Zweierlei Maß

16. Januar 2013 von Laborjournal

Wie oft werden gewisse Erkenntnisse, die die Biologie des Menschen betreffen (oder wenigstens die von Mäusen), als „neu“ bejubelt. Dabei kennt man das Phänomen bisweilen schon lange von anderen, „weiter entfernten“ Organismen.

So stellten etwa gerade US-Forscher auf der Jahrestagung der American Society for Cell Biology einen „neuen Typ der Zellteilung“ vor, den sie „Klerokinese“ nennen (siehe hier, mit Video). Der Clou an der Sache ist folgender: Durch Klerokinese schaffen es auch Zellen, die wegen nicht vollendeter Zellteilung nach abgeschlossener Mitose zwei Kerne beherbergen, im nächsten Zyklus trotzdem gesunde Tochterzellen zu produzieren.

Im Prinzip also eine „Reparatur-Teilung“, durch die das Entstehen von Zellen mit „falschen“ (aneuploiden) Chromosomensätzen verhindert wird. Und da die Autoren dies bei humanen Netzhautzellen beobachteten, ist die Geschichte allemal „relevant“ — zumal man solche Teilungspannen seit jeher als einen der Haupt-Entstehungsmechanismen für Krebs verdächtigt.

Nur, ist Klerokinese wirklich „neu“? Robert Insall vom englischen Beatson Institute for Cancer Research erhebt in einem Kommentar im Nature Medicine-Blog „spoonful of medicine“ jedenfalls heftigen Einspruch. Er schreibt:

This was shown in Dictyostelium in the seventies, and multiple times since. It has been named “type III” cytokinesis, or traction-mediated cytofission. You would be hard pressed to tell any difference between all the extant movies of Dictyostelium and this. It’s thus not “new” in the usual sense of that word, it’s just been shown, yet again, that biology that was thought to be specific to a model organism is in fact closer to universal.

Und dann wird er doch ein bisschen ärgerlich:

It is enormously frustrating to us that partially work in model organisms to be told by referees that our papers cannot be accepted because they are “not applicable” to human cells. It’s wrong on so many different levels, but this work illustrates one – that “not applicable” usually means “nobody with appropriate skills looked yet”.

Da ist wohl etwas dran. Und auch wenn die Angelegenheit in den Details ein wenig anders gelagert ist, erinnert sie doch prinzipiell an den Nobelpreis 1998 für die Entdeckung von Stickstoffmonoxid (NO) als Tonus-regulierendes Signalmolekül der Blutgefäß-Endothelzellen. In der Pressemeldung schrieb die Nobel-Stiftung damals gleich im zweiten Satz der Begründung:

Signal transmission by a gas that is produced by one cell, penetrates through membranes and regulates the function of another cell represents an entirely new principle for signalling in biological systems.

Sofort schrieen Pflanzenforscher weltweit förmlich auf — und verwiesen zu Recht darauf, dass dieses Prinzip keineswegs neu sei, sondern vielmehr in Form von Ethylen bei Pflanzen lange bekannt und beschrieben. Der US-Pflanzenbiologe Hans Kende schrieb damals beispielsweise unter anderem in einem Leserbrief in Science (vol. 282(5389): 627):

[…] the citation by the Nobel Assembly is one more testimony to the fact that pioneering discoveries in plant biology are not counted among the milestones in biological research. The Nobel Assembly asserts, with respect to nitric oxide, that „signal transmission by a gas that is produced by one cell, penetrates through membranes and regulates the function of another cell represents an entirely new principle for signaling in biological systems“ and that „this was the first discovery that a gas can act as a signal molecule in the organism.“ In fact, ethylene, the simplest unsaturated hydrocarbon, was recognized by the Russian plant physiologist Neljubow in 1901 as a gas that affects plant growth, and by Gane in 1934 as a signal molecule produced by plant cells.

Und wieder: Wo er recht hat, hat er recht. Zumal gerade die Pflanzenforschung ein schon lange gebranntes Kind ist, was die fehlende Anerkennung der Universalität ihrer Erkenntnisse angeht. Man schaue nur mal in den Review „Plant Biology — A quiet pioneer“ (Plant Biotechnol. 26(2009), 183-87).

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