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Ameisenbär auf großer Bühne

Beim Science Slam tauschen Forscher den Laborkittel gegen das Mikrofon und erklären fachfremden Zuhörern ihre Arbeit. Auch auf der Biotechnica in Hannover treten am 10. Oktober drei Biologen gegeneinander an.

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(3. Oktober 2013) Die Scheinwerfer richten sich auf Dr. Helga Hofmann-Sieber. Die Virologin steht auf dem schwarzen Podium des Hamburger Clubs "Haus73". Die Uhr tickt. Wenige Minuten nur hat sie Zeit, den Laien im Publikum ihre Arbeit zu erklären.

 

Hofmann-Sieber ist eine von fünf Wissenschaftlern, die bei diesem Hamburger Science Slam im Rampenlicht stehen. Im Alltag arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Labor des Heinrich-Pette-Instituts, sie forscht dort an einer neuen Therapieform gegen HIV. Heute aber muss sich die 37-Jährige vor rund 270 Menschen behaupten. Sie ist die letzte Slammerin des Abends. Vor ihr erzählten bereits eine angehende Medizinerin, eine Informatikerin, ein Maschinenbauingenieur und ein Medienmanager auf der Bühne von ihren Entdeckungen.

 

Bekannter als Science Slams sind Poetry Slams, auf denen Literaten ihre Gedichte vortragen. Das Prinzip ist ähnlich. Beim Science Slam nehmen eben nicht Poeten, sondern Doktoren, Master- oder Bachelorstudenten das Mikro in die Hand. Die Regeln sind einfach: Die Vortragenden haben zehn Minuten Zeit, um ihre Arbeit zu präsentieren. Danach beraten die Zuschauer in kleinen Gruppen die Präsentation und verteilen Punkte auf einer Skala von eins bis zehn. Der Slammer mit der höchsten Punktzahl gewinnt.

 

Information und Unterhaltung sollen dabei keine Gegensätze sein. Es geht darum, Fachthemen aufzubrechen und die Wissenschaft aus ihrem Elfenbeinturm zu befreien. "Schließlich wird in der Forschung auch viel Geld ausgegeben, und das ist zumeist Steuergeld", sagt Julia Offe, die Gründerin des Science Slams. Sie ist selbst Molekularbiologin und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin. "Es ist nur fair, wenn wir Forscher uns stärker an die Öffentlichkeit richten und erklären, was wir machen."

 

Auch die Zoologin und Feldforscherin Lydia Möcklinghoff nutzt die Gelegenheit, beim Science Slam für ihr Projekt zu werben. Sie beobachtet Ameisenbären im brasilianischen Pantanal und muss für ihre Forschungen selbst Fördergelder einwerben. Ein Science Slam in Köln half ihr, über ihre Arbeit in Südamerika zu informieren und für ihren Crowdfunding-Aufruf zu werben.

 

 Der Blick über den eigenen wissenschaftlichen Tellerrand lohnt sich: Der Umgang unter den Slammern ist informell. Nach der Veranstaltung sitzen die Vortragenden zusammen, man unterhält sich über seine Themen, den Abend und die Erfahrung auf der Bühne. Ein loses interdisziplinäres Netzwerk entsteht.

 

Komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge unterhaltsam und anspruchsvoll erklären - wie kann das funktionieren? Seitdem Julia Offe den Science Slam ins Leben rief, widmet sie sich dieser Frage. Vor fünf Jahren organisierte sie den ersten in Hamburg. Mittlerweile gibt es Slams in allen großen deutschen Städten, zudem in der Schweiz und in Österreich. Das bundesweite Finale der wettstreitenden Wissenschaftler in Deutschland zeigte die ARD in diesem Jahr in einem Livestream. "Es ist wichtig, dass die Vortragenden ihre eigene Faszination für ihr Thema zeigen", sagt die Veranstalterin. In Workshops erklärt sie Interessierten, was einen guten Vortrag ausmacht. Eine spannende Geschichte stecke in jedem Forschungsthema, so die 40-Jährige. "Die Slammer sollten ihre Themen ernst nehmen. Ein bisschen Selbstironie schadet dabei auch nicht."

 

Helga Hofmann-Sieber schafft es jedenfalls in weniger als acht Minuten, die Menschen in dem kleinen Hamburger Clubraum zu begeistern. Mit der Frage "Können Scheren im Kampf gegen HIV helfen?" fesselt sie die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer von Anfang an. Sie vergleicht Zellen mit Heimwerkern, um zu veranschaulichen, was bei ihrer Reproduktion abläuft. Sie gibt HI-Viren ein Gesicht und verdeutlicht damit, wie das Immunsystem auf sie reagiert. Bakteriophagen verwandeln sich in ihrem Vortrag zu lernenden Mikro-Scheren, die eine neue Therapie gegen Aids in Aussicht stellen. Die Zuschauer sind begeistert, die Jury wählt sie zur Siegerin des Abends.

 

 

Für den kommenden Slam ziehen die Veranstalter nun vom Club auf ein Messegelände: Unter dem Thema "Life Science" findet er am 10. Oktober auf der Biotechnica in Hannover statt. Auch Laborjournal ist bei der Veranstaltung dabei und unterstützt sie. Beim Stand von "Jobvector" slammen an diesem Tag drei Biologen um die Wette:


- Wie man aus Leberzellen mittels Gentechnik Inselzellen herstellt, erzählt Nuria Cerda-Esteban vom Max-Delbrück Zentrum für Molekulare Medizin Berlin-Buch (MDC).


- Arndt Pechstein - ebenfalls vom MDC - erklärt, was beim Ausschütten synaptischer Vesikel passiert.


- Sebastian Lotzkat vom Senckenberg-Museum in Frankfurt ist auf der Suche nach neuen Reptilienarten in Panama. Beim Life Science Slam auf der Biotechnica gibt er Einblicke in die Arbeit eines Feldforschers.

 

Linda Richter



Foto: Laborjournal-Titel 12/09

 Videos: Eingebunden über Youtube, Kanal "Science Slam"

 



Letzte Änderungen: 08.04.2014

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