Die Natur ist Gentechniker!

6. März 2019 von Laborjournal

„Um sich an die Umwelt anzupassen, übernehmen Gräser bestimmte Gene von verwandten Arten — und das auf direktem Weg von Pflanze zu Pflanze.“ So stand es in einer Meldung der Uni Bern, die der Redaktion vor gut zwei Wochen auf den Tisch flatterte.

„Wow, offenbar horizontaler Gentransfer at its best“, dachte unser Chefredakteur sofort. Doch komischerweise formte sich vor seinem geistigen Auge eben nicht — wie eigentlich sonst immer — zunehmend eine Idee, wie er die beschriebene Studie in Laborjournal aufgreifen könnte. Vielmehr stieß dieses Stichwort seine Gedanken umgehend mitten in die aktuelle Gentechnik-Debatte, die angesichts der jüngsten Entwicklung des „spurenfreien“ Gene Editings via CRISPR und Co. im Hamsterrad der Irrationalitäten ja nochmal ein bis zwei Gänge hochgeschaltet hatte.

Kaum etwas ist doch annähernd so umfassend erforscht, wie die verschiedenen gentechnischen Methoden inklusive der mittelfristigen Folgen und Nicht-Folgen ihrer Anwendungen — so dachte er. Entsprechend verlegen sich die Rundum-Ablehner von Ökos, Grünen, SPD und generellen Fortschrittsfeinden ja auch immer weniger auf wissenschaftliche Argumente. Stattdessen diskreditieren sie lieber gleich die ganze Wissenschaft an sich. Oder — und jetzt kommen wir langsam zur oben erwähnten Studie — sie schwurbeln aufgrund eines romantisch-falschen Naturbegriffs irgendwas von wegen „unnatürliche Methoden“ herum.

Und jetzt das! Da finden doch Forscher tatsächlich, dass die Vorfahren einer Grasart im Laufe ihrer Evolution insgesamt sechzig Gene aus neun verschiedenen, nur sehr weitläufig verwandten Gräsern stibitzt und in ihr eigenes Genom integriert haben. Einfach so, über sämtliche Artgrenzen hinweg! In freier Natur, ohne Labor — und noch viel kruder, als CRISPR und Co. es jemals könnten!

Dabei sind die Gräser beileibe nicht das erste Beispiel, wie schamlos die Natur seit jeher ohne jegliches Zutun des Menschen „Gentechnik“ betreibt. Sie sind auch nicht erst die zehnte oder zwanzigste „Ausnahme“! So scheint vielmehr in sämtlichen evolutionären Linien horizontaler Gentransfer stattgefunden zu haben. Bereits zuvor hatte die Wissenschaft beispielsweise festgestellt, dass sich Farne wichtige Gene aus Moosen holten, dass Läuse sich bei Bakterien bedienten, dass die Süßkartoffel ein natürlich gentechnisch veränderter Organismus (GVO) ist. Gleiches gilt für Fliegen, Würmer und und und… bis hin zu uns Menschen. Knapp 150 Gene übernahmen unsere Primaten-Vorfahren offenbar aus Bakterien, Einzellern und Pilzen in ihr Genom, wo sie heute wichtige Funktionen für uns erfüllen — etwa im Fettstoffwechsel oder der Immunabwehr.

Alles Natur pur also! Und das aktuell so heiß diskutierte Genome Editing sowieso. Im Darm eines jeden einzelnen von uns CRISPR’t es wahrscheinlich millionenfach — pro Tag!

Nein, die Natur ist nicht romantisch, sie ist pragmatisch. Und ihre Exekutive ist die Evolution. Komplett wertfrei probiert sie alles Mögliche aus — und wenn ein Organismus von irgendeiner evolutionären Rumprobiererei einen Nutzen hat, wird das Resultat über die nächsten Generationen in der gesamten Population fixiert. Klar, dass sie dazu als Werkzeug auch gerne den horizontalen Gentransfer über Artgrenzen hinweg benutzt. Oder Transformation via Plasmid oder Virus-Vektor. Oder Genome Editing… Schlichtweg alles, was man heute Gentechnik nennt, und noch viel mehr.

Einiges davon kriegt der Mensch inzwischen auch im Labor hin, und einiges davon inzwischen auch deutlich schneller und zielgerichteter als die Natur. Aber prinzipiell unnatürlich wird es dadurch nicht. Auch wenn die Gentechnik-Gegner es gerne so hätten. Nein, ganz im Gegenteil: Dass Gentechnik unnatürlich sei, ist ein ganz schwaches Argument — und kann nur von Leuten kommen, die die Natur nicht verstanden haben…

Ralf Neumann

(P.S.: Natürlich fragt sich unser Chefredakteur jetzt, ob er genau diese Gedanken nicht mal in Laborjournal schreiben sollte — statt diese Gräser-Studie etwa routinemäßig als Nachricht oder Journal Club zu referieren. Aber wäre das gerade den Laborjournal-Lesern gegenüber nicht lediglich „Preaching to the Converted“, wie die Engländer so schön sagen?… Hm, vielleicht aber doch nicht nur…)

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3 Gedanken zu „Die Natur ist Gentechniker!“

  1. bombjack sagt:

    Ich formuliere es mal sehr provokant: „Die Natur (Gott; rotes Tuch hinhalt) kann man bei Misserfolgen, unbeabsichtigten Nebenwirkungen* usw. nicht in den Arsch treten bzw. verantwortlich machen (und zur Kasse bitten), Forscher, Firmen usw. allerdings schon.“ das ist der Unterschied zur Gentechnik im Labor und der Gentechnik in der Natur.

    wenn z.B. Pollen von Mais der gentechnisch verändert wurde vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Transgener_Mais#Bt-Mais sich verbreiten und wie dort auch beschrieben wurde Resistenzen erzeugen…..wobei ich da Frage ob da die Möglichkeit besteht, dass über den Pollen da die Veränderung verbreitet werden kann und wie hoch das Risiko ist und spätestens wenn da Organismen (Pflanzen) z.B. zur Antibiotika Produktion benutzt werden (die für den Menschen sind) sehe ich die Sache, sofern die Teile in die Natur entlassen werden, durchaus kritisch, denn man weiß es nicht, was da dann so alles damit passieren kann (nicht muss)…und „Wiedergutmachen“ funzt da nicht so richtig mehr.

    bombjack

  2. thomas sagt:

    @bombjack: Transgene Pflanzen, die medizinisch relevante Proteine exprimieren, werden unter sreng kontrollierten Bedingugen gezogen und nicht auf dem Feld.

    Zur Verbreitung von Pollen: Selbst bei Mais, der windbestäubt wird, ist das kein reelles Problem. In Spanien werden seid mehr als zehn Jahren gentechnisch verbesserter inskektenresistenter Mais und konventioneller Mais zu ungefähr gleichen Teilen angebaut, und das ohne Kontaminationsprobleme. Die Horrorgeschichten aus Mexiko sind genau das: Horrorgeschichten, die auf Märchenfilmen von Marie-Monique Robin und einer diskreditierten Arbeit von zwei Komikern aus Berkeley beruhen, aber keine faktische Basis haben.

    Es ist nicht so, dass gentechnisch veränderte Kultutpflanzen so starke Selektionsvorteile haben, dass sie sich in der Natur stark verbreiten können, es sind ertragsreiche Kulturpflanzen, die Kulturbedingugen und menschliche Pflege benötigen.

  3. Mich irritiert eher das Gelingen der Gentechnik, denn der Nachweis der Machbarkeit zieht die Macher an: was alles kann man nun mit solchen Möglichkeiten anfangen? Das politisch zu kontrollieren, Machthaber vom willkürlichen Machen abzuhalten – die Möglichkeit zu bestimmen, was Biosphäre sein kann, sein soll. Reicht es doch, sich ein Labor zu halten … Man sieht allenthalben, wie an einmal gesetzten Regeln gerüttelt wird, bis sie weichen.

    Und Vorsicht vor der eigenen Kurzsichtigkeit.

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