Zeigt her eure Ideen!

28. März 2019 von Laborjournal

Was macht einen guten Forscher generell aus? Mal ganz plakativ: Er sollte offene Probleme erkennen, die richtigen Fragen sowie plausible Hypothesen dazu formulieren — und insbesondere Ideen generieren, wie man dieHypothesen und Fragen auf elegante Weise testen und beantworten könnte.

Das Dumme dabei ist: Jemand, der wirklich gut in alledem ist, wird viel mehr Ideen produzieren, als er tatsächlich in konkreten Projekten verfolgen — geschweige denn zur „Erkenntnisreife“ bringen kann. Das ist die Kehrseite der immer engeren, zugleich aber immer aufwendigeren Spezialisierung der letzten Jahrzehnte. (Nicht umsonst kursiert zu diesem Dilemma schon lange der Spruch: „Wir erfahren immer mehr über immer weniger — und das wiederum mit immer höherem Aufwand.“)

Nehmen wir etwa Max Perutz, der bekanntlich die allermeiste Zeit seines Forscherlebens ausschließlich — und sehr erfolgreich — an Hämoglobin arbeitete. Glaubt jemand tatsächlich, dieser brillante Forscher hätte nur gute „Hämoglobin-Ideen“ gehabt? Sicher nicht. Die meisten davon hat er jedoch nicht weiter verfolgen können, weil sein Hämoglobin-Projekt schon sämtliche finanziellen, technischen und personellen Ressourcen komplett beanspruchte. Also wird Perutz die große Mehrheit seiner guten Ideen wie Sand zwischen den Fingern zerronnen sein — sofern er nicht mit der einen oder anderen davon jemand anderen anstecken konnte.

Und so wird es womöglich auch heute vielen gehen. Sie werden selbst erfahren haben, dass nur wenige ihrer initialen Ideen am Ende tatsächlich in ein Projektmünden — weil es unter den Zwängen des aktuellen Systems „gerade einfach nicht realisierbar ist“. Schade eigentlich! Und nicht auszudenken, wie viele überaus fruchtbare Körner da heranwachsen, die dann doch unbemerkt vertrocknen.

Der US-Physiker David Harris sah es vor vier Jahren offenbar genauso, als er sagte: „Gute Wissenschaftler haben in der Regel viel mehr Ideen, als sie verwerten können. Es wäre besser, wenn sie diese mit anderen teilen könnten.“ Zu eben diesem Zweck gründete er 2015 das Journal of Brief Ideas. „Citable ideas in fewer than 200 words“ sollte man dort wenigstens zur Diskussion stellen können.

Sicher keine schlechte Idee. Leider scheint es, als hätte sie bis heute nicht wirklich gezündet. Oder vielleicht doch? Woanders und auf andere Weise?

Ralf Neumann

Grafik: iStock / kutubQ

„Fälschungen sind immer schlimm, aber seinen Daten haben wir schon länger nicht getraut“

20. März 2019 von Laborjournal

Auch in der Wissenschaft gibt es den sogenannten „Flurfunk“ — und das ist auch gut so! Wie gut, davon bekamen wir eine Ahnung in einem Gespräch, das wir vor einiger Zeit im Rahmen einer Recherche führten — und das ging etwa so:

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LJ: „Herr Professor X, wie sehr schaden die jüngst aufgeflogenen Datenfälschungen des Kollegen Y Ihrem Feld?“

Prof. X: „Gar nicht. Wir haben schon lange bewusst vermieden, auf Ys Daten aufzubauen.“

„Das klingt, als hätten Sie seinen Daten schon vorher nicht getraut.“

Prof. X: „Exakt.“

„Aber der Aufschrei war doch riesig, als die Fälschungen bekannt wurden.“

Prof. X: „Sicher. Geschrien haben allerdings nur die Anderen. Uns ‚Insider‘ hat das überhaupt nicht überrascht. Wir wissen eben viel mehr, als in den Journalen steht. Wie woanders auch, haben wir ein gut funktionierendes Untergrund-Netzwerk. Und da wird früh Alarm geschlagen.“

„Wie muss man sich das vorstellen?“

Prof. X: „Nun ja, wenn jemand die Daten eines Kollegen nicht reproduzieren kann, dann weiß das ziemlich schnell jeder im Feld. Was meinen Sie denn, welches das ‚Flurthema‘ schlechthin auf jeder Konferenz ist? Ich sage es Ihnen: Welche Daten sind robust, und welche sind es nicht; und welcher Forscher macht solides Zeug, und wer nicht.“

„Und bei Y war die Sache schon lange klar?“

Prof. X: „Genau. Wir hatten ihn bereits unter Verdacht, als er die ersten ‚spektakulären‘ Resultate anbrachte. Der eine konnte dies nicht reproduzieren, der andere hatte jenes schon lange vorher vergeblich versucht, ein Dritter hatte ‚etwas mitbekommen‘,… und so weiter. Glauben Sie mir: Wenn sich Leute schon richtig lange mit bestimmten Dingen beschäftigt haben, erkennen sie solche ‚Probleme‘ ziemlich schnell.“

„Also viel Rauch um Nichts?“

Prof. X: „Forschungsfälschung ist immer schlimm, keine Frage. Doch meist richtet sie nicht den Schaden an, den viele befürchten, da die unmittelbar Betroffenen aufgrund der geschilderten Mechanismen sowieso schon lange vorsichtig waren. Laut schreien tun nur andere — vor allem diejenigen, die immer gleich den ganzen Wissenschaftsbetrieb in Gefahr sehen.“

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Okay, wahrscheinlich trifft das nicht für jeden Fall von Forschungsfälschung zu. Wir können uns beispielsweise noch gut erinnern, wie die internationale Pflanzenforscher-Gemeinde zuerst ungläubig und dann zunehmend schockiert reagierte, als nach und nach die Mauscheleien in den Publikationen ihres Zürcher Kollegen Olivier Voinnet aufflogen.

Aber dennoch: Wir wünschen weiterhin guten Flurfunk! Sei es auf Konferenzen oder anderswo.

Ralf Neumann

Illustr.: CoolCLIPS

„Bitte publik machen, aber ohne meinen Namen!“

13. März 2019 von Laborjournal

In schöner Regelmäßigkeit bekommen wir anonyme Zuschriften. Mehr noch aber solche, in denen die Schreiber sich zwar zu erkennen geben, aber darum bitten, unbedingt ihre Anonymität zu wahren, falls wir über das von ihnen angeprangerte Thema berichten würden.

In all diesen Fällen brennt den Schreibern „ihr“ Thema so fürchterlich auf den Nägeln, dass sie der Meinung sind, man müsse die entsprechenden Missstände (oder gar ihre eigenen „schlimmen, aber durchaus typischen“ Fälle) unbedingt in der gesamten Forschungsszene bekannt machen. Klar, deswegen schreiben sie uns ja. Aber ihren Namen — nein, den wollen sie dann um Himmels willen nicht in dem Artikel stehen sehen.

Beispielsweise kam vor einiger Zeit im DIN A4-Kouvert ein ganzer Packen vermeintliches „Beweismaterial“, mit dem der anonyme Absender Datenmanipulationen in gleich mehreren Veröffentlichungen als klar belegt ansah. Im Begleitbrief drängte der „Whistleblower“ geradezu, dass wir „diese wichtige Sache“ unbedingt verfolgen und öffentlich machen sollten. Und am Schluss dann der typische Absatz:

Wie Sie sehen werden, sitzen die betreffenden Kollegen in politisch wichtigen Positionen und sind sehr einflussreich. Ich dagegen bin nur ein unerfahrener Doktorand […] und arbeite selbst noch am Ort des Geschehens. Aus diesem Grund muss ich schlimme Konsequenzen befürchten, wenn ich „den Mund aufmache“ — und möchte deswegen unbedingt anonym bleiben.

Viele werden jetzt sicher zustimmend nicken und denken: „Nur zu verständlich, dass dieser Doktorand unter solchen Umständen unerkannt bleiben möchte.“ Und wir? Wir prüften natürlich das „Beweismaterial“. Diesen Beitrag weiterlesen »

Die Natur ist Gentechniker!

6. März 2019 von Laborjournal

„Um sich an die Umwelt anzupassen, übernehmen Gräser bestimmte Gene von verwandten Arten — und das auf direktem Weg von Pflanze zu Pflanze.“ So stand es in einer Meldung der Uni Bern, die der Redaktion vor gut zwei Wochen auf den Tisch flatterte.

„Wow, offenbar horizontaler Gentransfer at its best“, dachte unser Chefredakteur sofort. Doch komischerweise formte sich vor seinem geistigen Auge eben nicht — wie eigentlich sonst immer — zunehmend eine Idee, wie er die beschriebene Studie in Laborjournal aufgreifen könnte. Vielmehr stieß dieses Stichwort seine Gedanken umgehend mitten in die aktuelle Gentechnik-Debatte, die angesichts der jüngsten Entwicklung des „spurenfreien“ Gene Editings via CRISPR und Co. im Hamsterrad der Irrationalitäten ja nochmal ein bis zwei Gänge hochgeschaltet hatte.

Kaum etwas ist doch annähernd so umfassend erforscht, wie die verschiedenen gentechnischen Methoden inklusive der mittelfristigen Folgen und Nicht-Folgen ihrer Anwendungen — so dachte er. Entsprechend verlegen sich die Rundum-Ablehner von Ökos, Grünen, SPD und generellen Fortschrittsfeinden ja auch immer weniger auf wissenschaftliche Argumente. Stattdessen diskreditieren sie lieber gleich die ganze Wissenschaft an sich. Oder — und jetzt kommen wir langsam zur oben erwähnten Studie — sie schwurbeln aufgrund eines romantisch-falschen Naturbegriffs irgendwas von wegen „unnatürliche Methoden“ herum.

Und jetzt das! Da finden doch Forscher tatsächlich, dass die Vorfahren einer Grasart im Laufe ihrer Evolution insgesamt sechzig Gene aus neun verschiedenen, nur sehr weitläufig verwandten Gräsern stibitzt und in ihr eigenes Genom integriert haben. Einfach so, über sämtliche Artgrenzen hinweg! In freier Natur, ohne Labor — und noch viel kruder, als CRISPR und Co. es jemals könnten!

Dabei sind die Gräser beileibe nicht das erste Beispiel, wie schamlos die Natur seit jeher ohne jegliches Zutun des Menschen „Gentechnik“ betreibt. Sie sind auch nicht erst die zehnte oder zwanzigste „Ausnahme“! So scheint vielmehr in sämtlichen evolutionären Linien horizontaler Gentransfer stattgefunden zu haben. Bereits zuvor hatte die Wissenschaft beispielsweise festgestellt, dass sich Farne wichtige Gene aus Moosen holten, dass Läuse sich bei Bakterien bedienten, dass die Süßkartoffel ein natürlich gentechnisch veränderter Organismus (GVO) ist. Gleiches gilt für Fliegen, Würmer und und und… bis hin zu uns Menschen. Knapp 150 Gene übernahmen unsere Primaten-Vorfahren offenbar aus Bakterien, Einzellern und Pilzen in ihr Genom, wo sie heute wichtige Funktionen für uns erfüllen — etwa im Fettstoffwechsel oder der Immunabwehr.

Alles Natur pur also! Und das aktuell so heiß diskutierte Genome Editing sowieso. Im Darm eines jeden einzelnen von uns CRISPR’t es wahrscheinlich millionenfach — pro Tag!

Nein, die Natur ist nicht romantisch, sie ist pragmatisch. Und ihre Exekutive ist die Evolution. Komplett wertfrei probiert sie alles Mögliche aus — und wenn ein Organismus von irgendeiner evolutionären Rumprobiererei einen Nutzen hat, wird das Resultat über die nächsten Generationen in der gesamten Population fixiert. Klar, dass sie dazu als Werkzeug auch gerne den horizontalen Gentransfer über Artgrenzen hinweg benutzt. Oder Transformation via Plasmid oder Virus-Vektor. Oder Genome Editing… Schlichtweg alles, was man heute Gentechnik nennt, und noch viel mehr.

Einiges davon kriegt der Mensch inzwischen auch im Labor hin, und einiges davon inzwischen auch deutlich schneller und zielgerichteter als die Natur. Aber prinzipiell unnatürlich wird es dadurch nicht. Auch wenn die Gentechnik-Gegner es gerne so hätten. Nein, ganz im Gegenteil: Dass Gentechnik unnatürlich sei, ist ein ganz schwaches Argument — und kann nur von Leuten kommen, die die Natur nicht verstanden haben…

Ralf Neumann

(P.S.: Natürlich fragt sich unser Chefredakteur jetzt, ob er genau diese Gedanken nicht mal in Laborjournal schreiben sollte — statt diese Gräser-Studie etwa routinemäßig als Nachricht oder Journal Club zu referieren. Aber wäre das gerade den Laborjournal-Lesern gegenüber nicht lediglich „Preaching to the Converted“, wie die Engländer so schön sagen?… Hm, vielleicht aber doch nicht nur…)

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