Sorry, besetzt!

30. Oktober 2009 von Laborjournal

besetztVor einigen Wochen erzählte Forscher X unserem Chefredakteur, dass er im Journal Y auf ein frisches Paper gestoßen war, das zu einem guten Teil auf Daten aufbaute, die seine Gruppe bereits früher publiziert hatte. Nur tauchte ’sein‘ damaliges Paper in dessen Referenzliste gar nicht auf.  Also rief X bei den Autoren des Y-Papers an und fragte nach. Deren Antwort sinngemäß: Leider gestattet Journal Y nur eine Mindestanzahl von Artikeln in der Referenzliste. Folglich konnten sie nicht alle Paper aufführen, die sie eigentlich hätten zitieren müssen — und dazu gehörte leider auch das Paper des Kollegen X.

Es ist wirklich verrückt, aber jetzt berichtet Jonathan Eisen in seinem Blog The Tree of Life von einem nahezu deckungsgleichen Fall von „Sorry, kein Platz mehr“. Da drängt sich natürlich der Verdacht auf, dass gewisse Journals aus reinen Platzsparmaßnahmen durchaus häufiger „unvollständige“ Referenzlisten präsentieren. Was natürlich gar nicht geht — vor allem in einer Zeit, in der Zitierzahlen so viel Gewicht haben. Aber auch abgesehen davon rüttelt dieses Gebahren gewisser Journals gefährlich an den Grundfesten wissenschaftlichen Publizierens und Zitierens. Es ist ja nicht so, dass man die Artikel seiner „Vorarbeiter“ aus reiner Gefälligkeit in die Referenzliste mit aufnimmt. Vielmehr ist man als Forscher sogar verpflichtet diejenigen Vorarbeiten zu zitieren, die tatsächlich den ein oder anderen Baustein zu dem aktuellen Paper gelegt haben — und zwar alle. Dummerweise können das bei der steigenden Komplexität vieler Projekte heutzutage manchmal richtig viele werden. Aber dennoch darf ein Journal hier keine Limits setzen, sondern muss die Entscheidung den Forschern überlassen, wie viele Referenzen jeweils tatsächlich angemessen sind.

Interessant in diesem Zusammenhang aber auch, was ‚Kommentator‘ Peter Davies zu dem Fall bemerkt, den The Tree of Life schildert:

Let me argue the contrary point: I have seen too many papers where the authors insist on backing up every second sentence with as many reviews as they can cram in from a rushed online search, or to widely cite anyone they think might be a thin-skinned reviewer. This over-citation reduces the value of citations, and results in highly skewed citations for ’standard‘ reference papers.

Klar, Missbrauch wird es immer geben, aber wie Jonathan Eisen selbst darauf antwortet:

Everything one does comes with negatives. But the risk that some people will over-cite things should not come at the cost of preventing well intentioned people from accurately reflecting on whose „shoulders“ they stand on.

Solche Fälle dadurch verhindern zu wollen, dass man die Referenzlisten limitiert, hieße tatsächlich, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Abgesehen davon, dass dies sicherlich nicht der Grund ist, warum die besagten Journals die Längen ihrer Referenzlisten beschränken.

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2 Gedanken zu „Sorry, besetzt!“

  1. Nasenbär sagt:

    Diese Praxis ist verwerflich und lässt an Sinn und Glaubwürdigkeit von Forscherrankings zweifeln. Steht doch schon die Datenbank „ISI Web of Science“ in der Kritik, weil sie von vorneherein nur einen Teil der wissenschaftlichen Zeitschriften in ihre Sammlung aufnimmt (nach welchen Gesichtspunkten sie die wohl aussuchen?). Zudem unterscheiden sich auch ihre Zitierzahlen von denen anderer Suchdienste, wie z. B. Google Scholar, und dies teilweise erheblich. Wenn dann noch limitierte Referenzlisten hinzukommen…

  2. Lina Scott sagt:

    An Sinn und Glaubwürdigkeit von Forscherrankings zweifel ich schon lange, eigentlich war es der Hauptgrund für mich, die Forscherei an den Nagel zu hängen. Ein Großteil der ganzen Zitiererei und Publiziererei folgt doch dem Vitamin B – Prinzip: Kenn ich Dich, kennst Du mich, bringst Du mein paper in Deinem Journal unter, tu ich was für Dich, reviewst Du mein paper wohlwollend, tu ich dasselbe mit Deinem nächsten paper etc. Eigentlich wunderts, dass das impact-Pünktchenzählen überhaupt noch so ernst genommen wird, wo die Unzulänglichkeiten allseits bekannt sind. Insofern ist „sorry besetzt“ nur ein weiterer Mosaikstein in diesem Kasperletheater des Selbstbetrugs….

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