Schlechte Zeiten für schlaue Köpfe

5. Oktober 2016 von Laborjournal

cageWer seine Intelligenz dazu nutzen will, viel Geld zu verdienen, geht überall hin — nur nicht in die Wissenschaft. Das ist Fakt. Und so geht dem Geschäft, in dem eigentlich die schlauesten Köpfe wirken sollen, schon mal viel „Hirn“ verloren.

Es bleiben diejenigen schlauen Köpfe, die Leidenschaft und Begeisterung für das Neue über den schnöden Mammon stellen — und die zudem noch möglichst selbstbestimmt und unabhängig eigene Ideen verfolgen möchten. Doch finden die im aktuellen Wissenschaftssystem tatsächlich, was sie suchen? Ist es nicht so, dass der gnadenlos überhitze Wettbewerb um Publikationen, Fördergelder und Stellen die wirklich visionären und originellen Köpfe am Ende eher aussortiert als nach vorne bringt? Findet man an der Spitze des Systems nicht stattdessen zunehmend die dynamisch-machtbewussten Mainstream-Machertypen — statt der positiv-chaotischen „Gegen-den-Strom-Schwimmer“, die in der Vergangenheit so oft für die entscheidenden Durchbrüche gesorgt haben?

Bruce Charlton, ehemaliger Chefredakteur von Medical Hypotheses, drückte es 2009 in seinem Editorial „Why are modern scientists so dull?“ folgendermaßen aus:

Auf jeder Stufe von Ausbildung und Karriere gibt es die Tendenz, wirklich schlaue und kreative Menschen auszuschließen, indem man vor allem gewissenhafte und kontaktfähige Leute vorzieht. In dem Maße, in dem Wissenschaft immer stärker durch Peer Review-Mechanismen dominiert wird, erlangt der pro-soziale und konsensfähige Forscher immer mehr Vorrang vor dem brillanten und inspirierten — aber oft auch schroffen und rebellischen – Typ des Wahrheitssuchers, der früher unter den besten Wissenschaftlern so weit verbreitet war.

Am Ende dieses Selektionsprozesses, so Charlton, blieben daher kaum Leute übrig, die in der Lage sind, wirklich revolutionäre Spitzenforschung zu betreiben. Stattdessen eher solche, die zwar extrem produktiv und sozial verträglich sind, denen es jedoch oft an Kreativität und Vorstellungskraft mangele.

Und wenn sie dann doch mal eigene Ideen haben? Dann können sie diese oftmals nicht verfolgen, da sich Forschungsprojekte heutzutage vor allem nach der Verfügbarkeit von Fördermitteln richten müssen statt nach purer wissenschaftlicher Neugier. Oder weil die Peers, die über deren Förderzuspruch richten, sich zwar als vermeintlich „ebenbürtige Experten“ im Status quo auskennen, mit wirklichen Aufbrüchen zu neuen Ufern jedoch überfordert sind — und sie daher lieber als unrealistische „Spinnereien“ abtun.

Also nicht nur ökonomisch unattraktiv, sondern dazu noch vom System eher benachteiligt und verkannt… Klingt nach schlechten Zeiten für besonders schlaue Köpfe in der Wissenschaft.

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