Ameisen waren schon zu Dinozeiten eusozial

2. März 2022 von Laborjournal

Zum Glück tropfte vor Urzeiten viel Harz von den Bäumen. Des öfteren fror es dabei mit einem knappen „Blob“ kleine Erdbewohner mitten in ihren Alltagsverrichtungen ein, wurde anschließend zu festem Bernstein und konservierte den Urwelt-Schnappschuss auf diese Weise bis zum heutigen Tage.

Ein ebensolches Glück ist es, dass mittlerweile tolle Methoden zur Verfügung stehen, mit denen man solche Fossilien direkt im Bernstein hochauflösend untersuchen kann. Genau dies tat jetzt ein internationales Team unter Federführung von Zoologen und Evolutionsbiologen der Universität Jena: Mittels Mikro-Computertomographie durchscannte es einen Bernstein-Blob aus der Kreidezeit – und darin mit besonders hoher Auflösung vier wunderbar erhaltene Ameisen (Zool. J. Linn. Soc., doi: 10.1093/zoolinnean/zlab097).

 

Abbildung 1 aus dem im Text erwähnten Original-Paper

 

Nicht nur die äußere Morphologie, auch den Aufbau des Gehirns, die Struktur des Nervensystems und den Verlauf der Muskelstränge konnten Erstautor Brendon Boudinot et al. auf diese Weise bis ins Detail vergleichend untersuchen – sodass sie am Ende unter anderem verkünden konnten: Zwei der erwachsenen Tiere gehören zu einer bislang unbekannten Art der ausgestorbenen Ameisen-Gattung Gerontoformica. Sie firmiert nun unter dem vollen Namen Gerontoformica sternorhabda sp. nov.

Den Clou lieferten jedoch die beiden anderen Tiere. Diese gehören zwar der bereits bekannten Spezies Gerontoformica gracilis an, bei einem davon handelte es sich jedoch um die erste nicht vollständig entwickelte Ameisenpuppe, die jemals in kreidezeitlichem Bernstein gefunden wurde. Da Ameisenpuppen sich jedoch nicht fortbewegen können, erwischte der Harz-Blob das erwachsene, flügellose Weibchen damals offenbar genau in dem Moment, als es die Puppe trug. Was die Autoren als klares Indiz dafür ansehen, dass flügellose Weibchen schon in der Kreidezeit kooperativ waren – und es sich bei ihnen demnach um echte „Arbeiterinnen“ handelte.

Boudinot fasst das folgendermaßen zusammen:

Dieser sogenannte Bruttransport ist ein einzigartiges Merkmal des arbeitsteiligen Zusammenlebens von Ameisen. Das Fossil liefert somit den ersten materiellen Beweis für kooperatives Verhalten aus der Kreidezeit.

Der Bernstein-Schnappschuss aus der Kreidezeit legt daher nahe, dass Ameisen bereits damals in einem arbeitsteiligen eusozialen System lebten – mit den drei Kasten, wie wir sie von deren heutigen Nachfahren kennen: Geflügelte Weibchen legen als Königinnen die Eier, die Männchen befruchten sie, und die flügellosen Arbeiterinnen kümmern sich um Nachwuchs, Nahrung und Nestbau.

Das eusoziale Kastenwesen der Ameisen hätte sich demnach schon vor über 100 Millionen Jahren entwickelt. Zu einer Zeit also, als die Dinosaurier noch lange auf Erden wandeln sollten.

Ralf Neumann

 

Der gute, alte Journal Club

4. Juli 2018 von Laborjournal

Wer geht denn noch in den Journal Club? Ja, gibt es diese Veranstaltung überhaupt noch überall?

Nun, wenigstens die Älteren sollten diese wöchentliche Routineveranstaltung aus ihrer Diplom- und Doktorandenzeit noch kennen. Der Autor hatte etwa an seinem Ex-Institut immer montags um 12 Uhr Journal Club. Was jede Woche für ein bisweilen skurilles Schauspiel sorgte: Einer nach der anderen kam am Montagmorgen meist noch wochenendmüde ins Institut, schlurfte ziemlich unmotiviert ans schwarze Brett, las gelangweilt den Titel des anstehenden Journal Clubs — und trabte noch weniger begeistert wieder ab. Jedenfalls die meisten. Und gesehen hat man dann um 12 Uhr nur wenige.

Ja, so haben viele den guten, alten Journal Club wohl als lästige Institutsroutine im Kopf, die einen nur von den ach so wichtigen Experimenten abhält.

Aber hat der Journal Club das verdient? Wohl nicht wirklich, denn wo sonst kann man besser lernen, die Qualität von Publikationen zu beurteilen. Gerade heute gibt es wahrscheinlich mehr wundervolle Paper als jemals zuvor in der Geschichte der Biowissenschaften — und es ist unglaublich lohnend herauszuarbeiten, warum diese Paper so wundervoll sind. Genauso gibt es heute so viele wirklich furchtbare Paper wie noch nie zuvor in der Geschichte der Biowissenschaften — und es lohnt sich sehr darüber zu sprechen, warum sie so furchtbar sind. Nicht zuletzt auch, da man sich nach den Erfahrungen der letzten zwei bis drei Jahrzehnte kaum noch auf die simple Faustformel „Gute Paper in guten Journals, schlechte in schlechten“ verlassen kann.

Völlig klar: Gute Artikel von schlechten zu unterscheiden zu können, gehört zu den wichtigsten Schlüsselqualitäten des fortgeschrittenen Wissenschaftlers. Gesunder Wissenschaftlerverstand alleine liefert einem diese Qualität jedoch nur bedingt — man muss sie vielmehr trainieren. Und wie? Zum einen natürlich, indem man Paper wirklich liest. Zum anderen, indem man sie diskutiert.

Und wo geht das besser als im guten, alten Journal Club?

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„Re-Inkubiert“ (2)

2. August 2013 von Laborjournal

(Urlaubszeit in der Laborjournal-Redaktion. Nicht zuletzt deshalb machen wir es in den kommenden Wochen wie das TV: Wir bringen Wiederholungen. Bis Ende August erscheint jede Woche, jeweils im Wechsel mit einem weiteren „Best of Science“-Cartoon, eine bereits in Laborjournal print publizierte Folge unserer „Inkubiert“-Kolumne. Sicher, alle schon ein wenig älter — aber eigentlich noch immer aktuell.)

 

Gehen Sie noch regelmäßig in den Journal-Club? Falls es diese Veranstaltung bei Ihnen überhaupt noch gibt? Nun, wenigstens aus der Diplom- und Doktorandenzeit sollte jeder diese wöchentliche Routineveranstaltung noch kennen. Der Autor hatte etwa an seinem Ex-Institut immer montags um 12 Uhr „Journal-Club“. Was jede Woche für ein bisweilen skurilles Schauspiel sorgte: Einer nach der anderen kam Montag morgens meist noch wochenendmüde ins Institut, schlurfte ziemlich unmotiviert ans schwarze Brett, las gelangweilt den Titel des anstehenden JCs, und trabte noch weniger begeistert wieder ab — jedenfalls die meisten. Und gesehen hat man dann um 12 Uhr nur wenige. Ja, so haben viele den guten, alten Journal-Club wohl als lästige Institutsroutine im Kopf, die einen nur von den wichtigen Experimenten abhält. Das hat er nicht verdient; denn nirgendwo sonst lernt man besser die Qualität von Publikationen zu beurteilen. Gerade heute gibt es wahrscheinlich mehr wundervolle Paper als jemals zuvor in der Geschichte der Biowissenschaften — und es ist unglaublich lohnend herauszuarbeiten, warum diese Paper so wundervoll sind. Und gerade heute gibt es so viele wirklich furchtbare Paper wie noch nie zuvor in der Geschichte der Biowissenschaften — und es lohnt sich sehr darüber zu sprechen, warum sie so furchtbar sind. Nicht zuletzt auch, da man sich nach einigen Ereignissen und Schlagzeilen der letzten Jahre auf die simple Faustformel „Gute Paper in guten Journals, schlechte in schlechten“ offenbar kaum noch verlassen kann. Gute Paper von schlechten zu unterscheiden gehört sicher zu den Schlüsselqualifikationen des fortgeschrittenen Wissenschaftlers — nicht nur, weil er selber welche schreiben muss. Dazu reicht gesunder Wissenschaftlerverstand alleine jedoch nur bedingt, man muss es trainieren. Und wie? Zum einen natürlich, indem man Paper wirklich liest. Zum anderen, indem man sie diskutiert. Und wo geht das besser als im guten, alten Journal-Club?

(aus Laborjournal 4-2006, Foto: © cameraman — Fotolia.com)

„Journey-to-Publication“ Clubs

30. Januar 2013 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. B. E. Wahre, Forschungszentrum Bleibfurt.

LJ: Hallo, Herr Wahre! Sie kommen aus dem Seminarraum — Journal Club gehabt?

Wahre: Genau!

LJ: Worum ging’s?

Wahre: Na ja, genau genommen hatten wir heute einen „Journey-to-Publication“ Club. Das machen wir so etwa sechs- bis achtmal im Jahr.

LJ: „Journey-to-Publication Club“, was ist das denn?

Wahre: Wenn jemand ein Manuskript endgültig akzeptiert bekommen hat, stellt der Autor alle Versionen vom ersten Einreichen bis zum finalen Paper vor. Und zusammen gehen wir dabei durch, welche Änderungen letztlich konkret zum akzeptierten Artikel geführt haben.

LJ: Okay, aber…. Entschuldigen Sie meine Offenheit — bringt das was?

Wahre: Oh ja, wir lernen jedes Mal wirklich viel dabei. Diesen Beitrag weiterlesen »

Journal Clubs gehen online

17. September 2012 von Laborjournal

Der gute alte Journal Club. Bei uns war es damals der Montag Mittag, an dem sich mal mehr, mal weniger Mitglieder des Instituts in einem schlecht belüfteten Seminarraum trafen und über ein Paper zu diskutieren versuchten, dass ein Kollege mal mehr, mal weniger spannend vorstellte.

Prinzipiell eine durchaus sinnvolle Veranstaltung — womöglich heute sogar sinnvoller denn je. Denn wie schrieben wir vor einigen Jahren in Laborjournal:

Gerade heute gibt es wahrscheinlich mehr wundervolle Paper als jemals zuvor in der Geschichte der Biowissenschaften — und es ist unglaublich lohnend herauszuarbeiten, warum diese Paper so wundervoll sind. Und gerade heute gibt es so viele wirklich furchtbare Paper wie noch nie zuvor in der Geschichte der Biowissenschaften — und es lohnt sich sehr darüber zu sprechen, warum sie so furchtbar sind. […] Gute Paper von schlechten zu unterscheiden gehört sicher zu den Schlüsselqualifikationen des fortgeschrittenen Wissenschaftlers Diesen Beitrag weiterlesen »

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