Wenn die Industrie deine Forschung finanziert,…

29. Januar 2020 von Laborjournal

Money makes research go round, so wird oftmals der Musical-Klassiker von Liza Minelli aus „Cabaret“ abgewandelt. Was gemeint ist, ist klar: Nur wer ordentlich Fördermittel von Dritten einwerben kann, wird in der modernen Bioforschung nennenswerte Ergebnisse produzieren können. Und nur wer ordentlich Ergebnisse produziert (und veröffentlicht!), wird letztlich eine nennenswerte Forscherkarriere hinlegen können.

Kommen die Drittmittel aus öffentlichen Quellen oder Stiftungen, ist man nach der Bewilligung des Antrags in aller Regel ziemlich frei in Gestaltung und Durchführung des Projekts. Wird das Projekt hingegen von einem Industriepartner finanziert, sieht die Sache oftmals anders aus.

Beispielsweise werden erst einmal umfangreiche Verträge gemacht, wie mit den erzielten Ergebnissen zu verfahren sei. Darin ist dann etwa festgehalten, dass der Forscher sämtliche Resultate zunächst dem Industriepartner vorzulegen habe, damit dieser vor Veröffentlichung prüfen kann, was er davon möglicherweise patentrechtlich schützen möchte. Und wenn das Unternehmen — nach Patentanmeldung oder auch nicht — endlich grünes Licht für die Ver­öffent­lichung der Daten gibt, will es natürlich auch noch das entsprechende Manuskript vor der Einreichung bei einem Journal prüfen, um darin Änderungen vornehmen oder zumindest vorschlagen zu können.

Auf diese Weise kann schon mal erhebliche Zeit vergehen, bis die Forscher zu ihren teilweise dringend benötigten Veröffentlichungen aus dem Projekt kommen.

Öfter schon haben wir von solchen oder ähnlichen Fällen im Rahmen von Industrie-finanzierten Projekten gehört. Neu hingegen war für uns, was jemand in einer schon etwas älteren Umfrage über das Vorgeplänkel einer Pharma-finanzierten klinischen Studie berichtete (J. Empir. Res. Hum. Res. Ethics 1(1): 43-50). Die Umfrage zitiert sie oder ihn folgendermaßen:

Zum Beispiel geht es bei einer bestimmten Studie, an der ich beteiligt bin, um Medikamente, die die Nebenwirkungen gewisser Strahlungen abschwächen sollen. Die Firma, die das Medikament herstellt, will eine gewisse Kontrollgruppe nicht in die Studie aufgenommen haben — und wird sie nicht finanzieren, wenn es diese Kontrollgruppe doch geben sollte. Daran ist nichts Illegales, und ich weiß ja auch, dass so etwas ständig passiert. Das läuft eben so!

Natürlich liegt das auch daran, dass die Regierung nicht genug Geld aufbringen kann, um all die klinische Forschung zu finanzieren, die durchgeführt werden müsste. In dieser Studie ist die Forschungsleiterin jedoch eine befristet angestellte Assis­tenz­professorin. Und die Verhandlungen mit dieser Arzneimittelfirma haben sie jetzt schon viel Zeit gekostet — was es für sie immer schwieriger macht, eine feste Anstellung zu bekommen. Der Druck nachzugeben, wird daher irgendwann zu groß für sie. Schließlich hätte sie die Studie schon vor Monaten beginnen können, wenn sie einfach gesagt hätte: „Klar, geben Sie mir das Geld — und ich tue alles, was Sie wollen.“

Das heißt, das Unternehmen macht seine Finanzierung erstmal nicht vom Umgang mit den Ergebnissen der Studie abhängig, sondern vielmehr von ganz konkreten Eingriffen in deren Design. Und diese scheinen zumindest nach Ansicht der Forschungsleiterin, die die Studie ursprünglich konzipiert hat, so gestaltet, dass der objektive wissenschaftliche Wert der Studie klar ge­schmä­lert wird.

Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder möchte das Ganze kommentieren? Entweder gleich hier unten für alle, oder per E-Mail an unsere Redaktion.

Ralf Neumann

(Foto: iStock / Sezeryadigar)

Apropos Ruhe und Gelassenheit des Forschers…

22. Januar 2020 von Laborjournal

Ob „Forscher Ernst“ noch jemals lernen wird, angemessen mit Kritik an seinen Ergebnissen umzugehen?…

(Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier. Zeichnungen von Rafael Flores.)

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Hypothesen im Herz

15. Januar 2020 von Laborjournal

Was ist wichtiger in der Forschung: Antworten zu finden oder die richtigen Fragen zu stellen? Viele favorisieren Letzteres, da sie Fragenstellen in einem Aufwasch sehen mit dem nach­fol­gen­den Formulieren testbarer Hypothesen. Und Hypothesen gelten ja schließlich als das Kernstück der Forschung schlechthin.

Hand auf’s Herz, wie oft sind Sie tatsächlich zu diesem Kern vorgestoßen? Wie oft haben Sie tatsächlich eine Hypothese formuliert?

Anhand dieser Frage lassen sich womöglich grob vier Klassen von Forscherinnen und Forschern einteilen:

1) Diejenigen, die erstmal gar keine Hypothesen aufstellen wollen. Stattdessen sammeln sie blind (sie selber sprechen lieber von vorurteilsfrei) Daten, einfach weil es technisch geht. Siehe etwa Metagenom-Projekte und Co. Standard-Spruch dieser Spezies: „Wir liefern Daten, aus denen man dann charakteristische Muster herauslesen kann — und mit denen kann man dann wiederum Hypothesen aufstellen.“ „Hypothesen-generierende Forschung“ nennt sie das Ganze dann.

2) Diejenigen, die sich an gängige Hypothesen dranhängen. Sie bestätigen hier ein Detail oder fügen dort eines hinzu, entwickeln kaum eigene Hypothesen, machen noch weniger Vorhersagen und testen am Ende praktisch gar nichts.

3) Diejenigen, die sich Hypothesen förmlich abringen. Diese erlauben sogar einige testbare Voraussagen, jedoch reicht dies gerade, um die eigene Forschung am Laufen zu halten. Deshalb werden sie eifersüchtig gehortet — und man bekommt sie erst nach vielen Tests glatt poliert im fertigen Paper präsentiert.

4) Diejenigen, die mehr gute Hypothesen samt testbarer Vorhersagen aufstellen, als sie selbst bearbeiten können — und diese daher auch mitteilen. Diese seltene Spezies beginnt dann auch mal einen Vortrag mit: „Hört zu, ich hab’ mir die Literatur zum Thema X angeschaut, darüber nachgedacht und ein paar vorläufige Experimente gemacht. Von daher scheint mir, dass die ganze Story so und so geht. Allerdings, sicher bin ich mir natürlich nicht — also lasst uns das mal gemeinsam durchdenken…“ Oder macht es wie der Zürcher Entwicklungsbiologe Konrad Basler, der vor einigen Jahren in der PLoS Biology-Rubrik „Unsolved Mysteries“ für alle Kollegen eine umfassende Arbeitshypothese zur Evolution des Hedgehog-Signalwegs samt einer ganzen Reihe abgeleiteter und testbarer Vorhersagen vorgestellt hat (Bd. 7(6): e1000146).

Keine Frage, sind es Momente wie die letzteren, in denen deutlich wird, dass das Hypothesen­aufstellen tatsächlich das Herzstück der Wissenschaft ausmacht.

Ralf Neumann

(Zeichnung: Peter Kapper)

 

Eine kleine Lanze für Großprojekte

8. Januar 2020 von Laborjournal

Leider erlebt man das öfter: Viel Geld wird in groß­angelegte Forschungsinitiativen gepumpt — und am Ende kommt man den anvisierten Erkennt­nis­sen damit doch deutlich weniger nahe als ursprünglich ange­kündigt.

Viele Paper wurden inzwischen geschrieben, die an­geblich belegen, dass der „Impact pro For­scher­kopf“ im Schnitt umso mehr sinkt, je größer das ge­förderte Gesamtprojekt ist (zum Beispiel hier und hier). Und jedes Mal arbeiteten die Autoren auch ge­wis­se strukturelle und konzeptionelle Mus­ter heraus, die solche „Under­per­for­mance“ von Big-Science-Pro­jek­ten vermeintlich mitverursachen könnten. Diese zu re­fe­rieren, wollen wir für heute je­doch anderen über­las­sen…

Hier soll es vielmehr um die Nörgler gehen, die bei der Ankündigung eines teuren Großprojekts inzwi­schen schon fast reflexartig aus ihren Lö­chern kom­men und empört schreien: „Argh, so viel Geld für etwas, wo wahrscheinlich sowieso wieder nur ver­gleichsweise wenig rauskommt! Wie viele produk­ti­ve­re Small-Science-Projekte könnte man stattdessen da­mit finanzieren?“

Auweia! Als ob man immer schon vorher genau wüsste, welche Masse und Klasse an Erkenntnissen ein be­stimm­tes Projekt, ob groß oder klein, liefern kann. Und als ob man dann entsprechend punktgenau die billigstmögliche Förderung dafür kalkulieren könnte…

Klingt schon hier nicht mehr wirklich nach einem Forschungsprojekt, oder? Weil Forschung so eben nicht funktioniert. Gerade die Grundlagenforschung ist idealerweise ein Aufbruch ins Unbekannte. Man tastet sich sorgfältig in mehrere Richtungen vorwärts, landet immer wieder in Sackgassen, die auf den ersten Metern noch so vielversprechend und plausibel gewirkt hatten — und bekommt vielleicht irgendwann mal eine Ahnung von dem einen richtigen Pfad.

Natürlich rauft sich jeder Unternehmensberater ob solcher wackeliger „Kosten-Nutzen-Bilanzen“ die Haare. Aber würden gerade deren Methoden die Grundlagenforschung nicht in ihrem Kern zerstören? Und wäre dies am Ende nicht die schlechteste Bilanz von allen?

Zumal häufig vergessen wird: Gerade Großprojekt-Mittel sind immer auch fette Aus­bil­dungs­in­ves­ti­tionen — nicht zuletzt, weil insbesondere in solchen Big-Science-Netzwerken oftmals ganz besonderer Wert darauf gelegt wird (siehe beispielsweise hier). Jede Menge Doktoranden und Co. lernen hierbei, wie Wissenschaft und Forschung tatsächlich funktionieren — auch, ja vielleicht sogar gerade auf den letztlich weniger erfolgreichen Pfaden.

Und wer weiß, liebe Nörgler, ob am Ende nicht ausgerechnet einer, der gestern in einem solchen „bilanzmiesen“ Projekt ausgebildet wurde, morgen den nächsten Mega-Durchbruch liefert? Ginge es nach euch, wäre er womöglich gar nicht erst bis dahin gekommen.

Ralf Neumann

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