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Buchbesprechung

Larissa Tetsch


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Bernhard Dixon:
Der Pilz, der John F. Kennedy zum Präsidenten machte.

Taschenbuch: 396 Seiten
Verlag: Spektrum Akademischer Verlag; Auflage: 1995 (31. Juli 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 382742402X
ISBN-13: 978-3827424020
Preis: 14,99 Euro (Taschenbuch)

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Klein, aber mächtig

Mikroorganismen haben die Weltgeschichte weit stärker geprägt als mittelalterliche Pestausbrüche und die Entdeckung des Penicillins.

Amerika ohne die Iren – das wäre wie ein frisch gezapftes Guiness ohne Kleeblatt im Schaum. Aber warum gibt’s eigentlich so viele Iren in Übersee? Das liegt am „Großen Hunger“: Der Oomycet Phythophtora infestans (zu deutsch „Kartoffelmehltau“) ließ ab 1845 in Irland jahrelang die Knollen der in Monokulturen angebauten Kartoffeln verfaulen. In den folgenden Jahren verhungerte eine Million der damals acht Millionen Insulaner, zwei weitere Millionen bestiegen mangels Perspektive Auswandererschiffe und segelten größtenteils nach Amerika. Patrick Kennedy und dessen Frau Bridget waren zwei dieser Migranten; ihr Urenkel John Fitzgerald wurde 1961 als 35. US-Präsident vereidigt. Ein schnöder Pilz ist somit dafür verantwortlich, dass John F. Kennedy Präsident werden konnte.

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Der britische Mikrobiologe und Wissenschaftsjournalist Bernard Dixon war von 1969 bis 1979 u.a. Herausgeber der populärwissenschaftlichen Zeitschrift New Scientist. Foto: Spektrum Akad. Verlg

Fataler Einfluss der Mikroben

Der britische Mikrobiologe und Wissenschaftsjournalist Bernhard Dixon weiß in Der Pilz, der John F. Kennedy zum Präsidenten machte eine Menge solch ungewöhnlicher Geschichten zu erzählen. Wussten Sie zum Beispiel, dass ein Bakterium schuld daran ist, dass die schottische Hebrideninsel St. Kilda seit 1930 nicht mehr von Menschen bewohnt wird? Bis 1891 starb ein Großteil der dortigen Neugeborenen an Wundstarrkrampf – infiziert durch die einzige Hebamme der Insel, die in einem traditionellen Geburtsritual die Nabelschnur mit dem Sekret des Eissturmvogels einrieb, welches lagerungsbedingt mit Sporen von Clostridium tetani verseucht war. Zu spät kam der Inselgeistliche der Infektionsquelle auf die Spur; mangels Nachwuchs musste die Insel aufgegeben werden.

Oder war Ihnen bekannt, dass Rickettsia prowazekii für das Scheitern von Napoleons Russlandfeldzug im Jahre 1812 verantwortlich war und nicht die Russen, Kälte oder Hunger (auch wenn letztere die Ausbreitung des von R. prowazekii verursachten Fleckfiebers stark begünstigten)?

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Einen Lidschlag später in der Weltgeschichte schützte das apathogene Proteobakterium Proteus OX19 polnische Bürger vor den deutschen Besatzern. Durch seine enge Verwandtschaft mit R. prowazekii konnten in Blutproben vorhandene, gegen Proteus gerichtete Antikörper eine Fleckfieberinfektion vorgaukeln. Dies machten sich polnische Ärzte zunutze, infizierten Einwohner ihres Praxisbezirks mit dem harmlosen Vetter des Fleckfiebererregers und erreichten damit zumindest für einige Zeit, dass die Deutschen den vermeintlich verseuchten Landstrich unbehelligt ließen.

Auch in Kunst und Literatur hinterließen Bakterien ihre Spuren, allen voran der Erreger der „Volkskrankheit“ Schwindsucht. Schriftsteller wie George Orwell und John Keats litten und starben an ihr, was oft Einfluss auf ihre Werke hatte, und Thomas Mann setzte Mycobacterium tuberculosis ein literarisches Denkmal mit seinem Roman Der Zauberberg.

Staat Israel dank Clostridium?

Möglicherweise gäbe es ohne die Entdeckung des Acetonproduzenten Clostridium acetobutylicum durch den Chemiker Chaim Weizmann heute noch nicht einmal einen eigenen israelischen Staat. Die 1917 durch die Briten in der Balfour-Deklaration an die zionistische Weltorganisation gerichtete Garantieerklärung, in Palästina eine Heimat für das jüdische Volk errichten zu dürfen, erfolgte unter anderem als Anerkennung an den Juden Weizmann. Dieser hatte dem britischen Verteidigungsminister aus der Patsche geholfen, indem er Großbritannien durch die Isolierung von C. acetobutylicum mit großen Mengen an Aceton versorgte, welche zur Herstellung von Sprengstoff für die britischen Kriegsschiffe benötigt wurden. Weizmann lehnte eine Ehrung hierfür ab und erbat stattdessen die britische Unterstützung für die Errichtung eines israelischen Staats, dessen erster Staatspräsident er 1949 wurde.

In den 75 Porträts bedeutender Mikroben finden sich jede Menge weitere spannende, erschreckende, ans Unwahrscheinliche grenzende und humorvolle Anekdoten. Nur selten ist ein dargestellter Aspekt von der Geschichte überholt, wie die Hoffnung auf eine weitverbreitete Nutzung von L-Formen als „Arbeitstiere“ in der Biotechnologie. L-Formen stellen eine spezielle Ausprägungsform bakterieller Zellen ohne intakte Zellwand dar, die sich aufgrund ihrer Verformbarkeit in Pflanzenzellen einbringen lassen. Dort bleiben sie teilungsfähig und stoffwechselaktiv, was Forscher wie den Schotten Alan Paton zu der Hoffnung verleitete, mit Hilfe dieser Methode neue pflanzliche Eigenschaften ohne Gentechnik hervorbringen zu können. Offensichtlich konnte sich der Einsatz von L-Formen als Alternative zur Gentechnik aber nicht durchsetzen, denn es finden sich in den letzten 20 Jahren nur wenige Belege für ihren Erfolg.

Mikrobielles Harakiri

Insgesamt ist es eine Stärke des Buches, nicht nur erfolgreiche Forschung vorzustellen, sondern auch deren Irrungen und Wirrungen, wie die des Japaners Hideyo Noguchi, der mikrobielles Harakiri beging, als es ihm nicht gelang, eine Spirochäte als Erreger des Gelbfiebers festzunageln. Wie man mikrobielles Harakiri begeht? Lesen Sie das Buch – und erfahren Sie mehr über die „Mächtigen“, die „Listigen“, die „Gefährlichen“, die „Nützlichen“ und die „Kunstfertigen“ unter den Mikroben.




Letzte Änderungen: 29.03.2016


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