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„Verkalkuliert man sich, war’s das“

(20.05.2021) Aktuell läuft’s jedoch bei Pharmact. Neben einem Arterio­sklerose-Präparat stehen Diagnostik-Schnelltests im Fokus, auf Herzinfarkt und SARS-CoV-2.
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Mediziner und Mitgründer Gunther Burgard (im Bild rechts), medizinisch-wissen­schaftlicher Leiter bei Pharmact, sowie Betriebswirt und CEO Eric Schaber über Hyper­choleste­rinämie, PLIFA und treue Investoren.

Herr Schaber, Herr Burgard, auf der Webseite der Pharmact GmbH finden sich zahlreiche diagnostische Tests. Wie passt das zum Firmen­namen?
Gunther Burgard: Ursprünglich haben wir uns gegründet, um ein Medikament gegen Arterio­sklerose auf den Markt zu bringen. Das ist auch weiterhin unsere primäre Intention. Deshalb Pharmact, Pharma, und ACT steht für Athero­sclerosis Cleaning Therapy. Der Proof-of-Concept-Tierversuch ist erfolgreich abgeschlossen, toxiko­logische Tests laufen momentan. Wir streben die Fast-Track-Zulassung für die homozygote familiäre Hypercho­lesterinämie an. Das ist eine seltene Erbkrankheit, pro Jahr gibt es lediglich 80 neue Fälle.

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Wie äußert sich die Hyper­cholesterinämie?
Burgard: Wenn man so will, ist das ein beschleunigtes Arteriosklerose-Modell. Das Blut ist überladen mit Fetten und die Patienten müssen zweimal pro Woche zur Lipid-Apherese. Das ist eine Art Blutwäsche, bei der Lipoproteine und Triglyzeride, also Risikofaktoren der Arterio­sklerose, aus dem Blut gefiltert werden. Trotzdem haben einige Kinder schon mit fünf Jahren ihren ersten Herzinfarkt. Betroffene werden selten älter als 20 bis 30 Jahre.

Wie kann Ihr Wirkstoff das verhindern?
Burgard: Bei der Arterio­sklerose lagern sich Lipide an Gefäßwänden ab, was zu Entzündungs­reaktionen und Versteifungen führt. Dabei spielen Hyaluronsäure und Proteoglykane eine große Rolle. Unser Enzym BelACT ist eine gentechnisch erzeugte Hyaluro­nidase, die diese Bestandteile in den Arterio­sklerose-Plaques und Gefäßwänden angeht. Das ist eine ganz neue Heran­gehensweise gegen die Arterio­sklerose.

Ihr zweites Standbein sind – wie gesagt – die diagnostischen Tests.
Burgard: Genau. Mittlerweile haben wir einige Schnelltests auf den Markt gebracht, zum Beispiel zur Früh­erkennung eines Herzinfarkts oder Erkrankungen der Leber. Unsere neueste Entwicklung sind Antikörper- und Antigen-Schnelltests auf SARS-CoV-2.

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Die Corona-Schnelltests haben Sie relativ zügig auf den Markt gebracht, bereits im März 2020. Wie war diese Zeit zwischen: „Vermutlich wird dieses Virus etwas Größeres“ und „Unser Test ist fertig!“?
Burgard: Das war eine sehr spannende Zeit. Als wir sahen, wie schnell sich das Virus ausbreitet, war relativ schnell klar, dass das eine Pandemie wird und wir dafür die nötigen Waffen brauchen.
Eric Schaber: Wir waren gleichzeitig an mehreren Stellen unter Zugzwang. Wir brauchten möglichst schnell neue Leute und mussten gleichzeitig Investitionen tätigen. Das ist für eine junge Firma schon eine Heraus­forderung. Denn wenn Sie ein Start-up planen, dann haben Sie Ihren Businessplan, optimaler­weise Kapital für einen gewissen Zeitraum und Ihr Produkt, auf das Sie sich konzentrieren. So ein Nebenprojekt – nenne ich es mal – wie die Corona-Schnelltests ist da ein hohes Risiko. Wenn man sich verkalkuliert, war es das mit der Firma. Aber wir hatten glücklicher­weise unsere Privat­investoren, um den ersten finanziellen Bedarf decken zu können.

Neben den Tests, die von medizinischem Fachpersonal durch­geführt werden müssen, planen Sie auch einen Laientest.
Burgard: Ja, seit dem 3. Februar ist nun auch die Anwendung von Schnelltests für Laien erlaubt, durch eine Änderung der Medizin­produkte-Abgabe­verordnung. „BELMONITOR Cov-2“ arbeitet nach dem PLIFA-Verfahren, ist also ein Protein-Linked ImmunoFluorescence Assay, nur eben ohne Fluoreszenz. Im Großen und Ganzen ist das wie ein Sandwich-ELISA. Es kommen zwei Antikörper zum Einsatz. Der erste bindet Capsid-Anteile des Virus und immobilisiert es so auf dem Teststreifen. Der zweite bindet an einem anderen Epitop und sorgte bei den Labortests für ein Fluoreszenz­signal, das dann nun noch ausgelesen werden muss.

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Das ist für den Heimgebrauch nicht praktikabel.
Burgard: Eben. Deshalb arbeiten wir an einem Prinzip, das eine einfache Farbreaktion hervorruft. Anschließend muss der Test noch zertifiziert werden. Das wird alles in den kommenden Wochen geschehen.

Wer kauft denn aktuell Ihre Tests, die bereits zugelassen sind?
Schaber: Das sind Krankenhäuser und Arztpraxen. Auch Regierungen im Ausland haben angefragt. Im Moment ist die Nachfrage natürlich groß, gerade auch in Ländern, die impfen. Denn man will wissen, ob die Impfung auch angeschlagen hat. Da kommen unsere Antikörper-Tests ins Spiel, um den IgG-Status abzufragen.

Das hat sich doch sicherlich in Ihrem Firmen­umsatz bemerkbar gemacht, oder? Haben sich die Investitionen gelohnt?
Schaber: Na ja, wir mussten ja die Produktion der Tests, die Entwicklung, komplett vorfinanzieren. Gleichzeitig laufen unsere anderen Projekte weiter, denn wir wollen natürlich auch nach Corona noch Produkte anbieten können. Ohne die Finanzspritze unserer Investoren hätte all das nicht geklappt. Aktuell suchen wir nach internationalen Kooperationen oder Lizenz­nehmern, einfach um die Produktion ausweiten zu können.

Sie sprechen von „nach Corona“. Aber Antikörper- und Antigen-Schnelltests werden ja auch noch benötigt, wenn ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist, oder? Etwa zur Kontrolle, wie Sie es eben beschrieben haben, oder um lokale Ausbrüche in den Griff zu kriegen. Das wird uns und Sie wohl noch eine Weile beschäftigen.
Burgard: Das Virus ist in der Welt und wird nicht mehr verschwinden. Es wird mutieren und immer wieder auftauchen, vielleicht ähnlich dem Grippevirus. Also, ja, wir werden sicherlich noch lange Tests verkaufen.

Die Fragen stellte Sigrid März


Steckbrief Pharmact
Gründung: 2014
Sitz: Mannheim und Berlin
Mitarbeiter: 28
Produkt: Schnelltests zur Früherkennung von etwa Herzinfarkten und Lebererkrankungen, Corona-Schnelltests und ein Medikament zur Behandlung von Arteriosklerose

 

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Letzte Änderungen: 20.05.2021

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