Bombe geplatzt: Roche gibt RNAi auf

19. November 2010 von Laborjournal

Das ist der Biotechhammer des Jahres: Roche kippt seine komplette RNAi-Forschung und gibt gleichzeitig auch die Entwicklung von RNAi-Therapeutika auf. Der Kulmbacher Standort, bis vorgestern (17. November) noch marketinggerecht als „Center of Excellence for RNA Therapeutics“ bezeichnet und damit das erklärte Prunkstück der hauseigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, steht damit vor dem urplötzlichen Aus. In der Roche-Pressemeldung von vorgestern liest sich das so:

Roche announces implementation plans for its Operational Excellence Program. [The] measures aim to strengthen innovation and ensure sustained success in a fast changing market environment.

Äh — „Innovation und Exzellenz“ stärken dadurch, dass man die „innovative und exzellente“ RNAi-Technologie in die Tonne kickt? Ist die nobelpreisgekrönte und in-den-Himmel-gehypte Technologie ab sofort also nicht mehr „exzellent und innovativ“? Egal, lesen wir weiter:

Implementation plans include reducing the work force by 4,800 positions worldwide, or 6% of the Group’s current work force (…) and 700 positions outsourced to third parties.

Ach so, es geht darum, noch mehr Gewinn zu machen. Das ist was anderes. Dass man die bis vorgestern in höchsten Töne gelobte RNAi-Technologie wegwirft, wird in der PR ohnehin nur am Rande erwähnt:

(…) Roche will discontinue certain activities in research and early development. These include RNA interference research in Kulmbach, Germany, and in Nutley, New Jersey, and Madison, Wisconsin, in the US.

Bamm, das war’s auch schon. Die 50 Kulmbacher Mitarbeiter, die bis vorgestern noch frohgemut für den Schweizer Mutterkonzern siRNA-Wirkstoffe gegen Stoffwechselerkrankungen, entzündliche Erkrankungen und Krebs entwickelten, stehen damit urplötzlich nackt da und können ab sofort Bewerbungen schreiben — falls nicht ihr bisheriger Chef Roland Kreutzer den Laden von Roche zurückkauft. Wir haben vorhin mit Kulmbach telefoniert — bei der Firma hüllt man sich gemäß einer Konzernanweisung in Schweigen (Kreutzer selbst ist derzeit ebenfalls mit Sprechverbot abgetaucht), und im oberfränkischen Rathaus weiß der Pressesprecher noch viel weniger als der Laborjournal-Redakteur („da muss ich jetzt direkt mal in der Zeitung nachschauen“).

Derlei Ahnungslosigkeit verwundert schon deswegen, weil des Pressesprechers Chef, der örtliche Oberbürgermeister, noch kürzlich Roland Kreutzer mit dem „geflügelten Merkur für Aufschwung und Fortschritt“ auszeichnete, für seine großen Verdienste ums fränkische Wirtschaftsleben oder so ähnlich (siehe Foto oben; links Merkur, dann Kreutzer, neben ihm zwei Lokalpolitiker)

Tja — auch wenn einige Konzerne in letzter Zeit bereits ein wenig Abstand nahmen vom RNAi-Hype — so komplett wie Roche hat noch kein Pharma-Dickschiff den Ausstieg durchgezogen. Selbst der amerikanische Insider und langjährige Pharmaforscher Derek Lowe wundert sich in
seinem Blog In the Pipeline:

What surprised me was their announcement that they’re giving up on RNA interference as a drug mechanism. That’s the biggest vote of no-confidence yet for RNAi, which has been a subject of great interest (and a lot of breathless hype) for some years now.

Und er fragt sich weiter:

What we don’t know is what’s going on in the other large companies (the Mercks, Pfizers, and so on) who have been helping to fund a lot of this work. Are they wondering what in the world Roche is up to? Looking at it as a market opportunity, and glad to see less competition? Or wishing that they could do the same thing?

Bleibt die Frage: Ist das Ganze „nur“ eine sogenannte strategische Entscheidung, wie klug oder unklug sie auch immer sein mag — oder weist die RNAi-Technologie womöglich einen grundlegenden Haken, eine bisher nicht gekannte Schwachstelle auf?

Letzteres wäre ein noch ungleich größerer Hammer als Roches aktuelle Maßnahme.

(Zu diesem Thema gibt es auch einen Beitrag auf Laborjournal online.)

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