Die Crux mit dem Projekt

7. Februar 2019 von Laborjournal

Wer Geld für seine Forschung haben will, muss einen Projektantrag stellen. Sicher, wenn es ein bisschen größer sein soll, heißt das Ganze auch mal „Programm“ oder „Initiative“. Aber woraus setzen sich diese in aller Regel zusammen? Genau, aus lauter Einzel-Projekten! Schon lange ist Forschung auf diese Weise nahezu ausschließlich in Projekten organisiert. Das Projekt ist die Keimzelle einer jeden Forschungsförderung.

Paradox ist das schon. Denn zumindest in der reinen Grundlagenforschung kann nur „projektiert“ werden, was noch unbekannt ist. Andernfalls wäre es keine. Oder anders gesagt: Sonst wäre das Projekt kein Forschungsprojekt. Zugleich muss das Unbekannte aber bekannt genug sein, um ein Forschungsvorhaben überhaupt in Form eines Projektes organisieren zu können. Schließlich lässt sich nur mit einem hinreichenden Maß an Bekanntem vorweg eine klare Forschungsplanung hinsichtlich Zielvorgaben, zeitlichem Ablaufen, finanzieller und personeller Ressourcen et cetera entwerfen. Dummerweise gilt aber ohne solch einen klaren Plan nix als Projekt — und wird auch nicht gefördert.

Es passt also nicht wirklich zusammen: Das Ideal von Forschung als offener, durch reine Neugier gelenkter Prozess einerseits — und die Projektierung von Forschung andererseits. Zumal in der Forschung auch anfängliche Zielvorgaben schnell und flexibel umformuliert werden können müssen, wie auch ein beträchtliches Risiko zu scheitern bewusst eingeschlossen ist.

Für ein Projekt dagegen ist das Vorwegnehmen von offensichtlich Neuem zu Beginn eines Prozesses unvermeidbar. Der Vorstellung von Wissenschaft als Prozess fortlaufender Entdeckungen widerspricht dies jedoch fundamental. In Projekten kann man naturgemäß nicht einfach nur von irgendwelchen Prämissen ausgehen — und dann durch fortlaufende Exploration schauen, was daraus wird. Ebenso wenig, wie sich Änderungen leicht hinnehmen lassen. Wie könnten Projekte sonst auf die ihnen innewohnende Art alle möglichen Unsicherheiten minimieren?

Daher stellen sich zwei Fragen: Wie kann man etwas vorweg bestimmen, das man gerade durch die Forschungstätigkeit entdecken will? Und welche Art Wissenschaft könnte überhaupt projektierbar sein? Letzteres mag funktionieren, wenn man ganz konkrete Fälle analysiert und auf jegliche Form der Generalisierung verzichtet. Forschung, die allerdings genau dieses Ziel verfolgt — nämlich ein generalisierendes Modell oder eine übergeordnete Theorie zu entwerfen —, ist in der Organisationsform „Projekt“ denkbar schlecht aufgehoben.

             Ralf Neumann

 

Monolog von einem, der sich auf die Sitzung einer Berufungskommission vorbereiten will

30. Januar 2019 von Laborjournal

(Szene: Professor Schneider sinnierend am Schreibtisch, seine Stimme ertönt aus dem Off…)

„Okay, die Zellbiologie-Professur — also schauen wir mal… Wie viele Bewerbungen waren es noch mal insgesamt? Egal, mehrere Dutzend. Jetzt sind also noch acht im Rennen. Hmm… nach Prüfung der Unterlagen schenken sie sich nix. Alle in etwa auf der gleichen Stufe.

Was also tun? Soll ich jetzt etwa die Publikationen jedes einzelnen studieren? Klar, damit würde ich den einzelnen Bewerbern am ehesten gerecht werden. Aber andererseits ist das wahre „Monsterarbeit“, da brauch’ ich ja ewig für…

Am besten schaue ich mir erstmal die einschlägigen Kennwerte an. Zitierzahlen zum Beispiel… Obwohl — dass hohe Zitierraten nicht unbedingt brillante Forschung widerspiegeln, weiß man ja inzwischen. Andererseits stehen hohe Zitierzahlen natürlich jeder Fakultät gut zu Gesicht — egal, wie sie zustande kommen.

 

Auch mit teurer Methodik erntet man zuweilen nur tiefhängende Früchte.

 

Aber was macht man beispielsweise mit einem Forscher, der viel zitiert wird, weil er eine ganz bestimmte Technik ziemlich exklusiv beherrscht — und wenn dann diese Technik zwei Jahre später wegen einer brandneuen, besseren und billigeren Methode plötzlich obsolet wird? Ist schließlich alles schon vorgekommen…

Na gut, dann schau’ ich mir doch mal an, wie viele Drittmittel die einzelnen Bewerber für ihre bisherigen Projekte eingeworben haben. Schließlich profitiert doch die gesamte Fakultät von Leuten, die ordentlich Fördermittel bei DFG & Co. loseisen können.

Allerdings wird nicht zu Unrecht kritisiert, dass eine zu starke Gewichtung von Drittmittelvolumen bei Berufungsverfahren die Forscher erst recht dazu treibt, vor allem teure Projekte zu verfolgen. Ob da nicht vielleicht doch manchmal eine brillante, aber „billige“ Idee zugunsten eines teuren Low Hanging Fruit-Projekts geopfert wird? Eben weil man dann mit dickerem Drittmittel-Volumen protzen kann?

Viele Kollegen lästern ja auch schon darüber. Da fällt mir ein, wie Kollege Maier das Ganze bei unserem Stammtisch mal als „wissenschaftlichen Benzinverbrauch“ betitelt hat — und weiter gespottet, dass einige Fahrer auch mit viel verfahrenem Benzin nur im nächsten Ort landen. War schon witzig. Und Kollege Müller ergänzte süffisant, dass man ja auch die Qualität eines Gemäldes nicht nach den Kosten für Pinsel, Farbe, Leinwand und so weiter beurteilt…

Tja, ganz klar: Da ist was dran, dass diese Kennzahlen allzu oft nicht das liefern, was man sich von ihnen erhofft. Ganz im Gegenteil! Es hilft also nichts, ich werde mir wohl doch zumindest einige Publikationen der Kandidaten etwas genauer anschauen müssen…“

Ralf Neumann

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Zu spekulativ? — Na und!

17. Januar 2019 von Laborjournal

(Vor knapp vier Jahren erschien der folgende Text in unserer Print-Kolumne „Inkubiert“. Wir finden, er hat eine neuerliche Diskussion verdient.)

Zu den zentralen Aufgaben wissenschaftlichen Arbeitens gehört es, Modelle und Theorien zu entwickeln. So sollte man jedenfalls meinen.

Die Realität jedoch sieht anders aus. Seitdem Forschung zunehmend projektorientiert stattfindet und sich über Publikationsmetriken definiert, scheint „Theoriearbeit“ nicht mehr angesagt. Vor einiger Zeit bilanzierte etwa eine Studie zu exakt diesem Thema, dass von 500 untersuchten Forschungs­projekten nur etwa zehn Prozent „genuine Theoriearbeit“ beinhalteten. Der gewaltige Rest beschränkte sich laut den Autoren  größtenteils auf die punktuelle Analyse eines konkreten Falles und verzichtete schon im Ansatz auf jegliche Form der Generalisierung.

Welche Art Forschung auf diese Art herauskommt, ist klar: Überschaubare Projekte, die fest auf bekannten Theorien fußen und daraus abgeleitete Fragen mit bekannten Methoden bearbeiten — Forschung mit eingebauter Ergebnisgarantie, bei gleichsam dürftigem Erkenntnispotenzial.

Aber sollte Forschung nicht eigentlich Türen ins Unbekannte aufstoßen? Augenscheinlich muss man es sich wirklich wieder neu in Erinnerung rufen. Denn offenbar scheint der Löwenanteil aktueller Forschungsprojekte nicht wirklich daraufhin angelegt. Was natürlich auch dadurch unterstützt wird, dass das Klima gerade generell von einer Theorie-feindlichen Großwetterlage geprägt wird. Denn was passiert beispielsweise, wenn sich doch mal jemand traut, in einem Manuskript über den Tellerrand zu blicken und aus den vorgestellten Daten ein generalisierendes Modell entwickelt? Die Chance ist groß, mit der Totschlag-Floskel „zu spekulativ“ wieder zurück auf Start geschickt zu werden.

Doch warum ist „spekulativ“ heutzutage derart negativ besetzt? Natürlich sind Modelle und Theorien spekulativ — was denn sonst? Es wird ja auch kaum einer von Vorneherein behaupten, sein Modell sei korrekt. Weil Modelle und Theorien allenfalls nützlich sein können, das Unbekannte weiter zu entschlüsseln. Ganz in dem Sinne, wie Sydney Brenner es vor einiger Zeit formulierte:

„Die Hauptsache ist, sich mit Möglichkeiten befassen zu können. Dinge einfach auszusprechen, auch wenn sie falsch sein mögen. Indem ich sie ausspreche, kann ich besser erkennen, was daran falsch sein könnte. Und das kann wiederum zu einer robusteren Idee führen. Letztlich geht es also darum, die Dinge nicht zurückzuhalten.“

Oder vorschnell als „zu spekulativ“ abzuqualifizieren.

 

Gebt uns bitte mehr Wörter!

10. Januar 2019 von Laborjournal

Ob bei Paper-Manuskripten oder Konferenzen — überall werden einem strenge Limits für Sprechzeiten oder Wörterzahlen gesetzt. Die Autorin des folgenden Gastbeitrags hat sich gerade ganz besonders darüber geärgert…

Okay, vielleicht ist es mein ganz persönliches Problem. Denn ja, ich gebe zu: Bereits in der Schule habe ich mit Vorliebe ausschweifend Gedichte interpretiert und mit Freude lange Diskussionen über biologische Fragestellungen verfasst. Und dennoch, mit zunehmender Reife habe ich mittlerweile auch etwas gegen Geschwafel und unnötige Repetitionen oder Füllwörter — sei es in Text- oder Sprechform — und versuche diese grundlegend zu vermeiden. Auch ist es klar, dass man zur besseren Verständlichkeit und „Verdaulichkeit“ für Außenstehende komplexe Sachverhalte in klare, präzise und eindeutige kurze Sätze fassen (können) sollte — zumal dies überdies den Eindruck von besonderer Kompetenz in dem jeweiligen Gebiet vermittelt.

Dennoch befinde ich mich diesbezüglich gerade in einem Zwiespalt. Und bin zunehmend frustrierter.

In Journal Clubs beschweren wir uns über Publikationen, bei denen unserer Meinung nach unerhörterweise wichtige Details „nirgendwo erwähnt werden — nein, auch nicht in den Supplements!“. Ebenso ärgern wir uns bei der Etablierung oder Optimierung von Methoden und Fragestellungen über all die Publikationen, in denen Zellzahlen, Konzentrationen, Antikörper-IDs, usw. nicht oder nur unzureichend angegeben werden. Im Gegensatz dazu bricht Freude aus, wenn wir tatsächlich eine komplette Doktorarbeit (!) zu dem gewünschten Thema im Netz finden, mit der man nun endlich Schritt für Schritt sämtliche Abläufe und Details komplett nachvollziehen kann.

Wir alle arbeiten an komplexen Themen und Fragestellungen. Und um diese einem Außenstehenden ausreichend erklären zu können, bedarf es nun mal eines Mindestmaßes an Zeit oder Worten. Aber nein, gerade wir jüngeren Wissenschaftler bekommen auf Fachkonferenzen ganze drei, fünf oder — welch’ ein Glück! — zehn Minuten zur Verfügung gestellt, um unser Projekt und unsere Ergebnisse vorzustellen (oder gar uns selbst und unsere Kompetenzen?).

Sicherlich, man sollte diese Präsentationen als „Teaser“ verstehen, in denen man kurz und knackig auf sich aufmerksam macht — das Interesse weckt, um dann in der darauffolgenden Pause oder Poster-Session auf mehr und konkretere Resonanz zu hoffen. Wenn es aber um Publikationen geht, frustriert mich die Lage endgültig.

Natürlich kann ich mein Manuskript kürzen, indem ich Aussagen sinnvoll konkretisiere oder aber mit List und Tücke (etwa Bindestrichen…) die Wortzahl künstlich drücke. Aber allem ist irgendwo eine Grenze gesetzt. Und so sehe ich mich letztlich gezwungen, Details im Material- und Methodenteil rauszustreichen, da dies alles ja offenbar „Common Knowledge“ sei. Oder ich verbitte mir jeden tieferen Gedankengang oder Einblick in meine Daten, nur um der lieben Wörter willen.

Irgendwann befinde ich mich dann an dieser kritischen Grenze, ab der sich mein Manuskript durch weiteres Kürzen zwar mehr und mehr der gewünschten Wortzahl nähert, es mit jedem Wort aber auch an Stärke, an Tiefe und letztlich an lebensnotwendiger Substanz verliert. Und ich beginne mich zu fragen, ob und wo ich wohl jemals genug Zeit bekommen werde und genug Wörter verwenden werden darf, um die viele Arbeit, die ich geleistet habe, in angemessenem Maße darlegen zu dürfen? Inklusive all meiner daraus resultierenden Daten sowie den zu Grunde liegenden wichtigen Details und Erkenntnissen. Oder muss ich dafür eigens einen YouTube-Kanal einrichten beziehungsweise extra ein Buch schreiben (quasi eine weitere Dissertation)?

Doch was bleibt mir anderes übrig? Ich beuge mich dem Druck, denn Publikationen „sind alles, was zählt“ — sagen „sie“. Und so sitze ich hier und kürze mein Manuskript, von 4.000 Wörtern auf 3.000, auf 2.500 Wörter,… — ganz nach dem Geschmack des jeweiligen Journals. Und die ganze Zeit trauere ich jedem Absatz, jedem einzelnen Wort hinterher, das doch so wichtig gewesen wäre, um von vorne bis hinten eine verständliche, nachvollziehbare und reproduzierbare Geschichte zu erzählen…

Britta Klein
Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Gießen

Lasst die Forscher spielen!

3. Januar 2019 von Laborjournal

Neulich wurde der Autor dieser Zeilen im Rahmen eines Interviews gefragt: „Was würden Sie den Wissenschaftlern draußen im Lande gerne mal zurufen?“

Die spontane Antwort: „Lasst Euch nicht in diesen Asthma-Stil zwingen, der der Forschung durch immer kürzere Förderperioden, wachsenden Publikationsdruck, ausufernde Bürokratie et cetera übergestülpt wird. Große Entdeckungen haben fast immer einen langen und tiefen Atem gebraucht.“

Die nächste Frage war: „Und was würden Sie gerne den Forschungspolitikern zurufen?“

Wiederum spontane Antwort: „Vertraut Euren Wissenschaftlern! Lasst Sie spielen! Forschern wohnt per se eine hohe Motivation zur Innovation inne. Sie indes immer wieder in bestimmte Zeitrahmen zu pressen, oder in eng gefasste Forschungsprogramme mit erwartbarem, aber limitiertem Ergebnispotenzial — das erstickt eher deren Motivation und Kreativität.“

Zugegeben, nicht wirklich neu. Und ob es denn auch tatsächlich stimmt, dass die Qualität der Erkenntnisse umso mehr abnimmt, je straffer Forschung zeitlich und thematisch gesteuert wird?

Das Schicksal wollte es jedenfalls, dass der Befragte nur wenige Tage später auf eine Studie dreier US-Ökonomen stieß, die genau diesen Punkt untersuchten — und zwar, indem sie die Produktivität zweier verschiedener Gruppen von Forschern während der Jahre 1998 bis 2006 analysierten. Die eine Gruppe waren Forscher des Howard Hughes Medical Institute, die thematisch relativ freie Fünfjahres-Grants plus zweijährige „Gnadenzahlungen“ nach deren Ablauf erhielten; die andere rekrutierte sich aus Forschern von vergleichbarem Format, die allerdings mit den thematisch wesentlich strikteren „Drei-Jahre-und-Schluss“-Grants der US-National Insitutes of Health vorlieb nehmen mussten.

Kurzum, die erste Gruppe publizierte im Schnitt mehr und besser, wurde viel häufiger zitiert und eröffnete auch deutlich mehr neue Forschungsfelder. Das Fazit eines der Autoren daher: „Wenn man will, dass Forscher neue Türen aufstoßen, dann ist es wichtig, ihnen Langzeitperspektiven zu bieten — damit sie Zeit zum Ausprobieren haben und auch durch potentielle Fehlschläge nicht gleich aus dem System fallen.“

Oder anders ausgedrückt: Wenn man will, dass Forscher neue Türen aufstoßen, dann gebt ihnen einfach Geld und lasst sie in Ruhe — damit sie „spielen“ können.

Ralf Neumann

Frohe Weihnachten und so …

21. Dezember 2018 von Laborjournal

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Die Laborjournal-Redaktion wünscht
allen Leserinnen und Lesern
eine frohe und fröhliche Weihnachtszeit
sowie einen tollen Start
in ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr 2019!

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Aus dem alten Jahr verabschieden wir uns passend mit einer Folge unserer alten Comic-Reihe „Forschers Genius“ von Henning Schultze:  Worüber der Weihnachtsmann mit seinen Freunden plaudert, wenn sie unter sich sind …

Wie Forscher zu Migranten werden…

17. Dezember 2018 von Laborjournal

(Viel wird gerade über Migration gesprochen in Deutschland und Europa. Dies tut auch der Autor des folgenden Briefes. Allerdings bekommt darin „Migration“ im wissenschaftspolitischen Zusam­men­hang eine ganz andere Note…)

Mit diesem Brief möchte ich Sie auf einen wei­te­ren „Migrationsfall“ in der Bil­dungs­re­pub­lik Deutschland aufmerksam machen.

Als Sohn eines Winzers habe ich es trotz drohender Auslese beim Übergang von der Grundschule zum Gymnasium (Originalzitat der Grundschulleitung: „Was will der Sohn eines Bauern auf dem Gymnasium?“) schließlich zum Biologie-Studium und sogar zur Habilitation gebracht.

Kurz bevor der Ablauf der Frist des Wissen­schafts­zeit­ver­trags­ge­setzes mich zum Taxi­fah­rer degradiert hätte, konnte ich an einer süd­deut­schen Universität (Baden-Württemberg) eine Stellenhülse ergattern. Um diese Hülse mit Gehalt zu füllen wurde ich in Häppchenverträgen an eine Norddeutsche Universität (Nieder­sachsen) abgeordnet. Der Länderfinanzausgleich auf dieser Ebene läuft also optimal. Nachdem mir die Norddeutsche Universität siebeneinhalb Jahre die Karotte einer festen Stelle vor die Nase gehalten hat, wurde mir diese aufgrund von Strukturänderungen nun genommen.

In der Zwischenzeit habe ich alles getan, wozu ein Bürger unsers Landes aufgerufen ist. Ich habe eine Familie gegründet und drei zukünftige Steuerzahler in die Welt gesetzt. Ich habe gebaut und bin aufs äußerste mobil. Schließlich bin ich fast acht Jahre zwischen Süd- und Norddeutschland gependelt — selbstverständlich auf eigene Kosten. Meine Frau bekam auf diese Weise als verheiratete und alleinerziehende Diplom-Biologin genug Möglichkeit, sich in der Erziehung unserer Söhne zu verwirklichen — während ich erfolgreich BMBF-, GIZ- und EU-Mittel einwarb, sowie forschte, publizierte und habilitierte.

Meine BAföG-Rückzahlung habe ich vor zwei Jahren abgeschlossen, da es mir wegen des Unterhalts der drei Kinder nicht möglich war, einen Frührückzahlungsrabatt in Anspruch zu nehmen. Zum Glück habe ich es gerade noch geschafft, bevor mein eigener Sohn im letzten Jahr zu studieren anfing.

Da aufgrund der vergangenen Hochschulreformen a) der Mittelbau an den Universitäten nicht mehr existiert und b) nur dreißig Prozent aller deutschen Wissenschaftler überhaupt eine der übrig gebliebenen Stellen innehaben (Zahlen des BMBF), sehe ich mich nun gezwungen, eine Stelle im Ausland anzunehmen. Dort sind 75 Prozent aller Wissenschaftler in fester Anstellung, und in meinem Arbeitsvertrag steht, dass ich in zwei Jahren einen Anspruch auf Beförderung habe. Solch eine Formulierung war mir aus meinen bisherigen Häppchenverträgen in Deutschland völlig fremd.

Nun gehöre ich also zu derjenigen Kategorie von europäischen Bürgern mit Migrationshintergrund, die in den aktuellen Debatten keine Rolle spielt — obwohl man mich nach dem oben Gesagten irgendwie schon als (wissenschafts-)politischen Flüchtling bezeichnen kann. Aber sei’s drum, ich will nicht undankbar sein: Immerhin bekam ich in Deutschland eine teure und exquisite Ausbildung. Meine Expertise und Erfahrung stelle ich jetzt aber dem Herkunftsland meiner Mutter zur Verfügung. Dort freut man sich, denn am Ende wird man nur meinen Lohn bezahlt haben müssen.

Illustr.: www.clipartmax.com

Warum der Kanzler selbst eine Wanduhr stellen musste — Ein Schildbürgerstreich aus einer deutschen Uni

10. Dezember 2018 von Laborjournal

(Folgendes flatterte am Wochenende in unser E-Mail-Postfach:…)

In einem Sitzungssaal am Standort unserer Hochschule zeigte eine Wanduhr die falsche Zeit. Dummerweise hängt sie in knapp drei Metern Höhe über der Eingangstür unseres Senatssaales.

Unser Elektriker war nicht zuständig, denn seine Verantwortung endet an der Steckdose. Ob der Hausmeister herangezogen werden konnte, war unklar, denn er wiederum ist zunächst einmal nicht primär für elektrische Geräte verantwortlich. (Ob dann vielleicht aber irgendwie doch, hätte man vermutlich über einen Verwaltungsvorgang mit Ticket feststellen können.)

Was also tun? Auf einen Stuhl zu steigen, ist allen Professoren und Mitarbeitern verboten — es ist eine Leiter zu benutzen. Auf eine Leiter aber darf man nur steigen, wenn man einen gültigen Leiterschein hat. Den hat jedoch keiner.

Also trug unser Dekan das Problem der Verwaltung in der Hauptstelle vor. Dort fand es schließlich seinen Weg bis zum Verwaltungschef selbst: dem Kanzler unserer Hochschule. Als dieser dann zuletzt zu unserem Standort kam, nahm er kurzerhand eigenhändig die Uhr ab und stellte sie.

Dies zumindest gab er zu. Wie er es aber konkret bewerkstelligt hat und ob er über einen Leiterschein verfügt, dazu indes schwieg er — auch auf wiederholte Anfrage. Übermäßig groß ist er jedenfalls nicht…

Illustr.: Fotolia / chaliya

 

Von verdienten aber verschwiegenen Co-Autoren

4. Dezember 2018 von Laborjournal

Schau mal an! Wieder eine E-Mail eines… — nun ja, verärgerten Nachwuchsforschers. Be­schwert sich, dass er nicht als Co-Autor mit auf das jüngste Paper seiner Gruppe genommen wurde. Totaler Skandal, weil er das natürlich klar verdient gehabt hätte — mehr noch als der konkrete Zweitautor. Ob wir das nicht öffentlich machen könnten. Solches Unrecht gehöre schließlich mal an den Pranger gestellt. Und nein — ihm selbst könne nix mehr passieren, da er inzwischen die Gruppe gewechselt habe. Aber sauer sei er natürlich immer noch…

Etwa ein Dutzend solcher E-Mails bekommen wir im Jahr. Einige Male haben wir tatsächlich nachgefragt. Und stets war „der Fall“ kaum objektiv darstellbar. Bisweilen schien es sogar ziemlich plausibel, warum der „Kläger“ letztlich nicht mit auf dem besagten Paper stand.

Dabei werden offenbar tatsächlich die Nachwuchsforscher vom Postdoc bis zum Master-Studenten mit am ehesten aus den Autorenlisten draußen gelassen. Zumindest war dies eines der Ergebnisse einer Umfrage der beiden US-Soziologen John Walsh und Sahra Jabbehdari aus dem Jahr 2017. Und die hatten dazu in den USA einige Leute mehr befragt als wir hier: Am Ende konnten sie die Angaben von 2.300 Forschern zu deren eigenen Publikationen auswerten (Sci. Technol. Human Values 42(5): 872-900).

Machen wir’s kurz:

» Nach Walsh und Jabbehdari listete ein Drittel der Artikel aus Biologie, Physik und Sozialwissenschaften mindestens einen „Gastautor“ mit auf, dessen Beitrag die Anforderungen für eine Co-Autorenschaft eigentlich nicht erfüllte. Angesichts von Ehren- und Gefälligkeits-Autorschaften wie auch ganzen Co-Autor-Kartellen war ein solch hoher Anteil womöglich zu erwarten.

» Viel erstaunlicher dagegen mutet jedoch der noch höhere Anteil an Artikeln an, auf denen ein oder mehrere Co-Autoren verschwiegen wurden, die wegen ihres Beitrags zur Studie eigentlich mit aufgelistet gehört hätten. Die befragten Forscher gaben an, dass hinter ganzen 55 Prozent ihrer Artikel noch mindestens ein weiterer „Geister-Autor“ gestanden hätte. Biologie und Medizin lagen genau in diesem Schnitt, während Ingenieurs-, Umwelt- und Agrarwissenschaften noch deutlich höher lagen. Den niedrigsten Anteil an „Geister-Autoren“ ermittelten die Verfasser mit 40 Prozent für die Mathematik und Computerwissenschaften.

» Und wer wurde hierbei bevorzugt „verschwiegen“? Neben Technischen Angestellten interes­san­ter­wei­se eher Postdocs als „Graduate Students“, also Doktoranden und Master-Studenten. In der Medizin lag der Anteil der Postdocs unter den „Verschwiegenen“ etwa bei 28 Prozent gegenüber 16 Prozent „Graduate Students“; in der Biologie betrug dasselbe Verhältnis 21 gegenüber 15 Prozent.

In der Summe heißt das also, dass in den Autorenzeilen jeder fünften Veröffentlichung aus den Medizin- und Biowissenschaften mindestens ein Nachwuchsforscher fehlt, der die Nennung eigentlich verdient gehabt hätte. Sicher lässt sich einwerfen, dass die gleiche Befragung in Europa womöglich andere Zahlen liefern würde. Aber würden Sie, liebe Leser, eine Voraussage wagen, in welche Richtung sich die geschilderten US-Verhältnisse dann verschieben könnten?

Wir meinen, angesichts der Bedeutung, die Co-Autorenschaften heutzutage für wissenschaftliche Karrieren haben, liefern bereits die US-Zahlen alleine ziemlich verstörende Erkenntnisse. Und für uns daher ein Grund mehr, um E-Mails wie der oben erwähnten tatsächlich nachzugehen.

Ralf Neumann

Zeichnung: Rafael Florés

Nachwuchsforscher ohne Ideen?

26. November 2018 von Laborjournal

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Haben Nachwuchsforscher keine guten Ideen mehr? Man könnte es meinen, wenn man sich so umhört.

Eine Protagonistin der hiesigen Mikrobiologie berichtet beispielsweise folgendes über die Sammel-Begutachtung von 15 Anträgen für Postdoc-Stipendien:

Auf den ersten Blick klingen alle ganz gut. Klar geschrieben, logisch aufgebaut, zielführende experimentelle Strategie,… Wenn man aber fragt, welche wirklich neuen Erkenntnisse das Projekt bringen könnte, bleibt bei allen Anträgen nicht mehr viel übrig. Da will etwa der eine mit Organismus X machen, was schon mit A, B und C gemacht wurde. Oder die andere mit einer neuen Methode einen Prozess beobachten, der schon ausreichend detailliert beschrieben ist. Ich habe das Gefühl, den Leuten fallen immer weniger interessante Fragen ein. Es fehlen echte Ideen…

Und auf die Frage, woran das liegen könnte, antwortet sie:

An der Ausbildung. Es gibt keine Veranstaltungen, in denen man gezielt versucht, den Leuten kreative Wissenschaft beizubringen: Wie man echte Themen erkennt, gute Fragen stellt und Ideen entwickelt — und wie man daraus schließlich testbare Hypothesen ableitet und aussagekräftige Experimente konstruiert.

Passend dazu der folgende Bericht eines alten Querdenkers der Zellbiologie:

Vor ein paar Monaten habe ich während einer Tagung die übliche Postersession besucht. Alles junge Leute — und ein Poster langweiliger als das andere. Keine wirklichen Fragen. Stattdessen ging es meist darum, über ein kleines Detail noch mehr Details herauszubekommen. Ich habe mir dann den an sich traurigen Spaß gemacht, die Leute der Reihe nach zu fragen, wie sie denn überhaupt zu ihren Projekten gekommen sind. Und wissen Sie, was die alle geantwortet haben?… — „Hab’ ich von meinem Betreuer angewiesen bekommen.“

Das Schöne an beiden Anekdoten ist, dass sie nicht platt auf die „blöden“ Nachwuchsforschern als Verantwortliche für die vermeintliche Kreativitäts- und Ideenkrise einhacken. Vielmehr schimmern allzu klar schlampige Ausbildung und Betreuung als wahre Wurzeln des Übels hindurch.

Ralf Neumann

(Wir bringen an dieser Stelle öfter mal bereits früher publizierte Texte, um abzuklopfen, ob sich an den geschilderten Themen und Problem seitdem etwas geändert hat. Der obige Text erschien als „Inkubiert“ in Laborjournal 6/2015 (S. 8). Aktuelle Meinungen dazu?)

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