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Buchbesprechung

von Winfried Köppelle


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Siegfried Bär:
Der Untergang des Hauses Rascher

Broschiert: 529 Seiten
Verlag: Eigenverlag (2. Auflage 2011)
Sprache: Deutsch
ASIN: B002ONOL7Y
Preis: EUR 15,00

Erhältlich bei Amazon.de,
Laborjournal.de sowie hubert.rehm@gmx.de.
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Das Leben schreibt die sonderbarsten Geschichten. So auch im Falle des Nazi-Mediziners Sigmund Rascher, dessen bizarres Leben der ehemalige Laborjournal-Reporter Hubert Rehm aufgezeichnet hat.

Neulich unterhielt sich der Laborjournal-Redakteur mit einem Marketing-Mitarbeiter des Spektrum-Verlags. Er wollte wissen, wieso dieser bestens beleumundete Wissenschaftsverlag neuerdings stümperhafte Langweilerbücher wie Pythagoras’ Rache (von Arturo Sangalli) vermarktet, es hingegen ablehnt, die neue Auflage von Siegfried Bärs außergewöhnlichem Wissenschaftsroman Der Untergang des Hauses Rascher zu verlegen. Immerhin sei Bär (unter seinem wirklichen Namen Hubert Rehm) als langjähriger Erfolgsautor des Spektrum-Verlags dort doch bestens bekannt, und seine Bücher verkauften sich seit 17 Jahren ebenfalls gut. Der derart angegangene Spektrum-Mitarbeiter wusste zunächst nicht so recht, wie er reagieren sollte. Er rechtfertigte sich ein bisschen lahm damit, dass es in seinem Hause ein erfahrenes und hochkompetentes „Güte-Gremium“ gebe, dessen Mitglieder gemeinschaftlich und sorgfältig über jedes Manuskript zu Rate sitzen würden. Im Falle des vom Laborjournal-Redakteur monierten Sangalli-Langweilers sei es nun so gewesen: Dessen Manuskript hätten die Heidelberger Qualitäts-Experten seinerzeit begeistert durchgewunken.

Bärs Rascher-Manuskript hingegen habe es wohl gar nicht erst bis zum Güte-Gremium geschafft. Sprich: Es wurde unbesehen abgelehnt.

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Rascher

Der folternde Forscher Sigmund Rascher um 1940 mit seinem vermeintlichen Sohn Peter, der wie seine drei Brüder in Wahrheit das Kind fremder Eltern war. Peter lebt inzwischen in Kanada; 2008 führte er ein Telefonat mit Buchautor Bär.

Diese Geschichte beweist: Selbst ausgewiesenen Literaturkennern unterlaufen gelegentlich beängstigende Ausfälle des gesunden Urteilsvermögens. Denn Pythagoras’ Rache ist kein „fazinierend mathematischer Thriller“. Es ist eine bodenlos langweilige, unerträgliche, willkürlich erscheinende Aneinanderreihung beliebiger Sätze, die kaum Mathematik und schon gar keinen Thrill enthält. Selbst bei Zahlung eines hohen Schmerzensgeldes würde der Laborjournal-Rezensent dieses konfuse Verschwörungsmystizismus-Gebräu mit blassen Protagonisten und unsinniger Handlung kein zweites Mal lesen wollen. Dass Pythagoras’ Rache von einigen Rezensenten angesehener Medien gar gelobt wurde, beweist nur, dass das artige Abschreiben von Verlagseigenwerbung in der Buchbesprechungsszene der Normalfall ist.


Wer war Sigmund Rascher?

Genug der Vorrede. Die zweite Auflage jenes Werkes, das es nicht geschafft hat, die Lektoren und Güte-Gremien deutscher Verlage zu überzeugen, ist kürzlich im Eigenverlag erschienen. Der Untergang des Hauses Rascher hat nun 529 grundlegend überarbeitete Seiten, in die laut Autor „zahllose neue Erkenntnisse zur Hauptperson, seinen Verwandten und seinen Experimenten einflossen“ (dazu später).

Der Autor Bär alias Rehm ist ein ehemaliger Laborjournal-Kollege des Rezensenten und in der Wissenschafts-Szene bekannt für seine investigativen Artikel. Sein „Dokumentarroman“ erzählt das Leben des deutschen Mediziners und KZ-Folterers Siegmund Rascher. Dieses Leben dauerte 36 Jahre und war so angefüllt mit Sonderbarkeiten, dass man problemlos fünf Romane und mehrere Spielfilme daraus hätte machen können.

Es ist eines der großen Rätsel der deutschen Publizistik, dass dies nicht schon längst geschehen ist. Denn dieser Rascher ist eine Persönlichkeit, wie sie selbst die an skurrilen Persönlichkeiten nicht arme deutsche Nation nur wenige vorweisen kann. Einer seiner Kollegen, der furchtbare Nazi-Mediziner Josef Mengele, brachte es hierzulande problemlos zu allgemeiner Berühmtheit; vom nicht minder furchtbaren Nazi-Mediziner Sigmund Rascher haben die meisten noch nicht einmal gehört.


Gespaltene Persönlichkeit

Wer war dieser Rascher, und warum wurden sein Leben und Wirken ausgerechnet in seinem Heimatland bisher so wenig beachtet? Rascher war zuallererst ein Mann der Widersprüche. Er war Arzt mit Doktortitel und gleichzeitig ein kritikloser Anhänger esoterischer Pseudomedizin (ein Paradoxon übrigens, das unter deutschen Ärzten bis heute weit verbreitet ist). Rascher führte grausame Menschenversuche durch, die im Nürnberger Ärzteprozess als „unmenschlich und verbrecherisch“ bezeichnet wurden; hielt sich selbst jedoch für sensibel und wurde von Zeitgenossen als „gutmütig und hilfsbereit“ charakterisiert. Rascher war Schwangerschafts-Experte – und übersah dennoch, dass vier Schwangerschaften und Hausgeburten seiner über 50-jährigen Frau vorgetäuscht waren. Rascher war „ein amüsanter, galanter Plauderer“ und „loyaler Kamerad“ – und ließ reihenweise Menschen systematisch zu Tode quälen, ohne dass ihn irgend jemand dazu gezwungen hätte. Dass der langjährige Günstling Heinrich Himmlers auf dessen Befehl hin wenige Tage vor Kriegsende erschossen wurde, passt ins wirre Bild.

Rascher2

Die beiden Herren in Uniform, die hier Anteil am Schicksal ihres malträtierten Mitmenschen nehmen, haben diesen erst in seine missliche Lage gebracht: Unterkühlungsversuche im KZ Dachau (rechts: Versuchsleiter Sigmund Rascher).

Andererseits war Sigmund Rascher in fast allen Belangen erschreckend durchschnittlich. Wie Autor Bär in seinem Vorwort schreibt, hatte er „abgesehen von seinem Ehrgeiz, keine herausragenden Geistes- oder Gemütsgaben“.


Ein Durchschnittsmensch

Bärs Geschichte über Sigmund Rascher ist auch eine über dessen familiäres und berufliches Umfeld, beginnend mit der Geburt seines Vaters, eines späteren praktischen Arztes und Anhänger esoterischen Gedankenguts. Auch der Vater habe bereits Menschenversuche durchgeführt, schreibt er, beispielsweise behandelte Rascher Senior seine vermutlich nichtsahnenden Patienten („Reiche und Naturbewegte“) mit Pflanzen, deren Wirkung er nicht kannte. Zudem war Raschers Erzeuger ein Nazi-Spitzel und eine Art Verbindungsmann zwischen den in den 1930ern aufsteigenden Nationalsozialisten und Anthroposophen.

Sohn Sigmund entfremdete sich früh vom Vater und wandelte dennoch in dessen okkulten Fußstapfen. So geriet er Anfang der Dreißigerjahre unter den Einfluss eines gewissen Ehrenfried Pfeiffers:

Pfeiffers Theorien werden das einzige sein, an das Sigmund lebenslang glaubt. Pfeiffers Methoden, Denk- und Arbeitsweise und sein okkult-esoterisches Umfeld prägen ihn. Auch Sigmund wird mal dieses beginnen, mal mit jenem anfangen, mal hier debütieren, mal dort dilettieren und sich an Autoritäten orientieren statt an Tatsachen. Wie Pfeiffer wird auch Sigmund zeitlebens Kompost produzieren.

Zur Erklärung: Pfeiffer war und ist ein Guru der anthroposophisch-biodynamischen Bewegung und steht bei Wikipedia als „Pionier des ökologischen Landbaus“. Er erfand 1925 die „CuCl2-Kristallisationsmethode“ , die angeblich die Qualität von Lebensmitteln messen kann. Der spätere Massenmörder Sigmund Rascher geht bei ihm in Dornach (nähe Basel) in die Lehre und verplempert später zwischen 1934 und 1939 fünf Jahre seines kurzen Lebens damit, erst Schwangerschaften und dann Krebs mit der nicht funktionierenden CuCl2-Methode nachweisen zu wollen. Die meiste Zeit ist Rascher pleite, sein Bruder, ein erfolgreicher Profisaxophonist, schickt ihm regelmäßig Geld.


Fast alles ist so passiert

Bär beschreibt die Lehr- und Wanderjahre des jungen Raschers vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus lebendig und anschaulich. Der Stil ist klar und präzise, die Sprache direkt und durchweg politisch unkorrekt. Der Autor versichert zudem, mehr als 99 Prozent seines Romans seien Realität, und das restliche Prozent beinhalte lediglich unwichtige, zum Fortgang der Geschichte aber eben nötige Details – zum Beispiel, wonach es am 20. März 1944 in der NS-Wohlfahrt-Hilfsstelle im Münchener Hauptbahnhof gerochen habe (in Bärs Fiktion nach Erbsensuppe und Würstchen), oder dass das frischvermählte Ehepaar Rascher beim Hochzeitswalzer gestürzt sei.

Pfeiffer

Ehrenfried Pfeiffer (1899-1961): Kompostierungs-Experte, anthroposophischer Landbau-Guru, Entwickler nicht funktionierender Analyseverfahren und erklärtes Vorbild Sigmund Raschers.

Wie aber kommt er beispielsweise zu der Aussage, Raschers Gattin Nini habe bei der auf Seite 414 geschilderten Begegnung mit der Spendermutter eines Säuglings am Münchener Hauptbahnhof nicht Dialekt, sondern Hochdeutsch gesprochen? Bär gibt zur Auskunft, dies sei in den Protokollen der Münchener Kripo vermerkt, die im Bayerischen Staatsarchiv gesammelt sind, und fügt an: „Ich behaupte, mein Buch ist besser belegt als jedes andere historische Werk über Rascher.“ Bär hat jahrelang im Bundesarchiv Berlin, im deutschen Adelsarchiv (ein plagiierendes Mitglied der Familie zu Guttenberg spielt im Buch eine Nebenrolle!) und anderenorts recherchiert.

Allerdings hätte er manche Exkurse trotz deren Faktizität ohne Qualitätsverlust weglassen können (etwa die erotischen Liebesbriefe einer Tante des Protagonisten). Dass der Autor ferner bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen ihm nicht genehme (da nicht naturwissenschaftliche) Weltbilder stichelt, wirkt verbissen und belehrend (auch wenn der Rezensent eine recht ähnliche Meinung zum Thema Esoterik hat). Dass der sporadisch vorkommende bayerische Dialekt fehlerhaft ist, ist zu verschmerzen; ebenso, dass man das bayerische Traditionskartenspiel „Schafkopf“ ohne „s“ in der Mitte schreibt.

Zurück zum „gutmütigen Karrieristen“ Rascher, der bewies, dass man es als intellektuell und finanziell eher schwach bestückter Kleingeist trotzdem weit bringen kann. Zumindest, wenn man eine noch ehrgeizigere Frau im Rücken hat. Auch über diese Frau namens Karoline „Nini“ Diehl, eine professionelle Konzertsängerin und Freundin (eventuell Ex-Geliebte) Heinrich Himmlers, ließe sich ein eigenes Buch schreiben. Allein wegen der grotesken (und im vorliegenden Buch genüsslich nachgezeichneten) Säuglingsverschiebereien, die die nicht gebärfähige Gattin Raschers in ihren letzten Lebensjahren vollführte.

Zurück zu unserem Forscher. Der DFG-Stipendiat Rascher war enorm findig darin, die geistigen Leistungen anderer in der Literatur zu entdecken, an seine Belange anzupassen und ins Absurde zu treiben. Die „einzige wissenschaftliche Idee, die Rascher je hatte“, war es, Häftlinge in eine Unterdruckkammer zu setzen und den darin simulierten Verlauf der Höhenkrankheit penibel zu protokollieren – bis das Blut der Versuchspersonen mit Stickstoff übersättigt war, N2 ausschäumte und sie an Gasembolie starben. Hinterher sezierte Rascher die Leichen und schrieb einen Bericht.


Folter im Eiswasser

Auch zwang er, angeregt durch 1938 publizierte Experimente des amerikanischen Arztes Temple Fay, KZ-Häftlinge in Eiswasser, unterkühlte die bewusstlos Gewordenen bis auf eine Körperkerntemperatur von 24 °C und erprobte anschließend diverse Erwärmungsmethoden (heißes Wasser, Rotlicht, Einwickeln in Decken, sowie die „animalische Körperwärme nackter Frauen“). Seine Ergebnisse trug er 1942 auf der „Nürnberger Kältetagung“ vor. Die 94 anwesenden Medizinerkollegen waren keineswegs empört, sondern reagierten gleichgültig. Nur ein einziger Kollege, Franz Grosse-Brockhoff, ein Oberarzt der Luftwaffe, kritisierte die Menschenversuche.

Man könnte noch stundenlang weiter über dieses Buch berichten, doch lesen Sie es besser selbst. Allerdings hat Siegfried Bär von der zweiten Auflage nur 300 Exemplare drucken lassen. 200 habe er noch, sagte er dem Rezensenten.


Letzte Änderungen: 30.11.2011


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