Verstehen wir uns noch?

9. Januar 2018 von Laborjournal

Denn sie wissen nicht, was sie tun. — Viele dürfte diese Zeile unmittelbar an den gleichnamigen Filmklassiker mit James Dean erinnern. Heute könnte sie jedoch auch für einen großen Teil biomedizinischer Forschung gelten.

Wobei man hier ein klein wenig wie folgt präzisieren müsste: „Denn sie wissen nicht mehr, was der andere tut.“ Bittere Konsequenz dessen, dass in vielen Gebieten die einzelnen Veröffentlichungen immer komplexer werden.

Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür schilderte kürzlich Dorothy Bishop von der Oxford University in ihrem „BishopBlog“. In dem entsprechenden Beitrag klagt sie, dass sie die Publika­tionen ihrer Kollegen immer weniger versteht, sobald sie auch nur ein klein wenig über ihren eigenen Tellerrand hinausschaut. Sie schreibt:

Für eine Art Meta-Analyse über die Anwendung bestimmter statistischer Methoden studierte ich zuletzt eine Reihe von neurowissenschaftlichen Artikeln“, schreibt sie. „Einige davon musste ich stundenlang lesen und wieder lesen, bis ich endlich verstan­den hatte, welches überhaupt die statistisch relevantesten Ergebnisse waren.

Und dann schwenkt sie auf den eigentlich beunruhigenden Punkt um:

Mir scheint daher, dass in manchen Feldern die Zahl der Kollegen, die derart komplexe Paper überhaupt noch umfassend und kompetent begutachten können, extrem zusammenschnurrt.

Selbst gute und engagierte Editoren würden daher irgendwann kaum noch Reviewer mit voll­um­fäng­lich ausreichender Expertise auftreiben können. Und umgekehrt würde es den meisten immer stärker widerstreben, solch hochkomplexe Studien zu prüfen, wenn sie derart viel Substanz jenseits der eigenen Expertise enthalten.

Und Frau Bishop ist mit solchen Befürchtungen keineswegs allein. Bereits 2013 fragte Diethard Tautz, Direktor am Plöner Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, in einem Essay für Labor­journal:

Lesen wir noch, was andere schreiben? Ja, verstehen wir uns überhaupt noch?

Und er erzählte folgendes Beispiel:

Ich musste kürzlich so ein „Big Data“-Paper für ein angesehenes Journal begutachten. Es hatte 60 Autoren und präsentierte ein Feuerwerk an intelligenten Auswertungen, Statistiken und Modellierungen. Etwas seltsam war der modulare Aufbau. Die einzelnen Teile des Papers waren offensichtlich von unterschiedlichen Autoren geschrieben worden, jeder ein Spezialist für sein Feld mit einem eigenen Sprachstil und wenig Bezug zu den anderen Modulen. An ein paar ‚Kleinigkeiten‘ wie fehlenden Übergängen und unvollständigen Sätzen war zu erkennen, dass die meisten der Autoren offen­sicht­lich ihr eigenes Paper nicht vollständig gelesen haben konnten — denn zumindest einem von den 60 hätte so etwas doch auffallen müssen. Haben auch Autoren gar keine Zeit mehr zum Lesen oder ist das der Beginn der Sprachverwirrung? Auch als Gutachter konnte ich nur einen Teil kompetent begutachten, den Rest nur auf Plausibilität prüfen. Und ich vermute, dass es den anderen Gutachtern ebenso ging.

Und er schloss:

Natürlich wurde es publiziert — und ich darf annehmen, dass es so gut wie keinen Leser mehr gibt, der wirklich alles davon versteht. Wenn das so weiter geht, dann sind wir bald nahe an dem Punkt,… dass keiner des andern Sprache verstehe!

Wobei das letztere Zitat jetzt nicht aus der Filmwelt kommt.

Ralf Neumann

 

„Können wir die Sache nicht einfach vergessen?“

10. Juli 2015 von Laborjournal

Vor gut drei Jahren berichteten wir an dieser Stelle über den Chirurgen und Adipositas-Spezialisten Edward Shang, der mehrere Publikationen wegen erfundener oder manipulierter Daten zurückziehen musste. Daraufhin verlor Shang seine Professur für Bariatrische Chirurgie am Universitätsklinikum Leipzig, und die Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg entzog ihm die einst verliehene Lehrbefugnis (venia legendi).

Diese Woche nun erhielten wir in diesem Zusammenhang folgende Email-Anfrage des Dienstleisters „deinguterRuf“:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich kontaktiere Sie im Namen unseres Kunden Edward Shang. Unser Webangebot deinguterruf.de hat sich zur Aufgabe gemacht die Onlinereputation unserer Kunden zu schützen. Konkret heißt das, wir suchen mit Hilfe einer speziellen Suchsoftware nach allen verfügbaren Einträgen über und von unseren Kunden im Internet. Bei Bedarf bieten wir unseren Kunden auch die Möglichkeit bei nicht mehr aktuellen, relevanten oder ungewünschten Einträgen im Internet die jeweiligen Webseitenbetreiber zu kontaktieren und diese um Entfernung der Einträge zu bitten.

In diesem konkreten Fall handelt es sich um einen Eintrag auf Ihrer Seite laborjournal.de. Unser Kunde wird in einem älteren Artikel genannt.

laborjournal.de/blog/?p=4566

Unserem Kunden ist es ein wichtiges Anliegen diesen Artikel geprüft und eventuell um seinen Namen gekürzt zu sehen. Bitte beachten Sie, dass diese Vorgänge einige Jahre zurück liegen und das berufliche und private Leben von Herrn Shang erheblich beeinträchtigen.

Wir hoffen Sie kommen dem Wunsch unseres Kunden nach.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Für Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,

[…Name…]
DEIN GUTER RUF.DE
Ein Projekt der MoveVision GmbH

 

Wir in der Redaktion prüften diese Anfrage sofort. Diesen Beitrag weiterlesen »

Forscher sein ist manchmal schwer… (3)

12. Juni 2015 von Laborjournal

Und der nächste Streich von Leonid Schneider:

Kooperationen klappen — oder nicht!

23. April 2014 von Laborjournal

Folgende Anekdote gestern am Telefon gehört [Namen geändert!]:

Forscher Müller hat eine Kooperation mit Meier. Eines Tages erhält Müller überraschend ein Manuskript von Meier. Er finde, dass die gemeinsamen Daten inzwischen für eine „nette, kleine Publikation“ reichen, schreibt Meier dazu. Müller findet das nicht. Er schreibt zurück, dass er lieber noch die ein oder andere Testreihe durchziehen wolle, um der „Story“ mehr Substanz zu verleihen. Meier entgegnet, dass dies seiner Meinung nach unnötig sei — die Geschichte wäre auch so schon klar. Und überhaupt habe dessen Gruppe ja nur etwa zwanzig Prozent zum aktuellen Manuskript beigetragen. Wenn er die jetzt wieder rausnehme und ein paar kleine Experimente selber mache, könne er das Paper auch gut ohne ihn veröffentlichen. „Tu, was Du nicht lassen kannst“, schreibt Müller sinngemäß zurück — und schmeißt das Manuskript in den Müll.

Einige Wochen später erhält Müller Post vom Journal of Any Results. Darin ein Manuskript samt einem Brief mit der Bitte, es für eine mögliche Publikation zu begutachten. Korrespondierender Autor des Manuskripts:… Meier.

Wie er jetzt mit dem Manuskript verfahren werde, wisse er noch nicht, erzählte uns Müller. Wahrscheinlich werde er es aber zurückschicken — mit dem Hinweis, dass er es wegen Befangenheit nicht begutachten kann.

Und die Moral von der Geschicht‘: Kooperationen klappen — oder nicht!

(Illustration: graphicgeoff / Fotolia.com)

 

Faulheits-Ranking für Profs?

14. September 2012 von Kommentar per Email

Folgende E-Mail erreichte die Laborjournal-Redaktion:

Gerade lese ich, dass sich 300 BWL-Professoren gegen eine seriöse Evaluierung ihrer Arbeit ausgesprochen haben. Dabei erinnerte ich mich, dass Laborjournal schon lange diese interessanten Köpfe-Rankings für die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen durchführt.

Diese Professoren-Rankings sind eine tolle Sache, weil in den einzelnen Disziplinen der internationale Vergleich möglich wird und dabei auch Spitzenbereiche sichtbar werden.

Nun kenne ich aber selbst einen verbeamteten Professor, der seit 2008 nicht mehr publiziert hat, den Staat aber jedes Jahr — sage ich mal — mehr als 80 k€ pro Jahr kostet, also 400 k€ in den fünf Jahren.

Ich finde daher, es sollte ebenfalls ein Negativ-Ranking eingeführt werden — nicht zuletzt auch, um die Verbeamtung der Universitäts-Professoren mal wieder in Frage zu stellen. Insbesondere für solche Fälle.

Hmm, Meinungen dazu?

(Illustration: Werner Dreblow – Fotolia.com)

Zitat des Monats (11)

18. Mai 2012 von Laborjournal

Chris Said, Center for Neural Science an der New York University, warnt in seinem Blog The File Drawer vor zunehmender Voreingenommenheit bei Erstellung, Interpretation und Publikation von Forschungsergebnissen:

Scientific journals favor surprising, interesting, and statistically significant experimental results. When journal editors give preferences to these types of results, it is obvious that more false positives will be published by simple selection effects, and it is obvious that unscrupulous scientists will manipulate their data to show these types of results. These manipulations include selection from multiple analyses, selection from multiple experiments (the “file drawer” problem), and the formulation of ‘a priori’ hypotheses after the results are known. While the vast majority of scientists are honest individuals, these biases still emerge in subtle and often subconscious ways.

Nepper, Schlepper, Forscherfänger

8. Juli 2011 von Kommentar per Email

„Liebe Laborjournal-Redaktion,

ich wende mich an Sie, weil ich gestern einen dubiosen Anruf von jemandem bekommen habe, der offensichtlich versucht, Wissenschaftler mit der Verlockung einer ganz dringend erforderlichen Publikation in einem ganz wichtigen Organ zur Bezahlung von € 9.000 zu überreden.

Die Geschichte ging in etwa so: Kurz vor 18 Uhr — ich war schon in Eile, um mich auf den Weg nach Hause zu machen und dort meine Kinderbetreuung abzulösen — klingelt das Institutstelefon. Eine anonyme Nummer. Der Englisch-sprechende Anrufer erkundigt sich: Sind Sie Professor Lunger, Leiterin der Abteilung Neurobiologie [Name und Abteilung geändert, die Red.]? Es folgt eine Erklärung des Anrufers, er arbeite für ein Publikationsorgan (Zeitung? Buch?) des Public Service Review. Dieses würde daran mitwirken, Entscheidungsträger der EU darüber aufzuklären, in welche Forschungsgebiete diese zukünftig mehr Geld stecken müsse. Und das treffe für mein Fachgebiet ja zweifellos zu. Diesen Beitrag weiterlesen »

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