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Buchbesprechung

Thorsten Lieke


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Julia Fischer: Affengesellschaft

Gebundene Ausgabe: 281 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 2 (20. Mai 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518423029
ISBN-13: 978-3518423028
Preis: 26,95 EUR



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Affen unter sich

Auch im Fernsehen gern gesehener Gast: Primatenforscherin Julia Fischer mit Roger Willemsen. Foto: Radio Bremen

Die Göttinger Primatenforscherin Julia Fischer stellt ihre Forschung einem breiten Publikum vor. Diese ist hochinteressant, keine Frage, aber wie gut gelingt es Fischer, dies dem Leser zu vermitteln?

Wissen sie oder wissen sie nicht? Und wenn ja, können sie etwas damit anfangen?

Schon hier ist nicht ganz klar, von wem die Rede ist: Affe oder Mensch. Doch in diesem Fall sind die Affen gemeint. Und falls wir nicht von Gott geschaffen wurden, wie breite Kreise glauben, dann sind wir ja auch nichts anderes: Affen. Genauer: Trockennasenaffen.

Gerade deshalb fasziniert uns, also den Affen Mensch wohl, was unsere Brüder und Schwestern Schimpansen, Gorillas, Berberaffen und Orang-Utans können und leisten. Sozusagen als Zwischenstufen vom gemeinsamen Vorfahren bis zur autofahrenden und mobiltelefonierenden Krone der Schöpfung. Der Mensch als das intellektuell höchstgebildete Lebewesen des Planeten, das würde uns so passen.

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Verschwenderischer Hauptprozessor

In gewisser Weise stimmt das auch, zumindestens was den Luxus angeht, sich ein großes Gehirn zu leisten. Dieses Betriebs­system kostet nämlich eine ungeheure Menge an Energie. Zwar macht es nur zwei Prozent der Körpermasse aus, doch verbraucht es nahezu zwanzig Prozent des aufgenommenen Sauerstoffs. Mit ihren großen Gehirnen stehen Menschen aber nicht alleine da. Diese sind ein Charakteristikum aller Primaten und auch anderer intellektuell begabter Tiere wie Raben oder Papageien.

Der Frage nach der Intelligenz spürt auch Julia Fischer nach – oder wie sie es in ihrem Buch selbst umschreibt: der Annahme, dass Intelligenz als Folge des Lebens in Gruppen entstanden ist und außerdem Intelligenz und kommunikative Fähigkeiten in einem engen Zusammenhang stehen. Fischer ist eine profunde Kennerin der äffischen Kommunikation. Sie versteckt sich regelmäßig mit ihrem Tonbandgerät im Unterholz und spielt freilebenden und deshalb ahnungslosen Berberaffen und Pavi­anen akustische Streiche. Zum Beispiel ertönen plötzlich die Laute paarungswilliger Weibchen oder frohlockender Männchen im Paarungserfolg aus dem Gebüsch. Oder die haarigen Gesellen vernehmen einschüchternde Rufe von Männchen, die die Rangfolge in der Affenhorde prüfen.

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Geräusche aus dem Unterholz

Die Forscherin vom Primatenzentrum Göttingen sitzt dann gespannt im Gebüsch und beobachtet. Viele Jahre schon arbeitet sie Seit‘ an Seit‘ mit unseren nächsten Verwandten. Natürlich hockt Fischer nicht dauernd draußen herum. Sie ist bestens darüber informiert, was die werten Kollegen ihrer beobachtenden und testenden Zunft so treiben, und sie kennt sich auch gut in der Historie der Verhaltensforschung aus. Neben der Schilderung ihrer eigenen Erlebnisse und Erkenntnisse ist das vorliegende Buch somit auch eine Galerie der Verhaltensforschung vergangener Jahrzehnte. Fischer präsentiert Fragestellungen und Versuchsgestaltungen aus allen Epochen der wissenschaftlichen Neugier.

Und das gut verständlich – selbst für diejenigen, die damals bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Schule einen Brummschädel bekommen haben. Sie wissen schon: Fünf Kugeln in einem Zylinder, zwei rote, zwei gelbe, eine weiße mit Zurücklegen und ohne und wie spät? Dies ist jedenfalls ein gern gewähltes Szenario im Göttinger Affenhaus: leckere und weniger leckere Dinge unter Eimern verstecken, mit Barriere und ohne, verschieben und wegnehmen. Und immer wieder die Frage, was sind verschiedene Affenarten in der Lage zu kombinieren und zu lernen.

So wahnsinnig neu ist das alles eigentlich gar nicht. Immer wieder gehen ja die Meldungen durch die Presse: Toll, Affe kann sprechen! Oder: Wir sind doch wie sie und sie sind wie wir, nur weniger schlau! Manchen hängt das längst zum Hals raus. Was soll das bringen? Menschen denken sich Tests aus, mit denen Affen erstmal nichts anfangen können, doch für ein „richtiges“ (im Sinne des Testenden) Verhalten gibt es Schoki und dann wird die Sache variiert wiederholt und der Affe hat gelernt, wie und auf welchem Weg er an Schoki kommt. Dann wird der gleiche Test mit Menschenkindern gemacht und anschließend weiß man, wie intelligent beziehungsweise verwandt wir alle sind?

Am Ende bleibt Staunen

Eben nicht. Das Schöne an Fischers Buch ist, dass die Autorin diesem Pfad nicht folgt. Sie schreibt auch, dass der Vergleich zwischen dem Kind eines Menschen und einem erwachsenen Affen hinke. Es geht ihr eben nicht um den Vergleich „Was kann der Affe, was kann der Mensch?“, sondern um den Respekt, den man den Mitlebewesen unseres Planeten entgegen bringen sollte. Und am Ende des Buches wird klar: Affen sind intelligent, aber eben auf ihre eigene Weise und ihren eigenen Zielen angepasst. Wie Fischer auch klarstellt: „Es gibt wenig, was für Affen interessanter ist als andere Affen.“ Da kann sich der Mensch noch so schlaue Tests einfallen lassen.

Ja, die Dame ist schlicht und einfach begeistert von Affen an sich und dem Verhalten, das sie an den Tag legen. Was am Ende dabei rauskommt ist: Staunen.




Letzte Änderungen: 07.12.2012


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