Doch kein neues Band im Knie

8. November 2013 von Laborjournal

[Das Bild erschien bereits vor der „Entdeckung“ des ALL im Medical Observer.]

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Eigentlich müsste der belgische Chirurg Johan Bellemans der Presseabteilung seines Arbeitgebers, der Katholischen Universität (KU) Leuven, jetzt kräftig auf’s Dach steigen.

Im August veröffentlichte er mit seinen Mitarbeitern den Artikel „Anatomy of the anterolateral ligament of the knee“ im Journal of Anatomy (Vol. 4: 321-328). Dort blieb er zunächst von der Öffentlichkeit völlig unbeachtet, bis vor einigen Tagen die Presseabteilung der KU Leuven die Studie für eine Pressemitteilung aufgriff — und dieser den Titel gab: „Surgeons describe new ligament in the human knee“.

Ein neues Band im Knie? Ja, hat man das in den Tausenden und Abertausenden von Knieoperationen tatsächlich noch nie vorher gesehen und beschrieben? Der Text der Pressemitteilung lässt einen dies jedenfalls eindeutig glauben — und macht gar noch eine richtig schöne Geschichte daraus. So heißt es darin:

For the last four years, orthopaedic surgeons Dr Steven Claes and Professor Dr Johan Bellemans have been conducting research into serious ACL injuries in an effort to find out why. Their starting point: an 1879 article by a French surgeon that postulated the existence of an additional ligament located on the anterior of the human knee.

That postulation turned out to be correct: the Belgian doctors are the first to provide a full anatomical description of the ligament after a broad cadaver study using macroscopic dissection techniques.

Ein französischer Chirurg (namens Paul Segond, s.u.)  postulierte demnach also bereits 1879 die Existenz solch eines Bandes im Knie — und knapp 150 Jahre später finden es die Belgier tatsächlich. Wie gesagt, eine schöne Geschichte. Aber leider so nicht wahr. Bereits der erste Satz des Abstracts von Claes et al. lautet vielmehr:

In 1879, the French surgeon Segond described the existence of a ‘pearly, resistant, fibrous band’ at the anterolateral aspect of the human knee, attached to the eponymous Segond fracture.

Da ersetzten die Presseleute der KU Leuven also einfach mal „described“ durch „postulated“, bezeichneten zudem das Anterolateral-Band (ALL) als „neu“ — und schon klingt das Ganze viel spektakulärer. Und wundert es wirklich, dass die ganz große Mehrheit der Printmedien die „spektakuläre“ Geschichte genau so aufgriff? Siehe etwa Science Daily, USA Today, TIME,… Oder aus deutschen Landen der Focus, die Welt,  N24,… und sogar das Deutsche Ärzteblatt.

Nur der Blog Tracker des ‚Knight Science Journalism Program‘ am Bostoner MIT sowie das Online-Magazin io9 schauten offenbar wenigstens ins Abstract des Original-Artikels — und bemerkten die Übertreibung natürlich sofort. (Im io9-Beitrag „No, science has not discovered a new body part“ gibt es zudem noch den Link zu Segonds Originalartikel von 1879.)

Dabei ist die Arbeit von Bellemans Team gar nicht mal so unbedeutend, auch wenn man das ALL schon seit knapp 150 Jahren kennt. Immerhin haben die Belgier das Band erstmals wirklich genau beschrieben sowie überdies dessen Rolle und Funktion im Konzert des kompletten Bandapparats im Knie neu definiert. Entsprechend kommentierte auch der englische Kniechirurg Paul Trikha in den BBC News:

„Ich mache im Jahr etwa 150 Operationen am Vorderen Kreuzband. Dr. Claes Studie hat mich jetzt förmlich weggeblasen.“

Schön. Nur „neu entdeckt“ haben Bellemans und Co. das ALL eben nicht. Wäre dies der Fall, stünde ihr Artikel wohl auch eher in Nature Medicine oder Lancet, statt „nur“ im Journal of Anatomy.

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Ein Gedanke zu „Doch kein neues Band im Knie“

  1. Ralf Neumann sagt:

    Sorry ans Deutsche Ärzteblatt: Deren Bericht ist doch etwas differenzierter. Aber warum sprechen sie dann in der Überschrift von einem „neuen Band“?

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