„Schreiben? — Ich hasste jede Minute davon“

24. Juni 2021 von Laborjournal

Wer verbringt eigentlich mehr Zeit mit Schreiben? Wissenschaftler oder Wissen­schafts­jour­na­lis­ten?

Klingt blöd – aber der sich diese Frage vor einiger Zeit tatsächlich stellte, war unser Chefredakteur. Zwar rechnet wohl kaum einer Wissenschaftler – ganz im Gegensatz zu Journalisten – zur sogenannten „schreibenden Zunft“. Dennoch las er zuletzt einige Dinge, die ihn darüber zum Grübeln brachten.

Es ging los mit dem Bericht eines Industrie-Forschers, der in einem Blog-Beitrag auf seine Zeit als Harvard-Wissenschaftler zurückblickte. Darin schrieb er:

Die größte Überraschung war, wieviel Zeit ich damit verbringen musste, überhaupt Fördergelder zu bekommen. Ich schätze, dass etwa 40 Prozent meiner Zeit für die Jagd nach Förderung draufgingen – entweder direkt (Anträge schreiben) oder indirekt (Firmenbesuche, Vorträge, Netzwerke pflegen). Es war eine riesige Zeitinvestition, die nicht immer direkt zu meiner Forschungsarbeit beitrug. Sie diente nur dazu, die Räder überhaupt am Laufen zu halten.

40 Prozent! Auf exakt die gleiche Zahl kam schon 2007 eine entsprechende Studie der US-Regierung, die der Scientific American später in seinem Artikel Dr. No Money folgendermaßen zusammenfasste:

Öffentliche und private Fördergelder zu beantragen, ist zu einem zeitfressenden Monster geworden. 2007 ermittelte eine Studie der US-Regierung, dass Universitätsforscher etwa 40 Prozent ihrer Zeit in den entsprechenden bürokratischen Labyrinthen verbringen. Und in Europa ist die Situation nicht besser.

Sicher, das ist nicht alles direkte Schreibarbeit – aber auch der Journalist muss ja erst recherchieren, bevor er schreiben kann. Und überhaupt betreffen die 40 Prozent ja nur die Förderanträge. Unser Wissenschaftler hat dann noch kein Paper-Manuskript geschrieben – keinen Forschungsbericht, kein Gutachten, kein Gremienpapier, nicht mal eine E-Mail,… 

Hmm, da musste unser Chefredakteur jetzt doch mal kurz zurückdenken an seine eigenen Zeiten im Labor. Diese sind zwar jetzt schon eine ganze Weile her – doch es stimmte: War der Chef nicht gerade bei irgendeiner Gremiensitzung oder hielt er gar eine Vorlesung, dann saß er nahezu ausschließlich vor dem Monitor und klapperte mit der Tastatur.

Besonders krass „trieb“ dies der Professor seines ersten Auslandslabors. Dessen Büro verband zentral die beiden großen Laborräume, und die Türen waren immer weit offen. Durchaus mit Grund. Denn dort saß der Boss an normalen Tagen von morgens bis abends vor seinem Rechner und rief mit lauter Stimme immer denjenigen Mitarbeiter zu sich, den er für sein jeweiliges Geschreibsel gerade brauchte.

Und wenn unser Chefredakteur sich noch klarer zurückerinnerte, sah es – ehrlich gesagt – bei keinem seiner Laborchefs jemals so aus, als ob ihnen die Schreiberei leicht fallen würde. Ganz zu schweigen von Spaß machen. Doch wen wundert‘s auch? Es macht sich ja wohl keiner auf den langen und beschwerlichen Weg zum Wissenschaftler, weil ihm die Schreiblust aus den Ohren quillt oder er sich gar für ein großes Formuliertalent hält.

Und bitte meine jetzt keiner, dass es für Leute, die tiefen Sinn aus komplexen Datensätzen extrahieren oder Populationsdynamik in theoretische Formeln übersetzen können, doch geradezu ein Klacks sein müsste, einen ganz normalen Text in korrekten Sätzen und logisch geradeaus formulieren zu können! Sie müssten mal ein paar E-Mails lesen, die wir von solch „hellen Köpfen“ bekommen…

Doch das reine Formulieren ist nur die eine Seite der Medaille. Die armen Forscher müssen sich dazu auch noch Gedanken um das Layout ihrer „Werke“ machen. Als ob sie das einstmals im Sinn gehabt hätten, als sie im Anfängerkurs staunend irgendwelche Dinge erstmals unter dem Mikroskop erblickten.

Was müssen sich die Forscher inzwischen mit Layout-Vorgaben herumschlagen, wie sie ihre Manuskripte und Anträge einzureichen haben: Seitenzahl und -format, Zeilenabstand, Platzierung und Gestaltung von Abbildungen, Schrifttypen und -größe, Überschrift-Gestaltung, Gliederung, … – alles auf seitenlangen Richtlinien für Antragsteller oder Autoren bis ins letzte Detail geregelt.

Einiges davon hat sicher seinen Sinn, dennoch aber streift so manches davon die Grenze zum Absurden. In den USA akzeptieren die National Institutes of Health (NIH) beispielsweise Förderanträge lediglich in vier Schrifttypen: Palatino, Georgia, Arial und Helvetica. Was nach vor einiger Zeit tatsächlich jemanden motivierte, statistisch zu untersuchen, mit welchem Schrifttyp man die größten Chancen auf Bewilligung hat. Der „Sieger“ war Arial. Jetzt kommen natürlich fast alle Anträge in Arial herein.

Wissenschaftler können also leicht so viel Zeit mit Schreiben verbringen wie Journalisten. Und sie müssen zudem vielleicht sogar mehr „Layout-Regeln“ einhalten als die hauptamtlichen Schreiber, die normalerweise unformatierte Texte ans Layout-Team liefern. Der große Unterschied ist jedoch, dass wohl kein Journalist jemals von sich geben wird, was ein Neuroforscher vor einiger Zeit in einem Essay offenbarte:

Ich habe wahrlich meinen Teil geschrieben. Über zwanzig Jahre lang verfasste ich Anträge, Gutachten, Berichte und und und. Ich hasste jede Minute davon!”

Unter Wissenschaftlern hingegen ist er damit sicher nicht allein.

Ralf Neumann

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