„Fälschungen sind immer schlimm, aber seinen Daten haben wir schon länger nicht getraut“

20. März 2019 von Laborjournal

Auch in der Wissenschaft gibt es den sogenannten „Flurfunk“ — und das ist auch gut so! Wie gut, davon bekamen wir eine Ahnung in einem Gespräch, das wir vor einiger Zeit im Rahmen einer Recherche führten — und das ging etwa so:

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LJ: „Herr Professor X, wie sehr schaden die jüngst aufgeflogenen Datenfälschungen des Kollegen Y Ihrem Feld?“

Prof. X: „Gar nicht. Wir haben schon lange bewusst vermieden, auf Ys Daten aufzubauen.“

„Das klingt, als hätten Sie seinen Daten schon vorher nicht getraut.“

Prof. X: „Exakt.“

„Aber der Aufschrei war doch riesig, als die Fälschungen bekannt wurden.“

Prof. X: „Sicher. Geschrien haben allerdings nur die Anderen. Uns ‚Insider‘ hat das überhaupt nicht überrascht. Wir wissen eben viel mehr, als in den Journalen steht. Wie woanders auch, haben wir ein gut funktionierendes Untergrund-Netzwerk. Und da wird früh Alarm geschlagen.“

„Wie muss man sich das vorstellen?“

Prof. X: „Nun ja, wenn jemand die Daten eines Kollegen nicht reproduzieren kann, dann weiß das ziemlich schnell jeder im Feld. Was meinen Sie denn, welches das ‚Flurthema‘ schlechthin auf jeder Konferenz ist? Ich sage es Ihnen: Welche Daten sind robust, und welche sind es nicht; und welcher Forscher macht solides Zeug, und wer nicht.“

„Und bei Y war die Sache schon lange klar?“

Prof. X: „Genau. Wir hatten ihn bereits unter Verdacht, als er die ersten ‚spektakulären‘ Resultate anbrachte. Der eine konnte dies nicht reproduzieren, der andere hatte jenes schon lange vorher vergeblich versucht, ein Dritter hatte ‚etwas mitbekommen‘,… und so weiter. Glauben Sie mir: Wenn sich Leute schon richtig lange mit bestimmten Dingen beschäftigt haben, erkennen sie solche ‚Probleme‘ ziemlich schnell.“

„Also viel Rauch um Nichts?“

Prof. X: „Forschungsfälschung ist immer schlimm, keine Frage. Doch meist richtet sie nicht den Schaden an, den viele befürchten, da die unmittelbar Betroffenen aufgrund der geschilderten Mechanismen sowieso schon lange vorsichtig waren. Laut schreien tun nur andere — vor allem diejenigen, die immer gleich den ganzen Wissenschaftsbetrieb in Gefahr sehen.“

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Okay, wahrscheinlich trifft das nicht für jeden Fall von Forschungsfälschung zu. Wir können uns beispielsweise noch gut erinnern, wie die internationale Pflanzenforscher-Gemeinde zuerst ungläubig und dann zunehmend schockiert reagierte, als nach und nach die Mauscheleien in den Publikationen ihres Zürcher Kollegen Olivier Voinnet aufflogen.

Aber dennoch: Wir wünschen weiterhin guten Flurfunk! Sei es auf Konferenzen oder anderswo.

Ralf Neumann

Illustr.: CoolCLIPS

Kaffeefahrten statt Meetings

12. Oktober 2017 von Laborjournal

Auch wir Laborjournalisten besuchen hin und wieder Meetings. Erst kürzlich hatte einer von uns wieder das Vergnügen.

Doch einmal im Auditorium, formierten sich während der einzelnen Vorträge wiederholt Gedanken in seinem Hirn wie etwa: „Ah ja, EMBO Journal, vor fünf Jahren ungefähr“. Oder: „Natürlich, die alte Science-Story. Auf die ist er immer noch stolz. Aber kam da seitdem gar nichts mehr nach?“

Zum Schluss gab es schließlich die Closing Lecture vom vielfach gepreisten Großmeister des Faches höchstpersönlich. Einen Review seiner letzten drei Reviews lieferte er ab — brillant vorgetragen, zugegeben. Dennoch die Story kannten wirklich alle — und das schon seit langem. Dafür hätte er sich nicht für vier lange Tage von Frau und Enkelkindern verabschieden müssen…

Kann es denn Sinn von Meetings sein, fast ausschließlich Nachlesbares zu präsentieren? Früher einmal war das nicht so, da wurde tatsächlich öfter noch Work in Progress diskutiert. Aber heute?

Ein italienischer Forscher schrieb denn auch vor kurzem dazu: „Meetings sollten kein Forum sein für artig abgeschlossene Arbeiten, vielmehr sollten sie als Bühne dienen, um neue, durchaus auch gewagte Hypothesen vorzustellen und zu diskutieren.“

Recht hat der Mann. Und er hat weiterhin recht, wenn er noch anfügt: „Heute sind Meetings nur noch dazu nützlich, um Freunde zu treffen, neue Leute kennenzulernen oder Kooperationen zu planen. Deswegen ziehe ich selbst mittlerweile die Kaffeepausen den offiziellen Präsentationen deutlich vor.“

Da gibt es dann wenigstens heißen Kaffee, bei all dem kalten in den Vorträgen.

Vielleicht sollte man sich doch überlegen, statt teuren Meetings einfach gleich ausgedehnte Kaffeefahrten zu organisieren, um die Leute zusammenzubringen…

Autoren am Rande des Nervenzusammenbruchs (6)

5. August 2011 von Laborjournal

… und dann war da noch Forscher Vogelsee. Die Arbeit seiner Gruppe drehte sich vorwiegend um das Gen madB, das er seinerzeit selbst als Postdok in der Gruppe des großen Kaltental isoliert hatte. Ein wichtiges Gen, keine Frage. Und solide war es, was er und seine Mitstreiter im Laufe der Zeit zur Rolle von madB bei der Darmentwicklung zusammengetragen hatten. Nur, viele Zitate brachte es nicht.

Immerhin, vor Jahren bat ihn der ebenfalls große Rogger um Hilfe. Rogger war so was wie der „Pabst der Darmentwicklung“ und seine Leute waren kurz vor der Entschlüsselung eines offenbar zentralen Schaltermechanismus. Es fehlten nur noch eindeutige histologische Bilder. Diese jedoch waren nicht ganz einfach zu produzieren — und wie der Zufall so wollte, hatten ausgerechnet Vogelsee und Co. die entsprechende Technik bei ihren Arbeiten über madB perfektioniert. Diesen Beitrag weiterlesen »

Biotechnica 2010 (3)

7. Oktober 2010 von Laborjournal

Assoziiert an die Biotechnica findet übrigens nebenan im Convention Center der 5th World Congress on Preventive & Regenerative Medicine statt. Einer der mit Spannung erwarteten Hauptredner war gestern Aubrey de Grey — laut Wikipedia „ein in Cambridge wohnender in wissenschaftlichen Kreisen umstrittener Bioinformatiker und theoretischer Biogerontologe.“

In England oder den USA zieht de Grey mit seinen Theorien zur Umkehr des Alterns und der „Abschaffung des Sterbens“ normalerweise mehrere hundert Leute zu seinen Vorträgen an –wenn nicht mehr. In Hannover lauschten ganze Dreißig seinen Ausführungen.

Die Frage, die den Laborjournal-Reporter indes am meisten beschäftigte: Trug de Grey nun eine Krawatte, oder nicht?

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