Getrübte Titelfreuden?

11. Mai 2022 von Laborjournal

Könnte es eventuell eine zweifelhafte Freude sein, mit der eigenen Veröffentlichung auf dem Titelblatt einer Journal-Ausgabe zu landen?  …

Zu meiner eigenen aktiven Zeit im Labor – die mittlerweile schon eine ganze Weile her ist – lief es jedenfalls so: Jedes Mal, wenn das Paper einer Gruppe es bis auf das Cover eines guten Journals geschafft hatte, gab es eine zumindest mittelgroße Feier im gesamten Institut. Man wertete dies schlichtweg als ganz besondere Form der Wertschätzung für den jeweiligen Inhalt – und entsprechend groß war deshalb die Freude.

Bis heute scheint sich an dieser Freude nicht wirklich was geändert zu haben – wie ein kurzer Blick nach Twitter verrät. Da jubelt beispielsweise letzte Woche einer, dass eine Studie mit seiner Beteiligung durch die Cover-Illustration der Mai-Ausgabe von Lancet Oncology ganz besonders gewürdigt wird.

Einen Tag danach verkündet eine walisische Professorin:

Und wieder einen Tag später wird folgende Nachwuchsforscherin geradezu euphorisch:

„Doch wird die Freude allzu groß, legt irgendwo ein Spielverderber los.“ Und in diesem Fall könnten drei italienische Wirtschaftsforscher diese Rolle besetzen. „Cover effects on citations uncovered: Evidence from Nature“ übertitelten sie ihre Studie, die gerade frisch im Journal of Infometrics erschien (16(2): Art. 101293; im Preprint hier lesbar). Im Abstract schreiben sie:

Wir untersuchen, wie sich Artikel, die die Zeitschrift Nature auf ihrem Titelblatt präsentiert, auf die Zitierraten sämtlicher Artikel auswirken, die die jeweiligen Autoren über diese hinaus veröffentlichen. Auf der Grundlage von bibliometrischen Daten aus 30 Jahren stellen wir zwar fest, dass Cover-Artikel dauerhaft deutlich häufiger zitiert werden als Nicht-Cover-Artikel. Betrachtet man jedoch jeweils alle Artikel dieser Nature-Autoren – und zwar sowohl vorher als auch nachher erschienene –, so sieht man, dass nach der Veröffentlichung eines Cover-Artikels die Zitierungen ihrer anderen Artikel im Vergleich zu den Zitierzahlen der Artikel von Nicht-Cover-Autoren zurückgehen.

Aus irgendwelchen Gründen führen Cover-Artikel demnach zu einem relativen Rückgang der Gesamtzahl an Zitationen für ihre Autoren – zumindest im Schnitt.

Grundsätzlich könnte ein solcher Effekt die Freude über einen „Cover-Coup“ natürlich deutlich trüben. Doch Gemach! In ihrer „Conclusion“ relativieren die drei Italiener das Ganze dann doch ziemlich schnell:

Betrachtet man die Zitierungen aller Artikel von Autoren, die in Nature veröffentlicht haben, so stellt man fest, dass Autoren, deren Artikel auf dem Cover erschienen sind, bereits zuvor durchschnittlich mehr Zitierungen erhalten als Autoren, die nicht auf dem Cover erscheinen. Noch wichtiger ist, dass dieser Unterschied nach der Veröffentlichung eines Cover-Artikels tendenziell schrumpft und nur von kurzer Dauer ist: Die Differenz bei den Zitierraten zwischen Cover- und Nicht-Cover-Autoren ist nur innerhalb von fünf Jahren nach Veröffentlichung des Nature-Artikels […] statistisch signifikant. Folglich spiegelt das Erscheinen auf dem Titelblatt bereits bestehende Unterschiede beim wissenschaftlichen Impact wider, aber die Veröffentlichung in der High-Impact-Zeitschrift selbst […] beseitigt diese Differenz allmählich. Dies ist darauf zurückzuführen, dass ein Titelartikel die Zitierungen von früheren Artikel desselben Autors verdrängt.

Zumindest für die oben erwähnte Nachwuchsforscherin kann das wohl kaum gelten. Klar, deren Artikel ziert auch kein Nature-Titelblatt. Dennoch kann bei ihr das ganze Prinzip des Zitate-Verdrängens ja wohl kaum zum Tragen kommen. Wo nicht viel ist, kann schließlich auch nicht viel verdrängt werden. Und schließlich sollen andere Jungforscherinnen und Nachwuchsforscher ja manchmal tatsächlich mit ihren Arbeiten auf den Titelseiten von Nature & Co. landen. Anyway …

Zum Schluss liefern die Autoren jedenfalls noch eine Antwort auf die entscheidende Frage, die ihr Abstract einem förmlich aufdrängt:

Ist es also erstrebenswert, auf dem Titelblatt einer High-Impact-Zeitschrift zu erscheinen? Die Antwort lautet ja: Ein Titelartikel wird über mehrere Jahre hinweg häufiger zitiert als ein Nicht-Titelartikel. Auch wenn dadurch frühere Arbeiten verdrängt werden, ist dies letztlich auf die hohe Relevanz und Sichtbarkeit der neuen Forschung zurückzuführen. Unsere Ergebnisse in Bezug auf die Zitierungen der übrigen Arbeiten sind demnach durchaus damit vereinbar, dass die Erwähnung auf dem Titelblatt vom Autor psychologisch als eine Art Preis betrachtet wird.

Zumal sich die Zitationsströme von Cover- und Nicht-Cover-Autoren in der Folgezeit sowieso schnell wieder ausgleichen, wie die Italiener ja zuvor betont haben.

Letztlich also alles halb so wild. Aber warum deuten sie das nicht schon im Abstract an? Statt dort erst einmal den reinen „Spielverderber“ zu geben.

 

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