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Buchbesprechung

von Winfried Köppelle


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Holger Wormer & Michael Dietz:
Endlich Mitwisser!: Die allerbesten Fragen - beantwortet von Professor Holger

Broschiert: 256 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch; Auflage: 1., Auflage (14. März 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3462043056
ISBN-13: 978-3462043051
Preis: EUR 8,95

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Echte Männer tragen rosa

Bond

... nicht wahr, Mister Bond? Foto: United Artists


Heutzutage braucht man für alles einen Experten. Am besten einen Professor.

Es ist schon komisch: Je einfacher es ist, an Informationen zu kommen, desto desinformierter sind die Leute – trotz Internet, iPad und Facebook. Also glauben die Leute an Homöopathie und Heilsteine und dass Hotel California, rückwärts abgespielt, satanische Botschaften enthält. Und sie wissen, dass Impfungen ein krimineller Schwindel der Pharmaindustrie sind. Das nennt sich dann Medien­kompetenz: Man hat keinen Schimmer, aber davon ganz viel. Diese Kompetenz beweist man durch den Besitz ultradünner Smartphones, ultra­lauter MP3-Abspielgeräte sowie die damit erzielte Belästigung von Mitmenschen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Infolge permanenter Ohrknopf-Bedudelung mit zu hohen Schalldrücken laboriert die Gesellschaft an irreversiblem Gehörverlust und geschrumpfter Allgemeinbildung.


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Professor Wormer hilft!

Und so braucht es einen Professor, der einem die Welt erklärt! Der ist montags in der ARD zu finden (Professor Reinhold Beckmann), dienstags bis donnerstags im ZDF (Professor Markus Lanz) und freitags im NDR (die Professoren Giovanni di Lorenzo und Judith Rakers). Doch was, wenn einen am Samstagabend schon wieder das Halbwissen plagt und Professor Gottschalk seinen Lehrstuhl in Mainz räumt?
Keine Sorge. Kollege Wormer von der Uni Dortmund hilft.

Wormer war Journalist und ist jetzt Professor. Das ist schade, denn Wormer war ein guter Journalist; von der Sorte gibt’s nicht viele. Seit 2004 bildet der gelernte Chemiker in Dortmund Nachwuchskräfte aus (journalistische, nicht professorale). Daneben schreibt Wormer Bücher über Wissenschaftsjournalismus und tritt seit 2007 im Radio (WDR 1Live) auf. Dort beantwortet er Hörerfragen. Etwa die, was mit einer Spinne im Staubsauger passiert, warum wir uns küssen oder wieso Kühe beim Schlafen nicht umfallen. Und wieso deutsche Mädchen im Alter zwischen zwei und acht Jahren danach gieren, in schweinchenrosa gefärbter Kleidung herumlaufen.

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All das interessiert auch den Laborjournal-Redakteur, denn der hat eine Abneigung gegen Spinnen im Haus und Kinder in Uniform. Auf Seite 198 von Endlich Mitwisser! erfuhr er die Bestätigung für seine These, dass am rosaroten Einheitsterror eine verbrecherische Allianz der Spielwarenbranche mit der Bekleidungsindustrie schuld sei. Wormer hat Folgendes herausgefunden: Bis vor etwa hundert Jahren sei rosa eine Männer(!)-farbe gewesen (dass man’s bis heute an den Einheitshemden der BWL-Studenten erkennen kann, schreibt Wormer hingegen nicht; vermutlich war dies dem K&W-Verlag nicht politisch korrekt genug).


Rosaroter Mädchen-Terror

Wie auch immer: Die Jungfrau Maria sei auf historischen Gemälden jahrhundertelang in der heutigen Männerfarbe blau dargestellt worden, das Jesuskind hingegen in weiß oder hellrot, klärt Wormer seine Leser über die christliche Farbsymbolik des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf. Und er schildert die neuesten Studienergebnisse zum Thema „Rosaroter Terror – vererbt oder erlernt?“. Letzteres ist der Fall: Es liegt an der rosafarbigen Reizüberflutung, gepaart mit subtilem Massenzwang, denen deutsche Eltern regelmäßig unterliegen. Wieso allerdings der K&W-Verlag dem „Endlich Mitwisser“-Buch ebenfalls einen schweinchenrosa Umschlag schlimmster Prägung verpasst hat, teilt uns Wormer nicht mit. Hofft man etwa, damit die Käuferinnenquote in der Altersklasse U8 zu steigern?

Eine weitere Frage, die besonders grillenden Y-Chromosom-Trägern unter den Nägeln brennen dürfte, betrifft die Bratwurst. Warum platzt eine solche fast immer der Länge nach? Die auf Seite 103/104 gelieferte Erklärung kapierte der physikalisch immerhin nicht unbeschlagene Rezensent jedoch nicht. Dass sich Wormer konsequent jeder Art von Mathematik verweigert, weil „jede Formel die Buchverkaufszahlen halbiert“, mag eine monetär nachvollziehbare Entscheidung sein. Doch nicht nur bei der Bratwurstfrage ist der Verzicht auf Mathematik ein Manko – zumal Wormers wortreiche Erklärung auch nicht gerade leicht verständlich ist. Man merke: Manchmal sagt eine Formel doch mehr als 1.000 Worte.


Formeln sagen oft mehr

Auch bei manch anderer Frage bleibt die Antwort mangels Tiefgang unbefriedigend, etwa bei derjenigen nach der Entstehung der Zebrastreifen (die auf Tierfell, nicht die auf Asphalt). Gerade weil Wormer sich scheut, dem Leser ein klein wenig Genetik oder Farbstoff-Chemie zuzumuten, bleibt man so dumm als wie zuvor. Und um die elementare Frage „Wer kommt schneller – der Pizzaservice oder ein Rettungswagen?“ (Seite 90) wird zwar eineinhalb Seiten herumphilosophiert – eine Antwort hat der Autor jedoch nicht zu bieten.

Doch trotz dieser Schwächen: Der Rezensent hat eine Menge gelernt. Er wird seine neu erworbenen Weisheiten rund um Körperbehaarung, betrunkene Stechmücken und Wetter verwenden, um bei der nächsten Party seine Redakteurskollegen zu beeindrucken.


Letzte Änderungen: 30.10.2011


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