Was tun mit Mediziner-Habil und Dr. med.?

16. November 2017 von Laborjournal

In unserem aktuellen Heft 11/2017 schreiben wir ab Seite 16 unter der Überschrift „Mediziner-Habil durch Erbsenzählen“ über den Gemischtwarenladen, als der sich die hiesigen  Medizinischen Fakultäten präsentieren, wenn es darum geht, wie sie den Journal Impact-Faktor in ihre Habilitationskritierien hinein rechnen. Vielleicht war es bei dem Thema nicht zu vermeiden — aber ganz am Ende des Artikels werden schließlich Stimmen laut, dass man die Mediziner-Habilitation doch einfach ganz abschaffen und den Dr. med. zumindest stark vereinfachen könne. Konkret heißt es dort:

Unser E-Mail-Schreiber […] zieht folgendes Fazit: „Man schaffe Promotion und Habilitation in der Medizin endlich ab.“ Und quasi als Zugabe formuliert er — wenn auch etwas süffisant — einen einfachen Zwei-Punkte-Vorschlag, wie man dahin kommen könnte:

„1) Statt Promotion soll jeder Mediziner einen Dr. med. bekommen, der ein Erstautor-Paper nachweisen kann. Das zeigt doch ausreichend, dass der junge Doktor sich auch mal in eine wissenschaftliche Fragestellung verirrt hat. Alles, was sonst für die Wissenschaft wichtig ist, sollte ja bereits in einem guten Studium gelehrt worden sein. Und selbstständig wissenschaftlich arbeiten, lernt man während einer medizinischen Doktorarbeit in der Regel sowieso nicht, sondern ist nur der Gratis-Pipettierheini.

2) Statt der Habilitation gäbe es flächendeckend einen Professorentitel, wenn man zehn Paper geschafft hat — davon fünf als Erst- oder Letztautor. Dazu käme dann lediglich noch eine festzulegende Zahl von Semesterwochenstunden an Lehre, welche die Studierenden noch als ausreichend gut evaluieren müssten.“

Man stelle sich vor, wie entlastend das für unsere schuftenden Ärzte wäre, schließt er. All die gesparte Zeit käme den Patienten, der Familie — und vielleicht ja auch einer guten Lehre enorm entgegen.

Bleibt zum Abschluss noch der Kommentar eines Professors an einer deutschen Uniklinik, den wir um seine Meinung dazu baten. Dessen Antwort:

„Ich denke, eine globale Sicht auf die Dinge hilft hier weiter. Viele Länder kennen den Dr. med. für Ärzte gar nicht — eine Habilitation schon gar nicht. Und die Patienten sterben deswegen auch nicht früher, sofern genug Geld im System ist.

Man könnte also sicher auch hierzulande die Voraussetzungen schaffen, um die Habilitation zu streichen. Will man aber doch an der Habilitation festhalten — was ich befürchte, da man die Leute damit wunderbar am Nasenring hat –, ist es in keiner Weise angemessen, die Publikationen nur nach Anzahl beziehungsweise Journal Impact-Faktoren zu bewerten.“

Zum „Dr. med.“ erhielten wir daraufhin folgende Zuschrift:

Dr. med. oder nicht? Zur laufenden Diskussion um den Doktortitel für Mediziner.

Ich mache folgenden Vorschlag:

Alle Mediziner, die ihr Examen bestehen, dürfen sich „Doktor“ nennen. Sie werden im Beruf sowieso mit Herr/Frau Doktor angesprochen. „Doktor“ wäre hier also eine Berufsbezeichnung, kein Titel.

Alle diejenigen, die eine „qualifizierte“ Arbeit anfertigen, können sich einer Prüfungskommission stellen, in der auch Naturwissenschaftler vertreten sind — und sich in herkömmlicher Weise bewerten lassen. Wer eine entsprechend gute Note erhält, der darf dann den Titel „Dr. med.“ führen.

Weitere Äußerungen, Meinungen und Vorschläge zum Thema „Habil und Dr. med. in der Medizin“?

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Kommen sie schon, die Forscher aus Brexit-Country und Trump’s Nation?

12. September 2017 von Laborjournal

Spätestens seit dem Frühjahr konnte man nahezu überall nachlesen, dass England nach dem Brexit einen Brain Drain an Akademikern erleiden würde — zuletzt unter anderem hier. Bevorzugtes Ziel dieser Kandidaten: Deutschland.

Ähnliches verlautet seit diesem Jahr auch aus den USA, die ja bis dato weithin als DAS Scientific Betterland schlechthin angesehen wurden. So wurde beispielsweise erst letzten Monat der US-Bioklimatologe Ashley Ballantyne von der University of Montana folgendermaßen zitiert:

It used to be that European scientists would come to the US for opportunities. But I think the tides are turning, and there have been several really well-respected, midcareer scientists leaving for institutions in Germany and Switzerland and France [and] England. … In some respects, there’s been a bit of a reverse brain drain.

Donald Trump macht’s offenbar möglich!

Doch kommen tatsächlich Wissenschaftler aus UK oder den USA hierzulande an? Bisher scheint es dazu allenfalls anekdotische Hinweise zu geben — wie etwa denjenigen unseres Sommeressay-Autoren Stephan Feller, der uns vor zwei Wochen via E-Mail wissen ließ:

Im Moment ist gerade ein ‚Fenster offen‘, um tolle Jungforscher aus USA und UK nach Deutschland zu holen (dank Trump und Brexit). Wäre vielleicht auch mal einen Artikel wert.

Konkretes Beispiel: Wir haben in Nature eine W1 Juniorprofessur (tenure track) an der MLU Halle ausgeschrieben und erwarten alleine aus Oxford fünf bis sechs Bewerber. Die Frist ist noch nicht um, daher habe ich noch keinen Gesamtüberblick, aber mindestens ein weiterer Bewerber ist noch von einer US- Eliteuni dabei.

Tja, und weil wir jetzt wirklich ausloten wollen, ob das Thema einen Artikel wert ist, fragen wir hiermit unsere Leser: Gibt es an Ihrer Einrichtung auch bereits Anzeichen für einen derartigen Brain Gain aus den USA und dem UK? Und wenn ja, betrifft das gesteigerte Interesse tatsächlich auch Kandidaten aus den dortigen Elite-Einrichtungen?

Wir sind dankbar für jede Rückmeldung, vor allem für weitere konkrete Beispiele. Entweder gleich hier unten als Kommentar auf diesen Post, oder direkt als E-Mail an die Redaktion.

 

Gutes Netzwerk, schechtes Netzwerk

1. August 2017 von Laborjournal

In unserem aktuellen Sommer-Essayheft preist Ulrike Kaltenhauser, Geschäftsführerin mehrerer bayrischer Forschungsnetzwerke, die Vorzüge von… – ja klar, Forschungsnetzwerken.

So schreibt sie etwa:

Im Freistaat Bayern setzt man schon seit vielen Jahren gezielt auf die Erfahrung, dass sich das Bündeln der wissenschaftlichen Kapazitäten in Form von Netzwerken in jedem Fall auszahlt. […] Schnell stellte sich heraus, dass solche Netzwerkprojekte effizienter und mit einer deutlich höheren Ausbeute die angestrebten Ziele erreichen und sogar darüber hinaus Mehrwert erzeugen. Inzwischen sind die Forschungsverbünde aus der bayerischen Forschungslandschaft nicht mehr wegzudenken.

Oder an anderer Stelle:

Verbundforschung bildet eine der besten Grundlagen für Innovationen und Wertschöpfung und damit auch für wissenschaftlichen Erfolg.

Erst ganz am Ende mischen sich auch andere Töne in die Euphorie:

[…] Dennoch traue ich mir nicht wirklich zu, die Frage zu beantworten, ob Netzwerke tatsächlich das Leben vereinfachen, da gerade die Zusammenarbeit von ambitionierten Menschen nie einfach ist. Nichtsdestotrotz bin ich mir sicher, dass die Kooperation mit anderen Projektpartnern für alle Beteiligten einen Gewinn darstellt und sich in den meisten Fällen positiv auf die Karriere der einzelnen Akteure auswirkt. Die aktive Zusammenarbeit mit regen Geistern beflügelt den wissenschaftlichen Fortschritt. Es ist nicht immer einfach, aber in den meisten Fällen ein echter Mehrwert, Teil eines lebendigen Netzwerks zu sein.

So bekommt man am Ende doch eine klitzekleine Ahnung davon, dass Netzwerke, Konsortien und Verbünde oftmals auch kritischer gesehen werden — insbesondere vonseiten der Wissenschaftler. Deren Hauptvorwurf: Allzu leicht würden durch das „Einpferchen“ in Netzwerke und Verbünde Zwänge erzeugt, die das unabhängige Denken und die Kreativität der einzelnen Akteure letztlich eher einschränken.

Ein schönes Beispiel dafür lieferte vor einigen Jahren die Episode „Caught in the Net“ der Observations of The Owl in unserer englischsprachigen Schwesterzeitschrift Lab Times. Hier kostete der „Zwang zum Netzwerken“ einen Wissenschaftler förmlich die Karriere — wie The Owl am Ende (auf englisch) folgendermaßen beschrieb:

My friend was an excellent researcher. He wasn‘t even a true, teamwork-phobic loner. However, he was one of those scientists who function most brilliantly when allowed to think and work completely on their own. He certainly wasn’t a networker. So it was sad to see how his research began to splutter from that “network episode” on. He finally ended up at a small technical college.

So much for the synergy that research networks create.

Zwei diametral entgegengesetzte Positionen also: Forschungsnetzwerke wirken sich positiv auf die Karrieren der einzelnen Akteure aus — oder eben gerade nicht.

Was stimmt jetzt? Und für wen? Oder vielleicht differenzierter: Wann wirken sie sich positiv aus — und wann nicht?

Viel Stoff zum Kommentieren und Diskutieren. Wer fängt an?

Ralf Neumann

(Illustr.: „Flying Lesson“ von Robert und Shana ParkeHarrison)

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Von Interdisziplinarität und Pionieren

20. Juni 2017 von Laborjournal

Man könnte die Entschlüsselung der DNA-Struktur durch Watson und Crick durchaus als eine der ersten interdisziplinären Meisterleistungen der Wissenschaftsgeschichte werten: Ein Ornithologe und ein Physiker werteten Bilder von Kristallographen aus — und begründeten die Molekularbiologie.

Freilich hat das seinerzeit niemand so gesehen. Und gerade im Rückblick auf die damaligen Pioniertage würde heute wohl jeder Watson und Crick als Molekularbiologen bezeichnen.

Interessanterweise drängten gerade in dieser Zeit des molekularbiologischen Aufbruchs generell viele „Fachfremde“ in die Biologie — Physiker, Chemiker, Mathematiker,… Dennoch nahm damals kaum jemand das Wort „Interdisziplinarität“ in den Mund. Offenbar war nicht so wichtig, wo einen die jeweilige Ausbildung abgesetzt hatte — vielmehr zählte, wo einen die konkreten Fragen hintragen würden.

Und so erschlossen damals nicht nur Watson und Crick neue Felder. Vor allem auch deshalb, weil sie gerade als interdisziplinäre Köpfe in der Lage waren, ihre alten Disziplinen hinter sich zu lassen, um sich neuen Wegen zu öffnen — und sie auch tatsächlich zu gehen.

Nur logisch daher, dass man deren neue Erkenntnisse samt der damit eröffneten Felder dann auch ganz für sich selbst bewertete — und nicht nach der disziplinären Herkunft derer, denen man sie verdankte. Wie gesagt, ist die DNA-Struktur doch vor allem eine molekularbiologische Entdeckung, und nicht zwingend-logisches Resultat einer interdisziplinären Kooperation aus Physik, Ornithologie und Kristallographie.

Nicht zuletzt wegen solcher Beispiele schrieb der US-Biologe Sean Eddy vor einiger Zeit, dass neue Felder weniger durch interdisziplinäre Teambildung entstünden als vielmehr durch das Wirken „antedisziplinärer“ Pioniere. Siehe Watson und Crick.

Sicher, interdisziplinäre Team-Projekte sind wichtig — dies allerdings vor allem da, wo Antworten auf bisher unlösbare Fragen durch die Anwendung neu etablierter Techniken aus anderen Disziplinen realisierbar werden. Interdisziplinäre Projekte deshalb aber gleich zum Forschungsmodus Nummer eins zu erklären, wie dies Wissenschaftspolitiker heute allzu gerne tun, hieße jedoch, Vergangenes über die Zukunft zu stellen — und die Herkunft der Leute höher zu bewerten als ihre ganz konkrete Arbeit.

Klingt nicht wirklich nach einem Rezept für Pioniertaten.

Ralf Neumann

(Illustration: Flickr/Dullhunk)

Eingepferchte Forscher

3. Mai 2017 von Laborjournal

Beim Stöbern in unseren alten Ausgaben gerade dieses Zitat vom ehemaligen Direktor des Forschungszentrums Jülich, Georg Büldt, gefunden (LJ 11/2004: 26):

Politiker und andere Forschungsorganisatoren machen häufig keinen Unterschied zwischen einem Beruf in der Forschung und einer Verwaltungstätigkeit. Erfolgreiche, kreative Forschung ist, ähnlich dem Beruf eines Künstlers, sehr stark abhängig von den individuellen Möglichkeiten im Herangehen an eine Aufgabe. Bei van Gogh oder Picasso würde niemand auf die Idee kommen, vorschreiben zu wollen, dass sie um 8.00 Uhr morgens mit ihrer Arbeit beginnen müssen und um 17.00 Uhr wird das Atelier geschlossen. Niemand wird glauben, dass sich Watson und Crick in ihren Spekulationen über die DNA-Struktur an irgendeine Arbeitszeit von acht Stunden gehalten haben. In unserem Land wird das Forscherleben in einen Tarif gepfercht, der unter anderem festlegt, wie viele Stunden man arbeiten darf, wie lange man auf einer unbefristeten Stelle forschen darf, und so weiter. Wissen diese Bürokraten eigentlich, dass ein gutes Institut ein Zuhause für einen Forscher ist, in dem man seiner Individualität Rechnung tragen können sollte? Manche arbeiten acht Stunden hintereinander, andere mit großen Unterbrechungen. Von früh morgens bis spät in der Nacht sollte sich hier das Forscherleben austoben dürfen. Diese Verhältnisse findet man häufig in Instituten mit hohem Ausländeranteil, da für ausländische Postdocs das Institut der Ausgangspunkt für Freundschaften und Vertrautheit in der neuen Umgebung ist. Die Kreativität solcher Institute ist meist sehr viel höher als in reglementierten Arbeitsgruppen. Das heutige Arbeitsrecht verbietet jedoch eine solche Arbeitszeitregelung.

Hat sich nicht wirklich was geändert, oder?

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Beim Science March Freiburg…

24. April 2017 von Laborjournal

Laborjournal marschierte mit beim Science March vorgestern in Freiburg. Unser Kommentar zu den Wissenschafts-Märschen steht frisch drüben auf Laborjournal online — Titel „Die Science Marches waren wichtig!“. Ein paar mehr Fotos aus Freiburg gibt’s jetzt hier:

Hier kommen noch weitere Fotos…

Vertrauen ist gut! Kontrolle besser?

4. April 2017 von Laborjournal

Die Geschichte vom wahrscheinlich kürzesten Projektantrag der gesamten Forschungsgeschichte ist mittlerweile gut bekannt: Zehn Jahre, bevor Otto Warburg im Jahre 1931 den Nobelpreis für „die Entdeckung der Natur und der Funktion des Atmungsferments“ erhielt, ließ er seine Sekretärin lediglich die folgenden paar Worte schreiben:

 

Warburg unterzeichnete, ließ den Antrag an die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft schicken — und bekam umgehend das Geld ohne weitere Nachfrage.

(Die Ironie an der Geschichte ist, dass Warburg ein paar Monate später nicht mal ein Brot für die 10.000 Mark kaufen konnte; die Hyperinflation im Dezember 1922 hatte das Geld in Nullkommanichts vollkommen entwertet. Doch dies nur am Rande — hier soll’s jetzt vielmehr um folgendes gehen:…)

Offenbar hatten die Forschungsförderer zu diesen, Warburgs Zeiten noch Vertrauen in ihre Forscher. Das heißt, zumindest in diejenigen Exemplare ihrer Gattung, die bereits bewiesen hatten, dass hinter ihren Projektideen in aller Regel tatsächlich Substanz steckt. Denn dass Warburg zu den hellsten Forscherköpfen seiner Zeit gehörte, wussten damals auch die Mittel-Verwalter in der Weimarer Republik. Folglich schien auch keiner von ihnen daran zu zweifeln, dass Warburg das Geld sinnvoll verwenden würde — auch ohne die geringste Ahnung zu haben, was genau er damit erforschen wollte.

Klar, dass einem mit Blick auf das aktuelle Forschungsförderungssystem jetzt jede Menge ketzerische Fragen auf der Zunge liegen:

► Hat sich dieses Vertrauen in einen Forscher, der seine Leistungsbereitschaft und Originalität bereits hinlänglich gezeigt hatte, etwa nicht gelohnt?

► Welchen Unterschied hätte es gemacht, wenn Warburg wochenlang damit gebunden gewesen wäre, einen „ordentlichen“ Projektantrag mit all dem üblichen prophetischen Pipapo zu schreiben — und dann erstmal monatelang zu warten?

► Welchen Unterschied hätte es gemacht, wenn Warburg — wie heute üblich — zwischenbegutachtet, bibliometrisch überprüft und sonstwie evaluiert worden wäre?

Auf letztere zwei Fragen ahnen wir die Antwort: Warburg hätte einen gehörigen Teil seiner Zeit von der Forschung abziehen müssen, um Berichte und Folgeanträge zu schreiben. Und einen weiteren ordentlichen Teil hätte er dafür opfern müssen, um in dem heute üblichen „Asthma-Stil“ den für erfolgreiche Antragstellungen notwendigen Publikationsstrom aufrecht zu erhalten.

Man muss kein Hellseher sein, dass Warburgs Genius dies als unzumutbare Gängelung empfunden hätte — und dass im gleichen Atemzug dessen Spaß und Begeisterung für seine Arbeit stark gelitten hätten.

Nicht gerade das Szenario, in dem Nobelpreise gedeihen — oder?

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Vorsicht, ihr Biohacker und DIY-Biologen!

9. Februar 2017 von Laborjournal

Erst jetzt haben wir mitbekommen, dass das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) bereits vor zwei Wochen eindringlich vor Do-It-Yourself (DIY)-Baukästen warnte, mit denen interessierte Laien echte Bakterien-Gentechnik in ihren eigenen vier Wänden machen können. Die Meldung mit dem Titel „Gentechnik mit Biologiebaukästen: Einfach, aber möglicherweise strafbar“ im Wortlaut:

Durch Genome-Editing-Verfahren wie etwa CRISPR-Cas ist es einfach und preiswert möglich, das Erbgut von lebenden Organismen gezielt zu verändern. Mittlerweile können insbesondere im Internet komplette Biologiebaukästen (so genannte „Do-it-yourself“, bzw. DIY-Kits) aus dem Ausland gekauft werden, mit denen daheim und ohne zusätzliche Geräte das Erbgut von Organismen, z. B. E. coli-Bakterien, verändert werden kann.

Derartige Experimente im heimischen Hobbykeller mögen lehrreich und spannend sein. Abhängig vom konkreten DIY-Kit gilt dafür jedoch das Gentechnikrecht. Dies ist immer dann der Fall, wenn das DIY-Kit gentechnisch veränderte Organismen (GVO) enthält oder wenn damit GVO erzeugt werden. Solche gentechnischen Arbeiten dürfen gemäß § 8 Abs. 1 Satz 1 Gentechnikgesetz (GenTG) nur in gentechnischen Anlagen durchgeführt werden, also in geeigneten, behördlich überwachten Laboren unter Aufsicht eines sachkundigen Projektleiters.

Das heißt, wer DIY-Kits bestellt und außerhalb gentechnischer Anlagen entsprechend anwendet, riskiert gemäß § 38 Absatz 1 Nummer 2 GenTG eine Geldbuße bis zu fünfzigtausend Euro. Falls im Rahmen der Nutzung der DIY-Kits GVO freigesetzt werden, droht gemäß § 39 Absatz 2 Nummer 1 GenTG sogar eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe.

Für Nachfragen steht Ihnen die zuständige Landesbehörde zur Verfügung.

Warum das BVL diese Warnung aktuell für notwendig erachtet, fasst dieser Artikel der Zeitschrift „Make:“ recht gut zusammen. Nach der Recherche des Autors kamen gerade im vergangenen Jahr vor allem im Ausland zahlreiche Geräte und Kits auf den Markt, die dem Kunden nicht nur genetische Analysen, sondern auch gezielte genetische Veränderungen versprechen.

Als Beispiel nennt der Artikel unter anderem das Gerät „DNA-Playground“ der US-Firma Amino Labs. 325 Euro kostet die E. coli-Transformiermaschine, die es dem Kunden erlaubt, mit dem passenden „Engineer-Kit“ die Bakterien etwa derart genetisch umzubauen, dass sie im Dunkeln in allen möglichen Farben leuchten — siehe Video:

 

 

Noch drei weitere Beispiele beschreibt der Artikel, um dann am Ende allerdings auf die Warnung des BVL einzuschwenken:

Viele der Projekte richten sich neben Privatpersonen auch an Bildungseinrichtungen, da Schulen sich speziell eingerichtete Labore mit vielen Geräten kaum leisten können. In Deutschland gibt es allerdings eine Reihe an Forschungseinrichtungen und Museen, die in sogenannten Schülerlaboren biotechnologische Workshops anbieten. Sie halten dabei die Hygienemaßnahmen ein, entsorgen Abfälle sachgerecht und sind bei der zuständigen Behörde gemeldet. Erfolgt dies nicht, so warnt das Bundesamt, drohe eine Geldbuße bis zu fünfzigtausend Euro. Wer gentechnisch veränderte Bakterien in die Umwelt freisetzt, kann sogar mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden.

Ob die Warnungen gehört werden, darf bezweifelt werden angesichts des oftmals geradezu überschäumenden Enthusiasmus, den manche DIY-Biologen hinsichtlich ihrer Garagenlabor-Spielereien an den Tag legen. Vielleicht werden sie auch eher belächelt, da sich die weltweite Community der DIY-Biologen schon seit 2011 selbst einen Ethik-Code auferlegt hat. Genauso wie sie seither Mantra-artig beteuert, dass Biohacking nicht nur von Neugier, Spieltrieb und Ehrgeiz getrieben sei, sondern vielmehr ebenso gesteuert von Vorsicht, Vorausschau und in Kenntnis der jeweils geltenden Gesetzeslage. Schwer zu glauben allerdings, dass dies tatsächlich allen Biohackern weltweit in genügendem Umfang bewusst ist.

Sicher, das BVL muss auf die Gesetzeslage aufmerksam machen. Naturgemäß riecht dies aber immer stark nach Drohung. Vielleicht sollte es sich lieber mal die Mühe machen, die potentiellen Befürchtungen und Gefahren konkret und greifbar zu thematisieren — und damit letztlich das Problembewusstsein der vielen DIY-Zauberlehrlinge nachhaltig zu schärfen. Denn selbst die fänden das Szenario wahrscheinlich ziemlich gruselig, wonach „selbstgebastelte“ Bakterien oder was auch immer wild aus irgendwelchen Haus- und Garagentüren kriechen.

(DIY-Bio-Logo via diybio.org)

Nachteilsausgleich oder Diskriminierung?

31. August 2016 von Kommentar per Email

(Vor einigen Tagen erhielten wir folgende E-Mail zum Thema Anrechnung von Kindererziehungszeiten in der akademischen Forschung:)

 

Liebe Redaktion des Laborjournals,

vatkindeigentlich ist es ja eine tolle Sache, dass immer mehr Forschungsförderungs-Institutionen auch das Familienleben der Forscher im Blick haben. So werden bei Grants, für die man sich nur innerhalb einer bestimmten Zeit nach der Promotion bewerben kann, auch Kindererziehungszeiten angerechnet. Ist ja klar: Mit Kindern kann man weniger Nächte durcharbeiten, muss zur bestimmten Zeit das Kind abholen, hat einfach weniger Freizeit, in der man ja auch im Labor werkeln könnte. Vorher gab es nur die Entscheidung, entweder mit Kindern zu warten bis die feste Stelle erreicht wird (im Sinne der Fortpflanzungsbiologie schwierig) — oder aber ein Partner muss komplett zu Hause bleiben und die Kinder hüten, während der andere den ganzen Tag und Nacht arbeiten darf. Letztendlich haben die Damen und Herren der Forschungsförderung halt eingesehen, dass es eben gesellschaftlich einen Unterschied macht, ob man Kinder in die Welt setzt oder beispielsweise einen Kletterkurs im Himalaya absolviert.

Die DFG hat es beim Emmy-Nöther-Programm vorgemacht. Da kriegt jede/r Bewerber(in zu den vier Jahren Bewerbungsfrist nach der Promotion für jedes Kind zwei Jahre extra Zeit. So weit so fair. Beim European Research Council (ERC) geht man einen anderen Weg. Hier stieß ich in den Bewerbungsunterlagen für deren Starting Grant auf folgenden Abschnitt:

The reference date towards the calculation of the eligibility period should be the date of the actual award according to the national rules in the country where the degree was awarded.

However, the effective elapsed time since the award of the first PhD taken into consideration for eligibility can be reduced in the following properly documented circumstances provided they started before the call deadline.

For maternity, the effective elapsed time since the award of the first PhD will be considered reduced by 18 months or if longer by the documented amount of leave actually taken for each child born before or after the PhD award. For paternity, the effective elapsed time since the award of the first PhD will be considered reduced by the documented amount of paternity leave actually taken for each child born before or after the PhD award.

Soll heißen, eine Mutter kriegt sowieso 18 Monate pro Kind gutgeschrieben oder mehr, wenn sie länger zu Hause war; ein Vater kriegt dagegen gar nichts — es sei denn, er hat tatsächlich Elternzeit genommen. Warum? Die Zeiten der Hausfrauenehe sind doch in den meisten Forscherhaushalten vorbei. Da muss man als Papa bei der Betreuung der Kinder genauso ran. Mütter haben natürlich eine längere Auszeit durch Mutterschutz und Elfenzeit — aber 18 Monate per se versus nichts? Ist das ‚affirmative action‘? Weil Frauen früher Nachteile hatten, sollen sie heute positiv diskriminiert werden? Und wie sieht man das eigentlich im europäischen Ausland? In Frankreich und Belgien, wo Mütter normalerweise drei Monate nach der Geburt wieder im Labor aufschlagen. Fragen über Fragen…

Vielleicht geht es Euch ja ähnlich und Ihr habt Lust, da eine Story draus zu machen. Beim ERC nachfragen, wie es zu dieser Regelung gekommen ist. Betroffene zu Ihrer Meinung befragen. Würde ich gut finden.

(Meinungen und Kommentare dazu? Entweder direkt als Kommentar hier unten oder via E-Mail an redaktion@laborjournal.de.)

Exzellenzrechnereien

29. Juli 2016 von Laborjournal

Alle wollen mehr Exzellenz in der Wissenschaft. Und der einfachste Weg dahin scheint, dass man schlichtweg mehr Dinge „Exzellenz“ nennt. Wie zuletzt und auch gerade wieder hinlänglich erlebt: Oder passiert etwas anderes, wenn Bund und Länder jetzt die Exzellenzinitiative fortsetzen und erneut Exzellenzuniversitäten küren und Exzellenzcluster auswählen? Wieder wird überdurchschnittlich viel Geld dort hinein fließen — und irgendwie wird das dann schon exzellent werden. Schließlich produziert ein Fußballverein auch Fußballer und eine Schraubenfabrik Schrauben — warum soll dann ausgerechnet ein Exzellenzverein nicht Exzellentes hervorbringen. Der Name ist Programm.

exex

Okay, okay, wir haben es durchschaut — so einfach geht es doch nicht. Wie aber dann? Schwer, ganz schwer geht es. Denn schon wer nur gut sein will, muss erst einmal produktiv sein; und wer gar exzellent sein will, muss in aller Regel sehr produktiv sein. Kein Zweifel, Exzellenz und Produktivität hängen stark miteinander zusammen. Auch wenn das für die Wissenschaft natürlich nicht heißt, dass diejenigen, die am meisten Paper schreiben, automatisch auch die Exzellentesten sind. Allerdings, mit nur wenigen Artikeln dürfte man ganz gewiss nicht dazugehören.

Damit wären wir bei einer wissenschaftsbibliometrischen Gesetzmäßigkeit angekommen, die der Mathematiker Alfred Lotka bereits vor neunzig (!) Jahren formulierte — dass nämlich der Anteil der Personen, die n Aufsätze schreiben, immer proportional zu 1/n2 ist. Okay, und was heißt das? In etwa folgendes: Auf hundert Autoren, die in einem bestimmten Zeitraum jeweils ein Paper verfassen, kommen 25 mit zwei, 11 mit drei, … und nur einer von Hundert wäre demnach mit zehn Papern „hochproduktiv“. Wollte ich nun zehn „Hochproduktive“, bräuchte ich folglich gleich tausend Autoren insgesamt; wären aber tausend „Überflieger“ mein Ziel, müsste ich nach Lotka schon 100.000 Wissenschaftler anstellen.

Ich kann also machen, was ich will: Der reine Anteil „hochproduktiver“ Wissenschaftler an der Gruppenstärke bleibt immer gleich. Woraus folgt, dass ich deren absolute Zahl nur steigern kann, indem ich die Gesamtzahl der Wissenschaftler erhöhe.

Und jetzt kommt die Fangfrage: Spricht etwas dagegen, dass es sich mit dem Anteil „exzellenter“ Wissenschaftler oder Institutionen an der Gesamtgruppe nicht genau gleich verhält wie mit den „produktiven“? Wohl kaum, oder? Vorausgesetzt natürlich, die Kriterien bleiben gleich — und man klebt nicht plötzlich „Exzellenzetiketten“ auf Dinge, die es bislang nicht waren oder es möglichst erst noch werden sollen.

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