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Was ist mit dem Chef nur los?

Aus dem Tagebuch einer Jungforscherin

Karin Bodewits


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Jungforscherin

Durch den Türspalt sehe ich, dass es im Labor noch dunkel ist. Fast schon ein wenig unheimlich, denn ich bin heute nicht wirklich früh dran. Ich schalte alle Lichter an, lege meinen Rucksack ab und drehe das Radio auf. Ein Blick in mein Laborbuch erinnert mich an all die PCR-Protokolle der letzten Tage, die allesamt fehlgeschlagen sind. Pflichtbewusst lasse ich mir drei neue Zyklen einfallen, die ich noch ausprobieren könnte.

„Heute krieg‘ ich Dich, Du Hund!”, murmele ich.

Nach ein paar Pipettierschritten stelle ich die PCR-Tubes in den Thermocycler und schalte ihn an. Es ist beinahe 9:15 Uhr, und ich bin noch immer allein. Habe ich etwas vergessen? Ist heute ein Meeting?

Leicht nervös gehe ich zum Gruppen-Computer und öffne meine E-Mails. Keine neuen Nachrichten. Ich überfliege meine alten Mails, aber nichts deutet darauf hin, dass ich etwas Wichtiges vergessen habe. Ich beschließe also: „Reiner Zufall, dass ich noch allein bin.“

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Es ist fast 10 Uhr, als ich durch den breiten Gang schlendere, beiläufig alle Hörsäle und Seminarräume kontrolliere, aber keine Spur von meinen Kollegen finde. Wo zum Teufel sind die alle?

Ich gehe ins Labor zurück, drehe das Radio auf volle Lautstärke, ziehe Handschuhe an und klebe meine Gelkammern mit Klebeband ab. Als ich gerade Ethidiumbromid zur heißen Flüssigkeit im Erlenmeyerkolben gebe, höre ich ein lautes Seufzen hinter mir. Beinahe lasse ich vor Schreck den heißen Kolben fallen. Ich drehe mich um und sehe Georg, meinen Chef, der sich streckt, um das Radio auf dem Gefrierfach auszuschalten.

„Du hast nicht gehört, dass ich reingekommen bin“, konstatiert er sichtlich genervt.

„Ähm, nein... habe ich nicht.“

„Kein Wunder, wenn Du die Musik so laut machst. Wo sind denn alle?“, bellt er mich an.

„Keine Ahnung.“

Er schüttelt den Kopf.

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„Du hast keine Ahnung.“ Er wiederholt das, als wäre es meine Schuld oder sogar eine allgemeine Charakterschwäche meinerseits. Ich weiß nicht, wo sich die anderen Erwachsenen herumtreiben, mit denen ich nicht zusammenlebe.

Er starrt mich für einige Sekunden an und geht dann ein paar Schritte durchs Labor. „Denkst Du nicht, dass Du das aufräumen solltest?“ Er deutet auf ein Waschbecken, in dem sich ein halbes Dutzend Plastikflaschen befindet. Manche davon sind noch mit Nährmedium gefüllt, abgesehen von den üblichen Baumwollknödeln und Aluminiumfolie, die wir zum Verschließen der Kolben verwenden. Neben dem Waschbecken stehen zwei Styroporkisten, die tagsüber mit Eis gefüllt sind, in denen jetzt ein paar traurige und hoffentlich leere Eppis schwimmen. Überall liegen Gel-verschmierte Platten herum. Und dann noch ein Haufen Papiertücher, eine Flasche Chloroform und schmutzige Metallspatel. Wie Georg richtig bemerkt hat: Es ist das reinste Chaos.

„Sicher, aber es ist nicht wirklich von mir“, bringe ich schüchtern heraus.

„Nein, es gehört nie irgendwem!“

Er hat recht, wenngleich aber nur im bedeutungslosen, wortwörtlichen Sinne. Es ist nie das Chaos von irgendwem. In unserem Labor ist es beinahe unmöglich, das eigene Chaos im Chaos all der anderen zu finden – weil wir ein kleines, überfülltes Labor sind, ein homogenes Chaos.

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„Wie weit bist Du mit dem FA-Projekt?“ Sein rauer und fordernder Ton würde eher zu einem Bodyguard aus dem Kreml passen, der für seinen Chef einen Lakaien rund macht – und weniger zu Akademikern, die gemeinsam an einer Universität arbeiten.

„Ich arbeite am BX-Projekt“, entgegne ich, obwohl ich befürchten muss, dass diese Tatsache eine weitere Charakterschwäche offenbart.

„Ich will, dass Du jetzt an FA arbeitest“, zischt er mich an.

„Okay“, sage ich wie eine närrische Dreijährige, die mit dem Schraubenzieher in der Steckdose erwischt wurde.

Georg reißt die Labortüre auf und stürmt hinaus. Ich setze mich und atme tief durch. Was um alles in der Welt war das?

Ich schließe meine Gelkammer und schalte das Gerät an.

Endlich kommt mein erster Kollege, Ko, und lässt sich auf einen der Bürostühle fallen, um etwas am Computer zu checken. „Georg kam gerade rein“, sage ich. Ko dreht seinen Stuhl herum und lächelt. Er hat ein knabenhaftes Lächeln, freundlich, lebhaft. „Er hat Dich zusammengefaltet, oder?“

„Ja!“, sage ich überrascht.

Mit seinem Lächeln dreht er sich wieder zum Computer. „Woher weißt Du das?“, frage ich. Von seinen geheimniskrämerischen Zügen kann ich ablesen, dass ich in naher Zukunft keine Antwort erwarten kann. Er zieht mich auf. Ich werde bei diesem Spielchen nicht mitmachen.

Ein paar Minuten später kommt Frederike herein. Seltsamerweise kommen jetzt auch die anderen Kollegen an. In neutralem Ton frage ich sie, ob ich heute Morgen etwas verpasst hätte. „Nein, warum?“

Bevor ich nachbohren kann, gesellt sich Ko zu uns, immer noch mit seinem wissenden und gönnerhaften Grinsen auf dem Gesicht und sagt: „Georg hat sie zusammengeschissen.“

Jetzt ist es Frederike, die lacht. Was ist nur los mit diesen Leuten?

„Du warst heute schon früh am Start?“, fragt sie.

„Nun, nicht wirklich früh, würde ich sagen.“

Jetzt bricht Kos amüsierte Fassade. Er betrachtet mich mitleidig.

„Kann mir vielleicht irgendwer sagen, was hier los ist?“

„Dortmund hat verloren. Dortmund ist raus.“

Ich starre Ko an, zweifellos mit dem verdutzten Gesichtsausdruck, den er sich erhofft hatte.

„Das ist Georgs Fußballmannschaft. Komm‘ nie früh rein, wenn Dortmund verloren hat.“



Letzte Änderungen: 04.07.2018


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