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Psychiatrische Genetik obenauf

Publikationsanalyse 2009-2018: Verhaltensneurowissenschaften
von Mario Rembold, Laborjournal 4/2020


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Foto: University of Missouri UMSL

(06.04.2020) Ein hoch zitierter Verhaltensneurowissenschaftler forscht praktisch immer an psychiatrischen Erkrankungen. Überdies ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er auch auf Autorenlisten humangenetischer Arbeiten steht.

Gehören Sie zu den Lesern, die eine Zeitschrift erst einmal durchstöbern und dann zufällig auf einer Seite hängenbleiben? Sollten Sie auf diese Weise im aktuellen Heft an der Tabelle der meistzitierten Artikel hängengeblieben sein, ohne das Thema der Publikationsanalyse zu kennen, haben Sie womöglich geraten, um welche Disziplin es gehen könnte:

Aha, auf Platz 1 steht ein Paper, das 108 Gen-Loci unter die Lupe nimmt, die mit Schizophrenie in Zusammenhang stehen sollen. Humangenetik vielleicht? Tatsächlich finden sich insgesamt fünf Publikationen in der Übersicht, die Copy-Number-Variationen, Sequenzpolymorphismen, Risiko-Loci und genetische Assoziationen thematisieren. Aber immer geht es dabei um psychiatrische Erkrankungen. Psychiatrische Genetik? Dazu hatte Laborjournal doch bislang gar kein Ranking.

Schwierige Grenzziehung

Also weiter: Sie entdecken auf Platz 2 und 3 Artikel zur Verbreitung psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft sowie über die Belastungen, die durch diese entstehen. Auf Platz 6 und 9 stehen Meta-Analysen zur Wirksamkeit antipsychotischer Medikamente, und auf Position 10 schließlich eine Arbeit am Mausmodell: Mit optogenetischen Methoden haben Forscher Aktivitäten im Neocortex und deren Einfluss auf das Verhalten untersucht. Die Autoren testeten so Hypothesen zum Gleichgewicht zwischen Erregung und Inhibierung innerhalb kleiner neuronaler Schaltkreise, die beim Menschen mit Dysfunktionen im Sozialverhalten in Zusammenhang gebracht werden. Als Beispiele genannt sind Autismus und Schizophrenie.

Dieses Ranking muss folglich irgendwie mit psychiatrischen Erkrankungen zu tun haben.

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Tatsächlich gesucht haben wir nach Verhaltensforschern. Weil es aber in aller Regel Paper mit klinischem Schwerpunkt sind, die den Autoren besonders hohe Zitierzahlen bescheren, landen dabei psychiatrische Themen weit oben. Wer als Grundlagenforscher Verhalten ohne direkten Bezug zum Menschen untersucht, hat daher kaum Chancen, hier aufzutauchen – solange er nicht zufällig auch mal als Koautor auf ein oder zwei hochzitierten humangenetischen Papern mit draufsteht.

Genau deswegen ist unsere Publikationsanalyse zur Verhaltensforschung in zwei unterschiedliche Zweige aufgeteilt: Zuletzt hatten wir speziell nach den „klassischen“ biologisch ausgerichteten Verhaltensforschern gesucht; wir wollten damit auch Themen aus Zoologie und Ökologie Raum geben und deren meistzitierte Köpfe auflisten. Diesen Monat hingegen schauen wir auf die neurobiologisch orientierten Verhaltensforscher – denn die hatten wir zuvor ja bewusst ausgeklammert. Und die dreißig meistzitierten Köpfe dieser Disziplin sind allesamt psychischen und neurologischen Erkrankungen auf der Spur, die den Menschen betreffen. Mehr als die Hälfte von ihnen ist an Krankenhäusern beschäftigt oder an Instituten, die einer Uniklinik angeschlossen sind.

Viele Namen kennt man bereits aus unseren Publikationsanalysen zur klinischen Neuroforschung und zur Humangenetik. Diese Redundanz zwischen den Disziplinen ist etwas unbefriedigend, denn eigentlich wollen wir ja möglichst klare Grenzen ziehen zwischen den Forschungsfeldern. Stattdessen erscheint die aktuelle „Köpfe“-Liste eher als Sonderfall eines Rankings klinischer Neuroforscher. Allerdings haben wir unseren Fokus auf Namen gelegt, die in Artikeln ausgewählter Zeitschriften im Dunstkreis der Verhaltensforschung auftauchen.

Recht klar als Verhaltensforscher springt uns nach diesen Kriterien Klaus-Peter Lesch (Platz 21) ins Auge, Inhaber des Lehrstuhls für Molekulare Psychiatrie am Uniklinikum Würzburg. Nicht nur, weil Lesch im Analysezeitraum 33 Artikel in verhaltensbiologischen Zeitschriften platziert hat, sondern auch, weil sich seine Forschung um die hirnorganischen Grundlagen menschlichen Verhaltens dreht. Störungen der Gehirnentwicklung sowie Kognition und Emotion stehen im Mittelpunkt, unter anderem im Zusammenhang mit Depressionen, Angsterkrankungen oder Autismus. Leschs Name steht auch auf zwei der meistzitierten Artikel (Plätze 4 und 8) – beides Arbeiten zu Korrelationen zwischen Gen-Orten und psychiatrischen Erkrankungen. Rund 2.500 Zitierungen kommen allein durch diese beiden Koautorschaften zusammen.

Nun gibt es umgekehrt viele Wissenschaftler, die an genetischen Studien rund um Depression, Schizophrenie und Co. mitwirken. Die Mehrzahl von ihnen sind Humangenetiker, Statistiker oder Epidemiologen, bei denen das menschliche Verhalten nicht wirklich im Mittelpunkt des Interesses steht. Eine klare Grenze zu ziehen, fiel uns dabei nicht immer leicht.

Fokussierter Humangenetiker

Außen vor bleiben sollten etwa möglichst diejenigen, die genetische oder epidemiologische Datensätze ganz allgemein nach Volkskrankheiten durchforsten – auch wenn dann zwischen Diabetes und Herzinfarkt auch mal Depression und Schizophrenie aufpoppen. Denn dann würde dieses Ranking sehr von Nebenthemen überlagert und wahrscheinlich von Köpfen dominiert, die weit weg sind von Verhalten und Neuroforschung.

An der Spitze unserer „Köpfe“-Liste steht dennoch ein Humangenetiker: Markus Nöthen vom Biomedizinischen Zentrum der Uniklinik Bonn. In seiner Publikationsliste sehen wir aber einen starken neuropsychiatrischen Fokus, weshalb er hier berücksichtigt ist. Auf Platz 2 folgt die Epidemiologin und Genetikerin Marcella Rietschel aus Mannheim. Rietschel forscht am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI), sodass schon dadurch ein Interesse an den neuropsychiatrischen und damit auch verhaltensrelevanten Themen unterstellt werden darf.

Übrigens waren insgesamt fünf der „Top-30-Köpfe“ im Analysezeitraum von 2009 bis 2018 am Mannheimer ZI tätig oder standen mit diesem in Verbindung. Mannheim ist damit der drittstärkste regionale Hotspot der Verhaltensneurowissenschaften.

Konnektivität und Alkohol

Unter den Städten ganz vorn liegen übrigens Bonn und München, dort waren jeweils sechs der dreißig meistzitierten Autoren tätig. So etwa Wolfgang Maier (3.), der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn. Auch Maier publiziert zu humangenetischen Themen rund um seelische Erkrankungen; zudem steht er auf der Autorenliste des meistzitierten Artikels. Um noch einen weiteren Repräsentanten aus der anderen „Siegerstadt“ zu erwähnen: Bertram Müller-Myhsok (8.) ist am Max-Planck-Institut für Psychiatrie München auf statistische Genetik spezialisiert.

Ja, es sind die Genetik-Paper, welche vielen der „Köpfe“ zu einer Platzierung unter den Top-30 verholfen haben.

Daneben findet man aber auch Forscher wie Simon Eickhoff (7.; siehe auch LJ 1-2/2020: 16-7, Link). Eickhoff interessiert sich vor allem für Veränderungen von Hirnstrukturen bei psychischen Erkrankungen. Für die Arbeit an Konnektivitäts-Modellen verwendet sein Team an der Uni Düsseldorf und dem Forschungszentrum Jülich diverse Neuroimaging-Methoden. Dies verschaffte Eickhoff zwar keine Koautorschaft bei einem der zehn meistzitierten Artikel des Fachs, dennoch schaffte er es unter die Top-Ten der meistzitierten „Köpfe“.

Auch Tobias Banaschewski (22.) vom ZI Mannheim tanzt ein wenig aus der Reihe: Er untersucht die Entwicklung Jugendlicher und hat zu ADHS und Alkoholmissbrauch publiziert. Dabei interessiert ihn aber auch die Genetik, sodass Banaschewski als Koautor mit auf dem am achthäufigsten zitierten Artikel unseres Rankings steht.

Warum braucht es also ein Ranking, das letztendlich Vertreter der klinischen Neurowissenschaften auflistet, die ja schon ihre eigene Publikationsanalyse haben? Wir glauben, dass diese Übersicht trotz großer Überschneidungen einen Fokus setzt, der im Ranking zur klinischen Neuroforschung so nicht sichtbar war. Dort nämlich rückten viele verhaltensorientierte „Köpfe“ in den Hintergrund, weil Hirntumoren und Schlaganfall als Stichworte dominierten. Neurologen mit diesen Schwerpunkten haben wir jetzt aber ebenso ausgeklammert wie Forscher, die in erster Linie neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson und Alzheimer auf der Spur sind.

Im Gegensatz zu den Verhaltensbiologen des letzten Rankings sammeln die nun vorgestellten Verhaltensneuroforscher ihre Zitierungen maßgeblich über groß angelegte Veröffentlichungen, an denen nicht selten hunderte Autoren und große Konsortien beteiligt sind. Die Einzelleistungen unserer aktuellen „Köpfe“ lassen sich daher kaum beurteilen, sodass die Übersicht eher dafür steht, welche Themen in der Community besonders gern aufgegriffen und somit auch zitiert werden: Depression, Schizophrenie samt damit korrelierender genetischer Marker.


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Letzte Änderungen: 06.04.2020


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