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Rotterdamer Großbauern

Interview zum Titelthema "Urban Farming" der aktuellen Laborjournal-Ausgabe – Agrartechniker Jan de Wilt über das Projekt "Deltapark" im Rotterdamer Hafen.
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Deltapark-Konzept: geschlossener Kreislauf


(2. September 2013)
 Landwirtschaft in der Stadt als Nahrungsmittelproduktion der Zukunft? Zahlreiche Ideen und Pilotprojekte werden derzeit unter der Überschrift "Urban farming" oder "Vertical farming" ausgearbeitet und erprobt. Eines dieser Konzepte sah eine riesige Anlage im Rotterdamer Hafen vor: den Deltapark. Entwickelt wurden die Pläne vom staatlich geförderten InnovatieNetwerk in den Niederlanden. Laborjournal fragte einen der Projektplaner, den Agrartechniker Jan de Wilt, warum der Deltapark bislang nicht realisiert wurde. 

Laborjournal: Herr de Wilt, könnten Sie kurz das Konzept des Deltaparks erläutern? 

Jan de Wilt: Die ursprüngliche Idee bestand eigentlich in einem 400 Meter breiten und 1.000 Meter langen, sechsstöckigen Gebäude im Hafen von Rotterdam. Wir wollten dort Gemüse anbauen und außerdem Schweine, Hühner und Fische halten. So war das ja auch damals auf den traditionellen Bauernhöfen in Holland. Das waren gemischte Farmen. Der Dünger der Schweine wurde für die Ackerfläche verwendet, und die Rückstände der Ernte wurden wieder als Futter für die Schweine genutzt. Das mag nicht sehr effizient gewesen sein, trotzdem war es ein mehr oder weniger geschlossenes System. Dann, in der Mitte des letzten Jahrhunderts, haben wir dieses System aufgegeben und stattdessen spezialisierte Landwirtschaftsbetriebe aufgebaut. Seither liegen hunderte von Kilometern zwischen Regionen, die sich auf Ackerbau spezialisieren und solchen, die Schweine- oder Hühnerzucht betreiben. Wir wollten diese im Hafen von Rotterdam wieder kombinieren, im großen Maßstab mit viel Hightech und hoher Effizienz. In diesem Konzept sind Gewächshäuser direkt mit der Tierhaltung kombiniert, und dabei verwenden wir nicht nur den Dünger und das abgegebene CO2 für die Pflanzenaufzucht, sondern auch die Körperwärme der Schweine. Die Hälfte der Nahrung setzen Schweine in Körperwärme um, die normalerweise komplett verlorengeht. In den Niederlanden entfällt 10 Prozent unseres Gasverbrauchs auf das Beheizen von Gewächshäusern. Wir wollten stattdessen die Abwärme der Tiere einfangen und verwerten. 

Die ersten Pläne für den Deltapark stammen aus dem Jahre 1999. Eigentlich sollte Mitte des vergangenen Jahrzehnts mit dem Bau begonnen werden und die Anlage längst in Betrieb sein. Daraus wurde aber nichts. Woran ist das Projekt gescheitert?

Jan de Wilt: Wir haben die Anlage aus einem ökologischen Gesichtspunkt heraus geplant: Stoffkreisläufe schließen und nachhaltig Nahrung produzieren. Daher wollten wir eine große Anlage im industriellen Maßstab. Da wir Transportwege meiden wollten, sollte alles unter einem Dach sein, und so war auch ein Schlachthaus im Deltapark vorgesehen. Damit ein Schlachthaus aber betriebswirtschaftlich Sinn macht, benötigt es eine gewisse Kapazität, die auch ausgeschöpft werden muss. So kamen wir dann auf eine Anzahl von 300.000 Schweinen, die im Deltapark gehalten werden müssten. Und das hat zu großem Widerstand in der Bevölkerung geführt. 

Was war der Hauptkritikpunkt? 

Jan de Wilt: Die Leute sagten "Das wollen wir nicht!" Bei diesen Dimensionen dachte jeder an die Probleme, die es ohnehin schon in der Landwirtschaft gab. Massentierhaltung, Einsatz von Antibiotika mit all den Problemen für den Menschen wie beispielsweise Resistenzentwicklungen. Wir haben sowieso schon einen Überschuss an Dünger, den wir exportieren müssen. Und dann hatten wir erst 1997 die Schweinepest im Land. Acht Millionen Schweine mussten geschlachtet werden, das waren zwei Drittel des Gesamtbestands. Drei Jahre später kamen wir dann mit unserem Deltapark, und die Leute dachten, dass wir damit die aktuellen Probleme weiter schüren würden. Wir bräuchten im Gegenteil weniger intensive Landwirtschaft, meinten die Kritiker. Schweine, die draußen herumlaufen. Diese Zahl von 300.000 Schweinen im Rotterdamer Hafen war der Hauptpunkt, an dem die Leute Anstoß nahmen. 

Aber diese Argumente sind doch auch nachvollziehbar. 

Jan de Wilt: Natürlich. Das Hauptanliegen war aber, Nahrung kostengünstig, effizient und nahe am Verbraucher zu produzieren. Wenn man das auf nachhaltige Weise und umweltfreundlich tun will, braucht man solche groß angelegten Konzepte. Wir haben versucht, das den Leuten zu erklären und waren auch bereit, unser Konzept zu überarbeiten. Aber möglicherweise waren unsere Erläuterungen zu technisch. Die Reaktionen waren eben sehr emotional. 

Weil man kein Fleisch von unglücklichen Tieren essen möchte? 

Jan de Wilt: Ja, wobei ich einige Argumente auch als heuchlerisch empfinde. Viele Menschen kaufen das billigste Fleisch, und das kommt nun mal aus solchen Massenproduktionssystemen. Wir haben mit den Leuten gesprochen, und viele wussten gar nicht, dass Schweine in der Regel drinnen gehalten werden. Für den Deltapark waren aber gerade auch Tierschutzaspekte relevant. Was für die Schweine am wichtigsten ist: Sie brauchen Licht und genügend Raum für bestimmte Aktivitäten. Sie müssen sich mal hinlegen können, sie spielen gerne mit irgendwelchen Gegenständen, und die trächtigen Säue wollen Nester aus Stroh bauen. All das kann man auch in einer künstlichen Umgebung einrichten, es bedeutet nicht, dass die Tiere unbedingt draußen sein müssen. 

Und wie steht es um die Tiergesundheit? Hier hätten Sie hunderttausende Schweine unter einem Dach gehabt! 

Jan de Wilt: Zu dem Ausbruch der letzten großen Schweinepest-Epidemie kam es, weil die Schweine in Kontakt mit importierten Tieren kamen. Unser Konzept sah aber vor, dass alle Schweine auch im Deltapark geboren werden, so dass das Risiko einer Kontamination gering gewesen wäre. Und sollte dies doch geschehen, wäre sie auf die Anlage beschränkt und beträfe nur 300.000 und nicht acht Millionen Schweine. Damals aber konnte sich das Virus ausbreiten, gerade weil die Farmen offen waren und über die Ventilation ein Luftaustausch stattfand. So sprang das Virus von einem Stall zum nächsten. 

Kritische Stimmen sagen, dass wir eigentlich unseren Fleischkonsum drastisch reduzieren müssten und gerade die Viehzucht immer ökologisch problematisch ist. Sollte ein Deltapark nicht ohne Schweine und Hühner auskommen und sich allein auf Fische als tierische Nahrungsquelle beschränken? Da gibt es ja Aquaponik-Konzepte, die sehr vielversprechend sind und Gemüseanbau mit Fischzucht kombinieren. 

Jan de Wilt: Da stimme ich Ihnen zu. Aber die Leute wollen Fleisch essen, und dieser Nachfrage wollten wir Rechnung tragen. Ich denke, in der Zukunft werden wir nachhaltigere Wege finden müssen, und dabei werden langfristig sicher Proteine, die von Fischen oder auch Insekten kommen, eine größere Rolle spielen. 

Ist das Konzept des Deltaparks nun für alle Zeiten begraben? Oder gibt es langfristig doch noch eine Perspektive? 

Jan de Wilt: Ich befürchte, in den Niederlanden wird das erst einmal schwer werden, obwohl wir die Ideen und Konzepte haben. Ich denke, die Chancen liegen eher darin, diese Dinge ins Ausland zu exportieren. Wir hatten einige Projekte in China, aber auch dort gab es Probleme bei der Umsetzung. 

Weil sie nicht überzeugt sind, dass eine solche Anlage wirklich Profit abwirft? 

Jan de Wilt: Die sind da ziemlich clever und sagen: "Ihr wollt dieses Konzept zeigen? Dann müsst Ihr auch das Geld mitbringen!" Daher hoffe ich, dass wir irgendwann doch einen Prototypen in den Niederlanden realisieren können. Vielleicht nicht in großem Maßstab, doch zumindest als proof of concept, um zu zeigen, dass es funktioniert und profitabel ist. 

 

Interview: Mario Rembold 

Bilder: Agrocentrum - Floris Leeuwenberg

             Jan de Wilt - privat



Letzte Änderungen: 01.10.2013

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