Sieht aus, wie es sich anfühlt

12. April 2011 von Laborjournal

Das Herz der Wissenschaft ist es, die richtigen Fragen zu stellen — so meinen viele. Doch was nutzt es, interessante und potenziell erkenntnisfördernde Fragen zu stellen, wenn man keine experimentellen Mittel zur Hand hat, mit denen man nach deren Antworten suchen kann?

Ein schönes Beispiel lieferte vor 322 Jahren der irische Naturphilosoph und Politiker William Molyneux. Damals fragte er in einem Brief an John Locke, ob ein blinder Mensch, der beispielsweise Kugel und Würfel nur durch Abtasten kannte, diese beiden Formen sofort und automatisch auch optisch unterscheiden könne, sobald ihm das Augenlicht wiedergegeben würde.

Eine durchaus grundlegende Frage, da sich hinter ihr unter anderem das viel „größere“ Rätsel verbirgt, wie das Gehirn überhaupt Repräsentationen von Objekten der Außenwelt bildet. Und das war den Beteiligten auch damals schon bewusst.

Die Frage musste jedoch bis vor kurzem unbeantwortet bleiben, da man nicht einfach so mal Blinde wieder sehend machen kann. Man musste erst warten, bis es tatsächlich gelang, gewisse Formen angeborener Blindheit operativ ausreichend gut zu „beheben“. Und dann musste man solche Patienten finden, die bereits alt genug für die entsprechenden Tests waren.

Über die Hilfsorganisation „Project Prakash„, die beispielsweise für an Grauem Star erkrankte Kinder Operationen organisiert und finanziert, fanden Neurowissenschaftler um Pawan Sinha vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge nun tatsächlich fünf „passende“ indische Kinder zwischen 8 und 17 Jahren.

Nach erfolgreicher Behandlung mussten diese, unmittelbar nach Abnahme der Augenbinden, visuell gewisse Formen unterscheiden. Erst als dies gelang, kam der eigentliche Test: Würden die Kinder Objekte, die sie zuvor ertastet hatten, durch reines Betrachten wiedererkennen? Zu Anfang nicht! Die Kinder bekamen die Verbindung zwischen Ertastetem und Erblicktem nicht hin, das Ergebnis war nicht besser als reines Raten.

Der Schluss war demnach, dass unser Gehirn die Repräsentationen von Objekten nicht kreuzmodal anlegt. In diesem Fall konnten folglich die Kinder die gesehenen Objekte nicht mit den Repräsentation der gleichen Objekte aus ihrer Tasterfahrung zur Deckung bringen.

Allerdings — und jetzt kommt die gute Nachricht — , nach knapp einer Woche lernten sie es. Alle Fünf konnten Schritt für Schritt die anfängliche Unfähigkeit kompensieren. Und das erstaunte die Autoren letztlich durchaus, da man bis dahin annahm, dass man die volle neurovisuelle Leistungsfähigkeit nur etwa bis zum Alter von fünf Jahren ausbilden kann. Unser Gehirn scheint demnach in der Tat deutlich länger über deutlich mehr Plastizität zu verfügen als bisher vermutet.

Gute Antworten, ganz klar. Doch wie gesagt, die Frage danach war schon seit über 300 Jahren formuliert. Und ganz vollständig ist sie auch jetzt noch nicht beantwortet. Denn in Molyneux’s Frage geht es eigentlich darum, ob ein Blinder nach Erwerb des Augenlichts die Dinge visuell wiedererkennt, die er zuvor während seiner Blindheit tastend kennengelernt und im Gehirn „abgelegt“ hat.

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