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Messer weg von EU-Forschungsgeldern!

In einem offenen Brief sowie einer Online-Petition machen Wissenschaftler mobil gegen drohende Kürzungen des EU-Forschungsbudgets.

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(24. Oktober 2012) Eigentlich schien es längst beschlossene Sache: Im Juni hatte der EU-Gipfel entschieden, das Budget für das nächste 7-Jahres-Forschungsrahmenprogramm „Horizon 2020“ auf 80 Milliarden Euro aufzustocken. Doch jetzt beginnen einige der 27 EU-Mitglieder angesichts der aktuellen Finanzkrise querzutreiben. Wenn Brüssel schon einigen seiner Mitgliedsstaaten einen nationalen Sparkurs vorgibt, dann sollte auch die EU selbst den Gürtel enger schlagen, so sagen sie. Mit ganz oben auf dem „Hackbrett“: das Budget für Forschung und Innovation. Nach deren Willen soll es kurzum auf 40 Milliarden Euro halbiert werden.

 

Ihre Chance sehen die „Kürzungswilligen“ beim nächsten EU-Gipfel am 22./23. November diesen Jahres, bei dem der EU-Finanzrahmen und die Budgetansätze für die Jahre 2013-2018 weitgehend festgezurrt werden sollen. Widerspruch ernten sie allerdings schon jetzt. So hat sich in dieser Woche bereits das Europäische Parlament deutlich für die angepeilte Anhebung des EU-Etats für Forschung und Innovation ausgesprochen. Zudem berichtet Nature in seinem newsblog, dass 15 EU-Mitgliedsstaaten die Budget-Erhöhung nichtsdestotrotz weiterhin unterstützen würden.

 

Der Widerstand gegen eine mögliche Budget-Schrumpfung regt sich indes auch in der Wissenschaft selbst. Am Dienstag, den 23. Oktober, erschien in einem Dutzend führender europäischer Tageszeitungen ein offener Brief, den insgesamt 42 europäische Nobelpreisträger und Fields-Medaillen-Gewinner an die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten sowie die Präsidenten des Europäischen Parlaments, der Europäischen Kommission und des Rates der Europäischen Union gerichtet hatten.

 

„Oft heisst es, dass jede Krise auch eine Möglichkeit eröffnet“, beginnt der Brief. Um später fortzufahren: „Europa steht in vielen Bereichen der Wissenschaft an der Spitze. Um in der heutigen globalen, dynamischen Welt wettbewerbsfähig zu bleiben und um dauerhaften Wohlstand sicher zu stellen, muss dieses Wissen in innovative neue Produkte, Dienstleistungen und Industriezweige umgewandelt  werden.

 

Wissen kennt keine Grenzen. Der globale Markt für ausgezeichnete Talente ist heiß umkämpft. Europa kann es sich nicht leisten, seine besten Forscher und Lehrer zu verlieren; umgekehrt gewinnt es viel, wenn es Talente von anderswo anzieht. Wenn die Mittel für exzellente Forschung reduziert werden, geht auch die Zahl der am besten ausgebildeten Forscher zurück. Im Falle einer drastischen Kürzung des EU-Budgets für Forschung und Innovation riskiert Europa eine ganze Generation talentierter Wissenschaftler zu verlieren – just zu dem Zeitpunkt in dem sie am dringendsten gebraucht werden. [...]

 

Forschungsförderung auf europäischer Ebene ist ein Katalysator für die effizientere Verwendung unserer Ressourcen, und verstärkt nationale Budgets in effektiver Weise. Diese EU-Mittel sind daher besonders wertvoll. Ihr Einsatz hat bewiesen, dass damit wesentliche Vorteile für die europäische Wissenschaft erzielt werden, deren Erträge in zunehmendem Maße der Gesellschaft zugute kommen. Darüber hinaus steigern sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit Europas.

 

Es ist entscheidend, dass wir auf gesamteuropäischer Ebene das Forschungs- und Innovationspotential in all seinem außerordentlichen Reichtum in ganz Europa unterstützen und, noch wichtiger, ermutigen. [...]

 

Unsere Frage an Sie, die Staats- und Regierungschefs, die sich am 22. und 23. November in Brüssel treffen werden, um das EU-Budget für 2014 bis 2020 zu beschließen, ist eine einfache: Wenn die Zahlen des zukünftigen Budgets für Europa bekannt gegeben wird, welche Rolle wird die Wissenschaft in Europas Zukunft spielen?“

 

Unterschrieben haben etwa Christiane Nüsslein-Volhard, Erwin Neher, Rolf Zinkernagel oder Sir Paul Nurse.

 

Am gleichen Tag startete die Initiative for Science in Europe (ISE) als europäische Plattform wissenschaftlicher Fachgesellschaften und Organisation eine Online-Petition (http://www.no-cuts-on-research.eu/), in der Wissenschaftler ihren Protest gegen die diskutierten Kürzungen vortragen können. Momentan, gute 26 Stunden später, zieren die Petition bereits über 20.000 Unterschriften.

 

Mal sehen, ob die Finanzminister und Regierungschefs der EU-Staaten sich am Ende davon beeindrucken lassen.

 

Ralf Neumann



Letzte Änderungen: 13.11.2012
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