„Ideenlose Forschung“

5. April 2011 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. Dr. P.D.A. Gogik, Neurodidaktologisches Institut Universität Lernfurt.

LJ: Hallo, Frau Gogik. Ihr Mitarbeiter hat mir gesagt, Sie begutachten gerade Anträge für Postdok-Stipendien.

Gogik: Richtig. 15 Anträge. Bin gerade einmal durch alle durch.

LJ: Und?

Gogik: Na ja. Ehrlich gesagt, begeistern tut mich keiner.

LJ: Woran hapert’s?

Gogik: Auf den ersten Blick klingen eigentlich alle ganz gut. Klar geschrieben, logisch aufgebaut, zielführende experimentelle Strategie,… Wenn man dann aber fragt, welche wirklich neuen Erkenntnisse könnte das Projekt bringen, bleibt bei allen Anträgen nicht mehr viel übrig. Da will etwa der eine mit Organismus X machen, was schon mit A, B und C gemacht wurde. Oder die andere mit einer neuen Methode einen Prozess beobachten, der schon ausreichend detailliert beschrieben ist. Ich habe das Gefühl, den Leuten fallen immer weniger interessante Fragen ein. Es fehlen echte Ideen

LJ: Woran könnte das liegen?

Gogik: An der Ausbildung. Es gibt doch keine Veranstaltungen, in denen man versucht den Leuten gezielt kreative Wissenschaft beizubringen — wie man gute Fragen stellt, wie man echte Themen erkennt und Ideen entwickelt, und wie man daraus schließlich testbare Hypothesen ableitet und aussagekräftige Experimente konstruiert. Genausowenig nehmen sich die Betreuer die Zeit, um mit ihren Studenten deren Projekte von Anfang an gemeinsam und flexibel zu entwickeln.

LJ: Ist das lediglich eine Vermutung?

Gogik: Nicht nur. Sehen Sie, vor einem halben Jahr habe ich während einer Tagung die übliche Postersession besucht. Alles junge Leute, und ein Poster langweiliger als das andere. Keine wirklichen Fragen. Stattdessen ging es meist darum, über ein kleines Detail noch mehr Details herauszubekommen. Ich habe mir dann den an sich traurigen Spaß gemacht, die Leute der Reihe nach zu fragen, wie sie denn überhaupt zu ihren Projekten gekommen sind. Und wissen Sie, was die alle geantwortet haben?

LJ: Nein. Was denn?

Gogik: „Hab‘ ich von meinem Betreuer angewiesen bekommen.“

 

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3 Gedanken zu „„Ideenlose Forschung““

  1. martin sagt:

    Ja, so läuft’s halt. Man wird ja schon auf ein Projekt eingestellt, was sich die Betreuer Monate zuvor ausgedacht haben.

    Mit kreativer Wissenschaft hat das nicht viel zu tun.

  2. Andreas sagt:

    Kreativitaet wird auch nicht unbedingt vom Stipendien-System gefoerdert. Bei Stipendien-Antreagen (bsp. DFG) soll schon beim Schreiben ein genauer Projektplan (die ersten Monate mache ich dies, dann das, …..) abgeliefert werden. Zudem haben meiner Meinung nach Antraege, die kein klar umschlossenes bzw. sehr eingegrenztes Ziel haben und deren zukuenftige Ergebnisse nicht zu 90% schon feststehen/ zu erwarten sind, kaum Chancen auf Foerderung. Es wird die Produktion von Ergebnissen gefoerdert/gefordert. Wer also Geld braucht um sein taeglich Brot zu sichern, wird auf der sicheren Schiene fahren und ein „unkreatives“ Projekt vorschlagen. Kreative Projekte werden dann meist von Enthusiasten in ihrer „Freizeit“ ohne spezifische Foerderung durchgefuehrt.

  3. BadBoyBoogie sagt:

    Klar ist das so. Planwirtschaft halt. Hat noch nie funktioniert. Und gerade deswegen sollte man schlicht taktisch agieren: Brav genau das angeben, was die DFG-Fantasten erwarten und damit seinen antrag weitgehend genehmigt bekommen (mit den üblichen 20-30 % Abschlag) – und hinterher trotzdem das machen, was man stattdessen eigentlich machen will.

    Hat bei mir jedesmal wunderbar funktioniert, obwohl ich nur ein vergleichsweise naiver Doktorand ohne nennenswerte Hintergrundunterstützung war. Und Rechenschaft darüber abzulegen, wieso ich nach 2 oder 3 Jahren ganz was anderes rausbekommen habe als im antrag geplant, womöglich auch noch mit anderen (aber „zufällig“ im Labor bereits etablierten) Methoden & Geräten – das musste ich nie. Hat letztlich nie jemanden interessiert. Ein Einzelfall? Damals jedenfalls nicht.

    Soweit ich weiß, ist das ja ohnehin die Regel in Deutschlands Laboren: Der DFG irgendwas erzählen und hinterher machen, was man stattdessen wollte. Klappt nur dann nicht, wenn man dafür ungewöhnliche & teure Geräte braucht, die nicht schon vorhanden sind. Sonst aber so gut wie immer. Kein Mensch überprüft (zum Glück!), wieso ich nicht „projektgeplant“ 3 Kilo DNA-Polymerase kaufe, sondern ein Pfund Agarose und zwei Zentner Antikörper…

    Wahrscheinlich haben das früher in der DDR die Leute genauso gemacht…

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