„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Post-Publication-Peer-Review Veröffentlichungen besser macht“

7. September 2012 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. B.E. Dacht, Reflektologisches Institut Forschungszentrum Abwägingen.

LJ: Hallo, Herr Dacht — kurze Schreibpause?

Dacht: Ja, genug Forum-Pingpong gespielt.

LJ: Forum-Pingpong? Wie muss ich das verstehen?

Dacht: Ach, ich diskutiere schon seit Tagen in so einem Online-Forum mit, in dem es um die Vor- und Nachteile von Post-Publication-Peer-Review versus Pre-Publication-Peer-Review von Veröffentlichungen geht.

LJ: Okay, und wo ist das Problem?

Dacht: Was wir haben — und zwar schon sehr lange — ist ja Pre-Publication-Peer-Review. Das heißt, jemand schickt sein Manuskript zu einem Journal, das wiederum zwei bis drei Fachkollegen dessen Qualität begutachten lässt. Und je nachdem empfehlen sie, das Manuskript anzunehmen, abzulehnen oder nochmals zu überarbeiten. Sehr oft geschieht letzteres.

Dieses System ist bekanntermaßen aufwändig, anfällig für Fehler und kann auch leicht Missbrauch begünstigen. Nicht zuletzt deshalb fordern einige „fortschrittliche“ Köpfe im Zuge der Open Access-Bewegung diese Art des Peer Review komplett einzustampfen und durch eine nachträgliche Begutachtung zu ersetzen.

LJ: Das heißt?

Dacht: Na ja, jeder teilt seine Ergebnisse in Online-Zeitschriften oder -Plattformen geradewegs so mit, wie er sie eben geschrieben hat. Und die nachträgliche, Forum-artige Diskussion „unter dem Paper“ wird es letztlich qualitativ angemessen einordnen.

LJ: Das wäre aber schon das Ende des Publizierens in wissenschaftlichen Zeitschriften, so wie wir es kennen?

Dacht: Ziemlich sicher. Was man jedoch im Idealfall dafür bekommen würde, ist die echte Diskussion aktueller Forschungsresultate — und das halbwegs aktuell.

LJ: Klingt doch gut. Sie scheinen aber dennoch skeptisch.

Dacht: Ja, durchaus. Zum einen befürchte ich, dass gerade die schlechteren Sachen einfach unkommentiert stehen bleiben, weil es den „Peers“ schier zu blöd ist, solchen „Mist“ auch noch aufwändig gerade zu rücken. Und diejenigen, die sich in dem Feld nicht so gut auskennen und die Inhalte daher kaum ausreichend selbst beurteilen können, nehmen das Zeug dann für bare Münze.

LJ: Mmh, könnte was dran sein…

Dacht: Dennoch, im Idealfall kann Post-Publication-Peer-Review sicherlich das gleiche Maß an Qualitätskontrolle leisten wie Pre-Publication-Peer-Review. Und das sogar offener, ausführlicher und lebendiger. Aber Kontrolle ist ja nur eine Funktion von Peer Review…

LJ: Und welches ist die andere?

Dacht: Peer Review zielt grundsätzlich darauf ab, ein Paper besser zu machen. Das gelingt nicht immer, vielleicht auch oft nur marginal — aber es kommt immer wieder vor. Ich war selbst bei dem ein oder anderen meiner Artikel durchaus beeindruckt, um wie viel besser die Anmerkungen der Gutachter mein Paper am Ende gemacht haben.

LJ: Und Sie glauben, dass diese Option beim Post-Publication-Peer-Review verloren geht.

Dacht: Ja. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie Post-Publication-Peer-Review die Autoren gleichermaßen zu gewinnbringenden Änderungen motivieren soll, wie es durch Pre-Publication-Peer-Review doch geschieht. Stattdessen hat man womöglich ein unausgegorenes Online-Paper, bei dem es generell fraglich ist, ob es überhaupt öffentlich kommentiert und kritisiert wird. Wenn dies doch passiert, gibt es drei Möglichkeiten: Die Autoren nehmen die Kritik an, sie streiten deren Inhalt ab oder sie ignorieren sie komplett. In den letzten beiden Fällen erfährt der unbehelligte Leser nicht, was jetzt schlussendlich richtig ist. Und was keinesfalls passiert, ist, dass ein suboptimaler Beitrag „besser gemacht“ wird. Wobei dies natürlich auch im ersten Fall zweifelhaft ist: Denn die Autoren werden wohl nicht mehr das Paper selbst umschreiben, sondern die Verbesserungen ebenfalls in den Kommentaren platzieren. Was nebenbei nicht gerade förderlich ist für Lesespaß und -effizienz.

LJ: Klingt, als würden Sie letztlich eine Kombination aus „Pre“ und „Post“ favorisieren.

Dacht: Das ist jedenfalls, worüber ich gerade nachdenke…

 
(Ein Beispiel, wie Pre-Publication-Peer-Review ein Paper besser machen kann, beschrieb übrigens eine ganz bestimmte Eule bereits 2007 in Lab Times.)
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1 Kommentar zu „„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Post-Publication-Peer-Review Veröffentlichungen besser macht““

  1. Nunja…ich finde das Post-Publication-System würde für Einiges an Unklarheiten beim Autor selbst sorgen. Auf diese Weise kann jeder seine eigene Meinung öffentlich kund tun auf welche der Autor reagieren würde. Am Ende hätten wir eine Veröffentlichung, die der Meinung der Öffentlichkeit entspricht, jedoch nichts mehr mit der Meinung des Autors zu tun hat.

    Die andere Methode gefällt mir besser, obwohl sie für „Fehler anfällig“ ist.

    LG

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