Fehlermeldungen

29. Oktober 2018 von Laborjournal

(Im Zusammenhang mit den „Vertrackten Artefakten“ [siehe letzter Post unten] fiel uns ein, dass wir bereits vor knapp zwei Jahren das unten folgende Online-Editorial zu diesem Thema gebracht hatten. Allerdings ging es darin weniger um die beiden geschilderten Artefakte an sich, als vielmehr darum, wie unterschiedlich die Folgen für die Betroffenen sein können, wenn sie aus Unwissenheit darauf reinfallen…)

 

Aus Fehlern lernt man, heißt es. Doch gilt das auch in der Forschung? Hat der immer engere Wettbewerb um Stellen und Fördermittel nicht mittlerweile dafür gesorgt, dass das Forschungsgeschäft mit Fehlern ziemlich gnadenlos umgeht? Auch weil jede kleine Nachlässigkeit oder Schlamperei der wachsamen Kon­kurrenz potentielle und willkommene Angriffs­flä­chen bietet? Und wenn ja: Muss ein solcher „Geist“ nicht vor allem auf Kosten des wissenschaftlichen Nachwuchses gehen, der ja auch — vielleicht sogar gerade — durch Fehler lernen sollte?

Nehmen wir etwa den jungen Doktoranden M. Dieser versuchte vor einiger Zeit ein bestimmtes Membranprotein zu isolieren — und hatte offenbar Erfolg: Nach monatelanger „Putzerei“ präsentierte er in der entscheidenden Bahn des Proteingels eine Bande — und sonst keine. Chef und Doktorand zweifelten nicht: Das musste es sein. Zumal nach der heiligen Regel „n  3“ dieselbe Bande auch in den folgenden Wiederho­lun­gen zuverlässig übrig blieb.

Chef und Doktorand schrieben also ein Paper. Es wurde begutachtet und schließlich publiziert. Was dummerweise weder Doktorand noch Chef oder Gutachter wussten (letztere waren wohl schon zu lange „weg von der Bench“), fiel erfahrenen Proteinfärbern sofort auf: Die Bande entsprach exakt dem 68 kDa-Artefakt, das man oft nach Mercaptoethanol-Behandlung der Proteinprobe erhält.

Nur zwei Monate nach dessen Erscheinen zerpflückte Chefs Erzrivale das Paper in einer „Correspondence“ mit klarem Artefakt-Beweis. Frustriert und voller Scham schmiss M. seine Doktorarbeit hin.

Bei aller Härte am Ende doch gut für die Wissenschaft? Vielleicht.

Allerdings geht es auch ganz anders — wie das Beispiel der Doktorandin K. beweist, der einst ganz Ähnliches widerfuhr. Diese fiel auf ein Artefakt herein, das Ungeübten oft bei der Aufnahme neuronaler Signale mit Multielektrodenarrays droht. Und auch sie hatte ihre Ergebnisse frisch publiziert. Kurz darauf meldete sich einer der „Großkönige“ der neuronalen Ableitung telefonisch bei K.: „Gratuliere zum Paper. Allerdings scheint mir ein Schlüsselbefund nicht zu stimmen. Ich habe meinen Postdoc das Experiment nachmachen lassen — und er meint, Du hättest bei der Elektrodenmessung was vergessen…“

Sein Postdoc wiederum habe jedoch Wichtigeres zu tun, erklärte er weiter — weshalb es besser sei, wenn K. ihren Fehler selbst nachweisen würde. Anschließend weihte der Anrufer K. noch in einige weitere Geheimnisse und Fallstricke bei der Arbeit mit den entsprechenden Elektroden ein und skizzierte überdies noch, wie sie die „Richtigstellung“ seiner Meinung nach am geschicktesten angehen könne.

K. tat wie vorgeschlagen und veröffentlichte bald darauf die „Correction“ ihres eigenen Papers. Heute, über zwanzig Jahre später, gilt sie als herausragende Forscherin in ihrem Feld.

Wer weiß, so weit hätte M. womöglich auch kommen können…

Ralf Neumann

(Anmerkung: Die beiden Beispiele von K. und M. haben sich zwar nicht ganz genau so abgespielt, wie hier beschrieben — aber prinzipiell doch sehr ähnlich.)

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Konkurrenz? Oh ja, sehr gerne!

26. Februar 2018 von Laborjournal

Oft klagen sie ja, die armen Forscher, dass das überhitzte System sie in einen gnadenlosen Wettbewerb miteinander zwinge. Gäbe es nicht diese elende Gemengelage aus Kurzzeitverträgen, Publikationsdruck und Job-Engpässen, dann… — ja, dann wären sie durchweg die allerbesten Freunde. Keiner würde dem anderen etwas neiden oder gar Böses wollen. Nein, sie würden fröhlich ihre Ergebnisse und Ideen austauschen, möglichst oft miteinander kooperieren — und sich ein Loch in den Bauch freuen, wenn drüben in Japan der Kollege Hamaguchi endlich das Problem gelöst hat, an dem man schon lange selber dran war. Schließlich ist der Fortschritt der Wissenschaft das Einzige, was zählt — wer konkret sie weiterbringt, spielt da überhaupt keine Rolle.

Klingt zu schön, um jemals Wirklichkeit zu werden? Hmm… — man müsste dazu doch „nur“ ein paar festgezogene Stellschrauben des Systems wieder locker drehen, oder?

Aber ob das alleine reichen würde? Beispielsweise würde so gar nicht dazu passen, was neulich ein Forscher uns gegenüber am Telefon proklamierte: „Wissen Sie, ich bin ein überzeugter Anhänger des olympischen Gedankens!“ Damit meinte er natürlich nicht „Dabeisein ist alles!“ Nein, „Citius, altius, fortius“ — „Schneller, höher, stärker“ — gab Pierre de Coubertin seinerzeit als Motto der Olympischen Bewegung aus. Und genau so wollte der Anrufer seinen Satz auch verstanden haben: Knallharter Wettbewerb mit klaren Siegern und Verlierern.

Den Laborjournal-Redakteur erinnerte das umgehend an einen Vortrag, den er vor Jahren von Marshall Nirenberg, einem der Entzifferer des genetischen Codes, hörte. Darin erzählte er, dass er damals in den frühen 1960ern, als er gerade mit den ersten Experimenten begonnen hatte, plötzlich erfuhr, dass Nobelpreisträger Severo Ochoa sich ebenfalls daran machen wollte, den Triplett-Code zu entschlüsseln. Nirenberg beschloss daraufhin, Ochoa eine Zusammenarbeit vorzuschlagen und besuchte ihn in seinem Labor in New York. Ochoa nahm sich einen ganzen Tag lang Zeit, zeigte dem jungen Nirenberg sein Labor, stellte ihm seine Mitarbeiter vor und diskutierte Forschungsthemen mit ihm.

Die Kooperation kam letztlich nicht zustande. Warum genau, erzählte Nirenberg nicht. Stattdessen schloss er die Anekdote folgendermaßen ab:

An diesem Tag wurde mir klar, dass ich einen mächtigen Konkurrenten haben würde. Doch im gleichen Moment registrierte ich zu meiner eigenen Überraschung, dass mir diese Art Wettbewerb wirklich gefallen würde. Und so war es dann auch.

Es scheint also beileibe nicht nur das System zu sein, das die Forscher in den Wettstreit miteinander treibt.

Oder vielleicht ist ja auch das die Zukunft des offenen Post-Publication-Peer-Review?…

22. März 2016 von Laborjournal

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(Zeichnung entnommen aus “Forscher Ernst” von Rafael Florés)

Problematischer Nachwuchs

3. Juni 2013 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. T. Ortenbauer, Forschungszentrum Teilstadt.

LJ: Herr Professor Ortenbauer, ehrlich gesagt — Sie wirken niedergeschlagen?

Ortenbauer: Bin ich wohl auch.

LJ: Warum denn?

Ortenbauer: Schon wieder leer ausgegangen bei der aktuellen Antragsrunde. Wie beim letzten Mal.

LJ: Woran liegt’s?

Ortenbauer: Tja, die Konkurrenz ist zu stark. Beide Male hieß es, sie hätten in meinem Feld schon das Maximum an Projekten bewilligt. Und die wären alle erfolgversprechender als meines.

LJ: Und wie sehen Sie das?

Ortenbauer: Einige andere Gruppen kenne ich ja — und die sind schon sehr gut. Das Tragische dabei ist, dass da ein paar von meinen eigenen Ex-Studenten dabei sind. Leute also, die ich selber ausgebildet habe. Diesen Beitrag weiterlesen »

Kooperation versus Konkurrenz

25. Januar 2013 von Laborjournal

Im Oktober 2011 erschien in PLoS Biology das Paper „A Holistic Approach to Marine Eco-Systems Biology“ (vol. 9(10): e1001177). Darin erklärten die Partner des Tara Oceans Consortiums ihren globalen, multidisziplinären und vor allem kooperativen Ansatz zum umfassenden Studium des Meeresplanktons. Ein Ansatz, den sie „Öko-Systembiologie“ tauften.

Die „Tara-Expedition“ zum umfangreichen Probensammeln war zu diesem Zeitpunkt bereits zur Hälfte durch — und nicht zuletzt deshalb schrieben die Autoren ganz am Ende folgenden bemerkenswerten Satz in ihr Paper:

A lesson from this project is that, when it comes to addressing broad and complex issues of general interest to mankind, competition between scientists may not be the best model.  Diesen Beitrag weiterlesen »

„Nie mehr Poster!“

3. September 2010 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Postdoc Rant, Pollyanologisches Institut Universität Wolkenruhe.

LJ: Ah hallo, in der Rolle unter ihrem Arm steckt doch sicher ein Poster. Gerade von einer Tagung zurück?

Rant: Gut erkannt.

LJ: Und wie war’s?

Rant: Bescheiden.

LJ: Warum? Kam ihr Poster nicht an?

Rant: Bingo. Ich frag’ mich wirklich, wofür ich die drei Tage Poster machen geopfert habe.

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Pflanzen mit Familiensinn

15. Oktober 2009 von Lara Winckler

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Pflanzen erkennen, ob ihre direkten Nachbarn mit ihnen verwandt sind oder nicht. Das behaupten zumindest die Pflanzenforscher um Harsh Bais und Susan Dudley. Mit Geschwistern, so die Wissenschaftler, leben Pflanzen in friedlicher Koexistenz und teilen sich womöglich gar die vorhandenen Nährstoffe, Nicht-Geschwistern dagegen sagen sie umgehend den Kampf an. Diesen Beitrag weiterlesen »

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