Sie tut’s schon wieder! Die 800-Millionen-Legende

26. April 2010 von Laborjournal

Manche Legende wird immer wieder gerne erzählt. Zum Beispiel die mit den 800 Millionen (Dollar? Euro? Wackersteinen?), die es im Schnitt koste, ein Medikament zu entwickeln. Cornelia Yzer, die Cheflobbyistin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VFA), erzählte diese Legende am 20. April zum x-ten Mal, dieses Mal einem Interviewer des Politmagazins Der Spiegel.

Bereits vor Jahren haben einige darauf hingewiesen, Anfang 2007 auch die Betreiber des LJ-Blogs, wie wenig plausibel diese 800-Millionen-Legende ist (siehe Lab Times 1-2007, Seite 45: „What Price a Drug? – Reflections on a magic number of doubtful value“).

Unsere Blogger-Kollegen bei Stationäre Aufnahme haben die 800-Millionen-Legende nun lobenswerterweise anlässlich des Yzer-Interviews erneut aufgegriffen und dabei recht prägnant dargestellt, dass eigentlich so gut wie alle bedeutenden Pharmafirmen, von AstraZeneca bis Sanofi-Aventis, nach Herzenslust die 800-Millionen-Zahl auf den Tisch klatschen. Die stammt, was von den Pharmaleuten nicht so gern gesagt wird, aus einer halbseidenen Studie eines Herrn Joseph DiMasi (Joseph A. DiMasi, Ronald W. Hansen & Henry G. Grabowski: The price of innovation: new estimates of drug development costs. Journal of Health Economics 22 (2003) 151–185).

Der Lab-Times-Kommentator bemerkte dazu seinerzeit (und das nicht mal als Erster):

“In practice, Dimasi’s findings are disputable. Firstly, the source of his data stinks. They were provided by drug manufacturers who were, of course, interested in increasing Dimasi’s cost estimate. Secondly, the Tufts Center is part-funded by pharmaceutical companies, implying possible conflicts of interest. Thirdly, the Tufts scientists neglected to consider public research grants and tax reimbursements. And, finally, they only included new chemical entities (NCEs) in their study, which are by far the costliest to develop.”

Sowie:

“A recent paper, published by Donald Light, Professor of Comparative Health Care at the University of Pennsylvania, criticises the fact that the data used by Dimasi’s team cannot be verified independently (D.W. Light et al., Extraordinary claims require extraordinary evidence. Journal of Health Economics, 2005, 24(5), 1030-1044).”

Beeindruckend am Spiegel-Interview ist ferner Yzers fortwährend gedrehte Leier von den „innovativen Medikamenten“, aber auch der k-n-a-l-l-h-a-r-t nachhakende Interviewstil des Reporters aus Hamburg:

SPIEGEL ONLINE: Wieviel Gewinn machen die Hersteller denn hierzulande?

Yzer: In anderen Industrieländern ist es mehr.

(SPIEGEL ONLINE: Nächste Frage.)

Und wenig später:

SPIEGEL ONLINE: In der Vergangenheit hat die Pharmalobby oft bei den Ministerpräsidenten Stimmung gemacht, um unliebsame Elemente von Gesundheitsreformen im Bundesrat zu blockieren. Setzen Sie dieses Mal auch darauf?

Yzer: Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass Politiker zu der Erkenntnis kommen, dass sie für eine bessere medizinische Versorgung und einen guten Wirtschaftsstandort einstehen sollten.

(SPIEGEL ONLINE beendet das Interview. )

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P.S.: Das Einpflegen dieses Postings dauerte ungefähr genau 800 Millionen Mikrosekunden.  Oder so ähnlich.

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