizinischem Verständnis sollten es bitte nicht so darstellen, als müssten hier in einem „vermeintlichen Skandal“ nur Einzelfälle aufgearbeitet werden — nicht aber die Tests selbst und der ärztliche Umgang mit ihnen in den Fokus gerückt werden. Die Art und Weise, wie seitens mehrerer Ärzte mit den wichtigen und richtigen Artikeln im Laborjournal umgegangen wurde, samt der Tatsache, dass ein Patient diesen Schritt gehen musste und dabei über Jahre auf alle nur erdenklichen Widerstände gestoßen ist, ist sehr aussagekräftig.

Es wäre wünschenswert, dass (nicht nur) hier im Laborjournal-Blog zu diesen Themen eine Diskussion in Gang kommt, in der auch konkrete Fragen von Verantwortlichen öffentlich beantwortet werden.

Kira Merk


 

Die Antwort der Autorin Karin Hollricher

„Über den Test kann man unterschiedlicher Meinung sein“

In zwei Artikeln berichtete ich im Laborjournal 3/2018 darüber, wie schwer es sein kann, von Laboren korrekte diagnostische Tests sowie inhaltlich vollständige wie schlüssige Befunde zu erhalten (hier und hier). Anhand von Beispielen erklärte ich, wie Labore entgegen der Expertenempfehlungen Tests nach Kosten statt nach diagnostischer Leistungsfähigkeit auswählen. Weiterhin beschrieb ich, dass Testhersteller ihre Produkte mitunter falsch deklarieren, wie bei der Qualitätskontrolle von Tests und Laboren die EU-Regeln wie auch deutsche Vorschriften erschreckend drastisch verletzt werden – und, das ist das eigentliche Problem, wie wenig die Verantwortlichen sich um diese vielen Probleme kümmern. Am Ende leidet immer nur der Patient darunter.

Auf diese Artikel antworteten Prof. Dr. med. Ulrich Sack (Universität Leipzig, Institut für Klinische Immunologie Leipzig), Dr. med. Sebastian Rudolph (Immunzentrum Chemnitz), PD Dr. med. habil. Karsten Conrad (Technische Universität Dresden, Institut für Immunologie) mit einem Leserbrief (siehe oben). Ich wollte die angesprochenen Punkte mit den Herren persönlich klären. Conrad und Rudolph reagierten auf mehrere Versuche der Kontaktaufnahme gar nicht, mit Herrn Sack hatte ich ein ausführliches Gespräch.

In dem Leserbrief warfen die Autoren mir, Dr. rer. nat. Karin Hollricher, mit deutlichen Worten und — wie ich finde — in unnötig unverschämter Art „erschreckend schwere Fehler“ und ein grundsätzliches „Nichtverständnis der Autoimmundiagnostik“ vor. Das ist Unsinn und kann nicht unkommentiert bleiben.

Die Autoren des Briefes, allesamt Rheumatologen, beschwerten sich, dass ich den Crithidia-luciliae-Immunfluoreszenz-Test, kurz CLIFT, als „nicht mehr dem Stand der Technik entsprechend“ bezeichnet habe. „Das größte Missverständnis in Frau Hollrichers Artikel liegt darin, dass sie die Sensitivität (Testempfindlichkeit) mit der Qualität des Tests gleichsetzt“, schreiben sie dazu.

Der parasitisch lebende Flagellat C. luciliae enthält ein Organell mit nackter Doppelstrang-DNA (dsDNA), den Kinetoplasten. CLIFT benutzt man daher, um Autoantikörper gegen nackte dsDNA nachzuweisen. Bei gesunden Personen findet man Autoantikörper gegen dsDNA nur sehr selten (<0,1%), wie dem Handbuch „Autoantikörper bei systemischen Autoimmunerkrankungen“, an dem Herr Conrad mitgeschrieben hat, zu entnehmen ist.

In meinem Artikel war ein Auszug aus der Gebrauchsanweisung eines Herstellers abgebildet (siehe oben). Dieser bezieht sich auf Ergebnisse einer Studie der Charité. Dem Bild konnte man entnehmen, dass in einem Kollektiv von Patienten mit Lupus erythematodes drei andere Tests eine Sensitivität zwischen 40 und 60 Prozent hatten, der CLIFT dagegen nur eine von 27 Prozent. Wieso soll man also diesen Test verwenden, wenn es laut der Studie bessere gibt?

Eine 27-prozentige Sensitivität bedeutet, dass 73 Prozent der tatsächlich Lupus-Kranken falsch-negative Ergebnisse erhält. Insofern muss zwingend das Serum eines jeden Patienten mit Lupus-Verdacht und negativem CLIFT nochmals mit anderen Tests überprüft werden. Dessen ist sich jedoch längst nicht jeder Labormediziner bewusst, wie mir Personen versicherten, die sich um die Fortbildung solcher Ärzte bemühen.

Die Rheumatologen argumentierten stattdessen, dass die hohe Spezifität CLIFT so wertvoll mache. Deswegen werde CLIFT auch von den Experten empfohlen, die die in dem Artikel zitierten International recommendations for the assessment of autoantibodies to cellular antigens schrieben.

Das stimmt, und zwar ausdrücklich im Nachgang (!) zu einem positiven ANA-Immunfluoreszenz-Test oder dsDNA-Antikörper-ELISA. Wörtlich heißt es in den Recommendations:

For anti-dsDNA antibody determination, the Farr assay and the CLIFT offer high clinical specificity. Alternative methods may yield lower specificity and, if so, it is recommended that positive results obtained by these methods be confirmed by CLIFT or Farr assay — and be reported separately.“

Tatsächlich wird der CLIFT im diagnostischen Alltag als „Bestätigungstest“ angewendet, um falsch-positive Resultate zu identifizieren. Allerdings haben auch andere, sensitivere Tests ähnlich hohe Spezifitäten. Auf besagter Abbildung hatten wir die Angaben für die Spezifitäten weggelassen. Hier seien sie nun nachgereicht: Die drei anderen Tests schnitten im direkten Vergleich knapp besser ab als CLIFT. Zwar nur knapp, aber immerhin.

Was bedeutet das nun im Hinblick auf die Qualität des CLIFT?

Man sollte zur Bestätigung eines positiven dsDNA-Antikörpertests doch lieber einen Farr-Test verwenden. Der ist sensitiver als der CLIFT und obendrein genauso spezifisch. Allerdings benötigt man dafür ein Isotopenlabor, und daher entstehen dem Laborarzt höhere Kosten.

Aha! Die Leserbrief-Autoren bestätigen, was Sie, liebe Leser, jetzt vermutlich denken: Es liegt am Geld! Das Abrechnungssystem für Laborleistungen sei „nicht darauf ausgelegt, die hier erforderliche Stufen- und Multiparameteranalytik durchzuführen“, schreiben die Rheumatologen.

Ein großes Problem ist anscheinend eine mangelhafte Kommunikation zwischen behandelndem Arzt und Laborarzt. „Ein auf Immundiagnostik spezialisiertes Labor muss aber solche Probleme durch Plausibilitätstestungen erkennen und über Kontrollanalysen lösen können“, fordern die Leserbriefschreiber. Ob ein Ergebnis widersprüchlich ist oder nicht, könne der Laborarzt nur erkennen, wenn ihm eine Verdachtsdiagnose vorliegt. Aber selbst wenn das der Fall ist, „… wird häufig darauf verzichtet, widersprüchlichen Befunden im Detail nachzugehen“, berichten die Rheumatologen. Umgekehrt seien in den Befunden oft nicht die Einschränkungen und Limits der verwendeten Tests genannt — so jedenfalls sagte es Herr Sack in einem Telefonat.

Um hier nochmals auf die vermeintlichen Fehler in meinem Artikel zurück zu kommen: Über den CLIFT kann man unterschiedlicher Meinung sein, „erschreckend schwere Fehler“ befanden sich in den Artikeln aber nicht!

Karin Hollricher


 

Können Maschinen bald TAs ersetzen?

2. November 2017 von Laborjournal

In unserer aktuellen Printausgabe 10/2017 stellt Hartmut Böhm, Sprecher des „Bündnis TA“, auf den Seiten 14-16 die bange Frage:Biologisch-technische Assistenten ohne Zukunft oder Zukunft ohne biologisch-technische Assistenten? Eine der großen Gefahren, die den Beruf des Technischen Assistenten im Labor bald überflüssig machen könnten, sieht er darin, dass offenbar immer mehr typische TA-Tätigkeiten durch Maschinen ersetzt werden können — mit weiterhin stark steigender Tendenz. Wörtlich schreibt er am Ende seines Essays:

Vielmehr scheint es jetzt schon klar zu sein, dass [Technische Assistenten] wegen der rasanten Digitalisierung künftig zunehmend durch Computer verdrängt werden, die an ihrer Stelle Tätigkeiten im biologischen Labor durchführen. Schon 2013 stellten Carl B. Frey und Michael A. Osborne in ihrer Untersuchung „The future of employment: How susceptible are jobs to computerization?“ fest, dass die Tätigkeiten der amerikanischen biologischen Technicians zu etwa 30 Prozent durch Computer zu ersetzen sind. Zwei Jahre später folgte der Forschungsbericht „Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt. Substituierbarkeitspotenziale von Berufen in Deutschland“ des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, verfasst von Katharina Dengler und Britta Matthes. Darin heißt es, das Substituierbarkeitspotenzial für Fachkräfte der Berufshauptgruppe 41, also auch für die Arbeit im biologischen Labor, sei in Deutschland auf 85,6 Prozent gestiegen.

Auch der „Job-Futuromat“, ein Online-Tool der ARD zum Test, in welchen Berufen Maschinen bald die Menschen ersetzen könnten, sieht das Schicksal der BTA nicht wesentlich günstiger. Nach Eingabe von „Biologischtechnische/r Assistent/in“ erfährt man dort, dass schon heute über die Hälfte aller BTA-Tätigkeiten (genau 56 Prozent) von Maschinen übernommen werden könnten. Das riecht nach einer beängstigenden Zukunft für BTA.

Eine Vision, die natürlich nicht unwidersprochen bleibt. So schrieb uns etwa eine Leserin dazu:

Liebes Laborjournal-Team,

ich arbeite nun seit zehn Jahren als TA (gelernt Biotechnologische Assistentin, welche in Ihrem Artikel leider fehlt) und kann Ihrem Artikel nur widersprechen. […] In der Realität übernehmen TAs meist die gesamte Labororganisation. Sie kümmern sich beispielsweise darum, dass Wartungsperioden eingehalten werden, stellen Stock-Lösungen her und unterstützen zusätzlich die Wissenschaftler bei ihren Experimenten.

Jedes Labor ist daher froh über eine langjährig verbleibende Assistentin, da diese die Abläufe im Labor kennt und auf Probleme reagiert. Maschinen werden die Arbeit jeder TA zwar erleichtern und verändern, aber notwendig bleibt diese dennoch. Dies zeigt sich unter anderem auch dadurch, dass bei gleichzeitiger Bewerbung von Bachelor-Absolventen auf TA-Stellen dennoch meist ausgebildete TAs bevorzugt werden, da die Ausbildung in der Praxis deutliche Vorteile gegenüber dem Studium hat.

Mensch oder Maschine? — das ist hier also die Frage. Weitere Meinungen dazu gerne unten im Kommentarfenster, oder auch als Mail an die Laborjournal-Redaktion.

 

Etwas Schwund ist immer…

16. Mai 2017 von Laborjournal

(Eine typische Labor-Geschichte, erzählt von Valerie Labonté)

Nach längerer Abwesenheit im Labor rechnet man ja damit, dass manches nicht mehr an seinem Platz ist. Aber dass es gleich so schlimm kommen muss wie in diesem Beispiel…

Doktorandin Petra kommt nach einigen Wochen Schreibarbeit zu Hause wieder ins Labor, um für den nächsten Tag ein Experiment vorzubereiten, das ihr für das Paper noch fehlt. Das Vorhaben beginnt natürlich mit… Suchen! Ihre Pipetten sind auf andere Arbeitsplätze und in fremde Schubladen verteilt. Neben der Waage hat jemand eine Dauerpipette für alle eingerichtet — natürlich ist es eine von ihren. Also erstmal die Pipetten zusammensammeln, putzen und eichen.

Petra hat schon fast keine Lust mehr, aber sie muss ja nur vorbereiten heute. Nächste Aufgabe: Chemikalien zusammensuchen. Zwar gibt es diesen gut geordneten Chemikalienraum, doch hat jeder seine Stammchemikalien am Platz oder im Kühlfach gebunkert — oder wo es sonst gerade praktisch scheint. Normalerweise weiß man trotzdem, wo etwas zu finden ist — nur ist erstens Petras eigene Sammlung inzwischen geplündert, und sind zweitens diejenigen der Kollegen nicht mehr in dem selben Zustand wie vor Monaten.

Nach „Wo sind meine Pipetten?“ heißt also die zweite Laborrunde: „Wo sind meine Chemikalien?“. Zu allem Überfluss sind einige der nachbestellten Chemikalien inzwischen in anderen Flaschen als gewohnt gekommen, weshalb es noch länger dauert, bis Petra alles zusammengekratzt hat.

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Vorsicht, ihr Biohacker und DIY-Biologen!

9. Februar 2017 von Laborjournal

Erst jetzt haben wir mitbekommen, dass das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) bereits vor zwei Wochen eindringlich vor Do-It-Yourself (DIY)-Baukästen warnte, mit denen interessierte Laien echte Bakterien-Gentechnik in ihren eigenen vier Wänden machen können. Die Meldung mit dem Titel „Gentechnik mit Biologiebaukästen: Einfach, aber möglicherweise strafbar“ im Wortlaut:

Durch Genome-Editing-Verfahren wie etwa CRISPR-Cas ist es einfach und preiswert möglich, das Erbgut von lebenden Organismen gezielt zu verändern. Mittlerweile können insbesondere im Internet komplette Biologiebaukästen (so genannte „Do-it-yourself“, bzw. DIY-Kits) aus dem Ausland gekauft werden, mit denen daheim und ohne zusätzliche Geräte das Erbgut von Organismen, z. B. E. coli-Bakterien, verändert werden kann.

Derartige Experimente im heimischen Hobbykeller mögen lehrreich und spannend sein. Abhängig vom konkreten DIY-Kit gilt dafür jedoch das Gentechnikrecht. Dies ist immer dann der Fall, wenn das DIY-Kit gentechnisch veränderte Organismen (GVO) enthält oder wenn damit GVO erzeugt werden. Solche gentechnischen Arbeiten dürfen gemäß § 8 Abs. 1 Satz 1 Gentechnikgesetz (GenTG) nur in gentechnischen Anlagen durchgeführt werden, also in geeigneten, behördlich überwachten Laboren unter Aufsicht eines sachkundigen Projektleiters.

Das heißt, wer DIY-Kits bestellt und außerhalb gentechnischer Anlagen entsprechend anwendet, riskiert gemäß § 38 Absatz 1 Nummer 2 GenTG eine Geldbuße bis zu fünfzigtausend Euro. Falls im Rahmen der Nutzung der DIY-Kits GVO freigesetzt werden, droht gemäß § 39 Absatz 2 Nummer 1 GenTG sogar eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe.

Für Nachfragen steht Ihnen die zuständige Landesbehörde zur Verfügung.

Warum das BVL diese Warnung aktuell für notwendig erachtet, fasst dieser Artikel der Zeitschrift „Make:“ recht gut zusammen. Nach der Recherche des Autors kamen gerade im vergangenen Jahr vor allem im Ausland zahlreiche Geräte und Kits auf den Markt, die dem Kunden nicht nur genetische Analysen, sondern auch gezielte genetische Veränderungen versprechen.

Als Beispiel nennt der Artikel unter anderem das Gerät „DNA-Playground“ der US-Firma Amino Labs. 325 Euro kostet die E. coli-Transformiermaschine, die es dem Kunden erlaubt, mit dem passenden „Engineer-Kit“ die Bakterien etwa derart genetisch umzubauen, dass sie im Dunkeln in allen möglichen Farben leuchten — siehe Video:

 

 

Noch drei weitere Beispiele beschreibt der Artikel, um dann am Ende allerdings auf die Warnung des BVL einzuschwenken:

Viele der Projekte richten sich neben Privatpersonen auch an Bildungseinrichtungen, da Schulen sich speziell eingerichtete Labore mit vielen Geräten kaum leisten können. In Deutschland gibt es allerdings eine Reihe an Forschungseinrichtungen und Museen, die in sogenannten Schülerlaboren biotechnologische Workshops anbieten. Sie halten dabei die Hygienemaßnahmen ein, entsorgen Abfälle sachgerecht und sind bei der zuständigen Behörde gemeldet. Erfolgt dies nicht, so warnt das Bundesamt, drohe eine Geldbuße bis zu fünfzigtausend Euro. Wer gentechnisch veränderte Bakterien in die Umwelt freisetzt, kann sogar mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden.

Ob die Warnungen gehört werden, darf bezweifelt werden angesichts des oftmals geradezu überschäumenden Enthusiasmus, den manche DIY-Biologen hinsichtlich ihrer Garagenlabor-Spielereien an den Tag legen. Vielleicht werden sie auch eher belächelt, da sich die weltweite Community der DIY-Biologen schon seit 2011 selbst einen Ethik-Code auferlegt hat. Genauso wie sie seither Mantra-artig beteuert, dass Biohacking nicht nur von Neugier, Spieltrieb und Ehrgeiz getrieben sei, sondern vielmehr ebenso gesteuert von Vorsicht, Vorausschau und in Kenntnis der jeweils geltenden Gesetzeslage. Schwer zu glauben allerdings, dass dies tatsächlich allen Biohackern weltweit in genügendem Umfang bewusst ist.

Sicher, das BVL muss auf die Gesetzeslage aufmerksam machen. Naturgemäß riecht dies aber immer stark nach Drohung. Vielleicht sollte es sich lieber mal die Mühe machen, die potentiellen Befürchtungen und Gefahren konkret und greifbar zu thematisieren — und damit letztlich das Problembewusstsein der vielen DIY-Zauberlehrlinge nachhaltig zu schärfen. Denn selbst die fänden das Szenario wahrscheinlich ziemlich gruselig, wonach „selbstgebastelte“ Bakterien oder was auch immer wild aus irgendwelchen Haus- und Garagentüren kriechen.

(DIY-Bio-Logo via diybio.org)

Heikle Geldfragen

26. Juli 2016 von Laborjournal

Money makes research go ’round. Der frischgebackene Diplomand merkt das erstmals, wenn er voller Elan die nötigen Vektorkonstrukte für sein Projekt zusammenbastelt. Nach Klonierungsansatz und eifrigem Studium der entscheidenden Sequenzabschnitte wählt er für den analytischen Verdau — völlig klar — das Restriktionsenzym FatI. Erwartungsvoll präsentiert er den Plan seinem Prof — und der schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „FatI, ja klar! In der Tat das fetteste Enzym von allen. 250mal teurer als EcoRI. Und das, nur um ein Plasmid zu überprüfen? Nee, das geht ganz sicher auch mit viel billigeren Enzymen.“

budgmoney

Woher sollte der arme Diplomand das wissen? Denn auch in der Forschung gilt die weitverbreitete Etikette: Über Geld spricht man nicht! Selbst Postdocs haben meist keine Ahnung, was ihr eigenes Projekt kostet. Geschweige denn, wieviel Geld das gesamte Labor zur Verfügung hat und wie es budgetiert ist. Dabei müssten genau diese Dinge — Budgetierung und Grant Management — eigentlich zwingender Bestandteil des Postdoc-Trainings sein. Schließlich müssen diese in der Regel bald selbst die vollen Kosten für geplante Projekte zuverlässig kalkulieren und daraufhin die passenden Anträge stellen können.

Der Laborleiter, der einmal im Jahr mit seinen Leuten eine komplette „Haushaltssitzung“ macht, ist jedoch die rühmliche Ausnahme. Die Realität spiegelt sich eher in der folgenden Forums-Frage eines Postdocs:

Kann ich meinen Chef einfach ansprechen, nach dem Motto: „Ich würde gerne mehr über Labor-Budgetierung und -Management lernen, um besser auf meine akademische Zukunft vorbereitet zu sein. Kannst Du mir daher mal das Jahresbudget für unser Labor grob erklären und aufschlüsseln, wie es sich auf die einzelnen Posten verteilt?“ Wäre das womöglich genauso unverschämt, wie ihn nach seinem Gehalt zu fragen? Oder so heikel, wie sich nach seiner letzten Zahnbehandlung zu erkundigen?“

Nein, es ist weder unverschämt noch heikel — es ist absolut angemessen. Allerdings kann es einem dann auch ergehen wie Postdoc Müller, dem sein Chef auf Nachfrage nach anfänglichem Zögern das Finanzmanagement der Gruppe umfassend erklärte — … und der seitdem die komplette Buchhaltung des Labors am eigenen Hals hat.

Foto: Fotolia / Andrey Popov

Doktorarbeit netto

18. Juli 2016 von Laborjournal

Fast jeder Ex-Doktorand stellt sich irgendwann die Frage: „Wenn jedes Experiment, das in meiner Doktorarbeit steht, gleich genau so geklappt hätte — wie schnell hätte ich fertig sein können?“ Sicher spielt die Art der Arbeit und des experimentellen Systems eine entscheidende Rolle — aber am Ende ist wohl jeder zu dem Schluss gekommen: „Viiiiiel kürzer als die Jahre, die ich tatsächlich gebraucht habe.“

documweg

So rechnete uns beispielsweise kürzlich ein ehemaliger Doktorand in einer E-Mail vor, dass er mit „magischen Fingern“ netto gerade mal drei Monate für sämtliche Ergebnisse seiner Doktorarbeit hätte experimentieren müssen — inklusive zweimal Reproduzieren.

Natürlich hatte er aber keine „magischen Finger“, und so brauchte er tatsächlich knapp fünf Jahre. Zieht man noch drei Monate für’s Zusammenschreiben ab, kommt er damit bezüglich seiner Zeitinvestition auf eine „Erfolgsrate“ von grob fünf Prozent. So gesehen hätte er also nur etwa alle drei Wochen jeweils am richtigen Tag ins Labor kommen müssen. Sein Fazit daher: „Es sieht so aus, als ob in der experimentellen Forschung die Dinge gewöhnlich nicht funktionieren. Und es scheint, als wäre das ganz normal.“

Dass solche Rechnungen allerdings in der Realität nicht aufgehen, ist klar. Selbst der „Fünf-Prozent-Rechner“ von oben räumte ein, dass die anderen 95 Prozent für das Gesamtergebnis sicher auf andere Weise ebenso essentiell sind — auch wenn deren Resultate am Ende nicht in Doktorarbeit oder Paper stehen. Warum? Weil man Techniken erst lernen muss; weil einem zuweilen erst negative Resultate — oder gar Fehler — den richtigen Weg weisen; weil unzählige Vorversuche notwendig sind, um die optimalen Bedingungen für die experimentellen Systeme zu ermitteln; und und und…

So machte denn auch unser Ex-Doktorand am Ende seinen Frieden mit der realen Dauer seiner Dissertation. Und ergänzte versöhnlich: „Ein Experte ist man sowieso erst dann, wenn man jeden Fehler wenigstens einmal selbst gemacht hat.“

Foto: fotogestoeber – Fotolia.com

Vom tieferen (Un-)Sinn des Lab Meetings

7. Juli 2016 von Laborjournal

 

roundtable

Kommt ein „Frischling“ ins Labor, wird er schon bald in ein allseits lieb gewonnenes Ritual eingeführt — das Lab Meeting. Sinn und Zweck dieser Veranstaltung leuchten ihm schnell ein: Regelmäßig kommen die pipettierenden Einzelkämpfer einer Gruppe zusammen, um mit den Kollegen ihre Fortschritte, Pläne oder Probleme kreativ zu diskutieren.

Doch nicht selten ist das nur die halbe Wahrheit. Oft genug sind Lab Meetings zugleich verkappter Höhepunkt des Soziallebens einer ansonsten vor Einzelgängertum nur so strotzenden Arbeitsgruppe. Da bringt mindestens jeder sein Getränk mit, meist stehen Kekse und andere Leckereien bereit, oder man zelebriert das Ganze gar rund um den gemeinsamen Verzehr des mitgebrachten Mittags-Imbisses. Arbeiten mit möglichst hohem Wohlfühlfaktor, heißt das Prinzip. Denn ist es nicht so, dass einem die besten Ideen in möglichst entspannter Atmosphäre kommen? Wie auch immer, von der TA bis zum Prof müsste demnach eigentlich jeder die Lab Meetings lieben.

Solange man es nicht übertreibt. Ein verdienter Postdoc jedenfalls berichtete uns einmal folgendes: „Manche Gruppen machen mehrere Meetings pro Woche, die jeweils gut zwei Stunden dauern. Dazu noch jeweils in der Mitte des Tages, so dass man vorher kein Experiment anfangen kann. […] Mit etwas Sarkasmus stellten wir daher folgende These auf: Lange und zahlreiche Lab Meetings veranstalten Chefs, die keine Kinder (mehr) zu Hause haben oder frisch geschieden sind — kurzum also Chefs, die unter sozialer Deprivation leiden. Junge Gruppenleiter ohne soziale Deprivation hingegen bevorzugen kurze und fokussierte Lab Meetings.“

Sei dies, wie es wolle — im ersteren Fall bleibe damit jedenfalls für das schlichte Experimentieren immer weniger Zeit, schrieb der Autor weiter. Und am Ende leide darunter schnell die Performance der gesamten Gruppe. „Das geht sogar so weit“, so schloss er, „dass mancher Postdoc interessierten Bewerbern beim Gehen durchaus sarkastisch zuraunt: «Überleg’ dir gut, ob du zu uns kommen willst — unser Chef hält uns nämlich ziemlich oft vom Pipettieren ab!»“

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Print Your Own Microscope

15. April 2016 von Carsten T. Rees

parts of the Bowman microscopeLooking for a high performance microscope that’s small enough to slip under a fume hood or inside a biosafety cabinet? One so cheap to produce that it’s practically disposable? 3D printing can provide the answer. Richard Bowman’s research group at the NanoPhotonics Centre in Cambridge, UK, purchased their first 3D printer around three years ago. Read more and get your own resource code and assembly instructions from the Bowman’s group from this Lab Times article by Laura Jane Brooks.

♪♫… Die Geschichte eines Postdocs … ♫♪…

16. Oktober 2014 von Laborjournal

Zwar schon eine ganze Weile her — aber wir schulden Euch noch den Gewinner des Lab Grammy Award 2014:

„The tale of a Post Doc“

Eine Parodie auf „Bohemian Rhapsody“ von Queen, realisiert von James Clark et al.,  King’s College London.

BIOTECHNICA 2013 (Tag 2): Es wird voller…

9. Oktober 2013 von Laborjournal

…….:

… Teilweise konnten wir gar nicht mit allen Besuchern reden, die plötzlich an unserem Stand auftauchten…

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… In der „Kreativecke“ der BIOTECHNICA tobten sich auch schon so einige aus…

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