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Buchbesprechung

Hubert Rehm


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Bernhard Kegel:
Ein tiefer Fall

Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Mareverlag; Auflage: 2. (14. Februar 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3866481659
ISBN-13: 978-3866481657
Preis: 19,90 EUR

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Doppelmord am Biozentrum?

Die Lektüre dieses Romans wird Sie zehn Stunden Ihres Lebens und 19,90 Euro Ihres Budgets kosten. Lohnt sich das?

Ein tiefer Fall ist der fünfte Roman des 1953 geborenen Bernhard Kegel, gewesener Käferbeinzähler und seien­der Jazzgitarrist. Es geht um Wissenschaftsbetrug an der Kieler Christian-Albrecht-Universität sowie um die rätselhaften Moebus-Zellen aus der Schattenbiosphäre – letztere ein Einfall, auf den man erst mal kommen muss.


Bernhard Kegel bei einer Lesung. Ein Foto, das den Hobby­musiker mit Jazzgitarre zeigt, war leider nicht aufzutreiben. Foto: Daimler-und-Benz-Stiftung

Der Held, Hermann Pauli, wohl Kegels Alter Ego, dient als Tintenfischforscher im Kieler Biozentrum. Wissenschaftlich ist er eine graue Maus, ein einsamer älterer Herr mit schwachem Sexual­trieb, der am Ende seiner akademischen Karriere angelangt und dennoch nicht weit gekommen ist. Zum Professor zweiter Klasse hat’s gerade noch gereicht. Dieser Pauli entdeckt eines Nachts im 12. Stock des Biozentrums im Labor des Forschungsstars Frank Moebus eine von Kröten und Schlammspringern umtanzte Halbwasserleiche. Aus diesem Sachverhalt entwickelt Kegel einen Krimi um Pauli, Moe­bus und eine Kriminalkommissarin.

Wasserleiche an der Universität

Kegel macht das gut. Er baut Spannung auf mit Fragen, er lässt den Leser lange im Unklaren über die Vorgänge im 12. Stock, er wechselt die Szenen an den richtigen Stellen. Der Rezensent hat sich nur stellenweise gelangweilt. Atemlose Spannung freilich will sich nicht einstellen. Dazu ist Kegels Stil zu betulich, zu irgendwie-irgendwo-irgendwann. Es malt keine originellen Bilder, die Sprache ist geschwätzig und doch zäh, und endlos zieht sich der Duft frischen Kaffees durch die Seiten; vermutlich, weil der Leser ohne Koffeinschub vielleicht doch an der einen oder anderen Stelle einschliefe. Die Handlung strömt dahin wie der Rhein bei Mainz: breit und unspektakulär – aber immerhin mit leisem Zug, gerade so schnell, dass man sich nicht langweilt und machmal ein bisschen langsamer. Immerhin: Kegels Prosa ist leicht lesbar weil einfach; die Dia­loge wirken natürlich.

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Kegel ist jedoch keine lebendige Schilderung des Professoren- und Studentenmilieus gelungen. Ein freier Fall kann es in dieser Beziehung nicht im Entferntesten mit Der Campus des 2004 früh verstorbenen Dietrich Schwanitz aufnehmen. Dazu muss man wohl in den universitären Beziehungsgeflechten dringesteckt haben; Kegel jedoch hat die Universitätskarriere schon 1996 hingeworfen oder aufgegeben. Anscheinend hat er nie einen tieferen Einblick in die Verflechtungen und Denkweisen ihrer oberen Schichten gewonnen.

Leicht veraltete Milieustudie

Frisch ist auch Kegels Wissen um die unteren Ränge nicht mehr. So schildert er Moebus‘ Gruppe als unübersichtlich groß. Später stellt sich heraus, dass sie nur 16 Personen umfasst, darunter zwölf Wissenschaftler. Da ist heutzutage für einen Lehrstuhl eher durchschnittlich. Auch Kegels Schilderung des „Ehren“- bzw. Unehren­autorwesens auf Seite 148 ist verworren. Da hat er offensichtlich zwei verschiedene Sachverhalte durcheinander geworfen (Ehren- bzw. Seniorautorschaft und Coautorschaften). Immerhin aber spricht Kegel das Problem überhaupt an. Die Wissenschaft der Moebus-Zellen und ihrer Lebensumstände erklärt Kegel unaufdringlich in Dialogen und direkter Rede. Handwerkliche Schwächen zeigt Kegel in der Personenzeichnung. Selbst Pauli bleibt farblos, mehr als den Namen verbindet man auch gegen Ende nicht mit ihm: keine typische Verhaltensweise, kein Tick, kein körperliches Merkmal.

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Stärke zeigt Kegel im Versuch, in die Gedankenwelt von Wissenschaftsbetrügern und Whistleblowern einzudringen. Ja, so wie Kegel schreibt, so denken diese Leute! Diesen Eindruck hatte der Rezensent zumindest während seiner eigenen einschlägigen Recherchen. Kegel schildert auch wirklichkeitsgetreu die Reaktion der offiziellen Stellen auf Vorwürfe von Wissenschaftsbetrug: kleinreden, mauern, nicht wahrhaben wollen. Die Rolle der Presse hingegen sieht er falsch. Bei Kegel tauchen Reporter hauptsächlich als Störenfriede auf. Im wirklichen Leben sind sie jedoch oft die einzigen Verbündeten des Aufdeckers und teilen dessen Risiko. Wer ist denn dem einsamen Helden Markus Kühbacher im Charité-Fall beigestanden; wer der Innsbrucker Ethikkommission? Die DFG? Die Ombudsmänner? Die Dekane? Die Ministerien? Nein! Es waren Reporter. Darunter solche einer gewissen Zeitschrift, die Kegel „Laborblatt“ nennt und die klein, aber besonders rührig sei. Danke!

Passabler Schmöker

Abgesehen davon muss der Rezensent Kegel bescheinigen, sich gut in die Problematik eingearbeitet zu haben. So fällt seinem Protagonisten Pauli auf, dass die Untersuchung mutmaßlichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens Jahre dauert, dass die Hälfte der medizinischen Fachartikel nichts wert ist und dass die Wissenschaft, wenn das so weiter geht, zur Esoterik verkommt.

Kurzum: Was Kegels Held Pauli zu Wissenschaftsbetrug äußert, kann der Rezensent unterschreiben. Ein freier Fall hat Wirklichkeitsbezug genug, um Schülern und Studenten Einblicke in die Welt der Forschung zu geben. Er mag den einen oder anderen sogar davon abhalten, jahrelang für ein Butterbrot die Lorbeeren eines Professors aufzupolieren. Dem Professor wiederum kann der Schmöker einen Flug nach New York verkürzen.




Letzte Änderungen: 12.02.2013


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