Forschungsanträge à la Sisyphus

12. November 2018 von Laborjournal

„Der Wahnsinn des Antragschreibens“ war Thema unseres letzten Postings unten. Zuvor hatten wir in unserer Heft-Kolumne „Inkubiert“ bereits einen ganz anderen Fall von „Antrags-Wahnsinn“ kommentiert (siehe LJ 1-2/2016). Wir bringen den Kommentar hier nochmals in überarbeiteter Form:

Wenn es um das Antragswesen wissenschaftlicher Projektförderung geht, scheint Effizienz oftmals kein hervorstechendes Merkmal zu sein. Zumindest bestärken einzelne Beispiele immer wieder diesen Eindruck.

Nehmen wir etwa den folgenden Fall, den der belgische Linguist Jan Blommaert in seinem Blog Ctrl+Alt+Dem beschrieb. Demnach ging er so richtig in die Vollen, als vor Monaten im EU-Rahmenprogramm „Horizon 2020“ ein bestimmtes Projektthema ausgeschrieben wurde. Umgehend stürzte er sich zusammen mit seinem Leuten in umfangreiche inhaltliche Vorarbeiten und heuerte überdies europaweit geeignete Partner für das geforderte „Internationale Konsortium“ an.

Logisch, dass für die notwendigen Meetings schnell mal Hunderte von Arbeitsstunden und mehrere Tausend Flugkilometer draufgingen. Ein Mitarbeiter aus Blommaerts Team kümmerte sich etwa monatelang quasi hauptamtlich um Koordination, Vorbereitung und schlussendliche Realisierung des Antrags. Dazu erhielt er umfassende Hilfe von zwei Leuten aus der Uni-Verwaltung: einem professionellen „Grant Writer“ und einem eigens angestellten Fachmann für EU-Angelegenheiten.

Dies alles und noch viel mehr summierte sich am Ende zu einem Riesenhaufen produktiver Zeit und Geld, die mit höchster Wahrscheinlichkeit völlig umsonst investiert — und damit verschwendet — waren. Denn eine Woche, nachdem sie den Antrag fix und fertig abgeschickt hatten, erhielten Blommaerts und Co. aus Brüssel die Nachricht, dass insgesamt 147 Anträge eingegangen seien, wovon jetzt ganze 2 — ZWEI! — bewilligt würden.

Man braucht keine allzu komplizierte Mathematik, um die hirnlose Ineffizienz dieses gesamten Manövers aufzuzeigen. Man multipliziere nur grob die ausschließlich mit Steuergeldern bezahlte Arbeitszeit samt übriger Kosten von Blommaert und Co. mit der Zahl der insgesamt 145 abgelehnten Anträge, addiere dazu die Brüsseler Kosten für Verwaltung und Begutachtung — und setze diese für nahezu Nix investierte Summe wiederum in Beziehung zu den 6 Millionen Euro Gesamt-Fördervolumen. Eine verheerende Bilanz, oder?

Und jetzt haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, welches Signal eine Ablehnungsquote von 98,7 Prozent für die Forscher generell bedeutet…

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„Antragschreiben? Ich hasste jede Minute davon!“

5. November 2018 von Laborjournal

Wann sollte man einen Forscher besser nicht ansprechen? — Antwort: Wenn er gerade an einem Förderantrag schreibt.

„Immer wenn ich an einem Antrag arbeite, fühle ich mich wie ein verwundetes wildes Tier“, schrieb einmal sinngemäß ein Betroffener. „Sobald ich irgendwie nicht weiterkomme — und das passiert leider oft —, kauere ich voller Schmerzen in meiner Ecke. Mir wird heiß, ich atme schneller, beiße die Zähne zusammen und blicke mit gehetztem Blick um mich herum — auf der verzweifelten Suche nach Linderung durch die richtige Idee. Wenn dann jemand reinkommt und irgendetwas will, kann er schnell einen Finger verlieren oder sonst etwas — selbst wenn die betreffende Person sich nur Sorgen gemacht hat und mir helfen will.“

Okay, das ist sicher gnadenlos überspitzt. Wäre es tatsächlich jedes Mal so schlimm, müsste sich unser Forscher aus gesundheitlichen Gründen wohl besser bald einen anderen Job suchen. Dennoch dürfte sich jeder, dem das Antragschreiben nicht allzu leicht aus den Fingern fließt, darin prinzipiell wiedererkennen.

Das Dumme ist: Den Meisten fließen die Anträge nicht aus den Fingern. Und so sehen sie sich stets stärkeren „Qualen“ ausgesetzt, da die Frequenz des Antragsschreibens zuletzt immer mehr zugenommen hat.

Der US-Computerwissenschaftler Matt Welsh beispielsweise verließ vor einigen Jahren genau aus diesem Grund die Harvard University und arbeitet seitdem für Google. Er schrieb damals dazu in seinem Blog Volatile and Decentralized:

„Die größte Überraschung war, wie viel Zeit ich für die Finanzierung meiner Forschung aufbringen musste. Obwohl es natürlich variiert, schätze ich, dass ich etwa vierzig Prozent damit verbracht habe, irgendwelchen Fördermitteln hinterher zu jagen —  Diesen Beitrag weiterlesen »

Von Daten, die in Schubladen verstauben

17. September 2018 von Laborjournal

Haben Sie auch noch jede Menge Daten in der sprichwörtlichen Schublade liegen? Daten, die schon lange eine nette, kleine „Story“ ergeben würden — wenn man sie nur mal in Manuskriptform bringen würde?

Wie bitte, in Ihrer Schublade schlummert Stoff für mehrere solcher kleinen, aber feinen Manuskripte? Oder in ihrem Regal?…

Keine Angst, Sie sind nicht allein.

Schon vor einiger Zeit stellte eine englische Forscherin den Kollegen in ihrem (leider nicht mehr existenten) Blog im Prinzip dieselbe Frage: „Stellt Euch vor, ihr bekommt keine Fördergelder mehr und könnt Euch einzig darauf konzentrieren, alle vorhandenen Daten zusammenzuschreiben — für wie lange hättet Ihr noch „Stoff“?“ Und sie meinte damit nicht das Umschreiben bereits eingereichter Manuskripte; es ging ihr vielmehr um die vielen, praktisch publikationssreif abgeschlossenen (Seiten-)Projekte, die bislang dennoch nie wirklich oben auf dem Schreibtisch gelandet waren.

Heraus kam, dass dieses Phänomen den meisten Forschern, die schon länger im Geschäft sind, offenbar wohlbekannt ist: Die Mehrzahl der Antworten lag zwischen drei und fünf Jahren.

Drei bis fünf Jahre lang könnte der Durchschnitts-Seniorforscher also noch Manuskripte schreiben — allein mit den Daten, die er längst schon hat. Da er diese Zeit aber beileibe nicht nur mit Paperschreiben verbringen kann, werden wohl jede Menge dieser interessanten kleinen (und hin und wieder vielleicht sogar großen) Geschichten niemals veröffentlicht. „Survival of the fittest results“ nennt die Autorin das treffend.

Woher aber kommt der entsprechende Selektionsdruck? Wohl daher, dass das Publikations-dominierte Belohnungssystem dem Forscher die folgende Zwickmühle beschert hat: Will er seinen Job gut machen, sollte er stets seine Resultate sorgfältig prüfen, hart nach alternativen Erklärungen fahnden und sie immer mit der aktuellen Literatur abgleichen. Das allerdings kostet Zeit. Wenn Forscher X aber zu viel Zeit mit diesen Dingen „vertrödelt“, riskiert er, als unproduktiv abgestempelt zu werden. Und dann kann es schnell schwer werden, weiterhin Fördergelder zu bekommen.

Also bunkert Forscher X das weniger dringende Material in der Schublade und schreibt lieber erstmal den nächsten Antrag — nicht zuletzt auch, um das Hauptprojekt der Gruppe weiter am Laufen zu halten. Wird dieser dann bewilligt, muss er natürlich umgehend die beantragten Projekte auch machen. Mit den resultierenden Daten muss er gleich wieder Paper schreiben, damit er frische Argumente für den nächsten Folgeantrag hat… — und so geht das Spiel in die nächste Runde

Und während diese Mühle unerbittlich weiter läuft, versinkt das, was er in der Schublade bunkert, tiefer und tiefer im Staub.

Wer weiß, wie viele kleine Schätze mit etwas weniger Antragsdruck von dort geborgen werden könnten..

Ralf Neumann

Foto: iStock / Paperkites

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Engländer kommen billiger in Gen-Datenbank „FlyBase“

27. Juni 2018 von Laborjournal

(Gerade folgender Hinweis in der Redaktion eingegangen:)

„Ich wollte gerade ein Gen in der Drosophila-Datenbank FlyBase nachsehen. […] Hier ein Screenshot von dem, was ich vorfand (für größere Version auf’s Bild klicken):

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Interessant, dass Flybase unterstützt wird:

[…] by a grant from the National Human Genome Research Institute at the U.S. National Institutes of Health U41HG000739.

Und dass die den Support jetzt kürzen!

Noch interessanter aber ist die neue „Preisliste“: Europa gehört zu den „other countries“, wo jede Person 300 US-Dollar pro Jahr für den Zugang zur Datenbank zahlt — Amis und Engländer zahlen dagegen nur die Hälfte.

Hmm?…“

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Scientific Excellence only?

8. Februar 2018 von Laborjournal

Erinnert sich noch jemand daran, als vor ziemlich genau elf Jahren der European Research Council (ERC) seine Arbeit aufnahm? Mit großer Euphorie wurde diese Förderinstitution der Europäischen Union damals aufgenommen. Grundlagenforschung in ihrer reinsten Form sollte sie quer durch Europa fördern. Und das alleinige und alles entscheidende Kriterium für positive Förderbescheide: Scientific Excellence!

Scientific excellence only — „Ausschließlich wissenschaftliche Exzellenz“ —, so lautete denn auch die Überschrift eines Interviews mit dem frisch gebackenen ERC-Generalsekretär Ernst-Ludwig Winnacker, das damals in FTEinfo, dem Forschungsmagazin der Europäischen Kommission, erschien. Und auch im Interview selbst ließ Winnacker keinen Zweifel daran, welches das einzige Hauptkriterium sei, auf das Europas jüngste und sehnsüchtig erwartete Forschungsinstitution ihre Förderentscheidungen stützen werdeEin paar Zitate daraus:

Wissenschaftliche Exzellenz  das ist das Kriterium.

Das ist typisch für die gesamte Organisation  die einzige Grundlage ist wissenschaftliche Exzellenz.

Und wenn das gesamte Geld nach England geht, dann ist das in Ordnung. Keiner wird sich beschweren, solange die Bedingung der wissenschaftlichen Exzellenz erfüllt ist.

Das ist doch, was wir alle die ganze Zeit über wollten: Exzellenz durch Wettbewerb.

Gut, die Botschaft war weithin angekommen — und natürlich weithin für gut befunden. Und die folgenden Jahre sollten zeigen, dass der ERC nach den starken Worten sein selbst auferlegtes Schlüsselkriterium „Scientific Excellence only“ auch wirklich in die Tat umsetzte. Wobei…

… Tatsächlich erhielten wir eine E-Mail, die uns zu diesem Thema doch ein wenig die Augenbrauen hochziehen ließ. Eine junge deutsche Biochemikerin beschrieb darin ihre Frustration über die eigenen Erfahrungen mit den Förderrichtlinien des sogenannten Starting Grants, den der ERC explizit für „talented early-career scientists“ eingerichtet hat. Und wir müssen zugeben: Zu einem gewissen Grad hat sie recht mit ihrer Klage.    Diesen Beitrag weiterlesen »

Vertrauen ist gut! Kontrolle besser?

4. April 2017 von Laborjournal

Die Geschichte vom wahrscheinlich kürzesten Projektantrag der gesamten Forschungsgeschichte ist mittlerweile gut bekannt: Zehn Jahre, bevor Otto Warburg im Jahre 1931 den Nobelpreis für „die Entdeckung der Natur und der Funktion des Atmungsferments“ erhielt, ließ er seine Sekretärin lediglich die folgenden paar Worte schreiben:

 

Warburg unterzeichnete, ließ den Antrag an die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft schicken — und bekam umgehend das Geld ohne weitere Nachfrage.

(Die Ironie an der Geschichte ist, dass Warburg ein paar Monate später nicht mal ein Brot für die 10.000 Mark kaufen konnte; die Hyperinflation im Dezember 1922 hatte das Geld in Nullkommanichts vollkommen entwertet. Doch dies nur am Rande — hier soll’s jetzt vielmehr um folgendes gehen:…)

Offenbar hatten die Forschungsförderer zu diesen, Warburgs Zeiten noch Vertrauen in ihre Forscher. Das heißt, zumindest in diejenigen Exemplare ihrer Gattung, die bereits bewiesen hatten, dass hinter ihren Projektideen in aller Regel tatsächlich Substanz steckt. Denn dass Warburg zu den hellsten Forscherköpfen seiner Zeit gehörte, wussten damals auch die Mittel-Verwalter in der Weimarer Republik. Folglich schien auch keiner von ihnen daran zu zweifeln, dass Warburg das Geld sinnvoll verwenden würde — auch ohne die geringste Ahnung zu haben, was genau er damit erforschen wollte.

Klar, dass einem mit Blick auf das aktuelle Forschungsförderungssystem jetzt jede Menge ketzerische Fragen auf der Zunge liegen:

► Hat sich dieses Vertrauen in einen Forscher, der seine Leistungsbereitschaft und Originalität bereits hinlänglich gezeigt hatte, etwa nicht gelohnt?

► Welchen Unterschied hätte es gemacht, wenn Warburg wochenlang damit gebunden gewesen wäre, einen „ordentlichen“ Projektantrag mit all dem üblichen prophetischen Pipapo zu schreiben — und dann erstmal monatelang zu warten?

► Welchen Unterschied hätte es gemacht, wenn Warburg — wie heute üblich — zwischenbegutachtet, bibliometrisch überprüft und sonstwie evaluiert worden wäre?

Auf letztere zwei Fragen ahnen wir die Antwort: Warburg hätte einen gehörigen Teil seiner Zeit von der Forschung abziehen müssen, um Berichte und Folgeanträge zu schreiben. Und einen weiteren ordentlichen Teil hätte er dafür opfern müssen, um in dem heute üblichen „Asthma-Stil“ den für erfolgreiche Antragstellungen notwendigen Publikationsstrom aufrecht zu erhalten.

Man muss kein Hellseher sein, dass Warburgs Genius dies als unzumutbare Gängelung empfunden hätte — und dass im gleichen Atemzug dessen Spaß und Begeisterung für seine Arbeit stark gelitten hätten.

Nicht gerade das Szenario, in dem Nobelpreise gedeihen — oder?

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Schlechte Zeiten für schlaue Köpfe

5. Oktober 2016 von Laborjournal

cageWer seine Intelligenz dazu nutzen will, viel Geld zu verdienen, geht überall hin — nur nicht in die Wissenschaft. Das ist Fakt. Und so geht dem Geschäft, in dem eigentlich die schlauesten Köpfe wirken sollen, schon mal viel „Hirn“ verloren.

Es bleiben diejenigen schlauen Köpfe, die Leidenschaft und Begeisterung für das Neue über den schnöden Mammon stellen — und die zudem noch möglichst selbstbestimmt und unabhängig eigene Ideen verfolgen möchten. Doch finden die im aktuellen Wissenschaftssystem tatsächlich, was sie suchen? Ist es nicht so, dass der gnadenlos überhitze Wettbewerb um Publikationen, Fördergelder und Stellen die wirklich visionären und originellen Köpfe am Ende eher aussortiert als nach vorne bringt? Findet man an der Spitze des Systems nicht stattdessen zunehmend die dynamisch-machtbewussten Mainstream-Machertypen — statt der positiv-chaotischen „Gegen-den-Strom-Schwimmer“, die in der Vergangenheit so oft für die entscheidenden Durchbrüche gesorgt haben?

Bruce Charlton, ehemaliger Chefredakteur von Medical Hypotheses, drückte es 2009 in seinem Editorial „Why are modern scientists so dull?“ folgendermaßen aus:

Auf jeder Stufe von Ausbildung und Karriere gibt es die Tendenz, wirklich schlaue und kreative Menschen auszuschließen, indem man vor allem gewissenhafte und kontaktfähige Leute vorzieht. In dem Maße, in dem Wissenschaft immer stärker durch Peer Review-Mechanismen dominiert wird, erlangt der pro-soziale und konsensfähige Forscher immer mehr Vorrang vor dem brillanten und inspirierten — aber oft auch schroffen und rebellischen – Typ des Wahrheitssuchers, der früher unter den besten Wissenschaftlern so weit verbreitet war.

Am Ende dieses Selektionsprozesses, so Charlton, blieben daher kaum Leute übrig, die in der Lage sind, wirklich revolutionäre Spitzenforschung zu betreiben. Stattdessen eher solche, die zwar extrem produktiv und sozial verträglich sind, denen es jedoch oft an Kreativität und Vorstellungskraft mangele.

Und wenn sie dann doch mal eigene Ideen haben? Dann können sie diese oftmals nicht verfolgen, da sich Forschungsprojekte heutzutage vor allem nach der Verfügbarkeit von Fördermitteln richten müssen statt nach purer wissenschaftlicher Neugier. Oder weil die Peers, die über deren Förderzuspruch richten, sich zwar als vermeintlich „ebenbürtige Experten“ im Status quo auskennen, mit wirklichen Aufbrüchen zu neuen Ufern jedoch überfordert sind — und sie daher lieber als unrealistische „Spinnereien“ abtun.

Also nicht nur ökonomisch unattraktiv, sondern dazu noch vom System eher benachteiligt und verkannt… Klingt nach schlechten Zeiten für besonders schlaue Köpfe in der Wissenschaft.

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Money Makes Research Go ‚Round

27. Januar 2015 von Laborjournal

(Zum „Zitat des Monats (24)“ im letzten Post fiel uns der unten folgende Beitrag ein, der thematisch passend in Laborjournal 6/2013 unter der Rubrik „Inkubiert“ erschien — und den wir hiermit „recyclen“:)

Die Summe der eingeworbenen Forschungsmittel ist zuletzt ein immer größerer Evaluations-Faktor geworden. Wer viel Geld bewilligt bekommt, der kann nicht schlecht sein — so die simple Logik. Zumal der Kandidat dafür ja immer wieder jede Menge kritische Kollegen überzeugen muss. Ganz klar also — wo nach eingehender Prüfung stetig Geld hinfließt, da muss auch Qualität sein.

Aber ist das wirklich immer so? Denken wir uns mal ein nicht untypisches Szenario. Forscher Müller hat einen großen Grant bekommen, mit dem er nach allen Regeln der Kunst und mit neuester Technologie einen gewissen Steuermechanismus entschlüsseln darf. Fortan ackern zwei Postocs und zig andere Mitarbeiter, der Maschinenpark läuft rund um die Uhr — und tatsächlich, nach zwei Jahren steht ein Major Paper an.

Nach Einreichung erfährt Müller jedoch vom zuständigen Editor, dass ein gewisser Svensson gerade ebenfalls ein Manuskript zum gleichen Thema eingereicht hat. Die Resultate seien zu einem großen Teil deckungsgleich und würden sich wunderbar gegenseitig bestätigen. Daher würde man im Fall der Fälle gerne beide Artikel back-to-back in der gleichen Ausgabe veröffentlichen.

Kein Problem, denkt Müller — aber wer ist dieser Svensson? Er beginnt zu recherchieren und erfährt, dass Svensson Nachwuchsgruppenleiter an der Universität Umeå ist. Viele Leute kann er demnach wohl nicht haben. Zwei Anrufe später bestätigt sich dann auch Müllers nagender Verdacht: Svensson hat das Problem mit einem erschreckend einfachen Ansatz gelöst — und damit viel billiger. Was ja auch klar ist: So große Grants wie Müller kann er gar nicht haben.

So gesehen hat sich Svensson zumindest in dieser einen Frage als der „bessere“ Forscher erwiesen, schließlich hat er sie effizienter und eleganter gelöst. Würden sich jetzt aber beide um die gleiche Stelle bewerben — wer würde sie wohl bekommen? Sicher Müller. Nicht zuletzt, da der neue Arbeitgeber von dessen großen Grants gut mitprofitiert. Da lässt man auch mal einen hoffnungsvollen Nachwuchsforscher abblitzen.

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