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Buchbesprechung

Winfried Köppelle


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Matthias Glaubrech:
Am Ende des Archipels

Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: Galiani-Berlin; Auflage: 1 (16. Mai 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3869710705
ISBN-13: 978-3869710709
Preis: 25,00 EUR



Ulrich Kutschera:
Design-Fehler in der Natur.

Broschiert: 378 Seiten
Verlag: Lit Verlag (15. August 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3643121334
ISBN-13: 978-3643121332
Preis: 20,00 EUR



Thomas Zimmermann:
Europäische Schmetterlinge 2014 mit Artenportraits.

Kalender: 15 Seiten
Verlag: Colouria SIGRID DAUTH; Auflage: 2014 (2013)
ISBN-10: 3000439358
ISBN-13: 978-3000439353
Preis: 15,00 EUR



Diverse Autoren:
REGENWALD 2014: Der grüne Planet

Spiralbindung: 14 Seiten
Verlag: Palazzi-Verlag (1. Juli 2013)
Sprache: Englisch, Französisch, Deutsch
ISBN-10: 3942231344
ISBN-13: 978-3942231343
Preis: 40,00 EUR



David & Marc Muench:
Nature Photo Art 2014

Spiralbindung: 14 Seiten
Verlag: Palazzi-Verlag (1. Juli 2013)
Sprache: Deutsch, Englisch
ISBN-10: 3942231360
ISBN-13: 978-3942231367
Preis: 45,00 EUR



Diverse Autoren:
Sternzeit 2014

Spiralbindung: 14 Seiten
Verlag: Palazzi-Verlag (1. Juli 2013)
Sprache: Deutsch, Englisch
ISBN-10: 3942231387
ISBN-13: 978-3942231381
Preis: 45,00 EUR

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Tipps zur Lösung der häufigsten Probleme bei der Fehlersuche in der LC, um Ausfallzeiten zu minimieren. mehr


Alfred Russel Wallace (1823-1913)

Der andere Darwin - 190 Jahre Alfred Russell Wallace

Vor 100 Jahren starb ein obrigkeitskritischer Sozialreformer, Umweltaktivist, Geldspekulant, Frauenrechtler, Esoteriker und Impfgegner, der zugleich einer der bedeutendsten Naturforscher und evolutionstheoretischen Vordenker des 19. Jahrhunderts war: Alfred Russel Wallace.

In Literatur und Film taucht er immer wieder auf: Der vertrottelte Schmetterlingsfänger, der sympathisch-weltfremd durch die Kulissen stolpert und beim Leser beziehungsweise Zuschauer für Lacher sorgt. Etwa in Carl Spitzwegs liebevoll-ironischem Biedermeierportrait eines solchen Männleins, das in tiefstem Dschungel und peinlichem Gewand verdattert durch die Hornbrille glotzt. Und wer erinnert sich nicht an die Karl-May-Verfilmungen der 1960er Jahre und den hektisch mit Fangnetz durch die Prarie hüpfenden Lord Castlepool? Die Botschaft: Wer ein wunderliches Hobby wie das Insektensammeln pflegt, dem sitzen die Schrauben im Dachstübchen locker.

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Produktives Pipettieren von 1 bis 384 Kanälen mehr

Man kann das anders sehen. Der rauschebärtige Schmetterlingsfänger etwa, dem die Briten in diesen Tagen ein bronzenes Denkmal an prominenter Stelle setzten, erfreute sich bis ins hohe Alter bester geistiger Gesundheit – auch wenn ihn seine Zeitgenossen ebenfalls als seltsamen Vogel ansahen, angesichts seiner esoterischen und sozialreformerischen Eskapaden. Die Rede ist von Alfred Russel Wallace, dem anderen großen Evolu­tionsbiologen des 19. Jahrhunderts neben Charles Darwin. Am 7. November, dem 100. Todestag von Wallace, enthüllte die britische TV-Legende David Attenborough in London die weltweit erste Statue für den zu Unrecht Vergessenen. Auf dass der Naturforscher, in solides nichtrostendes Metall gegossen, die nächsten hundert Jahre nicht mehr so leicht ins historische Dunkel gerate.

Wer war dieser Alfred Russel Wallace, dessen Denkmal nun auf ewig den Schmetterlingen nachsetzt? Geboren vor 190 Jahren im walisischen Kaff Llanbadoc in der Nähe der Hafenstadt Newport, brach der junge Wallace aus Geldnot mit 14 die Schule ab, jobbte als Landvermesser, bestieg mit 25 weitgehend mittellos ein Segelschiff, um im Amazonasbecken mit Gleichgesinnten exotische Tiere zu sammeln – und verlor all seine jahrelang angesammelten Schätze, als sein Schiff auf der Rückfahrt nach England in Flammen aufging und anschließend absoff. Der vom Schicksal Gebeutelte trug es mit Humor: Er hätte in keiner besseren Lage sein können, mit dem Rücken auf dem Boden des Rettungsboots verweilend, um astronomische Phänomene zu beobachten, kommentierte er später trocken.

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Der Fernreisende aus Wales

Nur kurz hielt es ihn in der Heimat. 1854 stach Wallace erneut in See, Kurs Fernostasien, um sechs weitere Jahre lang auf dem Malaiischen Archipel Vögel, Säugetiere und 80.000 Käfer zu sammeln. Kaum ein Jahr war er dort, da legte er sich auch schon mit einem der Monumente der Naturwissenschaften an: mit dem von ihm verehrten und damals sehr einflussreichen Geologen Charles Lyell.

Wallace verfasste also, am anderen Ende der Welt auf sich allein gestellt, sein erstes wichtiges Opus, das sogenannte Sarawak-Manuskript („Über das Gesetz, das die Einführung neuer Arten geregelt hat“, 1855). Ziemlich konfus und schwer verständlich ist es, was der kaum Dreißigjährige in den tropischen Wäldern von Borneo zu Papier bringt und dann nach England zur Veröffentlichung schickt; auch vermisst man konkrete Fallbeispiele für seine Überlegungen. Intellektuell gelingt dem Autodidakten vom Land, der nie eine Universität von innen sah, dennoch ein großer Wurf.

Der junge Waliser entwirft kühne Zusammenhänge zwischen geologischen Phänomenen, der geografischen Verbreitung bestimmter Tiere und der dadurch bewirkten Artbildung. Und er nimmt das heute populäre Tree-of-Life-Konzept, das allgemein Darwin zugeschrieben wird, vorweg: Alle Lebewesen befänden sich innerhalb eines Systems verzweigter Abstammungslinien mit gemeinsamen Urformen. Dem bibeltreuen Lyell pinkelt er mit seinen ketzerischen Zeilen gehörig ans Bein. Denn die Erklärungen Wallaces kommen ohne einen allmächtigen Schöpfer aus.

Fieberkrank in der Palmenhütte

Drei Jahre und zehntausende gesammelter Arten später landet Wallace schließlich einen noch größeren Wurf: 1858 verfasst er, schwerkrank in einer Palmenhütte fiebernd, seinen legendä­ren „Ternate-Aufsatz“ („Über die Tendenz der Varietäten, sich unbegrenzt von ihrem ursprünglichen Typus zu entfernen“). Das 20-seitige Manuskript schickt er nach England an Darwin. Dieser möge das Manuskript – in dem Wallace die Entstehung der Arten erläutert und elementare Schlüsselbegriffe wie „struggle for existence“ benutzt – doch bitte an Lyell weiterleiten! Ihn, Wallace, würde interessieren, was der prominente Geologe von seinen Überlegungen halte.

Ausgerechnet an Darwin! Dieser hat schon seit 14 Jahren eine eigene unveröffentlichte Theorie in der Schublade liegen, die jener von Wallace wie ein Ei dem anderen gleicht.

Mal ehrlich: Was würden Sie tun, wenn Sie Darwin wären? Wenn Ihnen ein junger Kerl ohne Schulabschluss, der sich seit Jahren irgendwo in Fernasien herumtreibt, vertrauensvoll ein Paper zusenden würde, das Ihre eigenen unveröffentlichten Erkenntnisse vorwegnimmt? Ihr wissenschaftliches Lebenswerk, das Sie bisher wegen des darin enthaltenen Sprengstoffs nicht zu veröffentlichen wagten – reif für die Mülltonne! Was würden Sie tun?

Darwins Dilemma

Über das, was Darwin tatsächlich tat und wie er es tat, ranken sich Mythen und Verschwörungstheorien. Zwei aktuelle Bücher über Wallace kommen denn auch zu recht gegensätzlichen Urteilen: Der Berliner Zoologe Matthias Glaubrecht ist Wallace zugeneigt und glaubt, dass Darwin zum Beispiel das Divergenzprinzip bei seinem jüngeren Rivalen geklaut und heimlich in sein Hauptwerk Über die Entstehung der Arten hineingeflickt hat (Am Ende des Archipels, Galiani 2013). Auch der englische Buchautor Roy Davies glaubt, dass Darwin „gelogen, betrogen und abgeschrieben hat“ (The Darwin Conspiracy. Origins of a Scientific Crime, 2008). Darwin habe sich sowohl beim Sarawak-Aufsatz als auch beim Ternate-Paper reichlich bedient, ohne dies je zuzugeben.

Der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera hingegen ist – bei aller Wertschätzung von Wallaces Leistung – eher auf Seiten Darwins. Er ist der Meinung, dass Wallace von Darwin keineswegs hintergangen oder beklaut wurde, sondern dass sich Letzterer im Gegenteil „ehrenvoll und großartig“ verhalten habe (Design­Fehler in der Natur, Lit-Verlag 2013).

Krisensitzung in Down House

Als gesichert gilt Folgendes: Darwin wählte am 18. Juni 1858, als er das niederschmetternde Ternate-Manuskript von Wallace in Händen hielt, weder den Fenstersprung noch das Streichholz. Er informierte stattdessen besorgt den eigentlichen Adressaten Lyell sowie den Botaniker Joseph Hooker – beide enge Freunde von ihm. Diese bedrängten ihn, doch schleunigst eine Kurzform seiner eigenen – inhaltlich weitgehend gleichlautenden – Thesen zu publizieren. Genau dies tat Darwin denn auch. Immerhin ließ er Wallaces Manuskript nicht verschwinden, sondern veröffentlichte es zusammen mit seinem eigenen zwei Wochen später in einer Sitzung der Linnean Society in London.

Alles weitere ist bekannt: Nach dem Erscheinen seines Hauptwerks On the Origin of Species im Jahr 1859 stieg Darwin zum alleinigen Protagonisten der Evolutionslehre auf, während der noch immer in Ostasien herumvagabundierende Wallace ins zweite Glied rutschte und allmählich in Vergessenheit geriet. Erst im 21. Jahrhundert wird er allmählich rehabilitiert, als gleichberech­tigter Mitbegründer der Evolutionstheorie.

Frisch Geld, frischer Held

Was aber machte den Unterschied aus zwischen den beiden so gegensätzlichen Persönlichkeiten? Warum stieg Darwin zur Lichtgestalt auf, während Wallace heute fast keiner mehr kennt? Ganz einfach: Der aus gutem Hause stammende Darwin war vor Ort und besaß Geld und gute Beziehungen, während der tapfere Feldforscher Wallace weder auf das eine noch auf das andere zurückgreifen konnte. Der schmale Grat zwischen Weltruhm und dem Vergessenwerden, er hängt am Geld.

Gerade noch rechtzeitig zum fast abgelaufenen Wallace-Jahr sind einige thematische passende Kalender erschienen, so etwa Europäische Schmetterlinge 2014, hergestellt von der Karlsruher Unternehmensberaterin Sigrid Dauth. Der kleine, aber feine Wandkalender zeigt zwölf deutsche Spezies der einstigen Lieblingstiere des Evolutionsforschers – etwa dem Quendel-Ameisenbläuling (Phengaris arion) und dem Großen Perlmuttfalter (Argynnis aglaja). Die Bilder im quadratischen 21 x 21 cm-Format stammen vom Schweizer Fotografen Thomas Zimmermann, die Artenportrait-Texte von Dauth selbst. Letztere betreibt seit eineinhalb Jahren eine Website zum Thema: Unter www.dieschmetterlinge.com postet Dauth regelmäßig allerlei Wissenwertes rund um die kleinen Flattertiere.

Jene Gegend, in der einst auch Wallace unterwegs war, zeigen die Motive des Waldkalenders Regenwald – Der grüne Planet. Mehr als zwei Drittel aller Tier- und Pflanzenarten sind dort beheimatet – oder sollte man eher sagen: Sie waren es? 1950 betrug die Ausdehnung der tropischen Regenwälder noch 17 Millionen Quadratkilometer (10 % der Landfläche der Erde), 1985 war davon nur mehr die Hälfte übrig. Am schlimmsten sind die Waldfrevler ausgerechnet dort zugange, wo Wallace vor 150 Jahren seine bahnbrechenden Entdeckungen machte: in Indonesien. Übrigens sind die flächenrodenden Übeltäter nicht westliche Konzerne oder wohlhabende Rinderzüchter, wie oftmals unterstellt, sondern meist – politisch höchst unkorrekt – arme Kleinbauern.

Die Kalenderfotos zeigen den tropischen Regenwald so, wie ihn einst auch Wallace erblickt haben mag. Auf dem Juni-Motiv etwa diskutieren drei kobaltblaue Hyazinth-Aras gerade angeregt über das Weltklima.

Solange es noch Regenwald gibt...

Dem sensiblen Thema angemessen folgt die Produktion der Palazzi-Kalender ökologischen Prinzipien: Das Papier ist FSC-zertifiziert, der Druck erfolgt klima­neutral, und die auf Basis nachwachsender Rohstoffe verwendeten Farben sind biologisch abbaubar. Zudem erhält die Deutsche Umwelthilfe drei Euro für jeden verkauften Kalender.

Der Nature Photo Art 2014-Kalender aus dem gleichen Haus zeigt zwölf atemberaubende Naturansichten rund um den Globus, vom Lava-spuckenden Stromboli-Krater in Süditalien bis zum venezolanischen Salto Angel, dem größten freifallenden Wasserfall der Erde. Und wer stattdessen höher hinaus möchte, der kann dies mit Sternzeit 2014 tun. Die entferntesten Objekte auf diesem farbenprächtigen Astronomie-Wandkalender sind Milliarden Lichtjahre entfernt. Dass die beiden nach Alfred Russel Wallace benannten Krater auf dem Mond beziehungsweise Mars nicht abgebildet sind, kann man locker verschmerzen: Deren Äußeres ist wirklich nicht besonders spektakulär.




Letzte Änderungen: 05.12.2013


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