„Können wir die Sache nicht einfach vergessen?“

10. Juli 2015 von Laborjournal

Vor gut drei Jahren berichteten wir an dieser Stelle über den Chirurgen und Adipositas-Spezialisten Edward Shang, der mehrere Publikationen wegen erfundener oder manipulierter Daten zurückziehen musste. Daraufhin verlor Shang seine Professur für Bariatrische Chirurgie am Universitätsklinikum Leipzig, und die Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg entzog ihm die einst verliehene Lehrbefugnis (venia legendi).

Diese Woche nun erhielten wir in diesem Zusammenhang folgende Email-Anfrage des Dienstleisters „deinguterRuf“:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich kontaktiere Sie im Namen unseres Kunden Edward Shang. Unser Webangebot deinguterruf.de hat sich zur Aufgabe gemacht die Onlinereputation unserer Kunden zu schützen. Konkret heißt das, wir suchen mit Hilfe einer speziellen Suchsoftware nach allen verfügbaren Einträgen über und von unseren Kunden im Internet. Bei Bedarf bieten wir unseren Kunden auch die Möglichkeit bei nicht mehr aktuellen, relevanten oder ungewünschten Einträgen im Internet die jeweiligen Webseitenbetreiber zu kontaktieren und diese um Entfernung der Einträge zu bitten.

In diesem konkreten Fall handelt es sich um einen Eintrag auf Ihrer Seite laborjournal.de. Unser Kunde wird in einem älteren Artikel genannt.

laborjournal.de/blog/?p=4566

Unserem Kunden ist es ein wichtiges Anliegen diesen Artikel geprüft und eventuell um seinen Namen gekürzt zu sehen. Bitte beachten Sie, dass diese Vorgänge einige Jahre zurück liegen und das berufliche und private Leben von Herrn Shang erheblich beeinträchtigen.

Wir hoffen Sie kommen dem Wunsch unseres Kunden nach.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Für Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,

[…Name…]
DEIN GUTER RUF.DE
Ein Projekt der MoveVision GmbH

 

Wir in der Redaktion prüften diese Anfrage sofort. In dem angesprochenen Blogbeitrag erläuterte unser Chefredakteur Ralf Neumann damals jedoch lediglich entsprechende offizielle Mitteilungen und Retraction Notes der Journals sowie die Pressemeldungen der Universitäten Leipzig und Mannheim. Sämtliche für Edward Shangs Ruf „ungünstig klingende“ Passagen bezogen sich ausschließlich auf diese Quellen. Diese sind auch weiterhin öffentlich auf den entsprechenden institutionellen Webseiten einsehbar und damit als gültig einzustufen (siehe etwa hier und hier). Unbestätigte oder nicht mehr zutreffende Anschuldigungen wurden im Blogbericht nirgendwo erhoben. Warum sollten wir diesen dann entfernen?

Vielleicht ist dieser Vorstoß unter anderem auch durch Folgendes motiviert: Seit dem Beschluss der EU-Justizminister und der Entscheidung des EU-Gerichtshofs in Luxemburg haben europäische Bürger das Recht, persönliche Daten im Internet löschen zu lassen — beziehungsweise diese aus den Einträgen der Internetsuchmaschinen Google und Co. entfernen zu lassen. Man nennt das auch: „Recht auf Vergessenwerden“. Nur sind damit eigentlich eher Privatinformationen und Image-Schädigendes — wie etwa Fotos von jugendlichen Alkoholexzessen auf Facebook-Seiten, oder Ähnliches — gemeint.

Hat aber vielleicht dennoch der immer noch aktive Chirurg Edward Shang auch in diesem speziellen Fall ein solches „Recht auf Vergessenwerden“? Die akademische Forschung musste er ja „im gegenseitigen Einvernehmen“ verlassen — weswegen er nun als Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie vorwiegend Adipositas-Patienten in einer Münchener Privatpraxis operiert. Geht es Shang also vor allem darum, dass seine Patienten keine solch „unschönen“ Sachen über ihren Herrn Doktor zu lesen bekommen, wenn sie seinen Namen googlen? Es ging dabei ja auch um etwas ganz anderes, nämlich um seine Tätigkeit als klinischer Forscher an der Universität. Etwas rein Akademisches also, oder?

Nicht ganz. Man kann die klinischen Publikationen eines Arztes sicher auch als Selbstzweck zur Förderung des eigenen akademischen Erfolgs definieren — gewiss sehen das manche so. Eine (oft mit öffentlichen Geldern finanzierte) klinische Studie hat jedoch vor allem das Ziel, die medizinische Versorgung der Patienten zu verbessern. Mit den daraus entstehenden klinischen Publikationen teilen die Betreiber der Studien den Kollegen folglich mit, wie man Krankheiten besser versteht, erkennt oder behandelt. Logisch, dass falsche Angaben da schnell auf Kosten der Patientengesundheit gehen können.

Aus den Texten der Retraction Notes und der Universitätsmitteilungen geht nun vor, dass Edward Shang für einige seiner medizinischen Publikationen offenbar Patienten rein erfunden hatte — und dazu noch andere falsche Angaben getätigt hatte, bis hin zum „Einschluss betrügerischer Daten“. Damit nahm Shang auch die konkrete Schädigung von Patienten in Kauf, wenn etwa ahnungslose Kollegen ihre Therapien nach Shangs gepfuschten Studien ausrichteten. Außerdem verschaffte sich Shang durch solche manipulierten Veröffentlichungen auf unlautere Weise akademische Qualifikationen, die ihm die Berufung zum Professor und Kliniksektionsleiter letztlich mit ermöglichten. Als solcher bekam er dann letztlich in Leipzig eine Verantwortung für Patienten übertragen, die seiner tatsächlichen Qualifikation womöglich gar nicht entsprach.

Was sagt da nochmal der berühmte Eid des Hippokrates, auf den Ärzte gern verweisen? „Ich werde ärztliche Verordnungen treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil“, heißt es da. „Hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden.“ Shang hatte also keine Bedenken, Patenten zu gefährden, als er falsche oder erfundene medizinische Studienergebnisse in die Welt setze, nur um der eigenen Karriere auf die Sprünge zu helfen.

Zumindest solange Dr. Shang als Arzt tätig ist, sollten seine potentiellen Patienten daher die Möglichkeit haben, sich über seine mehr als bedenklichen Aktivitäten als klinischer Forscher zu informieren — egal wie lange sie zurückliegen. Aus diesem Grund können wir leider dem Wunsch von „deinguterRuf“ nach Löschung unseres damaligen Berichts darüber nicht nachkommen.

Foto: Sheepworld

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Ein Gedanke zu „„Können wir die Sache nicht einfach vergessen?““

  1. Leonid Schneider sagt:

    Interessanterweise wird Dr. Shang auch explizit in seiner Tätigkeit als Chirurg an der Münchener Klinik Rinecker kritisiert: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-120780532.html

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