Karge Zimmer oder quirlige Glastempel?

20. März 2013 von Laborjournal

Forscher gehen mit der Zeit. Und so dürfte ein Klischee wohl langsam out sein: Dass der Forscher im Allgemeinen ein verschrobener Eigenbrötler ist. Liebenswert besessen von eigenwilligen Ideen und stets im einsamen Kampf mit exklusiven Gedanken und komplexen Theorien, die erfolgreich zu durchdringen nur er alleine in der Lage ist. Und denen er stets in kleinen, kargen und dunklen Zimmern nachgeht.

Nein, heute ist der Forscher — will er noch erfolgreich sein — vor allem als Kommunikator und Netzwerker gefragt. Schließlich lautet das Motto schlechthin: Allzeit kooperationsbereit! Ist ja irgendwie auch logisch, wo die Techniken immer spezieller werden und nicht zuletzt dadurch Forschung immer stärker ins interdisziplinäre Teamwork getrieben wird. Oder bekommt der Zoologe von heute ohne Bioinformatiker, Microarray-Experten und Massenspektroskopiker etwa noch gute Paper?

Zum Glück haben die Forschungsplaner längst reagiert und errichten daher, wo auch immer neu gebaut werden muss, tolle neue und vor allem interdisziplinäre Forschungszentren. Und das sind nicht irgendwelche Bauten — nein, architektonische Werke sind es, in denen das „kommunikative Element“ von Vorneherein und auf den ersten Blick allerhöchste Priorität genießt: Durchsichtige Glaswände — wenn nötig, innerhalb von einer Stunde beliebig verschiebbar; in den großzügigen Gängen alle zwanzig Meter Tische mit Stühlen drum herum, damit auch jede noch so zufällige Begegnung zum spontanen Gedankenaustausch genutzt werden könne; und im Zentrum natürlich ein großes Licht-durchflutetes Atrium…

Transparenz, Offenheit, Flexibilität, zwanglos Grenzen überwinden — das sind die Schlagworte. Und dazu passen die schmucklosen Betonbunker von gestern oder die dunklen Hasenställe von vorgestern natürlich nicht mehr. Immerhin, von einer Illusion scheint man sich damit langsam zu verabschieden: Dass Forschungserfolg per se planbar ist. Stattdessen denkt man eher, man könne diesen herbeilocken, indem man gezielt die Rahmenbedingungen dafür optimiert.

Aber ob aus den neuen, quirligen Glastempeln tatsächlich mehr herauskommen wird als etwa aus Mendels kleiner Klosterkammer samt beschaulichem Gärtchen? Oder als aus Einsteins kargem Berner Dachzimmer? Oder als aus Thomas Hunt Morgans berühmtem „Fly Room“ an der Columbia University (siehe Foto) — einem engen und dadurch auf völlig andere Weise kommunikativen Kellerraum mit acht Tischen, an denen sechs spätere Nobelpreisträger saßen?

Ach so, andere Zeiten. Nicht vergleichbar… Na, hoffentlich!…

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