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Kein Verlust

(12.5.15) Die Tübinger Affenversuche sind ethisch bedenklich und für die Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen wohl unnötig, meint Leonid Schneider.

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Der Tübinger Neurowissenschaftler Nikos Logothetis will in Zukunft auf Versuche mit Affen verzichten, nach massiven Protesten von Tierschützern und einer Hausdurchsuchung durch die Staatsanwaltschaft (siehe Laborjournal-Online vom 11. Mai 2015). Ist das wirklich ein Rückschlag für die Erforschung von Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson? Ein Kommentar.

Grundsätzlich sind Tierversuche für die biomedizinische Forschung noch unerlässlich. Aber nicht alles, was erforscht werden kann, darf aus ethischer Sicht auch erforscht werden. Die Aufteilung der Fauna in Menschen und den tierischen Rest ist aus biologischer Sicht kaum haltbar. Daher sollte die Primatenspezies Homo sapiens immer gut abwägen, ob der Einsatz anderer Affen (und kognitiv hoch entwickelter Tierarten überhaupt) für invasive, stressverursachende oder lebensbedrohliche Versuche ethisch zu rechtfertigen ist – auch wenn die Fragestellungen noch so spannend sind.

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Affenexperimente als Grundlage für neue Therapien?

Befürworter der Primaten-Experimente am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik verweisen oft direkt oder indirekt auf die Entwicklung neuer Therapien gegen Gehirnerkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder Schizophrenie. Logothetis' Experimente sollen angeblich die Grundlage für die Erforschung solcher Therapien legen. So auch der Tenor der aktuellen Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) und von Bundesforschungsministerin Wanka. Auch Logothetis selbst spricht in seiner Erklärung von „Wissen über neurologische und psychiatrische Krankheiten“, das man durch seine Versuche erlangen könne. Diverse Medien griffen das gerne auf und beschworen gar eine Gefahr für (zukünftige) Patienten herauf, sollte diese Forschung behindert werden.

Wissenschaftlich gesehen haben die Tübinger Versuche aber wenig mit neurodegenerativen Erkrankungen oder gar konkreten Therapieansätzen zu tun. Denn Logothetis forscht primär an visueller Verarbeitung, also daran, wie das Gehirn Objekte und Muster erkennt.

Ist das überhaupt Kognitionsforschung?

Die MPG bezeichnet seine Studien gerne als Kognitionsforschung. Nicht alle Neurowissenschaftler teilen diese Einordnung, wie mir der Neurowissenschaftler und Blogger „Neuroskeptic“ erklärte. Denn mit den eigentlichen Denkprozessen hat die visuelle Verarbeitung nur im weitesten Sinne etwas zu tun. Aber Nagetiere sind für solche Studien ungeeignet, da hat Logothetis schon recht. Deren Gehirn ist, anders als das Primatengehirn, viel weniger auf die Aufnahme visueller Reize geprägt.

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Der Tübinger Versuchsaufbau erfordert jedenfalls die bewusste Kooperation wacher Tiere, die lernen sollen, aktiv mitzumachen. Nur Affen, gerade weil sie so intelligent sind, lassen sich für eine Flüssigkeits-Belohnung stundenlang in einem Stuhl fixieren und sind zudem fähig, auf recht komplexe Stimuli durch Schalter-Drücken mitteilend zu reagieren. Gerade dieses hohe Bewusstseins-Niveau der Primaten führt aber in ein ethisches Dilemma bei derart invasiven und stress-verursachenden Versuchen.

Infektionsgefahr

Fragwürdig sind die Versuche auch deshalb, weil bei den Operationen am Gehirn der Affen nicht immer alles nach Plan geht. Vor den Experimenten im Fixierstuhl implantieren die Forscher Elektroden dauerhaft ins Hirn der Makaken. Die Pressestelle der MPG erklärt, dass die Einpflanzung dieser Elektroden gelegentlich zu schweren Infektionen führt, die dann mit Antibiotika behandelt werden müssen (welche die Affen wiederum nicht immer gut vertragen).

Vor allem bei früheren Elektroden-Modellen war die Gefahr von Infektionen groß. Logothetis sollte das eigentlich klar gewesen sein, als er kurz nach seinem Amtsantritt 1999 den Medien mitteilte: „Versuchstiere müssen menschenwürdig behandelt werden. Sie dürfen nicht leiden und sollten unter Bedingungen leben, die ihnen ein Maximum an Gesundheit und Wohlbefinden bieten." Außerdem bestritt Logothetis den „Entzug von Futter und Wasser“. Obwohl die Affen ja gerade deswegen mitmachen, weil sie durstig gemacht werden.

Den Versuchsaufbau selbst und die damit verbundene Infektionsgefahr darf man also schon für ethisch problematisch halten.

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Kein Ende der MPG-Primatenversuche

Die MPG steht aber weiterhin grundsätzlich zu Primatenversuchen und will diese fortführen. Wie es vor Ort in Tübingen weitergeht ist jedoch unklar. Im Herbst 2015 wird über das zukünftige Forschungsfeld am MPI für biologische Kybernetik entschieden. „Das kann Kognitionsforschung und damit verbunden auch weiterhin Primatenforschung sein, muss es aber nicht“, so die Auskunft der MPG-Pressestelle. Es kann also sein, dass der 65-jährige Logothetis einfach seinen Ruhestand vorbereitet.

Jedenfalls wird seine Entscheidung womöglich ein weniger großes Loch in die deutsche Forschung an Kognition und neurodegenerativen Erkrankungen reißen, als nun vielerorts lamentiert wird.

Leonid Schneider


[Kommentare dieser Art drücken stets die Auffassung der Autoren aus und decken sich nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion.]


Anmerkung der Redaktion: Die Frage nach Sinn und Ethik der Tübinger Affenversuche ist das eine. Aber was soll man von den Methoden halten, mit denen viele Tierschützer gegen diese Experimente vorgegangen sind? Brynja Adam-Radmanic meint: "Nicht der moralische Standpunkt der Tierversuchsgegner selbst ist das Problem, sondern die undemokratische, radikalisierte Art, in der dieser vertreten wird." Mehr dazu demnächst an dieser Stelle.


Bild (Hintergrund): Manfred Grohe / Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik



Letzte Änderungen: 30.06.2015

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