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Schiffe versenken

Erlebnisse einer TA (73)

Annette Tietz


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Die TA

Es gibt Tage, da kommt man aus dem Labor und die Gedanken fahren Karussell. Der Versuch, die verbleibenden Gehirnzellen dazu zu bringen, sich zu erinnern, wo man in der Frühe das Auto abgestellt hat, scheitert. Morgen nochmal so ein Labortag? Wie soll ich das überstehen? Sie wissen nicht, wovon ich rede? Glückwunsch!

Erst neulich verwandelte so ein Tag meine Gehirnzellen in Matsch. Glücklicherweise erledigte mein intuitives Navi das Autowiederfinden. Meine Fahrtüchtigkeit dagegen ist reine Spekulationssache. Die tanzenden Zellen und Zellhaufen, die den ganzen Tag vor meinem geistigen Auge herumblinkten, saßen auch bei der Heimfahrt auf jeder Ampel und jedem Verkehrsschild.

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Castingshow für Zellen

Der Tag fing damit an, dass mein Chef mich ohne Umschweife in den Mikroskopierraum komplimentierte: „Heute wird‘s spannend!“, sagte er und zwinkerte mir geheimnisvoll zu. Obwohl ich aus jahrelanger Erfahrung wusste, dass mein Chef und ich dezent unterschiedliche Auffassungen davon haben, was spannend ist, musste ich ihm diesmal Recht geben: das Resultat war wirklich spannend, doch die Nebenwirkungen auf mein Hirn waren verheerend.

Er stellte mir eine 96-Well-Platte unters Mikroskop und frischte mein Wissen auf. „Du weißt doch noch, dass wir einzelne Zellen in die Wells sortiert haben, um zu sehen, wie hoch die Wachstumseffizienz ist?“ Ich nickte. „Jetzt interessiert mich, wie viele Zellen gewachsen sind, ob es nur ein paar oder ganze Populationen sind und ob die Zellen klein, groß, rund oder adhärent sind.“ Ich nickte. „Am besten Du machst Dir von der ersten Platte ein Bild von den verschiedenen Zellen und dann schauen wir sie gemeinsam durch und machen eine Einteilung. Heute Nachmittag kannst Du Dir dann die anderen Platten vornehmen.“ Ich nickte. „Du kannst ja erstmal die Wells markieren, in denen was gewachsen ist.“ Ich starrte auf die Platte. „Alles okay?“ Ich hatte vergessen, zu nicken. Das holte ich nach und startete in den Mikroskopiertag.

Ich sah Kolonien kleiner runder Zellen und welche mit wenigen großen Zellen. Manche Wells waren leer, in anderen lag nur Zellschrott rum. Waren diese Zellen noch klein oder doch schon groß? Ab wann sind ein paar Zellen eine Kolonie? Mittendrin ging die Tür auf und der Kopf meines Chefs erschien. „Und?“ – „Was? Ach, äh, ja, also in 76 Wells ist was gewachsen.“ Mein Chef schien zufrieden mit dem vorläufigen Ergebnis. Nun ging‘s ans Eingemachte. Wir schipperten von Well C2 nach F10 und rüber zu G1, da diese sich meiner Meinung nach irgendwie ähnelten. Die Zellen in B1 sahen allerdings so ähnlich aus wie die in F6. Zumindest waren sie denen in A5 ähnlich und konnten eventuell mit denen von G1 und G8 in eine Gruppe genommen werden. Hatte was von Schiffe versenken. Ein Problem stellten B4, D12 und G3 dar, die wollten sich so gar nicht in unser System eingliedern.

Nach einer halben Ewigkeit hatten wir ein Bestimmungssystem erstellt, nach dem wir unsere Schiffchen einteilten. B4, D12 und G3 bekamen das Label „anders als alle anderen“. Der Tag blieb anstrengend. Obwohl ich gefühlte 10.000 Wells durchsah, musste ich am Abend feststellen, dass es nur 960 waren – genau zehn Platten.

Mein Chef belohnte meinen Fleiß mit den Worten: „Schau alle zwei Tage nach, ob sich was ändert.“ Aber sicher würde sich was ändern: die Konsistenz meiner Gehirnzellen nämlich. Und richtig: Im Laufe der Woche mutierten auch sie von „rundlichen Denkmaschinen“ in „anders als alle anderen“.



Letzte Änderungen: 01.08.2018


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