Über den Unsinn, Forscher nach Höhe ihrer Fördermittel zu beurteilen

28. Juli 2021 von Laborjournal

Why you shouldn’t use grant income to evaluate academics“ war der Titel des Kurzvortrags, den Dorothy Bishop, Professorin für Experimentelle Psychologie an der Universität Oxford, kürzlich bei einem Meeting zum Thema „Irresponsible Use of Research Metrics“ hielt. Darin räumte sie auf mit der allzu simplen Logik, aufgrund derer die Summe der eingeworbenen Forschungsmittel inzwischen ein immer größerer Evaluations-Faktor geworden ist.

Wer viel Geld bewilligt bekommt, der kann nicht schlecht sein – so der Kerngedanke dahinter. Zumal die Kandidaten mit den entsprechenden ja immer wieder jede Menge kritische Kollegen überzeugen muss. Ganz klar also: Wo nach eingehender Prüfung stetig Geld hinströmt, da muss auch Qualität sein.

 

Auch mit teurer Technologie erntet man bisweilen nur tiefhängende Früchte.

 

Bis heute, so stellt Dorothy Bishop dazu klar, habe man keinerlei belastbare Korrelation zwischen Antragshöhe und Antragserfolg feststellen können – unter anderem, da bei letzterem einfach zu viel Glück und Zufall im Spiel ist. Man würde daher vor allem dafür belohnt, wie viel Glück man hat. Und das sei letztlich ziemlich demoralisierend für die Forscher, da sie sich nicht auf faire Weise evaluiert fühlen.

Wir nahmen dies in einem früheren Blog-Beitrag einmal folgendermaßen aufs Korn:  Diesen Beitrag weiterlesen »

„Mein“ Paper musst du selber schreiben!

14. Juli 2021 von Laborjournal

Zählen wir mal alle diejenigen zusammen, die die akademische Welt sofort nach der Doktorarbeit oder dem ersten Postdoc ein für allemal verlassen. Oder gar mittendrin die Segel streichen. Damit wäre sicherlich bereits die klare Mehrheit all derer beisammen, die jemals eine Doktorarbeit oder einen Postdoc begonnen haben.

Und jetzt überlegen wir mal weiter, wie viele potenzielle Paper deswegen niemals geschrieben worden sind. Es dürften ziemlich viele sein!

Bei den Abbrechern ist es klar: Sie haben eine Weile Daten produziert, bis sie aus verschiedenen Gründen der Forschung plötzlich Knall auf Fall „Adieu“ sagen. Nur die allerwenigsten dürften danach noch erhebliche Zeit des neu begonnenen Lebensabschnitt dafür opfern, um dem Ex-Chef die „alten“ Daten für ein Manuskript aufzubereiten. Mit welcher Motivation auch?

Dummerweise haben aber ebenso oft diejenigen, die gleich nach abgeschlossenem „Doktor“ oder abgelaufenem „Postdoc“ umschwenken, noch genug selbstproduziertes und spannendes Daten-Rohmaterial für die eine oder andere weitere Veröffentlichung übrig. Doch haben diese Umsteigerinnen und Umsteiger jetzt noch genug Motivation, damit „posthum“ noch das eine oder andere Paper-Manuskript zu verfassen? Neben dem neuen und womöglich völlig anders gelagerten Job? In ihrer Freizeit? Sicherlich sehr selten!

Oftmals hilft dann auch kein Bitten und kein Flehen – vehementes Fordern oder gar Drohen sowieso nicht. Und auch ein schlechtes Gewissen lassen sich die Abwandernden kaum noch einreden – nach dem Motto: „Sowohl die Forschergemeinde als auch die Öffentlichkeit, die dich finanziert hat, haben ein Recht darauf, deine Erkenntnisse mitgeteilt zu bekommen.“

Also bleibt den Bossen und Chefinnen schließlich nichts, als über ehrlose Ex-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter zu jammern und deren Daten selbst zu einem Manuskript zusammen zu puzzeln.

Doch wie kommt es überhaupt soweit? Vielleicht, weil erstere das Manuskriptverfassen nie mit in die Vertragslaufzeiten einplanen? Weil sie stattdessen alle und jeden bis zum Vertragsende experimentieren lassen – und darauf bauen, dass man die Paper ja irgendwie auch danach noch schreiben kann? Und dies wiederum, weil sie davon ausgehen, dass ihre Schützlinge selbstverständlich auch danach noch in der Forschung weitermachen – und die Veröffentlichungen daher für die eigenen Karriere brauchen?

So gesehen könnte es also durchaus sein, dass mancher Boss und manche Chefin selber schuld an dem Dilemma sind.

Ralf Neumann

 

Der Lohn der Forschung

5. Juli 2021 von Laborjournal

Einzig der Wahrheit seien Forscher und Forscherin verpflichtet. Und selbstlos seien sie dabei. Immer bestrebt, Wissen und Erkenntnis zu mehren. Nicht zum eigenen Ruhm, sondern allein zum Wohle aller. Soweit das hehre Ideal.

Jedoch sind Forscherinnen und Forscher auch nur Menschen. Und Menschen brauchen Anerkennung, brauchen Bestätigung.

Wie aber erfahren Forscher und Forscherinnen Anerkennung? Was ist deren wirklicher Lohn?

Geld kann es nicht sein. Schon im mittleren Management verdient man mehr als auf einem Uni-Lehrstuhl. Und überhaupt kann man mit den entsprechenden Qualitäten vielfach woanders leichter „Karriere machen“.

Auch die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums kann es kaum sein. Denn wenn nicht gerade weltweit Corona unterwegs ist und man Christian Drosten heißt – wann wird dann eine Forscherin oder ein Forscher schon mal in die großen Medien gehievt. Zu speziell, zu wenig publikumstauglich ist in aller Regel, was sie tun.

Bleibt also nur die „Szene“, die „Community“. Die umfasst schon nahezu alles, woher Forscherin oder Forscher sich Anerkennung erhoffen kann. Denn nur aus der Community kommt mal jemand und klopft einem auf die Schulter. Sagt dann vielleicht: „Super Sache, wie Du Protein X kristallisiert hast – ein derart ausgefuchstes Membranprotein, das war doch extraschwer.“ Oder etwa: „Respekt, das war eine sehr elegante Strategie, wie Du gezeigt hast, dass Gen Y bei Pathway Z mitspielt.“ Oder – etwas moderner – womöglich: „Alle Achtung! Wirklich klasse, der Algorithmus, den Du zum Aufspüren dieser nicht-codierenden Steuerelemente in allen möglichen Genomen geschrieben hast.“

Zugegeben, das tut gut. Aber ist dies tatsächlich der potenzielle Lohn, der Forscherinnen und Forscher im Innersten antreibt? Oder reicht dafür vielmehr wirklich die reine Befriedigung der sprichwörtlich starken Forscherneugier aus?

Die Antworten der wenigen, die überhaupt darüber reden, gehen tatsächlich oftmals in diese Richtung. So sagte etwa einer, es sei ihm Lohn genug, wenn er nach jahrelanger Arbeit endlich „die wunderschöne, in ihrer Perfektion von keinem Kunstwerk zu übertreffende Struktur“ des Proteins Sowieso auf dem Monitor bewundern könne.

Noch schöner allerdings drückte es folgender „Lonesome Researcher“ aus: „Für mich gibt es nichts Erregenderes, als wenn ich spät abends endlich das Ergebnis langer Versuchsreihen sehe – und dann voller Ergriffenheit registriere, dass ich für diese eine Nacht der einzige Mensch auf der ganzen Welt bin, der das jetzt weiß.“

Geht es euch Forscherinnen und Forschern da draußen tatsächlich manchmal genauso?

Ralf Neumann

 

Systemtreue Forscher

2. Juni 2021 von Laborjournal

Kürzlich klagte jemand in einer E-Mail an die Redaktion: „Da gibt es etwas, das ich einfach nicht verstehe. Schon vor zwanzig Jahren hörte ich Doktoranden und Postdocs immer wieder stöhnen, wie schlimm sich das Wissenschaftssystem entwickelt habe und wie sehr sie unter prekären Arbeitsverhältnissen sowie Instituts-Hierarchien und -Platzhirschen leiden würden. Jetzt sind die meisten von ihnen selbst Gruppenleiter, Instituts-Chef oder sogar noch mehr. Aber nichts hat sich geändert, sie verhalten sich heute genauso wie diejenigen, die sie damals kritisiert haben – vielleicht sogar noch schlimmer. Dabei sind doch sie es, die heute die Dinge tatsächlich ändern könnten, über die sie damals noch so gemeckert haben – wenigstens in ihrem eigenen Umfeld. Da muss man sich schon fragen: Wollen sie das inzwischen vielleicht gar nicht mehr?“

Gute Frage. Eine mögliche Antwort lautet: Sie wollen schon lange etwas anderes. Stehen für Promovierende und junge Postdocs anfangs noch Neugier und Erkenntnisdurst im Vordergrund ihres Forschungsstrebens, rückt mit zunehmender Zeit ihre eigene prekäre Situation angesichts zeitlich befristeter Verträge und Förderungen immer stärker ins Bewusstsein. Mit der Folge, dass die Forschung an sich für Jungforscherinnen und Jungforscher zunehmend seinen Selbstzweck verliert – und stattdessen als „Mittel zum Zweck“ für das eigene Karriere-Management herhalten muss. Aufgrund der prekären Situation wird das Karriere-Management jedoch zwangsläufig zum Risikomanagement – und der Nachwuchs kann es sich daher immer weniger leisten, nur aus reiner Neugier spannenden, aber riskanten Projekten nachzugehen.

Das Dumme ist, dass diese Art Karriere-Management von diesem Punkt an nicht mehr aufhört – auch an der Spitze der Pyramide nicht. Gut, dort heißt das dann wohl eher „Reputations-Management“. Aber die Lage bleibt ähnlich heikel: Für die Allermeisten fließen die Fördermittel nur sehr kurzatmig, und der Publikations-Strom darf nicht abreißen. Das ist natürlich weiterhin Gift für riskante Forschungsvorhaben, sorgt aber noch für etwas anderes: Man bleibt im System gefangen. Und abgesehen davon: Wer ändert schon gerne was an einem System, in dem man es trotz allem „ganz nach oben“ geschafft und somit so viele andere hinter sich gelassen hat?

Ralf Neumann

(Illustr.: AdobeStock / Good Studio)

(Der Beitrag erschien bereits in leicht anderer Form unter „Inkubiert“ in unserer Print-Ausgabe 4/2021.)

 

Doktorandinnen-Blues (Teil 2)

14. April 2021 von Laborjournal

(… Die Doktorandin aus dem letzten Post sang ihr „Klagelied“ über das Wissenschaftssystem und die Bedingungen ihrer Promotion noch folgendermaßen weiter: … )

Ich war eine idealistische Studentin, getrieben von Wissbegier und Abenteuerlust. Das Studium war perfekt für mich und erfüllte alle meine Erwartungen. Zunächst.

Dass mit dem universitären System etwas nicht stimmte, merkte ich zum ersten Mal, als ich während des Masterstudiums ein Praktikum im Ausland machen wollte. So etwas war nicht vorgesehen und es gab weder Angebote noch Förderung. Ich setzte meinen Plan dennoch in die Tat um. Und ich wollte mehr. Nach Abschluss des Studiums packte ich wieder meinen Rucksack. Ich hatte Blut geleckt – interessante Menschen treffen, exotische Orte sehen und außergewöhnliche Arbeit machen. Maximale Freiheit, maximale Eigenverantwortung und jeder Tag ein Abenteuer. Das perfekte Leben.

Ich war jung und blauäugig und dachte, das würde immer so weitergehen. Ich dachte, die Wissenschaft wäre der ideale Platz für mich – die interessantesten Menschen treffen, die exotischsten Orte sehen und außergewöhnliche Arbeit machen. Also folgte ich dem Lockruf des nächsten Bildungslevels – auf zur Promotion!

Sobald ich meine Stelle angetreten hatte, fühlte ich, wie sich Ketten um mich legten, kalt und schwer. Laut Arbeitsvertrag eine wöchentliche Arbeitszeit von angeblich 19,5 Stunden – haben Sie sich davon auch blenden lassen? Die Bezahlung reicht gerade so zum Leben. Die Forschungsarbeit, die mich tagein, tagaus umtreibt, ist so spezialisiert und engsichtig, dass ich ständig schiele. Zukunftsperspektive? Immer noch Fehlanzeige.

Wie schon das Studium bereitet auch die Doktorarbeit hauptsächlich auf eine universitäre Laufbahn vor. Die kann und will aber nur ein Bruchteil der Doktoranden einschlagen. Die einzige allgemein bekannte Alternative heißt Industrie. Aber was tut man dort eigentlich? Wie kommt man rein? Warum sollte die Industrie mich haben wollen? Und will ich überhaupt die Industrie? Alles sehr ominös.  Diesen Beitrag weiterlesen »

Doktorandinnen-Blues

7. April 2021 von Laborjournal

(Hin und wieder schicken uns Doktorandinnen und Doktoranden Klagelieder über die Bedingungen ihrer Promotion. So wie das folgende … )

An der Uni gibt es eine klare Rangordnung. Ganz unten stehen die Erstsemester – jung und naiv, aber voller Tatendrang. Mit jedem Semester arbeitet man sich ein Stück weiter nach oben, wird größer, stärker und klüger und legt nach und nach seine Illusionen ab. Aber immerhin: Man wird langsam ernst genommen. Wer schließlich seine Abschlussarbeit anfertigt, ist Super(wo)man.

Obendrüber gibt es nur noch die Doktorandinnen und Doktoranden. Sie wissen, wie der Hase läuft, machen ihr eigenes Ding, verdienen Geld. Sie stehen an der Spitze der Uni-internen Coolness-Skala.

Zumindest dachte ich das als Studentin. Jetzt bin ich selbst Doktorandin und fühle mich wie der letzte Idiot. Und ich bin nicht allein damit. Was ist passiert? Liegt es an mir? Bin ich zu doof für diesen Job? Möglich. Aber alle anderen auch? Wohl kaum.

Als Studentin sah ich all die Haken nicht, an denen die Spezies Doktorand gemeinhin zappelt. Einer davon ist die absolute Abhängigkeit vom Chef. Niemand kann gegen den Willen seines Betreuers promovieren (mal ganz abgesehen von Kaffeepäuschen- oder gar Urlaubmachen). Mit ihm steht und fällt jede Doktorarbeit. Die meisten Chefs sind totalitäre Herrscher. Sie sind selten daran interessiert, ihren jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Wissenschaftlerleben leichter zu machen. Ihnen ist es früher ja auch nicht besser ergangen (und schau, was trotzdem aus ihnen geworden ist)! Wer einen Lehrstuhl erklimmen will, muss anscheinend auf die „Dunkle Seite der Macht“ wechseln. Führungsqualitäten? Fehlanzeige.

Und dann die Mitarbeitermotivation. Welche Doktorandin wird schon von ihrem Chef gelobt? Nicht jeder kommt mit „Ned gschumpfe isch globd gnuag!“ zurecht wie die braven Schwaben. Diesen Beitrag weiterlesen »

Lasset uns wissenschaftskommunizieren! Alle!

24. Februar 2021 von Laborjournal

Unsere Bundeswissenschaftsministerin Karliczek hat es schon länger beschlossen: Wissenschaftskommunikation soll künftig zu den zentralen Aufgaben des Forschers gehören. Im Interview sagte sie gar, dass künftig jeder Förderantrag auch Konzepte zur Kommunikation des betreffenden Projekts beinhalten müsse.

Damit ist sie nicht allein. Bereits zuvor und auch seitdem wurde immer wieder beispielsweise auf Twitter proklamiert: „Kommunikation sollte von Anfang an zur eigenen Identität als Wissenschaftler dazugehören.“ Und wahrscheinlich nicken bei Tweets wie diesem jede Menge Leser zustimmend mit dem Kopf…

Gut, was aber soll noch alles zur „Identität als Wissenschaftler“ dazugehören?

Klar, vor allem sollen sie mal gute Forscher sein – und möglichst viele neue Ideen und Erkenntnisse liefern. Dazu sind sie ja schließlich ausgebildet worden. Und gute Lehrer sollten sie auch sein! Was nicht nur heißt, dass sie spannende Vorlesungen und prickelnde Seminare halten sollten. Nein, viel wichtiger ist doch, dass sie die Studenten, Doktoranden und Postdocs in der eigenen Gruppe durch klare Anleitung und ständige konstruktive Begleitung zu begeisterten, kreativen und nicht zuletzt auch integren Wissenschaftlern ausbilden.

Tja, und dann sind da die vielen „Kleinigkeiten“, die heute auch noch zum Forschungsbetrieb dazu gehören. Die sollten sie natürlich ebenfalls gut machen – wenn auch eher via Learning on the Job. Also etwa Forschungsanträge und Paper verfassen, die Budgets für die Gruppe verwalten, Gutachten für Zeitschriften und Förderorganisationen formulieren, sich aktiv in die Selbstverwaltung ihrer wissenschaftlichen Einrichtung einbringen, Aufgaben in Fachgesellschaften und übergeordneten Gremien übernehmen. Und und und…

War‘s das? Hmm, nicht wirklich. Die Erkenntnisse der Forscher sollen ja auch „was bringen“. Zu deren „Identität“ soll daher unbedingt weiterhin gehören: Anwendungen realisieren, Patente beantragen, Firmenausgründungen mit auf den Weg bringen. Und ganz analog sollten sie auch jederzeit Politik und Öffentlichkeit mit ihrer gesammelten Expertise bei wichtigen Entscheidungsfindungen beratend zur Seite stehen. Für viele gerade jetzt in der Corona-Pandemie ein ganz besonderes Thema.

Puh, und jetzt also noch Wissenschaftskommunikation. Zwischenfrage: Hat jemand eigentlich noch nicht das Bild von der eierlegenden Wollmilchsau im Kopf?…

Klar, in Ausnahmesituationen wie in der aktuellen Pandemie muss das für die betroffenen Wissenschaftler ganz weit nach vorne rücken. Und manche machen das ja auch ganz ausgezeichnet – während andere es doch eher weniger gut hinbekommen.

Schon das zeigt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die entsprechenden kommunikativen Qualitäten in der Regel mehr oder weniger zufällig als Talent mitbringen müssen. Aus- oder fortgebildet werden sie bislang nirgendwo dazu, allenfalls können sie auch hier ein paar Körner durch Learning on the Job drauflegen. Dummerweise kostet der aber auch so schon Zeit genug – siehe oben.

Zudem erhalten nur ganz wenige aktive Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler irgendeine Art Belohnung für tolle Wissenschaftskommunikation – höchstens in Form von gewissen Preisen wie etwa das Ausnahmetalent Christian Drosten in der aktuellen Ausnahmezeit. Der positive Anreiz ist demnach gering.

Dass das BMBF Forscherinnen und Forscher jetzt quasi zur Wissenschaftskommunikation nötigen will, indem es mit dem Stocken von Fördergeldern droht, falls in den Anträgen nicht schon entsprechende Kommunikationskonzepte mitgeliefert werden, ist so gesehen ein höchst zweifelhaftes, vielleicht sogar kontraproduktives Unterfangen. Warum nicht lieber mit klaren Fortbildungsangeboten und positiven Belohnungen die echten Talente locken statt per Rundumschlag der gesamten Community mit verstecktem Zuwendungsentzug drohen? 

Ralf Neumann

Empfehlungsschreiben abschaffen?

17. Februar 2021 von Laborjournal

 

Immer wieder wird debattiert über Sinn und Unsinn von Empfehlungsschreiben (Letters of Recommendation) im Rahmen von akademischen Bewerbungen – insbesondere auch über das dahinter verborgene Missbrauchspotenzial. Ein besonders krasses Beispiel für Letzteres brachten wir vor knapp acht Jahren an dieser Stelle. Ein Zitat aus dem damaligen Beitrag:

… Demnach hörte er in seiner Postdoc-Zeit über einen sehr bekannten Institutsdirektor, dass dieser solche Letters of Recommendation komplett für seine eigenen Bedürfnisse zweckentfremdete: War jemand richtig gut, schrieb er absolut lausige Empfehlungen, um sie/ihn möglichst lange in seinem Labor zu halten – genügte dagegen jemand seinen Ansprüchen nicht, lobte er sie/ihn über den grünen Klee, um sie/ihn möglichst schnell loszuwerden.

Offenbar sprach sich dieses ethisch mehr als fragwürdige Gebahren jedoch ziemlich schnell hinter den Kulissen herum, sodass den meisten bald klar war: Stellte sich jemand aus dem Labor dieses Schlaumeiers mit lausiger Referenz vor — unbedingt nehmen!

Auf Twitter wurde diese Diskussion gerade wieder frisch vom Immunologen Daniel Mucida von der New Yorker Rockefeller University aufgeworfen. Frei übersetzt schrieb er…

Das System der „Empfehlungsschreiben“ stärkt eine Kultur der Abhängigkeit, es erschwert die Mobilität von Abhängigen […] Wir sollten dieses System der „Empfehlungsschreiben“ abschaffen und ersetzen – ich bin sicher, wir können uns eine kreativere Lösung einfallen lassen.

… und versah den Tweet mit dem Hashtag #endreferenceletters.

Natürlich gab es darauf unmittelbar jede Menge Zuspruch, den die Autoren manchmal noch um weitere Details oder gar mit eigenen kleinen Anekdoten garnierten. Uns jedoch ist insbesondere die folgende – wiederum frei übersetzte – Antwort des Immunologen Thiago Carvalho vom Instituto Gulbenkian de Ciencia in Lissabon aufgefallen:

Sicher gibt es jede Menge nicht hilfreicher Letters of Reference. Was aber ist mit dem großartigen Studenten, dem jemand anders nur knapp zuvorgekommen ist, oder mit demjenigen, der ein wirklich originelles Projekt übernommen hatte und ein negatives Ergebnis erhielt, oder mit demjenigen, der zwischendrin ein krankes Familienmitglied pflegen musste, et cetera? Wer auf diese Weise aus der Norm fällt, ist ohne eine gutes Empfehlungsschreiben in der Regel dem Untergang geweiht. […] Ich habe jedenfalls einige gute Empfehlungsschreiben gesehen, die in diesem Sinne tatsächlich einen Unterschied gemacht haben.

Die Möglichkeit, so etwas bewirken oder richtigstellen zu können, sollte man bei der Suche nach Alternativen für das „System der Empfehlungsschreiben“ nicht leichtfertig mit über Bord schmeißen.

Ralf Neumann

(Foto: iStock / noella Raymond)

 

Von wem lernt man das Forschen?

2. Dezember 2020 von Laborjournal

Was lernen Labor-Frischlinge überhaupt von ihren Profs oder Gruppenleitern? Experimentelles Handwerk wohl nur selten — dazu haben diese in aller Regel zu lange selbst nicht mehr am Labortisch gestanden.

Der Autor dieser Zeilen erinnert sich jedenfalls mit großem Amüsement an die Momente aus seiner eigenen Laborzeit, in denen „sein“ Prof plötzlich ins Labor schwebte — und fragte: „Ich hab‘ gerade etwas Zeit, kann ich bei irgendwas helfen?“ Jedes Mal zuckten wir dann kurz zusammen, um uns sogleich betont lässig zurückzulehnen: „Danke, aber ich mach‘ heut‘ eh nur Auswertung…“ — „Hm, ungünstig! Muss gleich runter in den Dunkelraum, und da ist schlecht zu zweit zu arbeiten….“ — „Ach, schade! Muss gerade zwei Stunden auf meine Proben warten…“ – …

Oh Mann, der Chef hat mal wieder selbst was versucht…

Oder es läuft so, wie kürzlich ein Bekannter berichtete: „Unser Chef nimmt sich jedes Jahr eine ganze Woche, um selbst zu experimentieren. Das ganze Labor liegt dann lahm, weil wir ihn um Himmels willen nicht alleine lassen können und ihm alles zeigen müssen. Und am Ende, wenn er wieder in sein Büro verschwindet, müssen wir das ganze Chaos aufräumen, das er hinterlassen hat.“

Das Experimentelle ist es also weniger, was die „Chefs“ den Frischlingen beibringen. Aber sicher doch alles andere, was praktische Wissenschaft ausmacht: Daten sauber analysieren, interpretieren und einordnen; die richtigen Fragen ableiten; Hypothesen entwickeln; Teststrategien entwerfen; die Notwendigkeit von richtigen Kontrollen und genügend Wiederholungen klarmachen;… Oder?

Offenbar nicht wirklich. US-Sozialwissenschaftler haben mit den ihnen eigenen Methoden vielmehr Folgendes festgestellt: Junge Doktorandinnen und Doktoranden lernen sämtliche (!) Fähigkeiten und Fertigkeiten der experimentellen wissenschaftlichen Arbeit vier- bis fünfmal besser, wenn sich Postdocs oder fortgeschrittene Prä-Docs um sie kümmern, als wenn die „Chefs“ sie direkt betreuen. Weshalb sie folgern, dass demnach in der Doktoranden-Ausbildung eine Art „Kaskaden-Modell“ am zielführendsten sei (PNAS 116 (42) 20910-16).

Womit Rolle und Bedeutung von Postdocs und Senior-Docs für den gesamten Wissenschaftsbetrieb nochmals deutlich aufgewertet werden.

Ralf Neumann

 

Vergessliche Auftraggeber

25. November 2020 von Laborjournal

(In unserem Artikel „Verdient, aber verschwiegen“ vom 30.10.2020 berichteten wir über eine Studie, nach der auf jedem fünften Life-Science-Paper mindestens ein Nachwuchsforscher fehlt, der die Co-Autorschaft eigentlich verdient gehabt hätte. Der folgende Kommentar, den wir auf daraufhin erhielten, legt nahe, dass es im Forschungsgeschäft offenbar noch eine andere Gruppe gibt, die gerne mal bei der Zusammenstellung von Autorenlisten vergessen wird:…)

 

 

Zu Ihrem Artikel „Verdient, aber verschwiegen“ möchte ich folgendes beitragen: Aus eigener Erfahrung als langjähriger Leiter einer Core Facility für Proteinproduktion/Reinigung kann ich etliche Beispiele nennen, in denen Beiträge von Core-Facility-Mitarbeitern bestenfalls in den Acknowledgements auftauchen, obwohl der Beitrag nicht nur „technischer“ Natur war.

Darunter war beispielsweise die Strukturaufklärung eines Proteinkomplexes, an der die Strukturbiologie-Kollegen gescheitert waren – weswegen sie sich letztlich an unsere Core Facility gewandt haben, da sie eines der beiden Proteine nicht exprimiert bekamen. Wir haben diverse Konstrukte und Bedingungen ausgetestet und schließlich eine Ko-Expression vorgeschlagen, diese erfolgreich durchgeführt und gezeigt, dass der Komplex stabil durch die Gelfitration läuft und sich somit reinigen lässt. Nebenbei haben wir die Phosphorylierungs-Aktivität der Kinase in diesem Komplex gezeigt und zusammen mit der von uns beauftragten Massenspektrometrie-Facility die Phosphorylierungs-Sites des Komplex-Partners nach­ge­wie­sen.

Da die Publikation jedoch erst zwei bis drei Jahre später erschien, wurde der Beitrag beider Core Facilities im Nachhinein wohl nicht als substanziell angesehen. Vielleicht wurde er auch vergessen, man sollte nicht immer hinter allem böse Absicht vermuten. Immerhin wurden wir im Acknowledgement erwähnt – allerdings ohne ins Detail zu gehen, was wir genau beigetragen hatten.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass nicht alle „Auftraggeber“ so vergesslich waren – aber mit der Zeit kamen doch einige „Einzelfälle“ zusammen.

Das Beispiel oben mag extrem sein. Allerdings gab es doch etliche solcher Fälle, in denen man als Labormitglied mit Sicherheit als Co-Autor auf dem Paper erschienen wäre – aber eben nicht als Core-Facility-Mitarbeiter. Da es indes immer mehr Core Facilities gibt, die den „richtigen“ Forschern ihre Arbeit erleichtern, indem sie ihnen in der Regel mehr als nur bei der Nutzung eines Geräts helfen und wichtige Ideen beitragen, vermute ich, dass ein hoher Anteil der verschwiegenen Co-Autoren in Core Facilities arbeitet.

Mit freundlichen Grüßen,

Ein ehemaliger Leiter einer Core Facility für Proteinexpression und -reinigung [Name ist der Redaktion bekannt]

(Illustr.: AdobeStock /Good Studio)

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