FROHE WEIHNACHTEN…

20. Dezember 2019 von Laborjournal

 

„Forscher Ernst“ und die Laborjournal-Redaktion wünschen frohe Weihnachten sowie einen geschmeidigen Start in ein gesundes, spannendes und denkwürdiges neues Jahr!

 

(Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier. Text und Zeichnung von Rafael Flores.)
 

Hauptsache, man braucht Förderanträge!

17. Dezember 2019 von Laborjournal

Was wäre, wenn jeder Forscher einfach erstmal Geld bekäme? Ganz ohne Antrag, geschweige denn Peer Review? So wie einst­mals Otto Warburg, der lediglich schrieb: „Ich benötige 10.000 Mark. Otto Warburg“. Und sie tatsächlich bekam.

„Ja ja, träum‘ weiter“, mögen jetzt viele denken. Doch gemach, blättern wir hierzu ruhig mal in ein etwas älteres Heft von Accountability in Research — und reiben uns angesichts einer kanadischen Studie ungläubig die Augen (Band 16(1), S. 13-40). Da teilen uns die Autoren mit, dass ein sogenannter „Direct Baseline Discovery Grant“ des Natural Science and Engineering Research Council Canada (NSERC) im Durchschnitt 30.000 kanadische Dollar wert ist. Und dem setzen sie entgegen, was der ganze Prozess des Antragschreibens samt anschließender Bewilligung oder Ablehnung (!) durch Peer Review — nach Arbeitszeit et cetera bemessen — insgesamt kostet: nämlich satte 40.000 kanadische Dollar pro Antrag.

Selbst nach mehrmaligem Augenreiben bleibt somit das Fazit: Ein abgelehnter Antrag verbrät 10.000 Dollar mehr, als das Projekt bei Bewilligung überhaupt bekommen könnte. Da muss doch was faul sein! Und natürlich brauchen die Autoren auch keine höhere Mathematik um zu folgern, dass der NSERC sogar noch Geld sparen würde, wenn er jedem „qualifizierten Forscher“ den 30.000-Dollar-Baseline Grant einfach auf Anfrage direkt in die Hand drücken würde.

Sicher, 30.000 Dollar sind für diejenigen, die materialaufwändige Forschung betreiben, nicht viel. Dennoch spekulieren die Autoren, dass durch solcherart „effizientere“ Verteilung von Fördermitteln deutlich mehr und bessere Forschung laufen könnte — insbesondere im „Critical-Idea-or-Discovery“-Stadium. Wenn dann die ersten Ergebnisse tatsächlich vielversprechend wären, hätte man immerhin schon etwas in der Hand, um nachfolgend einen größeren — und natürlich begutachteten — Grant zu beantragen.

Bleibt noch die Frage, ob nach diesem Schema nicht Hinz und Kunz Geld bekommen könnten — und eben nicht nur „qualifizierte Forscher“. Dazu lediglich folgender Blog-Kommentar eines Forschers:

Bei jedem Karriereschritt, bei jedem einzelnen Paper werden wir immer wieder neu evaluiert. So sorgfältig und eindringlich, dass man uns doch irgendwann einmal genau in diesem einen Punkt trauen können sollte — nämlich dann, wenn wir neue Forschung anpacken.

Ralf Neumann

[Addendum: Fairerweise muss abschließend noch erwähnt werden, dass ein kanadischer Physiker die Kalkulation des Arbeitsaufwands von 40.000 kanadischen Dollar pro Antrag nachfolgend als viel zu hoch kritisierte (Accountability in Research 16(4): 229-31). Ein weiteres Paper dagegen kalkulierte für die Bearbeitung von Forschungsanträgen in Australien ähnlich hohe Ausgaben (BMJ Open 2013;3:e002800).]

 

Formatierst du noch oder publizierst du schon?

10. Dezember 2019 von Laborjournal

Kürzlich stolperte ich auf Twitter über folgenden Tweet:

Puh, ganz schön krass. Am Ende haben sie ihm womöglich sein Manuskript nur deswegen als „unsub­mit­ted“ zurückgeschickt, weil er in den Referenzen die Journal-Namen nicht kursiv gesetzt hatte…

Wie auch immer, letztlich deutet das Ganze auf ein großes generelles Ärgernis hin! Schließlich kommt es oft genug vor, dass jemand sein Manuskript erst im x-ten Journal unterbringt. Und für jede Einreichung muss er es nach den jeweils ganz eigenen Vorgaben des angepeilten Journals wieder aufwendig umfor­ma­tieren. Am Ende also x-1 Mal völlig umsonst.

Kein Wunder, fluchen viele über diesen Formatierungs-Wahnsinn, betiteln ihn als extrem nervige Zeitfresserei oder gar schlimmer. Dorothy Bishop, Professorin für Entwicklungsneuro­psy­cho­lo­gie an der Universität Oxford, schrieb beispielsweise vor einigen Jahren in ihrem BishopBlog:

For instance, many journals specify pointless formatting requirements for an initial submission. I really, really resent jumping through arbitrary hoops when the world is full of interesting things I could be doing. And cutting my toenails is considerably more interesting than reformatting references.

Entsprechend viel Zuspruch bekam auch Professor Timming für sein sarkastisches Gezwitscher oben. Doch mitten unter den zahlreichen Antworten dann plötzlich folgende:

Sogleich gruben sich tiefe Furchen in meine Stirn. Hatte ich da in einem Vierteljahrhundert editorialer Arbeit für Laborjournal irgendetwas falsch verstanden? Für mich stand immer fest, dass dies klar zu den Hauptaufgaben eines Editors gehört. Schließlich kommen auch bei uns Text- und Illustrationsmaterial weitgehend unformatiert rein — und es ist dann unsere Aufgabe, all den „Wildwuchs“ in ein einheitliches Seitenlayout einzupassen. Und ganz ehrlich: Soooo schlimm ist das gar nicht! Wir verbrauchen damit jedenfalls nicht den Hauptteil unserer Zeit…

Und siehe da, eine Minute später dann folgende zwei Tweets zum Thema:

Eben! Formatierung ist definitiv Aufgabe des Editorial Staff, und nicht diejenige der Autoren! Doch offenbar will man in den Wissenschaftsverlagen von dem, was im Journalismus selbstverständlich ist, nicht wirklich etwas wissen. Dabei verfügen diese — wie der letzte Twitterer richtig schreibt — meist tatsächlich über mehr Mittel, um solche editorialen Pflichtaufgaben zu erfüllen, als so mancher journalistische Verlag.

Ralf Neumann

 

Gutachten immer und überall

3. Dezember 2019 von Laborjournal

 

 

Wohl kaum eine andere Berufsgruppe wird derart oft und ausgiebig evaluiert wie die Forscher. Diplom- und Doktorarbeit, Bewerbungsgespräche und Berufungskommissionen — geschenkt, das gibt‘s woanders auch. Dann aber jedes einzelne Manuskript und jeder Förderantrag — das macht bisweilen Dutzende von kritischen bis kleinkarierten Gutachten im Jahr, die man erst mal schlucken muss. Dazu noch die regelmäßigen Berichte an Förderorganisationen, Verwaltung, Fakultätsleitung oder Trägergesellschaft — alles ebenfalls durchaus existentiell hinsichtlich Finanzierung, Gehalt, Verteilung von (Service-)Pflichten, Gewährung von Rechten und anderem mehr. Und wenn einer dann noch lehrender Forscher ist, muss er sich auch noch der Bewertung seiner Lehrleistung durch Studenten und Institutskollegen stellen…

Zusammen macht das eine Evaluationslast, über die eine US-Professorin einmal schrieb:

Nimmt man die Menge und Intensität all dieser Evaluationen, muss man sich wundern, ob ohne ein titanisches Ego überhaupt jemand diesen Prozess überleben kann. Allerdings, die meisten können!

Natürlich wird man bei dieser Evaluationsmasse auch immer wieder mit ungerechten, schlampigen, rüden und manchmal auch schlichtweg dummen Antworten konfrontiert. Das kann einen dann — je nach Naturell — auch mal richtig wütend oder niedergeschlagen werden lassen.

Dennoch muss man als Forscher über kurz oder lang grundsätzlich akzeptieren, dass Gutachten von ihrer reinen Intention her kritisch sein sollen. Schlussendlich sollte diese Kritik in einer idealen Welt mit perfekt funktionierendem System die Arbeit der Forscher am Ende des Tages gar verbessern helfen.

Doch gerade die Egos vieler Jungforscher müssen dies erst lernen und begreifen — vor allem den Unterschied zwischen schonungslos kritischen, aber dennoch konstruktiven Gutachten einerseits sowie rein bösartiger Gutachter-Willkür auf der anderen Seite.

Die erwähnte US-Professorin dokumentiert das sehr nett in folgender kleinen Anekdote:

Immer wieder kam einer meiner Mitarbeiter wegen eines vermeintlich absolut grausamen Gutachtens völlig zerknirscht zu mir. Und fast genauso oft habe ich dann nach eigenem Durchlesen gedacht: „Großartiges Gutachten. Mit richtig hilfreichen Kommentaren.“

Ralf Neumann

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