Info

Dolly - ein falsches Schaf?

Klonschaf Dolly lebte nur 6,5 Jahre, was selbst für Schafe nicht besonders alt ist. Als sie eingeschläfert wurde, plagte sie jedoch schon das eine oder andere Zipperlein. Alterte Dolly schneller als andere Schafe?

editorial_bild

(24. April 2012) Dolly (* 5. Juli 1996) war das erste aus einer ausdifferenzierten somatischen Zelle geklonte Säugetier. Das Schaf wurde am 14. Februar 2003 mit 6,5 Jahren aufgrund einer schweren Lungenerkrankung eingeschläfert. Dolly zeigte zu diesem Zeitpunkt bereits Alterserscheinungen wie Arthritis, was Stoff für so manche Diskussion bot. Handelte es sich bei der verfrühten Alterung vielleicht um Folgen des Klonens?


"Ja", lassen zwei Artikel aus dem Jahr 1999 vermuten (Nature 1999, 399(6734):316-7, und Cloning 1999, 1(2):119-25). Hauptaussage der beiden Artikel: Geklonte Schafe sind schon bei der Geburt gealtert. Dolly und zwei weitere geklonte Schafe hätten nämlich kürzere Telomere als natürlich gezeugte Schafe, und die Telomerverkürzung gilt als verantwortlich für das natürliche Altern.

Peter Lahnert, der über die Bedeutung von Telomeren für das Altern forschte (siehe auch LJ 4/2010, ab S. 18), sieht in diesen Artikeln (die er zudem der Doppelpublikation beschuldigt und daher für illegitim hält) den Beweis dafür, dass Dolly gefälscht ist. Lesen Sie hier seine Argumentation.


Die Vorwürfe
In den beiden Publikationen werden die gleichen Experimente und Resultate beschrieben und bis auf den Erstautor Paul G. Shiels sowie David Waddington und Alan Colman sind auch die Autoren die selben wie auf der Dolly-Publikation (Nature 1997, 385(6619):810-3). 

Bei Fig. 1a in "Nature 1999" und Fig. 2A in "Cloning 1999" handelt es sich sogar um das selbe Foto. Bei der Nature-Publikation sind allerdings die beiden äußeren Banden mit den Telomergeschmieren von 0,3 Jahre alten Lämmern abgeschnitten worden!

In "Cloning 1999" wurden zusätzlich zwei weitere Resultate erwähnt. Man hatte einen BAL 31-Verdau durchgeführt, um zu zeigen, dass es sich bei dem Schmier wirklich um Telomere handelt. Außerdem wird ein Gel der Telomere von Dolly im Alter von 1 und 2 Jahren, einem natürlich gezeugten Lamm von Dolly sowie dem Vater dieses Lammes gezeigt. Alle diese Werte sind in dem Diagramm ("Cloning 1999"-Fig. 2B) jedoch nicht vorhanden.

 

Entspricht nun die Reduktion der Telomerlänge bei Dolly, wie im Text behauptet, der angeblichen Verkürzung bei Vergleichsschafen? Die Telomerlänge des ersten Lammes von Dolly wird (in der Diskussion wohlgemerkt, und nicht, wie man erwarten würde, in den Resultaten) mit 17,9 Kg angegeben (was natürlich Kb heißen muss). Die Telomerlänge des zweiten Lammes von Dolly wird totgeschwiegen. 


Die Editoren und die Gutachter von Nature konnten nicht wissen, dass das Foto abgeschnitten worden war. Auch die Tatsache, dass es sich um eine Doppelpublikation handelt, musste nicht auffallen, da beide Veröffentlichungen fast zeitgleich erschienen.

Pikanterweise ist jedoch Ian Wilmut, seines Zeichens Chefeditor von Cloning, unter den Autoren beider Artikel. Cloning wurde 2001 (unangekündigt) umbenannt, zuerst in Cloning and Stem Cells, später dann in Cellular Reprogramming. Als Grund gab Wilmut im Editorial der ersten Ausgabe 2002 eine wissenschaftliche Umorientierung der Zeitschrift an.

Es gibt aber in beiden Publikationen noch weitere Fehler:
1. Die Telomere von Dollys genetischer Mutter sind nur auf dem Foto abgebildet, die Werte tauchen nicht im Diagramm ("Nature 1999"-Fig. 1b bzw. "Cloning 1999"-Fig. 2B) auf.
2. Die verwendeten Methoden sind in beiden Publikationen nur sehr rudimentär angegeben, insbesondere fehlen die genauen Hybridisationsbedingungen. In "Cloning 1999" werden immerhin einige Einzelheiten mehr offenbart als in "Nature 1999".
3. Die drei verwendeten Schafrassen werden in dem Diagramm nicht unterschieden, obwohl denkbar ist, dass es genetische Unterschiede in der Telomerlänge der einzelnen Schafrassen gibt.
4. Die behauptete Verkürzung der Telomere von ungeklonten Schafen ist im Diagramm nicht nachzuvollziehen, die geringe Verkürzung der Telomere ist nicht signifikant. Der t-Test, mit dem die Autoren die Verkürzung statistisch belegen wollen, kann nicht stimmen.

In "Cloning 1999" wird von 20 ungeklonten Kontrollschafen berichtet, im Diagramm zählt man aber nur 18 Punkte. Allerdings passen dazu die zwei in "Nature 1999" abgeschnittenen äußeren Banden des Fotos mit den Telomeren von 0,3 Jahre alten Schafen.

In "Cloning 1999" wird im Text beschrieben, dass neugeborene Lämmer Telomere von 18,6 Kb besäßen. Die Telomerlänge stiege dann innerhalb des ersten Lebensjahres auf 24 Kb an. Die Telomere der neugeborenen Lämmer sind in "Cloning 1999"-Fig. 2B jedoch nicht aufgeführt. Wenn die Behauptung stimmen sollte, dass die Telomerlänge nach der Geburt stark ansteigt, wäre dies alleine für eine bedeutende Veröffentlichung schon ausreichend. Es gibt aber meines Wissens keine Publikation, in der über eine große Zunahme der Telomerlänge im ersten Lebensjahr berichtet wurde. Außerdem wäre es interessant zu erfahren, ob die Telomerase (das Enzym, das die Telomere verlängert) in neugeborenen Lämmern aktiv ist.

 

 

Zweifel

Bereits kurz nach der Veröffentlichung des Dolly-Artikels wurden Zweifel an der Seriosität des Papers angemeldet (Der Spiegel 32/1997, S. 144-5), noch verstärkt durch die Umstände der Geburt von „Polly“. Die Firma, die auch an der Klonung von Dolly beteiligt war, verkündete nämlich über Financial Times, dass Dollys "Väter" ein weiteres Schaf geklont hätten. Name: Polly. Bald darauf musste diese Meldung wieder zurückgenommen werden, denn Polly war in Wahrheit aus einer embryonalen Zelle geklont worden. Daneben wurde bei der Dolly-Veröffentlichung zweimal das selbe Foto für verschiedene Sachverhalte verwendet. Zwar veröffentlichte Nature kurz darauf eine Korrektur (Nature 1997, 386(6621):200), doch dieser Fehler ist in der online-Version des Dolly-Artikels von Nature bis heute nicht korrigiert worden!
 


Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser
War Dolly nur ein ganz normales Schaf? Oder ist Dolly aus einer Blastozyste durch "Twinning", also Zerteilen einer Blastozyste, und anschließender Überführung eines der Blastozystenzellkerne in eine zuvor entkernte Eizelle gewonnen worden? Als Ergebnis hätte man zwei Tiere mit gleicher Kern-, aber verschiedener Mitochondrien-DNA. Eine Klonung wäre dann nichts Besonderes, denn aus Blastozysten kann man schon lange Zwillinge künstlich herstellen.

 

Wie ist vorzugehen, wenn noch einmal jemand ein höheres Säugetier (beispielsweise ein Schaf) aus einer Körperzelle klonen möchte?

Eine unabhängige Person sollte das Tier vor dem Klonversuch aussuchen, Gewebeproben entnehmen und bei mehreren neutralen Stellen hinterlegen. Der Wissenschaftler, der behauptet, ein Schaf geklont zu haben, sollte zwei Schafe mit identischem genetischen Fingerabdruck vorweisen können, der auch mit den hinterlegten Proben übereinstimmt. Erst damit wäre das erfolgreiche Klonen aus einer Körperzelle zweifelsfrei bewiesen.

Ich persönlich würde die Sache übrigens erst glauben, wenn ich das Tier selbst ausgesucht hätte.

 

 

Peter Lahnert
Schaf: TimToppik / photocase.com



Letzte Änderungen: 11.05.2012
© 2009 Laborjournal und F & R Internet Agentur

Diese Website benutzt Cookies. Wenn SIe unsere Website benutzen, stimmen SIe damit unserer Nutzung von Cookies zu. Zur ausführlichen Datenschutzinformation