Kultursache Forschung?

16. Februar 2022 von Laborjournal

Naturwissenschaften sind objektiv. Ihre grundlegenden Erkenntnisse gelten unabhängig von Ort und Zeit. Eine Kinase phosphoryliert – ob in Honolulu, Honkong oder Horb am Neckar. Auch die Schwerkraft wirkt – zum Glück – auf Erden immer und überall. Das ist so, da gibt es nichts zu deuteln. Und auch die größten kulturellen Unterschiede ändern nicht die Bohne daran.

Ganz im Gegensatz zu gewissen Gepflogenheiten in Gutachterei und Forschungsförderung. Bisweilen kann man nur staunen, wie all die Kräfte, die aus der naturwissenschaftlichen Forschung gnadenlos verbannt sind, plötzlich wieder entfesselt werden. Auf einmal treibt er hier wieder sein Spiel, der „subjektive Faktor“.

Da werden Urteile abgegeben, Meinungen geäußert, es wird taktiert und spekuliert, bisweilen intrigiert – und wichtiger als Daten ist oftmals die Rhetorik. Da begegnet man Platzhirschen, Seilschaften, Lobbygruppen – und sogar ganzen „Forschungskulturen“, denen ein Projekt nun einmal passt oder eben nicht.

Zu negativ? Vielleicht überspitzt, okay! Aber wie sonst ist beispielsweise die folgende – wieder einmal wahre – Begebenheit zu erklären? Nach langen erfolgreichen Jahren in England kam ein deutscher Forscher als Arbeitsgruppenleiter an ein deutsches Institut. Und mit einem Schlag – es war wie verhext – wurden alle seine Anträge abgelehnt. Über Jahre hinweg.

Logisch, dass des Forschers Frust stieg und stieg. Als er fast schon resignierte, sollte er aber doch noch Glück haben …

Ein alter Freund aus der Zeit in England war in einem anderen europäischen Land zu einem richtigen „Boss“ aufgestiegen. Und der sorgte nun dafür, dass unser Forscher einen Ruf an sein Institut erhielt. Zugleich riet er ihm, schon vor dem Umzug Anträge an die nationale Förderorganisation seiner neuen Forschungsheimat zu schicken. Da es eilig war, reichte unser Forscher einfach seine abgelehnten deutschen Anträge in leicht modifizierter Form ein – und erhielt die höchste Bewilligung im gesamten Land.

„Objektiv“ kann man wohl kaum zu derart unterschiedlichen Bewertungen von ein und demselben kommen. Was unserem Forscher demnach vielmehr passierte: Er hatte die „Kultur“ gefunden, die zu seiner Forschung passt.

Ralf Neumann

(Illustr.: N. Dzhola)

 

Des Forsche iss gefährlisch — Helau!

20. Februar 2012 von Laborjournal

Unser Chefredakteur ist gebürtiger Mainzer. Und zum Rosenmontag musste er als solcher jetzt doch mal der starken Prägung nachgeben, dass alles, was „Meenzer“ zu dieser Zeit von sich geben, immer schnell nach Büttenrede klingt. Also — „wolle mer’n roi losse“: 

Forschers Fassenacht

Ihr liebe Leut, isch sachs Eusch ehrlisch:
Des Forsche iss gefährlisch.
Da siehste in dei’m Eppi dick Aktivitääät.
Die putzte wochelang bis nachts ganz spääät.
Am Ende prangt im Gel e fette Band,
nur ahn Versuch noch, ganz am Rand…
Doch ausgereschent der zeischt Dir ganz klar,
dass alles nur en bleeder Irrtum war.
Des Manuskript werd gleisch gelöscht,
e anneres Projekt werd überlescht.
Aach wenn des Selbstbewusstsein wackelt,
do werd net lang gefackelt,
denn wenn’s mit Resultate net so geht,
werd ei’m gleisch de Geldhahn zugedreht.
Und wenn de dann kaa Seilschaft hast,
dann war’s des midde Forscherei schon fast.
Dann kannste noch ins Ausland gehn,
zwar net nach Harvard, aber v’lleischt Athen.
Doch halt, des Forsche iss da werklisch rauh.
Und Fassenacht gibt’s aach kaa — Naa! Helau!

Seil oder nicht Seil,…

13. April 2011 von Laborjournal

Neben Politik und Wirtschaft ist sicherlich die Wissenschaft das dritte große Seilschaften-Dorado

…, so stand es unlängst in einem Essay zu lesen.

Wundert ja auch nicht wirklich. Wo man hinsichtlich Begutachtungen, Berufungen, Fördermitteln, Evaluationen, Zitierungen etc. derart von „Peers“ abhängig ist, da wird man ja förmlich gedrängt zu Cliquenbildung, Gschaftlhuberei, Günstlingswirtschaft, Zitierkartellen,… — und eben Seilschaften.

Wie so eine „Seilschaft“ im deutschen Forschungswesen operieren kann — oder besser, was sie anrichten kann — hat der Agrarwissenschaftler Uwe Schleiff am eigenen Beispiel aufgeschrieben.

Klar, es ist der subjektive Bericht eines „Opfers“ — aber vielleicht wird so mancher gerade deswegen Teile davon wiedererkennen…

(Foto: iStockphoto/tma1)
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