„Bitte publik machen, aber ohne meinen Namen!“

13. März 2019 von Laborjournal

In schöner Regelmäßigkeit bekommen wir anonyme Zuschriften. Mehr noch aber solche, in denen die Schreiber sich zwar zu erkennen geben, aber darum bitten, unbedingt ihre Anonymität zu wahren, falls wir über das von ihnen angeprangerte Thema berichten würden.

In all diesen Fällen brennt den Schreibern „ihr“ Thema so fürchterlich auf den Nägeln, dass sie der Meinung sind, man müsse die entsprechenden Missstände (oder gar ihre eigenen „schlimmen, aber durchaus typischen“ Fälle) unbedingt in der gesamten Forschungsszene bekannt machen. Klar, deswegen schreiben sie uns ja. Aber ihren Namen — nein, den wollen sie dann um Himmels willen nicht in dem Artikel stehen sehen.

Beispielsweise kam vor einiger Zeit im DIN A4-Kouvert ein ganzer Packen vermeintliches „Beweismaterial“, mit dem der anonyme Absender Datenmanipulationen in gleich mehreren Veröffentlichungen als klar belegt ansah. Im Begleitbrief drängte der „Whistleblower“ geradezu, dass wir „diese wichtige Sache“ unbedingt verfolgen und öffentlich machen sollten. Und am Schluss dann der typische Absatz:

Wie Sie sehen werden, sitzen die betreffenden Kollegen in politisch wichtigen Positionen und sind sehr einflussreich. Ich dagegen bin nur ein unerfahrener Doktorand […] und arbeite selbst noch am Ort des Geschehens. Aus diesem Grund muss ich schlimme Konsequenzen befürchten, wenn ich „den Mund aufmache“ — und möchte deswegen unbedingt anonym bleiben.

Viele werden jetzt sicher zustimmend nicken und denken: „Nur zu verständlich, dass dieser Doktorand unter solchen Umständen unerkannt bleiben möchte.“ Und wir? Wir prüften natürlich das „Beweismaterial“. Doch wie schon dutzende Male zuvor entpuppte sich der Anfangsverdacht am Ende als lauwarmes Lüftchen.

Ein anderes, ähnliches Beispiel im Originalzitat:

Ich möchte Sie gerne anregen, ein kürzlich publiziertes, deutlich retuschiertes Bildplagiat als „abschreckendes Beispiel“ in Ihrer Zeitschrift zu diskutieren und eventuell Kontakt mit den Autoren beziehungsweise dem Verlag aufzunehmen. Mir ist aus ziemlich sicherer Quelle bekannt, dass Abb. 1 in X et al. das Original und Abb. 4 in Y et al. (obwohl zuerst publiziert) eine „Raubkopie“ darstellt. Überzeugen Sie sich selbst!

Da ich anonym bleiben möchte, bitte ich Sie freundlich, nicht nach meiner Identität zu recherchieren. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie den Fall aufnehmen würden.

In diesem „Fall“ bestätigte sich der Anfangsverdacht auf ziemlich krasse Weise.

Es sind aber bei weitem nicht nur potenzielle Paper-Fälschungen, die uns anonyme Post oder wenigstens den Wunsch nach Anonymität bescheren. Im folgenden Beispiel bekamen wir etwa als Nachgang zu einem komplexen Artikel über seltsame Machenschaften und Machtverhältnisse in einem bestimmten Institut weitere Informationen angeboten, die nach Meinung des Absenders die gesamte Angelegenheit womöglich in einem anderen Licht aufleuchten lassen würden. Wörtlich schrieb er:

Ich kann Ihnen alles darüber erzählen, falls Sie interessiert sind, eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Allerdings müssen sie mir zuvor absolute Anonymität garantieren. Ich mache mir sicherlich nicht zu Unrecht Sorgen über die möglichen Konsequenzen, wenn ich von gewissen einflussreichen Leuten, die aus welchen Gründen auch immer die andere Seite unterstützen, als derjenige identifiziert werde, der Ihnen dies „verraten“ hat.

Das Angebot, seine Sicht der Dinge selbst in einem anonymisierten Leserbrief darzulegen, lehnte der „Informant“ am Ende leider doch lieber ab.

Einige Monate zuvor dagegen hatten wir einen anderen „Anonymus“ doch überzeugen können, seine Geschichte ohne Namensnennung in unserem Heft zu veröffentlichen (siehe hier, S 21 ff.). In dem Artikel beschrieb er schließlich die ziemlich abstruse Ablehnung eines seiner Forschungsanträge, den er im Rahmen einer Förderinitiative des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft eingereicht hatte.

Bereits in seiner ersten Mail hatte „Anonymus“ gedrängt:

Ich möchte […] gerne anonym bleiben, da ich Nachteile für mich und meine Arbeitsgruppe befürchte, wenn meine Identität bekannt werden würde.

Und als er schließlich die von der Redaktion überarbeitete Endversion nochmals vorgelegt bekam, schrieb er weiterhin besorgt:

Eine Frage hätte ich noch: Könnte jemand Sie, also die Redaktion des Laborjournals, über den Rechtsweg zur Nennung des Autorennamens zwingen?

„Nein, der Informantenschutz ist heilig“, hatte unser Chefredakteur damals gedacht. Dennoch fragte er sicherheitshalber nochmals bei unserem Medienanwalt nach. Und der bestätigte endgültig:

Sie können ihn beruhigen. Das fällt unter das Schweigerecht der Redaktion und kann auch gerichtlich nicht erzwungen werden.

Gut, dass wir alle das hiermit jetzt wissen.

Warum wir das alles aber primär hier schreiben: Was bei all diesen Beispielen bleibt, ist das wirklich ungute Gefühl, dass in unserem Forschungsbetrieb offenbar viele Leute ganz erhebliche Angst vor möglichen Repressalien haben, wenn sie nur ein bisschen Meinung namentlich publik machen wollen. Oder wenn sie völlig berechtigt und in guter Absicht auf mögliche Missstände hinweisen wollen. Und diese verbreitete Angst wirkt umso befremdlicher, da doch gerade Wissenschaft und Hochschulen die freie Meinungsäußerung samt offenem Diskurs mit als ihre höchsten Güter proklamieren.

Dennoch ist die Angst vor offener Meinungsäußerung da. Wir spüren sie immer wieder. Siehe oben.

Ralf Neumann

(Der Beitrag erschien in leicht anderer Version bereits als Editorial in unserer Printausgabe LJ 6/2016.)

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Ein Gedanke zu „„Bitte publik machen, aber ohne meinen Namen!““

  1. Vermutlich ist einer der Faktoren, der diese Angst befeuert, der gleiche der die grundsätzliche Zukunftsangst in Wissenschaftlern antreibt: die geringe Aussicht auf eine feste Anstellung in der Wissenschaft. Kleinste Fehler und man sieht sich schon als Taxifahrer enden. Es ist diese erbarmungslose Konkurrenz, die Leute mit Ellenbogenmentalität in die leitenden Positionen bringt, die gewiefte Taktierer bevorzugt und die Verzweifelte zur Datenmanipulation bringt.

    An diesem Konkurrenzdenken wird, wenn wir es nicht schaffen es einzudämmen, nicht nur unsere Wissenschaft, sondern auch unsere Gesellschaft letztlich zugrunde gehen, denn sie basiert auf Kooperation *und* Konkurrenz. Wer einen Faktor weglässt, hat nichts verstanden.

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