Warum der Kanzler selbst eine Wanduhr stellen musste — Ein Schildbürgerstreich aus einer deutschen Uni

10. Dezember 2018 von Laborjournal

(Folgendes flatterte am Wochenende in unser E-Mail-Postfach:…)

In einem Sitzungssaal am Standort unserer Hochschule zeigte eine Wanduhr die falsche Zeit. Dummerweise hängt sie in knapp drei Metern Höhe über der Eingangstür unseres Senatssaales.

Unser Elektriker war nicht zuständig, denn seine Verantwortung endet an der Steckdose. Ob der Hausmeister herangezogen werden konnte, war unklar, denn er wiederum ist zunächst einmal nicht primär für elektrische Geräte verantwortlich. (Ob dann vielleicht aber irgendwie doch, hätte man vermutlich über einen Verwaltungsvorgang mit Ticket feststellen können.)

Was also tun? Auf einen Stuhl zu steigen, ist allen Professoren und Mitarbeitern verboten — es ist eine Leiter zu benutzen. Auf eine Leiter aber darf man nur steigen, wenn man einen gültigen Leiterschein hat. Den hat jedoch keiner.

Also trug unser Dekan das Problem der Verwaltung in der Hauptstelle vor. Dort fand es schließlich seinen Weg bis zum Verwaltungschef selbst: dem Kanzler unserer Hochschule. Als dieser dann zuletzt zu unserem Standort kam, nahm er kurzerhand eigenhändig die Uhr ab und stellte sie.

Dies zumindest gab er zu. Wie er es aber konkret bewerkstelligt hat und ob er über einen Leiterschein verfügt, dazu indes schwieg er — auch auf wiederholte Anfrage. Übermäßig groß ist er jedenfalls nicht…

Illustr.: Fotolia / chaliya

 

Von verdienten aber verschwiegenen Co-Autoren

4. Dezember 2018 von Laborjournal

Schau mal an! Wieder eine E-Mail eines… — nun ja, verärgerten Nachwuchsforschers. Be­schwert sich, dass er nicht als Co-Autor mit auf das jüngste Paper seiner Gruppe genommen wurde. Totaler Skandal, weil er das natürlich klar verdient gehabt hätte — mehr noch als der konkrete Zweitautor. Ob wir das nicht öffentlich machen könnten. Solches Unrecht gehöre schließlich mal an den Pranger gestellt. Und nein — ihm selbst könne nix mehr passieren, da er inzwischen die Gruppe gewechselt habe. Aber sauer sei er natürlich immer noch…

Etwa ein Dutzend solcher E-Mails bekommen wir im Jahr. Einige Male haben wir tatsächlich nachgefragt. Und stets war „der Fall“ kaum objektiv darstellbar. Bisweilen schien es sogar ziemlich plausibel, warum der „Kläger“ letztlich nicht mit auf dem besagten Paper stand.

Dabei werden offenbar tatsächlich die Nachwuchsforscher vom Postdoc bis zum Master-Studenten mit am ehesten aus den Autorenlisten draußen gelassen. Zumindest war dies eines der Ergebnisse einer Umfrage der beiden US-Soziologen John Walsh und Sahra Jabbehdari aus dem Jahr 2017. Und die hatten dazu in den USA einige Leute mehr befragt als wir hier: Am Ende konnten sie die Angaben von 2.300 Forschern zu deren eigenen Publikationen auswerten (Sci. Technol. Human Values 42(5): 872-900).

Machen wir’s kurz:

» Nach Walsh und Jabbehdari listete ein Drittel der Artikel aus Biologie, Physik und Sozialwissenschaften mindestens einen „Gastautor“ mit auf, dessen Beitrag die Anforderungen für eine Co-Autorenschaft eigentlich nicht erfüllte. Angesichts von Ehren- und Gefälligkeits-Autorschaften wie auch ganzen Co-Autor-Kartellen war ein solch hoher Anteil womöglich zu erwarten.

» Viel erstaunlicher dagegen mutet jedoch der noch höhere Anteil an Artikeln an, auf denen ein oder mehrere Co-Autoren verschwiegen wurden, die wegen ihres Beitrags zur Studie eigentlich mit aufgelistet gehört hätten. Die befragten Forscher gaben an, dass hinter ganzen 55 Prozent ihrer Artikel noch mindestens ein weiterer „Geister-Autor“ gestanden hätte. Biologie und Medizin lagen genau in diesem Schnitt, während Ingenieurs-, Umwelt- und Agrarwissenschaften noch deutlich höher lagen. Den niedrigsten Anteil an „Geister-Autoren“ ermittelten die Verfasser mit 40 Prozent für die Mathematik und Computerwissenschaften.

» Und wer wurde hierbei bevorzugt „verschwiegen“? Neben Technischen Angestellten interes­san­ter­wei­se eher Postdocs als „Graduate Students“, also Doktoranden und Master-Studenten. In der Medizin lag der Anteil der Postdocs unter den „Verschwiegenen“ etwa bei 28 Prozent gegenüber 16 Prozent „Graduate Students“; in der Biologie betrug dasselbe Verhältnis 21 gegenüber 15 Prozent.

In der Summe heißt das also, dass in den Autorenzeilen jeder fünften Veröffentlichung aus den Medizin- und Biowissenschaften mindestens ein Nachwuchsforscher fehlt, der die Nennung eigentlich verdient gehabt hätte. Sicher lässt sich einwerfen, dass die gleiche Befragung in Europa womöglich andere Zahlen liefern würde. Aber würden Sie, liebe Leser, eine Voraussage wagen, in welche Richtung sich die geschilderten US-Verhältnisse dann verschieben könnten?

Wir meinen, angesichts der Bedeutung, die Co-Autorenschaften heutzutage für wissenschaftliche Karrieren haben, liefern bereits die US-Zahlen alleine ziemlich verstörende Erkenntnisse. Und für uns daher ein Grund mehr, um E-Mails wie der oben erwähnten tatsächlich nachzugehen.

Ralf Neumann

Zeichnung: Rafael Florés

Nachwuchsforscher ohne Ideen?

26. November 2018 von Laborjournal

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Haben Nachwuchsforscher keine guten Ideen mehr? Man könnte es meinen, wenn man sich so umhört.

Eine Protagonistin der hiesigen Mikrobiologie berichtet beispielsweise folgendes über die Sammel-Begutachtung von 15 Anträgen für Postdoc-Stipendien:

Auf den ersten Blick klingen alle ganz gut. Klar geschrieben, logisch aufgebaut, zielführende experimentelle Strategie,… Wenn man aber fragt, welche wirklich neuen Erkenntnisse das Projekt bringen könnte, bleibt bei allen Anträgen nicht mehr viel übrig. Da will etwa der eine mit Organismus X machen, was schon mit A, B und C gemacht wurde. Oder die andere mit einer neuen Methode einen Prozess beobachten, der schon ausreichend detailliert beschrieben ist. Ich habe das Gefühl, den Leuten fallen immer weniger interessante Fragen ein. Es fehlen echte Ideen…

Und auf die Frage, woran das liegen könnte, antwortet sie:

An der Ausbildung. Es gibt keine Veranstaltungen, in denen man gezielt versucht, den Leuten kreative Wissenschaft beizubringen: Wie man echte Themen erkennt, gute Fragen stellt und Ideen entwickelt — und wie man daraus schließlich testbare Hypothesen ableitet und aussagekräftige Experimente konstruiert.

Passend dazu der folgende Bericht eines alten Querdenkers der Zellbiologie:

Vor ein paar Monaten habe ich während einer Tagung die übliche Postersession besucht. Alles junge Leute — und ein Poster langweiliger als das andere. Keine wirklichen Fragen. Stattdessen ging es meist darum, über ein kleines Detail noch mehr Details herauszubekommen. Ich habe mir dann den an sich traurigen Spaß gemacht, die Leute der Reihe nach zu fragen, wie sie denn überhaupt zu ihren Projekten gekommen sind. Und wissen Sie, was die alle geantwortet haben?… — „Hab’ ich von meinem Betreuer angewiesen bekommen.“

Das Schöne an beiden Anekdoten ist, dass sie nicht platt auf die „blöden“ Nachwuchsforschern als Verantwortliche für die vermeintliche Kreativitäts- und Ideenkrise einhacken. Vielmehr schimmern allzu klar schlampige Ausbildung und Betreuung als wahre Wurzeln des Übels hindurch.

Ralf Neumann

(Wir bringen an dieser Stelle öfter mal bereits früher publizierte Texte, um abzuklopfen, ob sich an den geschilderten Themen und Problem seitdem etwas geändert hat. Der obige Text erschien als „Inkubiert“ in Laborjournal 6/2015 (S. 8). Aktuelle Meinungen dazu?)

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„Forschungserfolg hängt auch von der Abwesenheit gewisser Hindernisse ab“

19. November 2018 von Laborjournal

Und immer wieder fragt die Wissenschaftspolitik: Wie bekomme ich möglichst gute Forschung, Spitzenforschung gar? Mit viel Geld, das ich in aufwendige Wettbewerbe pumpe? Wie etwa zuletzt in der Exzellenzstrategie?

Unserem Chefredakteur kommt bei diesem Thema immer wieder ein kurzer Aufsatz des finnischen Evolutionsökologen Juha Merilä in den Sinn. Einige Abschnitte daraus (aus dem Englischen übersetzt):

Ein Charakteristikum kreativer Forschungsumgebungen ist, dass sie in der Regel recht klein sind und damit enge und intensive Interaktionen zwischen den Individuen fördern.

Des Weiteren nennen Beschreibungen kreativer Forschungs­um­fel­der immer wieder die Bedeutung der sogenannten „kollek­tiven Kreativität“. Diese entsteht als emergente Eigenschaft aus den Wechselwirkungen von Personen mit unterschiedlichen Fähig­kei­ten, Ansichten und Ideen innerhalb eines informellen For­schungs­netz­werks.

Solche informellen Forschungsnetzwerke stehen übrigens in scharfem Kontrast zu bürokratischen Organisationen, die vor allem Wiederholbarkeit und Vorhersagbarkeit schätzen — und daher Kreativität wegen der ihr innewohnenden Unbe­rechen­bar­keit eher hemmen. Hierarchiefreie, ungezwungene Wechsel­wir­kun­gen scheinen folglich wesentliche Bestandteile für die Ge­stal­tung kreativer Forschungsumgebungen zu sein.

Nicht wirklich das, was mit der Exzellenzstrategie gerade beherzigt wird. Und das nicht nur, da in deren Rahmen enorme zusätzliche Ver­wal­tungs­kapazitäten geschaffen werden mussten…

Doch es geht noch weiter bei Merilä:

Ein interessantes Merkmal kreativer Forschungsumgebungen ist, dass man die Gründe für ihr Entstehen zumindest teilweise erkennt und versteht — dass es aber viel schwieriger ist, die Ursachen für entsprechende Misserfolge zu verstehen. Mit anderen Worten, es gibt ein „Unsichtbarkeitsproblem“: Während wir von den positiven Beispielen lernen können, sind die negativen — Fälle also, wo alle vermeintlich notwendigen Bestandteile vorhanden waren, aber dennoch „nichts Besonderes“ entstand — viel schwerer zu durchdringen. Klar ist nur, dass Forschungserfolg offenbar nicht nur vom Zugang zu den notwendigen Ressourcen abhängt — ob materieller oder immaterieller Art —, sondern auch von der Abwesenheit gewisser Hindernisse.

Wenn wir daher versuchen, kreative Forschungsumgebungen zu gestalten, scheint die Identifikation solcher Hindernisse ebenso wichtig zu sein wie die Ermittlung der begünstigenden Faktoren — wenn nicht sogar wichtiger. Denn wie wir alle wissen, sind empfindliche Geräte schwer zu bauen, gehen aber sehr leicht kaputt.

Womit die Frage auf der Hand liegt, ob durch üppig aufgezogene Wettbewerbe um große Förderprogramme nicht doch eher das eine oder andere Hindernis erst errichtet wird.

Ralf Neumann

(Foto: Shutterstock / skyfish)

Forschungsanträge à la Sisyphus

12. November 2018 von Laborjournal

„Der Wahnsinn des Antragschreibens“ war Thema unseres letzten Postings unten. Zuvor hatten wir in unserer Heft-Kolumne „Inkubiert“ bereits einen ganz anderen Fall von „Antrags-Wahnsinn“ kommentiert (siehe LJ 1-2/2016). Wir bringen den Kommentar hier nochmals in überarbeiteter Form:

Wenn es um das Antragswesen wissenschaftlicher Projektförderung geht, scheint Effizienz oftmals kein hervorstechendes Merkmal zu sein. Zumindest bestärken einzelne Beispiele immer wieder diesen Eindruck.

Nehmen wir etwa den folgenden Fall, den der belgische Linguist Jan Blommaert in seinem Blog Ctrl+Alt+Dem beschrieb. Demnach ging er so richtig in die Vollen, als vor Monaten im EU-Rahmenprogramm „Horizon 2020“ ein bestimmtes Projektthema ausgeschrieben wurde. Umgehend stürzte er sich zusammen mit seinem Leuten in umfangreiche inhaltliche Vorarbeiten und heuerte überdies europaweit geeignete Partner für das geforderte „Internationale Konsortium“ an.

Logisch, dass für die notwendigen Meetings schnell mal Hunderte von Arbeitsstunden und mehrere Tausend Flugkilometer draufgingen. Ein Mitarbeiter aus Blommaerts Team kümmerte sich etwa monatelang quasi hauptamtlich um Koordination, Vorbereitung und schlussendliche Realisierung des Antrags. Dazu erhielt er umfassende Hilfe von zwei Leuten aus der Uni-Verwaltung: einem professionellen „Grant Writer“ und einem eigens angestellten Fachmann für EU-Angelegenheiten.

Dies alles und noch viel mehr summierte sich am Ende zu einem Riesenhaufen produktiver Zeit und Geld, die mit höchster Wahrscheinlichkeit völlig umsonst investiert — und damit verschwendet — waren. Denn eine Woche, nachdem sie den Antrag fix und fertig abgeschickt hatten, erhielten Blommaerts und Co. aus Brüssel die Nachricht, dass insgesamt 147 Anträge eingegangen seien, wovon jetzt ganze 2 — ZWEI! — bewilligt würden.

Man braucht keine allzu komplizierte Mathematik, um die hirnlose Ineffizienz dieses gesamten Manövers aufzuzeigen. Man multipliziere nur grob die ausschließlich mit Steuergeldern bezahlte Arbeitszeit samt übriger Kosten von Blommaert und Co. mit der Zahl der insgesamt 145 abgelehnten Anträge, addiere dazu die Brüsseler Kosten für Verwaltung und Begutachtung — und setze diese für nahezu Nix investierte Summe wiederum in Beziehung zu den 6 Millionen Euro Gesamt-Fördervolumen. Eine verheerende Bilanz, oder?

Und jetzt haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, welches Signal eine Ablehnungsquote von 98,7 Prozent für die Forscher generell bedeutet…

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„Antragschreiben? Ich hasste jede Minute davon!“

5. November 2018 von Laborjournal

Wann sollte man einen Forscher besser nicht ansprechen? — Antwort: Wenn er gerade an einem Förderantrag schreibt.

„Immer wenn ich an einem Antrag arbeite, fühle ich mich wie ein verwundetes wildes Tier“, schrieb einmal sinngemäß ein Betroffener. „Sobald ich irgendwie nicht weiterkomme — und das passiert leider oft —, kauere ich voller Schmerzen in meiner Ecke. Mir wird heiß, ich atme schneller, beiße die Zähne zusammen und blicke mit gehetztem Blick um mich herum — auf der verzweifelten Suche nach Linderung durch die richtige Idee. Wenn dann jemand reinkommt und irgendetwas will, kann er schnell einen Finger verlieren oder sonst etwas — selbst wenn die betreffende Person sich nur Sorgen gemacht hat und mir helfen will.“

Okay, das ist sicher gnadenlos überspitzt. Wäre es tatsächlich jedes Mal so schlimm, müsste sich unser Forscher aus gesundheitlichen Gründen wohl besser bald einen anderen Job suchen. Dennoch dürfte sich jeder, dem das Antragschreiben nicht allzu leicht aus den Fingern fließt, darin prinzipiell wiedererkennen.

Das Dumme ist: Den Meisten fließen die Anträge nicht aus den Fingern. Und so sehen sie sich stets stärkeren „Qualen“ ausgesetzt, da die Frequenz des Antragsschreibens zuletzt immer mehr zugenommen hat.

Der US-Computerwissenschaftler Matt Welsh beispielsweise verließ vor einigen Jahren genau aus diesem Grund die Harvard University und arbeitet seitdem für Google. Er schrieb damals dazu in seinem Blog Volatile and Decentralized:

„Die größte Überraschung war, wie viel Zeit ich für die Finanzierung meiner Forschung aufbringen musste. Obwohl es natürlich variiert, schätze ich, dass ich etwa vierzig Prozent damit verbracht habe, irgendwelchen Fördermitteln hinterher zu jagen —  Diesen Beitrag weiterlesen »

Fehlermeldungen

29. Oktober 2018 von Laborjournal

(Im Zusammenhang mit den „Vertrackten Artefakten“ [siehe letzter Post unten] fiel uns ein, dass wir bereits vor knapp zwei Jahren das unten folgende Online-Editorial zu diesem Thema gebracht hatten. Allerdings ging es darin weniger um die beiden geschilderten Artefakte an sich, als vielmehr darum, wie unterschiedlich die Folgen für die Betroffenen sein können, wenn sie aus Unwissenheit darauf reinfallen…)

 

Aus Fehlern lernt man, heißt es. Doch gilt das auch in der Forschung? Hat der immer engere Wettbewerb um Stellen und Fördermittel nicht mittlerweile dafür gesorgt, dass das Forschungsgeschäft mit Fehlern ziemlich gnadenlos umgeht? Auch weil jede kleine Nachlässigkeit oder Schlamperei der wachsamen Kon­kurrenz potentielle und willkommene Angriffs­flä­chen bietet? Und wenn ja: Muss ein solcher „Geist“ nicht vor allem auf Kosten des wissenschaftlichen Nachwuchses gehen, der ja auch — vielleicht sogar gerade — durch Fehler lernen sollte?

Nehmen wir etwa den jungen Doktoranden M. Dieser versuchte vor einiger Zeit ein bestimmtes Membranprotein zu isolieren — und hatte offenbar Erfolg: Nach monatelanger „Putzerei“ präsentierte er in der entscheidenden Bahn des Proteingels eine Bande — und sonst keine. Chef und Doktorand zweifelten nicht: Das musste es sein. Zumal nach der heiligen Regel „n  3“ dieselbe Bande auch in den folgenden Wiederho­lun­gen zuverlässig übrig blieb.

Chef und Doktorand schrieben also ein Paper. Es wurde begutachtet und schließlich publiziert. Was dummerweise weder Doktorand noch Chef oder Gutachter wussten (letztere waren wohl schon zu lange „weg von der Bench“), fiel erfahrenen Proteinfärbern sofort auf: Die Bande entsprach exakt dem 68 kDa-Artefakt, das man oft nach Mercaptoethanol-Behandlung der Proteinprobe erhält.

Nur zwei Monate nach dessen Erscheinen zerpflückte Chefs Erzrivale das Paper in einer „Correspondence“ mit klarem Artefakt-Beweis. Frustriert und voller Scham schmiss M. seine Doktorarbeit hin.

Bei aller Härte am Ende doch gut für die Wissenschaft? Vielleicht.

Allerdings geht es auch ganz anders — wie das Beispiel der Doktorandin K. beweist, der einst ganz Ähnliches widerfuhr. Diese fiel auf ein Artefakt herein, das Ungeübten oft bei der Aufnahme neuronaler Signale mit Multielektrodenarrays droht. Und auch sie hatte ihre Ergebnisse frisch publiziert. Kurz darauf meldete sich einer der „Großkönige“ der neuronalen Ableitung telefonisch bei K.: „Gratuliere zum Paper. Allerdings scheint mir ein Schlüsselbefund nicht zu stimmen. Ich habe meinen Postdoc das Experiment nachmachen lassen — und er meint, Du hättest bei der Elektrodenmessung was vergessen…“

Sein Postdoc wiederum habe jedoch Wichtigeres zu tun, erklärte er weiter — weshalb es besser sei, wenn K. ihren Fehler selbst nachweisen würde. Anschließend weihte der Anrufer K. noch in einige weitere Geheimnisse und Fallstricke bei der Arbeit mit den entsprechenden Elektroden ein und skizzierte überdies noch, wie sie die „Richtigstellung“ seiner Meinung nach am geschicktesten angehen könne.

K. tat wie vorgeschlagen und veröffentlichte bald darauf die „Correction“ ihres eigenen Papers. Heute, über zwanzig Jahre später, gilt sie als herausragende Forscherin in ihrem Feld.

Wer weiß, so weit hätte M. womöglich auch kommen können…

Ralf Neumann

(Anmerkung: Die beiden Beispiele von K. und M. haben sich zwar nicht ganz genau so abgespielt, wie hier beschrieben — aber prinzipiell doch sehr ähnlich.)

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Vertrackte Artefakte

23. Oktober 2018 von Laborjournal

Kommt jemandem das folgende Szenario bekannt vor? Man hat eine Idee, macht entsprechende Experimente — und findet in seiner Probe tatsächlich die vermutete Struktur oder Aktivität. Klar, jetzt muss der „Fund“ weiter analysiert werden. Das geht auch einige Zeit gut, bis eines Tages das Reagenz X für die Probenvorbereitung ausgeht. Aus Kostengründen bestellt man dieses jetzt bei einem anderen Hersteller — und plötzlich ist alles weg.

Genau so eine Pleite erlebte ich vor langer Zeit. Konkret ging das damals so:

In Membranfraktionen von Keimlings-Sprossachsen hatte ich eine starke Bindeaktivität für das Pflanzenhormon Auxin aufgespürt. Das Signal im Zähler war eindeutig und kam zuverlässig mit jeder neuen Membranpräparation. Klar, das musste ein Auxin-Rezeptor sein. Also nichts wie ran und ihn reinigen!

Sofort lief alles nach Plan. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich das vermeintliche „Bindeprotein“ aus der Membranfraktion isoliert und konnte die Auxin-Bindung auch in Lösung messen. Dabei störte mich auch anfangs nicht, dass die In-vitro-Bindung nur auftrat, wenn sich eine kleine Menge des Detergens Octyl-ß-D-glucosid im Inkubationsansatz befand. Schließlich sind Detergenzien zur Solubilisierung von Membranproteinen sowie deren Stabilisierung in Pufferlösung notwendig.

Als mein Detergens-Fläschchen fast leer war, bestellte ich den Nachschub diesmal billiger bei Sigma — und nicht wie zuvor bei Biomol. Und mit Sigma war die Bindeaktivität von einem Tag auf den anderen wie weggeblasen.

Es war offensichtlich: Der Wechsel des Detergens-Fläschchens ließ die schöne Bindeaktivität einfach verschwinden. Hatte ich tatsächlich monatelang mit einem Artefakt gearbeitet? Oder steckte doch eine angenehmere Erklärung dahinter?

Leider nicht. In mühsamer Kleinarbeit fügte ich die Mosaiksteinchen zusammen, und am Ende ergab sich das Bild eines fast schon kunstvollen Artefakts:

Das gereinigte “Bindeprotein” entpuppte sich als Peroxidase, die mit der Membranfraktion mitgereinigt wurde. Peroxidasen oxidieren in vitro nahezu alles, was nur irgendwie oxidierbar ist — so auch Auxin. Dabei entstehen als Zwischenprodukt hochreaktive Auxin-Radikale, die wiederum mit allem Möglichen Komplexe bilden können — beispielsweise auch mit Tensiden. Nun benutzen die Hersteller von Laborchemikalien häufig gewisse Tenside zur Reinigung der Laborgefäße vor ihrer Befüllung. Und tatsächlich konnte ich mit dem alten Fläschchen von Biomol nachweisen, dass es neben dem Detergens auch Reste dieser Reinigungs-Tenside enthielt.

Es waren also nicht Rezeptor und Ligand, die mich eine Bindung messen ließen, sondern Komplexe aus Auxin-Radikalen mit Tensiden. In meinen Experimenten täuschten sie eine Bindeaktivität vor, da die Bildung der Artefakt-Komplexe von der enzymatischen Umsetzung des Auxins durch die Peroxidase abhängig war. Kinetik und Sättigung sahen daher im Test wie die spezifische Bindung von Auxin an ein Rezeptorprotein aus.

Ziemlich frustrierend, wenn man monatelang glaubt, einer größeren Entdeckung auf der Spur zu sein — und dann auf diese Weise umso härter auf der Schnauze landet. Dabei gehören Artefakte zum Laboralltag wie Stechmücken zu lauen Sommerabenden. Dennoch spricht kaum jemand darüber, wälzt die dubiosen Gelbanden, merkwürdigen Sequenzen und sonderbaren Markersignale lieber in schlaflosen Nächten weiter durch den Kopf.

Sicher, die Kollegen mögen erstmal schmunzeln — oftmals eher hämisch als mitfühlend. Aber aufgeschrieben und gesammelt könnten mit solchen „Artefakt-Alarmen“ wichtige Erfahrungen an Laboranfänger weitergegeben werden. Wer weiß denn etwa schon, mit welchen Assays die oben geschilderten Reinigungs-Tenside womöglich noch interagieren? Teilt uns deshalb die kniffeligsten „Holzwege“ eures Forscherlebens mit, bevor auch andere sich dort schmerzhafte Splitter einfangen — entweder gleich hier im Blog oder via E-Mail an redaktion@laborjournal.de. Und wer dabei überdies nicht mit Sarkasmus und Selbstironie spart, dem spendiert die Redaktion womöglich einen Magenbitter…

Ralf Neumann

Foto: Fotolia / Schmutzler-Schaub

Monolog vor dem Paperschreiben

18. Oktober 2018 von Laborjournal

„Okay, erstmal kurz nachdenken! Wie pack ich’s jetzt an? Wie schreibe ich all das nette Zeug jetzt auf?

Dass ich das alles nicht so bringen kann, wie es sich wirklich abgespielt hat, ist klar. Die ganzen Irrungen und Wirrungen, die Umwege, Rückbesinnungen und Neustarts, bis wir endlich am Ziel waren — da wird der Leser ja wahnsinnig.

Warum also die Einzelteile nicht neu ordnen und das Ganze wie einen Thriller aufziehen? Zuerst beschreibe ich die Reise unseres kleinen Trupps zum Ort des Geschehens (und illustriere sie in Fig. 1), um dann dort eingehend die Umgebung zu erkunden (Fig. 2). Dabei stoßen wir natürlich — Trommelwirbel! — zielsicher auf ein ziemlich unerwartetes und dunkles Mysterium (Fig. 3).

Mit allen Mitteln der Kunst untersuchen wir den rätselhaften Ort — und sammeln tatsächlich einen Hinweis nach dem anderen, was hier eigentlich vor sich gehen könnte (Fig. 4 A bis H). Bis wir an den Punkt kommen, an dem wir innehalten und versuchen, all diese Hinweise zu einem sinnvollen Muster zu ordnen (Fig. 5 A bis D). Und dabei fällt es uns plötzlich wie Schuppen von den Augen, so dass wir — nochmal Tata! — die logische Antwort auf unser Mysterium schließlich glasklar vor uns liegen sehen (Fig. 6).

Zum endgültigen Abrunden der Story bleibt dann nur noch der Epilog, der das finale Fazit noch mal schön klar zusammenfasst (Fig. 7). Et violá!“

(… Kurzes Innehalten, dann weiter…)

„Hm… Klingt zwar gut, keine Frage. Allerdings… Ich befürchte, dass wohl nur die Allerwenigsten mein ausgefeiltes Präsentationskonzept inklusive perfekt arrangiertem Spannungsaufbau überhaupt registrieren werden. Denn wie mache ich es denn selbst als Leser? Bei der wenigen Zeit, die man für die Literatur hat? Eigentlich läuft es doch immer etwa so:

Ich schaue mir jedes Paper gerade mal bis zur Fig. 1 an, höchstens bis zur Fig. 2. Da muss es mich schon ganz schön packen, dass ich mir mehr anschaue… Was eigentlich nie passiert, da die Auflösung ja sowieso schon vorne im Abstract steht. Also schaue ich mir lieber schnell das nächste Paper an… und das nächste… und das nächste….

Vielleicht sollte ich es also doch lieber andersherum aufziehen und den großen Clou der Story gleich vorne in die Fig. 1 stecken. Dann würden all die potenziellen „Schnellgang-Drüberschauer“ vielleicht wenigstens die Hauptbotschaft mitnehmen. Und wer aus irgendeinem Grund dennoch weiter liest, bekommt dann eben noch die ganzen Hintergründe dazu…

Hm… Ich glaube, so mach‘ ich’s! Man muss am Ende eben doch nach dem gehen, wie die Leute ticken, die man erreichen will.“

Ralf Neumann

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Was interessiert den Ex-Postdoc sein altes Geschwätz?

15. Oktober 2018 von Laborjournal

Wieder einmal landete eine Frage auf unserem Redaktionstisch, zwischen deren Zeilen man eine gewisse Wut förmlich riechen konnte — und die ging so:

Da gibt es etwas, das ich einfach nicht verstehe. Schon vor zwanzig Jahren habe ich Doktoranden und Postdocs immer wieder stöhnen hören, wie schlimm sich das Wissen­schaftssystem entwickelt habe und wie sehr sie unter den Instituts-Hierarchien und -Platzhirschen leiden würden. Jetzt sind die meisten von ihnen selber Gruppenleiter, Instituts-Chef oder sogar noch mehr. Aber nichts hat sich geändert, sie verhalten sich heute genauso wie diejenigen, die sie damals kritisiert haben — vielleicht sogar noch schlimmer. Dabei sind doch sie es, die heute die Dinge tatsächlich ändern könnten, über die sie damals noch so gemeckert haben — wenigstens in ihrem eigenen Umfeld. Da muss man sich schon fragen: Wollen sie das inzwischen vielleicht gar nicht mehr?

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iStock / :Lisa-Blue

Uns fiel daraufhin sofort ein Editorial ein, in dem wir vor gut drei Jahren die Ergebnisse einer Studie zu diesem Thema vorstellten (LJ 4/2015, S. 3) — und aus dem wir im Folgenden quasi als Versuch einer Antwort zitieren wollen:

[…] Zu denken geben sollte diesen aber die Doktorarbeit der Wiener Wissen­schafts­forscherin Lisa Sigl, in der sie untersuchte, wie sich die prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse junger Biowissenschaftler auf deren Forschungstätigkeit auswirken. Sigl beleuchtet zunächst die verschiedenen Unsicherheitsfaktoren, die das Leben der jungen Biowissenschaftler prägen. Etwa die Unwägbarkeiten beim Erkenntnisgewinn, die jeder Forschung innewohnen, sowie die existentiellen Risiken, die durch die Verkettung von Zeitverträgen entstehen. Anschließend kommt sie dann zum eigentlich interessanten Punkt ihrer Dissertation: Wie gehen ihre Probanden und die Arbeits­gruppe insgesamt mit dieser Belastung um und welchen Einfluss hat sie auf die Ausrichtung ihrer Forschung?

Die Wienerin beobachtete vier unterschiedliche Strategien zur Bewältigung des auf den Forschern lastenden Drucks. Die erste und unter Biowissenschaftlern sehr beliebte Variante bezeichnet sie als Clan-Verhalten: Die Gruppe ordnet sich dem dominanten Labor- oder Gruppenleiter unter, der nicht nur die wissenschaftliche Ausrichtung der Gruppe bestimmt, sondern auch die finanziellen Mittel verteilt. Entsprechend groß ist seine Macht, aber auch seine soziale Verantwortung gegenüber den Gruppenmit­glie­dern. Klar, dass hier jedes Mitglied der Arbeitsgruppe versucht, dem Chef nicht unbe­dingt ans Bein zu pinkeln.

Die zweite Bewältigungsstrategie, das zusammenarbeitende Kollektiv, ist sicher die sympathischste Variante, die aber durch den zunehmenden wissenschaftlichen und ökonomischen Druck im Labor immer seltener anzutreffen ist. Bei dieser Form mit flachen Hierarchien und einem häufigen Erfahrungsaustausch unter den Wissen­schaft­lern steht die Gruppenarbeit im Vordergrund.

Und jetzt kommt der Teil, der für die Beantwortung der obigen Frage womöglich am interes­san­testen ist:

Mit zunehmender Forschungserfahrung treten bei Doktoranden und Postdocs neben diesen beiden gemeinschaftlichen, zwei weitere, individuelle Strategien zu Tage: die Manager- und die Tricksterstrategie.

Der Manager verwaltet seine Forschung und versucht die akademische Karriereleiter mit möglichst geringem Risiko emporzusteigen. Für diesen Jungforscher-Typus steht nicht die Forschung selbst, sondern das Karriere-Risikomanagement der Forschung im Vordergrund. Der Trickster hingegen versucht seine prekäre Situation „auszutricksen“ und versteckt seine eigenen Projekte hinter verklausulierten Anträgen, um an Geld heranzukommen. Trickster sind unter Biowissenschaftlern aber eher selten anzutreffen.

Die prekäre Lebenssituation von jungen Biowissenschaftlern fördert also, so das Fazit von Sigl, vermehrt Clan-Verhalten und Wissenschaftler, die vorwiegend Risikomana­ge­ment betreiben. Jungforscher, die aus reiner Neugier riskanten aber spannenden wis­sen­schaft­lichen Fragen und Projekten nachgehen, bringt das aktuelle Wissen­schafts­sys­tem hingegen immer seltener hervor.

Gut, die Schlussfolgerung geht damit in eine andere, mindestens ebenso spannende Richtung. Aber könnten Sigls Erkenntnisse hinsichtlich des Strategiewechsels bei zunehmender „System­erfahrung“ nicht auch eine Antwort auf die obige Eingangsfrage liefern — wenigstens in Teilen? Oder gibt es noch andere Aspekte, die dabei mitspielen, dass die „Bosse“ von heute nichts von dem ändern, worüber sie einst als Doktoranden und Postdocs selbst noch heftig meckerten?

Ralf Neumann

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