Photoshopping Papers

23. September 2011 von Laborjournal

Es kann einem schon angst und bange werden, wenn man sich anschaut, was die japanische Seite http://blog.m3.com/Retraction derzeit an offensichtlich manipulierten Paper-Abbildungen aufdeckt. Beinahe täglich (ja, wirklich!) stöbern deren Autoren „dubiose Machenschaften“ wie diese auf:

Auch ohne japanische Schrift lesen zu können, müsste klar sein, wie die Autoren hier ihre Abbildung frisiert haben — oder?

Anderes Beispiel:

Auch klar, oder?

Und weil’s gerade so schön ist,…:

 

Wie man dagegen Gelabschnitte tarnen und für eine andere Publikation in völlig neuem Zusammenhang wiederverwenden kann, zeigt durchaus eindrucksvoll dieses Beispiel:

 

Das waren jetzt nur vier der eingängigsten Beispiele aus den zahlreichen Einträgen der letzten zwei Monate. Wer sich noch mehr und teilweise noch ausgefuchsteres „Photoshopping“ von Abbildungen anschauen möchte, wird mit der japanischen Seite (leider) auf seine Kosten kommen — auch wenn er kein Japanisch kann.

Die Referenzen der vier hier vorgestellten Beispiele haben wir übrigens erstmal verschwiegen, da die „Fälle“ zum Teil schon offiziell untersucht werden (die Japaner haben sie natürlich dabei). Dennoch sei hier schon verraten, dass nicht gerade die hinterletzten Zeitschriften betroffen sind. Vielmehr stammen die vier Beispiele aus Nature, Cancer Research, Journal of Immunology und Experimental Eye Research. Weitere, hier nicht gezeigte Beispiele auf der japanischen Seite stammen aus Cell, Science, Nature Immunology und anderen „Hochkarätern“.

Angesichts der unbeantworteten Frage, wieviel Fälschung wohl tatsächlich in der wissenschaftlichen Literatur steckt, müssen einen diese Offenbarungen schlichtweg beunruhigen. Vor allem die Dreistigkeit, mit der offenbar öfter als einem lieb ist Abbildungen zerschnitten, gedehnt, gestaucht, rotiert und neu zusammengesetzt werden, lässt einem bisweilen die Spucke im Mund gefrieren.

Wen die obigen Beispiele jetzt allerdings womöglich selbst zum Datenfrisieren animieren — dem kann man immerhin entgegenhalten: Vorsicht, es gibt da ein paar fleißige und clevere Japaner, die so manchem Paper sehr genau auf die Finger schauen. Und sie sind nichtdieeinzigen!

 

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11 Gedanken zu „Photoshopping Papers“

  1. ene mene miste sagt:

    was ich noch nicht verstanden habe: gerade bei gelbildern kann man ja auch eine probe zweimal auftragen. also wieso stellen sich die betrüger so dumm an?
    was zur nächsten frage führt – wie oft kommt es vor dass leute sich nicht dumm anstellen und deshalb veröffentlicht werden?

  2. Winfried Köppelle sagt:

    Die zweite Frage ist genau die, die (und der) sich Deutschlands Wissenschaftsgremien endlich mal stellen sollten. Aber derlei Betrug findet halt ausschließlich in Japan und anderswo statt – und falls doch mal in D, sind’s absolute Einzelfälle. Wussten Sie das nicht?

  3. Ralf Neumann sagt:

    Eine der vorgestellten frisierten Abbildungen stammt tatsächlich aus einem „deutschen“ Paper – und der „Fall“ wird auch bereits untersucht (mehr darüber demnächst im gedruckten Laborjournal).

    Grundsätzlich jedoch muss man sagen, dass der Schwarze Peter nicht nur den Wissenschaftsgremien zukommt, sondern oft vielmehr noch den betreffenden Journals. Oft werden die zuerst wegen Fälschungsverdacht kontaktiert – und tun nicht viel bis gar nix. Was dann natürlich auch den arbeitgebenden Institutionen der inkriminierten Forscher die Hände bindet.

  4. Winfried Köppelle sagt:

    Beim letzten Satz möchte ich meinem Kollegen Neumann widersprechen: Die eine Sache ist in der Tat die, dass ein Journaleditor im Falle einer offensichtlichen Manipulation nichts unternimmt.

    Eine ganz andere ist es jedoch, wenn die Arbeit- bzw. Geld gebenden Institutionen (die Uni, die DFG, etc.) EBENFALLS nichts unternehmen. Denn wieso sollte eine Untersuchung oder eine Sanktion von der erfolgten oder unterlassenen Reaktion eines Journals abhängen – vor allem, wenn nachweislich betrogen wurde? (was sich anhand der Laborbücher doch meist eindeutig nachweisen lässt)

    Ein Vergleich mit dem „echten“ Leben ist dabei aufschlussreich: Diebstahl, Unterschlagung, Betrug und Untreue sind in Deutschland grundsätzlich Offizialdelikte – das bedeutet, sie werden stets von Amts wegen verfolgt.

    In der Wissenschaft ist dies anders. Ich frage mich, warum?

  5. Ralf Neumann sagt:

    Ich habe einige Fälle erlebt, bei denen die Journals die Originaldaten angefordert haben, um auf welche Art auch immer eine mögliche Datenfälschung zu prüfen. Schließlich muss ja auch das Journal im positiven Fall das entsprechende Paper zurückziehen (die Institutionen können nicht, die Autoren wollen nicht). Tja, und da verstaubten die Originaldaten dann – und die, die auch hätten prüfen wollen, wie etwa die arbeitgebende Institution, hatten einfach nix zum Prüfen.

  6. Winfried Köppelle sagt:

    Meiner Meinung nach ist das lediglich eine billige Ausrede dieser Institutionen. Ich gebe als Uni etc. doch keine Originale aus der Hand, ohne mir vorher Kopien zu machen (zumindest von den Seiten, die zur Diskussion stehen). Da braucht das Zeug nicht mal hinterher bei einem Journal verstauben – was, wenn schon beim Versand der Daten/Laborbücher die Post schludert und die Daten verloren gehen? Kopien sorgen dem vor.
    Und zweitens sind heutzutage doch sehr viele Daten bereits digital – und davon lassen sich noch viel einfacher 1:1 Kopien anfertigen. Insofern kann ich den Institutionen, die derartige „Erklärungen“ als Grund einer Nicht-Untersuchung vorschieben, nicht so recht glauben.

  7. Ralf Neumann sagt:

    Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat mitgelesen — ihr Redakteur Jörg Albrecht verfasste für die letzte Ausgabe:

    Fakten aus dem Photoshop
    Von Jörg Albrecht

    Im Internet gibt es eine Institution, von der jeder Grafiker hofft, dort nicht eines Tages vorgeführt zu werden. Sie heißt „Photoshop Disaster“ und versammelt Beispiele missglückter Bearbeitung von Bildmaterial mit dem entsprechenden Programm des amerikanischen Softwareherstellers Adobe. Ganz ähnlich geht es in einem japanischen „Retraction Blog“ zu: Auch hier werden Photoshop-Manipulationen gezeigt, nur handelt es sich dabei nicht um billige Reklame oder Bilder aus der Klatschpresse, sondern um Abbildungen aus hochseriösen Fachblättern wie Nature, Cell oder Science.

    Seit knapp einem Jahr demonstrieren die Blogger nun fast täglich, wie Laborphotos vor der Veröffentlichung gedreht, gestaucht, verdoppelt, vergrößert, verkleinert oder sonstwie manipuliert werden, nur damit sie zum behaupteten Ergebnis passen. Nicht nur Redakteuren des kritischen Laborjournals wird bei diesem Anblick angst und bange; genaugenommen könnte man auch von einer Bankrotterklärung für das Gutachterwesen sprechen, mit dem sich die wichtigsten Fachblätter gegen dubiose Machenschaften ihrer Autoren absichern wollen.

    Als Nature vor sechs Jahren eine Umfrage unter amerikanischen Biomedizinern durchführte, gab immerhin jeder dritte zu, in jüngerer Zeit gegen mindestens eines von zehn Sauberkeitsgeboten der Laborarbeit verstoßen zu haben. Bei einer ähnlichen Befragung vier Jahre später antworteten siebzig Prozent, sie hätten schon einmal Kollegen bei fragwürdigen Praktiken beobachtet; jeder siebte sprach sogar von Fälschung. Angesichts der immer noch wachsenden Publikationsflut wären das jährlich immerhin Zehntausende frisierter oder zusammengeschummelter Veröffentlichungen. Gemeldet und aufgedeckt werden aber jeweils nur eine Handvoll.

    Wie kommt das? In der erwähnten Umfrage beichteten viele Wissenschaftler, gelegentlich auf Druck eines Geldgebers hin Methoden und Resultate ihrer Arbeit verändert zu haben. Aber Einfluss von außen ist nicht einmal notwendig. Wissenschaft funktioniert ohnehin nicht so, dass jemand aus reiner Neugier ins Blaue hinein forscht. Bei den allermeisten Experimenten steht das gewünschte Ergebnis von vornherein fest, lang und dornig ist nur noch der Weg dahin. Wer fünf Jahre an seiner Doktorarbeit gesessen hat, mit dem Chef im Nacken, der endlich Resultate sehen will, der spielt wohl mit dem Gedanken, ein paar Dinge unter den Tisch fallen zu lassen. Biochemische Analysen lassen sich so und auch anders interpretieren, Daten mit Hilfe der Statistik in den signifikanten Bereich verschieben. Das ist nicht immer bewusste Fälschung. Eher schon hartnäckige Selbsttäuschung. Und der Wissenschaftsbetrieb ist auch nicht erpicht darauf, päpstlicher zu sein als der Papst. In der Regel wird ein bisschen Faktenwäsche von den Kollegen gedeckt, andernfalls würde auch die Reputation des eigenen Ladens leiden.

    Das führt zu der traurigen Tatsache, dass derjenige, der einen Verdacht äußert, nicht unbedingt für seine Zivilcourage geehrt, sondern häufig in Fachkreisen geschnitten wird, während der Ertappte auf Milde hoffen kann. Ethiker der Pennsylvania School of Medicine sind einmal dem weiteren Schicksal von 43 des Fehlverhaltens überführten Forschern nachgegangen. 37 von ihnen durften nach dem Skandal weiter publizieren, allerdings brachten sie nur noch halb so viele Veröffentlichungen pro Jahr zusammen.

    Besser wäre es gewesen, sie hätten sich schon vorher weise beschränkt.

    Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.09.2011, Nr. 38 / Seite 59

  8. „Die Referenzen der vier hier vorgestellten Beispiele haben wir übrigens erstmal verschwiegen, da die “Fälle” zum Teil schon offiziell untersucht werden.“

    Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?

  9. Ralf Neumann sagt:

    Uns ging es an dieser Stelle erstmal grundsätzlich um die Methode und um die Dreistigkeit ihrer Anwendung — nicht um „konkrete Fälle“. Die müssen dann schon sorgfältiger untersucht werden, als dass man nur mal schnell Bildchen nebeneinander stellt. Und genau das versuchen nicht nur „offizielle“ Gremien in dem ein oder anderen Fall zu tun — sondern auch wir, wie demnächst in print zu lesen sein wird.

  10. genetikerin sagt:

    Frisch, heiß und hoch gefeiert „Exogenous plant MIR168a specifically targets mammalian LDLRAP1: evidence of cross-kingdom regulation by microRNA“ ( Cell Reserch impact 10). Wenn man genau hinschaut, WOW! Keine Erratum und keine Retraction.

  11. Ralf Neumann sagt:

    Doch, jetzt gibt es eine Correction. Und nach dem zugehörigen Nature News-Artikel „Mis-paste: it’s the new typo“ war es wohl tatsächlich ein Versehen beim Zusammenstellen der Abbildungen.

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